Tag 33, 16. Mai, Windfarm, Meile 550

Wir stehen wieder um halb fünf auf, es ist stark bewölkt, aber bis jetzt trocken. Es geht alles geradeaus, 13 Kilometer bis zur Windfarm. Hier leben doch einige Leute, sehr verstreut, meistens in Wohnwagen oder einfachen Hütten. Viele Kühe mit Kälbern auf der Weide, so weit man sehen kann und noch weiter. Der Weidezaun ist überall defekt, darum laufen die Kühe auch auf dem Weg.

In der Windfarm ist es schrecklich laut und sehr windig. Das Wetter verschlechtert sich, ich überlege, ob wir den Regenponcho anziehen sollen. Wir bleiben kurz stehen, Andy ist für den Poncho, in dem Moment fängt es an zu regnen, als ob die Schleusen über uns geöffnet werden.
Mit einem Regenponcho in einer Windfarm, das ist eine blöde Idee. Schon ohne Poncho ist es streng, der Wind drückt und zieht an dir, aber mit Poncho ist das dann doch ein Erlebnis erster Güte. Die Kühe haben jetzt vor unserem Regenponcho Angst und flüchten. Als wir endlich aus der Windfarm heraus sind, suchen wir uns einen Platz und müssen uns erholen. Es war so laut wie auf einem Flughafen bei der Anflugschneise. Es hat inzwischen aufgehört zu regnen.


Um 11 Uhr erreichen wir den Tylerhorse Canyon, danach geht es hinauf, um bald darauf wieder in den nächsten, den Gamble Spring Canyon hinunter zu steigen und dann nur hinauf, bis zu einer Trail-Magic zuoberst, leider war es zu windig, um zu bleiben.

Den ganzen Tag haben wir wechselhaftes Wetter, alle Farben am Himmel von Blau, Grau, Weiss, fast Schwarz und die Wolken ziehen so schnell, das habe ich noch nie gesehen. Die Hügel sind nur noch mit kleinen Büschen, Blumen und Gräsern bewachsen. Es wäre hier normal brutal heiss, jetzt ist es windig und kalt, braucht viel Kraft beim Laufen.

Der Tag hat uns geschlaucht, aber die Sicht auf die Mojave ist super, etwas anderes als alles nur blau. Es kommt nochmals eine Windfarm, wäre nur noch 9 Kilometer, aber es ziehen immer dunklere Wolken auf. Wir haben keine Energie mehr, um nochmals durch eine Windfarm zu laufen, so stellen wir das Zelt.
Schluss bei km 886 (Meile 550), gelaufen sind wir 38 km oder 23 Meilen.

Tag 32, 15. Mai, Meile 527

Um 4:30 Uhr am Morgen stehen wir auf und gehen mit Stirnlampe den Hang hinunter, es ist kalt und auch bewölkt, wir laufen zügig. Die aufsteigende Sonne färbt alles herbstlich ein, sieht schon recht schön aus mit dem Wald.
Unten geht’s Richtung Highway 138, alles über Hügel in Schlaufen, wir laufen vom Zeltplatz bis Hiker Town (23 Kilometer) in einem Stück durch.

Hiker Town ist eine nachgebaute Westernstadt, die Holzhäuschen kann man mieten, hat ein Bett drin, viel mehr passt da nicht rein. Wir legen uns auf unsere Matten draussen.
Bob, der Besitzer, zeigt mir die Dusche, ein Zelt. Ich bin heute ein wenig der Bünzli, habe keine Lust auf sowas. Es ist mir einfach zu schmuddelig und dafür will ich auch nichts bezahlen. Für aufs WC habe ich mich bewaffnet, was hier alles kreucht und fleucht, erschlägst du lieber.

Andy möchte weitergehen, weil es ja bewölkt ist, mir ist’s recht, ich laufe die Strecke gerne tagsüber. Gewöhnlich macht man hier einen Nacht-Hike, durch die Mojave Wüste und dann durch die Windfarm, weil’s am Tag zu heiss ist.
Es geht zuerst entlang dem Kanal California Aqueduct und dann über Los Angeles Aqueduct (Wasser in Pipeline), wir laufen 3 Kilometer geradeaus auf dem Wasserrohr. Es wird immer bewölkter, regnet zum Glück nicht, wir laufen bis halb acht noch Richtung Windfarm.

