TAG 63, 26. Juni, zurück nach Lone Pine, Meile 748

Nach dem Frühstück habe ich Andys Fuss mit einer Bandage eingebunden und dann sind wir losgewandert. Wir gehen den gleichen Weg zurück und es geht erstaunlich gut. Es kommen uns Hiker und Tageswanderer entgegen. Dadurch halten wir oft, schwatzen mit den meisten ein wenig. Wir haben ja keinen Grund zur Eile. 

Die Rangerin treffen wir am Nachmittag, sie weiss Bescheid wegen Andys Fuss. Wir sagen ihr, dass wir etwa noch drei Meilen laufen und dann Feierabend machen. Es geht Andy so gut mit seinem Fuss, dass er sich fragt, ob wir nicht weiter gehen wollen.

An einem See machen wir eine Pause, aber über Nacht wollen wir hier nicht bleiben, die Frösche sind uns zu laut. Im Wald weiter unten finden wir einen flachen Platz zum zelten.

Zero Day, 25. Juni

Ich werde zur Rangerstation gehen, um die Ranger zu informieren, dass Andy morgen zurücklaufen möchte. Dann wissen wir, was auf uns zukommt. Sie finden es eine gute Idee, denn rausfliegen komme nur im äussersten Notfall in Frage. Ich bekomme noch Lebensmittel, für diesen Abend geben sie mir eine Dose Fleischkäse und viele Dörrfrüchte mit. 

Wir werden natürlich für den Weg etwas länger brauchen. Sie bewundern Andy und sagen Schweizer seien starke Kerle. Sie informieren die Rangerin, die auf dem Weg unterwegs ist. Ich denke, dank der Rangerin sind wir auf dem Rückweg sicher. Falls etwas wäre, können wir sie informieren und sie wiederum würde Made von dieser Station informieren, und der könnte weiteres in die Wege leiten.  

Besser geht doch nicht. Darum trinken wir eins auf die gelungene Organisation der Rettung von meinem Mann. Wir plaudern ewig, eigentlich hätten sie einen Einsatz gehabt, wieder einmal einen Hiker vom Berg zu holen. Das scheint ihnen nicht eilig zu sein, anscheinend jemand, der etwas verstaucht hat. Der meint sicher, es komme ein Heli, wenn der wüsste! Es wird nur ein genervter Ranger hochsteigen, um ihm beim Runterwandern zu helfen. Dann wird dem Herrn erklärt, dass er hier erst mal warten soll bis sich die Verstauchung beruhigt, damit er dann zurücklaufen kann. 

Die Ranger begleiten mich wieder zum Fluss, dann alle einmal fest in die Arme nehmen und tschüss bis irgendwann.

Zero Day, 24. Juni

Wir stehen erst um 10 Uhr auf und frühstücken gemütlich. Auf dem Campground hat es einen sehr aktiven Mungg (Murmeltier), der klaut was das Zeug hält. Als ich zum Fluss gehe, um das Geschirr zu waschen, kommt der Mung mit einer Tasche, Kamera oder anderem hinter mir her. Ich probiere, ihm die Sachen wegzunehmen, aber ohne Erfolg, er hätte mich nächstens gebissen. Ich bin sicher nicht die Erste, mit der er um seinen Besitz kämpft.

Heute macht auch ein junger Amerikaner einen Zero Day. Seine beiden Fersen sind fast so dick wie Andys Fuss. Er will eigentlich den Hike abrechen, weil er fürchtet, dass die Bänder nicht mehr halten.  Schmerzmittel nimmt er keins, er raucht nur bis er nichts mehr spürt. Er läuft sicher gut, das sieht man an den geschwollenen Füssen. 

Am Nachmittag gehe ich bei den Parkrangern vorbei, um etwas Benzin für unseren Kocher zu holen. Wir reden über die PCT-Wanderer, die Ranger sind richtig genervt über sie. Seit dem Film über den PCT gibt es einen Run auf den Trail. Dies beschert ihnen viel Arbeit, ihr easy Job ist stressiger geworden.

Grosse Probleme haben sie dieses Jahr vor allem bei den Flussquerungen. Die Wanderer sollten nicht alleine in den Fluss gehen, das Risiko ist zu gross, die Kraft des Wassers ist unglaublich. Die Ranger müssen dann die Hiker suchen oder bergen. In diesem Jahr seien wegen dem vielen Schmelzwasser mehr Leute im Fluss ertrunken oder verunfallt als sonst. Ich hatte bemerkt, dass es für mich knapp machbar ist, wenn das Wasser bis zu den Oberschenkeln kommt, aber höher wird richtig heikel. Zu zweit ist es schon sicherer, denn Andy hat viel mehr Kraft als ich und ich kann mich an ihm festhalten, wenn es kritisch wird.                                                              

Werden Hiker vermisst, muss es nicht zwingend etwas Schlimmes bedeuten. Viele Hiker gehen einfach vom Weg ohne jemanden zu informieren. Oft tauchen sie irgendwo wieder auf. Aber das nervt die Ranger umso mehr, denn sie müssen diese Menschen suchen und dann für nichts. Ich verstehe ihren Frust schon, glaube aber, dass sie vorher einen sehr easy Job hatten und den vermissen sie wohl ein wenig. Sie haben mir die genauen Zahlen gesagt, der Unterschied an Hikern vor und nach dem Film war erheblich. Wir haben aber über so vieles geredet, dass mir leider die Zahlen nicht geblieben sind. Dann will ich zurück zu Andy, sonst meint er noch, ich sei vom Wasser weggeschwemmt worden. Der Ranger kommt mit bis zum Fluss und wartet bis ich drüben bin. Wir winken einander zum Abschied.

Zero Day, 23. Juni

In den nächsten Tagen legt Andy seinen Fuss in die Höhe, wir packen ihn mit Schnee ein und warten. Wir hätten es schlechter treffen können, hier ist immer was los. Jeden Tag kommen neue Hiker, um auf den Mount Whitney zu steigen.

Wir liegen viel oder gehen runter zum Fluss, um Andys Fussgelenk zu kühlen. Wir diskutieren, was wir machen sollen, wenn es mit dem Fuss nicht gut kommt. Für uns war immer klar, dass wenn einem von uns etwas passieren sollte, der andere nicht alleine weiterhikt. Wir werden erst mal probieren in ein Dorf zu kommen und dort schauen, wie es weitergeht.

Hier läuft den ganzen Tag etwas, sehr viele Hiker kommen und gehen. Sie reden mit uns und wenn sie genügend Essen dabei haben, geben sie uns was ab. Natürlich bekommt Andy den Rat etwas zu rauchen, dadurch könnte er problemlos weiterhiken. 

Ein Helikopter kommt, um einen Mann mit Höhenkrankheit zu retten. Er musste schnellstmöglich vom Berg in eine Druckkammer. Sie suchten auch einen Wanderer, der verschwunden ist. Ihn in diesem Gelände zu finden ist nicht einfach. Eine Hikerin ist zuoberst auf dem Mount Whitney tödlich abgerutscht. Die Leiche müssen sie auch mit dem Heli bergen. Wir sind nicht wirklich erstaunt bei dem Andrang am Berg, so etwas haben wir noch nie gesehen. 

Ein Typ kommt nachmittags um 14 Uhr beim Campground an, stellt alles hin und fragt, wo es zum Mount Whitney geht. Dann schnappt er sich seine kleine Gitarre und zieht Richtung Viertausender. Ohne Rucksack, eine kleine Wasserflasche und sonst nichts, bekleidet mit kurzen Hosen und oben einem Top. Er war sehr schlank, eher dünn. Oft sieht man hier Leute, die einfach zu wenig essen. Dafür rauchen sie immer einen Joint.

Zero Day, 22. Juni, Outpost Camp

Die Schweizer sind auch noch gekommen, die sind recht lustig. Die drei sind grosse Chaoten. Sie wollen auf den Mount Whitney und haben eine Riesendiskussion, ob mit Gepäck oder ohne, ob mit Bärenkanister oder ohne und so weiter. Das hat für uns einen riesigen Unterhaltungswert. Andy sagt, in dieser Zeit wären sie schon halb oben, so lange wie sie reden. Alle lachen.

Bei den Schweizer Jungs wird alles irgendwie in den Rucksack reingestopft, eine Logik brauchen sie nicht. Dafür müssen sie viel miteinander diskutieren und suchen. Manchmal alles wieder aus dem Rucksack zerren, um es wieder irgendwo reinzustopfen. Wirklich lustig zum mitansehen, solange es dich nicht betrifft.   Ungefähr nach einer Stunde waren sie startklar und starten endlich. Wir werden ihr Gepäck bewachen und wünschten einander gegenseitig Glück für den weiteren Weg.

Als sie einen Tag später vom Berg zurückkommen, merkt einer, dass ihm der Schlafsack fehlt. Panik in seinem Gesicht, alle diskutieren wie wild durcheinander. Fazit, er hat ihn auf dem Gipfel liegengelassen. Weil wir wegen Andys Fuss wahrscheinlich sowieso nicht weitermachen können, sagen wir, er könne Andys Schlafsack haben. Wir werden meinen einfach aufmachen und wie eine Decke benützen. Möglich auch, dass jemand von den anderen Hikern den Schlafsack nach unten bringt. Er meint, das werde kaum der Fall sein, dass ihn wahrscheinlich der Wind weggeweht habe. 

Für den Schlafsack bekommen wir von ihnen zu essen. Ein Snickers, etwas Müsli, Trockenfleisch, irgendwelche Bohnen, zwei Handvoll Teigwaren, Gummibärchen. Netter Ersatz für einen Schlafsack.

TAG 62, 21. Juni, Mount Whitney (4400 m), Meile 766

Um Mitternacht aufgestanden. Trotz den Stirnlampen war es schwierig den Weg zu finden, alle Hiker irren im Wald herum. Irgendwie finden wir eine Spur, die gerade über ein Schneefeld geht. Ich finde es toll, wenn man Lichter sieht, die einen Berg hoch gehen und die Landschaft sieht aus wie in der Schweiz. 