Nach dem Essen sitzt Andy vor dem Zelt, eigentlich wollte er den Sack mit den Esswaren versorgen. Stattdessen isst er und isst, Käse, Chips, Nüsse, eins ums andere wird vernichtet, es ist der Wahnsinn. Er geniesst den Abend, ganz Andy, essen etwas träumen, so zufrieden mit sich selbst und der Welt. Ich sage nichts, wir müssen dann halt etwas schneller in der nächsten Ortschaft sein.
Schluss bei km 848 (Meile 527), wir sind 37 Kilometer oder 23 Meilen gelaufen.

Tag 31, 14. Mai, Meile 504

Um 5 Uhr stehen wir auf und gehen gleich los, denn nach der Strasse, der Lake Hughes Road, geht es den Hang hoch, den wollen wir machen bevor es zu heiss ist.

Der Wasser Cache nach der Strasse ist wie befürchtet leer. Macht nichts, in der Mitte des Hanges hat es noch ein kleines Rinnsal. Als wir dort angekommen trinken wir wie Kamele, je zwei Liter, es wird den ganzen Tag nicht viel Wasser haben. Sieben Liter Wasser nehmen wir noch mit, das muss reichen. Als wir den Hang geschafft haben, ist es schon sehr heiss, zum Glück hat es so kleine grüne Oasen, in einer solchen Oase frühstücken wir, wunderschön.

Danach geht der Weg am Hang nach ansteigend weiter. Wir haben heute noch niemanden gesehen, nur mal Kojoten gehört, sonst nichts. Man merkt bereits, dass wir Richtung Mohavi Desert laufen, der Wind ist sehr warm. Ich sage zu Andy: «Jetzt um die Ecke und dann siehst du die Terrasse vom Bergrestaurant.»
Er: «Ich bestelle mir einen Kübel Panache.»
«Ich auch und so ein Metzgerkotelett!»
Andy: «Mit Tomaten-Mozzarella-Salat und Pommes.»
Ich: «Und zum Dessert Meringue mit Glacé und Rahm, hast du auch Lust?»
Er: «Wollen wir nicht lieber einen schön gekühlten Weisswein nehmen?»
Wir kommen richtig in Fahrt, beschreiben jedes Detail unseres Menüs, das Servicepersonal ist auch anwesend, ist sehr unterhaltsam und lustig, es hört uns ja niemand. Andy sagt: «Spürst du die frische Brise vom See?», ich: «Spinnst du, wir sind in den Bergen!»
Wir bleiben stehen und trinken etwas Wasser mit einer Magnesium-Brausetablette, Andy: «Schmeckt super».

Um 12 ist es so heiss, dass wir uns bis um 3 Uhr unter einem Busch legen. Danach steigt es weiter an bis zum Wassertank (Red Rock). Es stinkt aus dem Loch und wir haben noch zwei Liter, so nehmen wir hier kein Wasser mit. Wir laufen noch ein wenig und nehmen dann aus einer Regenwasser-Zisterne zwei Liter. Während ich das Zelt aufstelle kocht Andy das Wasser ab.
Schluss bei Km 811 (Meile 504), heute sind wir 30 km (19 Meilen) weit gekommen.

Tag 30, 13. Mai, Meile 485

Raus aus dem Zelt um fünf, um halb sechs gehen wir los. Ich bin ein wenig genervt, am Morgen ist Andy im Zelt wie ein Elefant im Porzellanladen. Jedesmal wenn er die Daunenjacke anzieht, schwingt er sie über den Kopf, heute war Münz oder ein Akku in der Tasche und traf mich am Kopf.
Wenn ich dann etwas sage, tut’s ihm leid, aber am nächsten Morgen ist es dasselbe. Er fragt: «Ist was?» Ich: «Nein» (und dann kommt’s!), er sagt: «Heute hab‘ ich aber aufgepasst beim Anziehen.» Ich: «Ja, ich hab’s gespürt!» und musste lachen. Er sagte dann, er ziehe sich von jetzt an draussen an. Ok, hilft aber noch nichts beim Schlafen, da nimmt er auch die ganze Fläche ein, als sei sie nur für ihn. Ich weiss ja, dass er’s nicht extra macht, aber es nervt manchmal schon.

Der Weg ist voll entspannt zum Laufen, nicht zu steil runter und rauf auch nicht. Den ganzen Morgen links und rechts mannshohe Büsche, so geht’s im Hang Richtung Casa de Luna. Bis Mittag laufen wir alleine, treffen insgesamt nur sechs Hiker.

An der Strasse machen wir Autostop zur Tankstelle um etwas zu essen und warten dort bis die grösste Hitze vorüber ist. Einige Hiker suchen eine andere Hikerin, wir sagen ihnen, wo wir sie zuletzt gesehen haben. Ein Einheimischer erklärt in allem Ernst, dass sie von Ausserirdischen mitgenommen worden ist, ja klar doch. Wir sollten sehen, dass wir die Hawaihemden bekommen, wegen den Ausserirdischen, anscheinend sind die Hemden ein Schutz. Andy meint: «Uns nehmen die nicht mit, dein Gequatsche halten sie nicht aus.»
Vier Kilometer entfernt vom Trail ist die Casa de Luna, auf dem sehr speziellen Hippie-Zeltplatz waren wir im 2017, ein esoterisch abgefahrener Ort, mit Aura und seltsamen Regeln, alle Hiker müssen hier mit Hawaihemden rumlaufen. (PS: könnt ihr in unserem Blog vom «PCT 2017», Tag 26 nachlesen, bzw. einfach im Suchfeld «Casa de Luna» eingeben).
Ein Hiker erklärt uns, dass der ganze Ort unter einem Regenbogen sei und darum alles so entspannt sei. Ist mir auch aufgefallen, der Kassierer gibt mir auf 20 Dollar nur 5 Dollar Retourgeld, das für ein Pack Gummibärchen. Er ist aber so langsam, dass ich mir die 15 $ wieder schnappe und ihm dann 3 $ gebe.

Wir haben keine Lust schon Feierabend zu machen und beschliessen wieder auf den Weg zu gehen. Also stellen wir uns für Autostop an die Strasse, es nimmt uns ein Zimmermann mit, ein lustiger Kerl, den Ganghebel hat er mit einer Klemmzange ersetzt. Es sagt dazu stolz: American Ingenieur!

Er lädt uns beim PCT aus, der Weg geht dann den Hang hoch, ist ziemlich anstrengend. Auf dem Hügel gehen wir alles am Hang entlang vorwärts. Die Landschaft (Green Valley) wird langsam kahler, zum Campen laufen wir noch eine ganze Weile hinunter.
Um acht Uhr machen wir Schluss, bei Trail-Km 781 (Meile 485) – heute 35 km (21 Meilen) gemacht.

Tag 29, 12. Mai, Meile 464

Wir schlafen mal bis 7, einige Hiker sind im Aufbruch, andere bleiben noch eine Nacht. Es hat so viele Hiker hier, dass man maximal zwei Nächte bleiben kann. Uns geht es ja gut, darum werden wir am späten Nachmittag zurück auf den Trail gehen. Fürs Frühstück können wir hinten auf einen Pick-up steigen, unglaublich, was alles in und auf diesem Wagen Platz hat. Nachher sind wir so ähnlich wieder zurückgebracht worden.

Den heutigen Tag haben wir genutzt, um unsere Sachen zu überdenken, die wir dabei haben. Dann haben wir die Mikro-spikes, warme Handschuhe, meine langen Hosen und einen Pullover (etwa 2 kg) in ein Paket gepackt, um sie nach Kennedy Meadows zu verschicken. Das ist der Beginn der High Sierra, dort werden wir die Sachen wieder brauchen. Wir nehmen lieber mal frische Esswaren mit wie Äpfel, Bananen, Peperoni oder Salami – lecker, aber schwer.

Hier im Hiker Heaven hat es einen Raucherplatz, nur dort ist rauchen erlaubt, hingegen Hasch darf man auf dem ganzen Areal rauchen. Ich hinterfrage solche Sachen nicht, verstehen muss man das nicht.

Gegen Nachmittag haben wir alles erledigt und gehen zurück auf den PCT. Es geht durch das Dorf und durch viele, teilweise sehr schöne, grosse Grundstücke meistens mit Pferden. Im Tal Green Valley kommen uns Mexikaner auf Pferden entgegen, richtige Gauchos auf coolen Westernpferden. Auch zwei Kinder sitzen in den Sätteln, Westensättel haben vorne dieses Horn, an dem haben sie sich festgehalten. Grosser Hut, Cowboystiefel und gut ist’s, die Pferde laufen einfach den anderen nach. Also diese Pferde, die hätten wir gerne geritten, richtige kraftprotzende Tiere, die nur Galopp oder Trab kennen, Schritt scheint kein Thema zu sein.