Stundenlang kämpfen wir uns höher und höher. Im letzten Schneefeld geht mir die Puste aus. Ich schicke Andy voraus, damit er nicht den Sonnenaufgang verpasst. Bei mir geht es einfach nicht mehr schneller. Auf dem Gipfel auf 4’400 Meter oben ist es dann genial. We did it! Die Sicht ist super, klarer Himmel besser geht nicht. Einige Hiker sind schon oben und es werden laufend mehr. 

Wir bleiben sicher eine Stunde oben und geniessen den Moment. Ein spezieller Brauch ist, sich nackt auszuziehen und ein Gipfelfoto zu machen. Solltest das mal in der Schweiz machen, ich weiss nicht, ob man den Bergführer nicht schockieren würde. Wir werden dies sicher nicht machen, eine Umarmung und Küssen sind uns lieber.

Hier bekommen wir endlich einen Trailnamen, der auch cool ist, nicht «Stinky Andy» oder «Cout Couple». Wegen dem Berglöwen, den wir gesehen haben, heisst Andy: Mountain und ich: Lion, zusammen sind wir Mountain Lion. Wir finden das ein wirklich cooler Name.

Die 2000 Meter wieder hinab schaffen wir dann etwa in drei Stunden. Kurz vor dem Zeltplatz rutscht Andy mit dem rechten Fuss seitlich von einer Schneemade und bleibt auf dem Boden liegen. Ihm schmerzt das Gelenk wahnsinnig. Ich schaue mir den Fuss an, der wird röter und schwillt an. Bewegen geht zum Glück. Für einen solchen Fall ist es gut, wenn man sehr starke Schmerzmittel dabei hat. Ich nehme sein Gepäck und er humpelt bis zum Zeltplatz. 

Dort schauen sich die anderen Hiker Andys Fuss an. Mit dem Gelenk scheint es erst mal vorbei mit laufen. Der Fuss wird von einem Hiker fachgerecht eingebunden. Einer meint zu mir, wir sollten schauen, dass mein Mann ausgeflogen wird. Der Ranger, der auch dabei ist, schaut ihn an und lächelt nur. Dies sei sicher kein Grund, um ausgeflogen zu werden, sie seien kein fliegendes Taxi. Damit ist das auch geklärt, hier wird gewandert solange man auf den Füssen ist. 

Uns ist klar, dass der Fuss zuerst geschont werden muss. Danach werden wir es sicher schaffen in die nächste Ortschaft zu wandern. Verhungern werden wir nicht, alle Hiker, die hier durchkommen, sind meistens informiert. So bekommen wir immer etwas zu essen, denn jeder gibt was ab. In der Rangerstation kann ich Esswaren holen, die für solche Fälle gedacht sind.

TAG 61, 20. Juni, Meile 750, Outpost Camp

Mein schmerzendes Ohr hat mich kaum schlafen lassen. Ich wurde immer wieder wach, hoffe jetzt nur, dass es nicht schlimmer wird. Auch heute sind viele Hiker unterwegs, die wollen morgen alle auf den Mount Whitney. Anm: Nachdem sich die Zahl der Wanderer auf dem John Muir Trail zwischen 2011 und 2014 verdoppelte, haben sie Quoten bzw. Permits eingeführt, um eine Übernutzung zu vermeiden. Mit der PCT-Langstreckenbewilligung war dies für uns nicht nötig. Vorgeschrieben sind aber Bärenkanister zum Verstauen von Lebensmitteln.

Die Wälder sind speziell. Die Bäume stehen weit auseinander, die Stämme sind völlig verdreht vom Wind. Es geht einen Hang runter, wir rutschen einfach auf den Hosenboden runter. Unten müssen wir einen Bach überqueren. Wir laufen am Bach nach, um eine Stelle zu finden, an der wir rüber können. Wir finden einen Zettel unter einem Stein, auf dem steht es hätte hier einen Baumstamm zum überqueren des Baches. Für Andy als Zimmermann ist das ein Kinderspiel. Er hat früher beim Aufrichten von Dachstühlen mitgeholfen. Er geht einfach hinüber, kommt zurück und nimmt meinen Rucksack. Obwohl ich ohne Gepäck da rübergehe muss ich mich erst überwinden. Wer hier hineinfällt, braucht mehr als einen Schutzengel.

Auf der anderen Seite müssen wir an der Böschung nach zurück zum Weg gehen. Dort sind etwa acht Hiker. Sie sind durchs Wasser gegangen und ganz nass. Sie sind richtig fertig von der Querung des Baches und bieten uns an mitzurauchen. Ich denke, wenn schon hätte ich vorher eins gekifft, weil bei klarem Bewusstsein würde ich nie in diese Strömung steigen. Einige der jungen Hiker sind richtig ausgehungert, die meisten sind ja schon länger auf dem Trail. Die schleppen kein Essen mit sich, sondern sind einfach mehr am Kiffen.

Bis wir beim Campground vom Mount Whitney sind müssen wir zweimal durchs Wasser. Auf dem Outpost Camp (3158 m, auf der PCT-Seite) sind viele Hiker. Wir stellen unser Zelt auf, kochen und essen etwas und richten alles bereit für morgen früh.