Wir müssen leider zu Fuss weiter, es ist jetzt etwa 16 Uhr und immer noch recht heiss, so kämpfen wir uns den Hang hoch. Oben angekommen hat es grüne, fette Wiesen. Wir gehen noch weiter bei schönstem Sonnenuntergang mit Sicht auf den Stausee Bouquet Reservoir.
Feierabend um halb acht bei 746 km (464 Meilen) des PCT, heute sind wir 10 km (6 Meilen) gewandert.

Tag 28, 11. Mai, Hiker Heaven

Es ist nass, es hat in der Nacht geregnet. Wir gehen in den Aufenthaltsraum vom Campingplatz, dort hat es Kaffee. Wir helfen schnell beim Saubermachen, so gibt es schneller Frühstück. Der Besitzer des Campingplatzes (KOA RV Park) ist recht freundlich, organisiert das Frühstück für die Hiker: Pancakes, Eier, Speck mit Würstchen, Kaffee und Orangensaft für 5 Dollar pro Person.

Nach dem Essen ist das Zelt trocken, wir packen ein und gehen weiter. Als ich zwei Pferde und einen richtigen Cowboy sehe, frage ich ihn, ob wir die Pferde mal haben dürfen. Andy wie üblich: «Das kannst du nicht machen!» Und wie ich das kann. Der Cowboy ist für einen Film hier, er doubelt einen schwarzen Schauspieler, das findet er sehr lustig, wir hingegen finden seine Gummistiefel lustig. Solche Begegnungen neben dem Weg finde ich immer spannend, Andy wird dann ein wenig hektisch: «Nein lass das Rosa, ich hasse das» und so. Da höre ich in der Regel nicht hin, sondern mache es einfach.

Danach gehen wir weiter, heute ist es warm und wiedermal Schlangen-Tag, drei Stück innerhalb von 14 Kilometern, wir geben das Fotografieren auf. Es geht mal hinauf in mannshohem Gras, dann hinunter zur Interstate 14, in einem Tunnel unter derselben durch, direkt ins Tal Vasquez Rocks Park vor Agua Dulce. In der felsigen Gegend hier werden viele Movies gedreht.

Um 2 Uhr sind wir in Agua Dulce und holen uns zuerst Essen für die nächsten vier Tage. Nachher gehen wir in den Hiker Heaven, dort gibt es viele Zelte und alles, was man braucht. Jeff und Donna, Privatpersonen, die ihr Grundstück seit Jahren den Hikern zur Verfügung stellen, unglaublich. Das Ganze ist sehr durchdacht: Zeltplatz, Duschen, WC, WLAN, die Wäsche wird gemacht und es gibt einen Postservice. Überall gibt es Listen, du setzt einfach deinen Namen drauf und es klappt. Das erstaunt mich immer wieder, so viele unterschiedliche Leute und bis jetzt hat es keine Probleme gegeben.

Den Abend verbringen wir auf der Terrasse, hören Musik und reden mit den anderen Hikern.
Schluss bei km 731 (Meile 454), wir sind 14 km oder 9 Meilen weiter.
Anmerkung von Andy: Wenn Rosa so viel laufen würde wie sie rumalbert, wären wir schon in der High Sierra.

Tag 27, 10. Mai, Meile 444

Wir stehen früh auf, weil es heute regnen soll. Viertel nach 5 laufen wir los, es ist so nebelig, dass wir gleich unsere Regenponcho anziehen. Ich gehe an die Spitze, Andy hat seit gestern Abend ein wenig den Durchhänger. Dieses Wetter ist aber auch mühsam, eigentlich wäre es hier recht spektakulär mit Sicht auf den Santa Clara River. Ich mache ein bisschen auf Tempo, sehen tun wir ja nur den Weg und grau.

Nach etwa einer Stunde sind wir auf dem höchsten Punkt vom heutigen Tagesmarsch angelangt, dem Mount Gleason (1990 m). Andy will ein Gipfel-Selfie, wird natürlich gemacht.

Es wird nur noch schlimmer, es fängt an zu regnen und dann noch zu hageln. Eigentlich haben wir das Gefühl, warm zu haben, trotzdem entscheiden wir uns, noch eine Schicht mehr anzuziehen. Dabei merken wir erst, dass wir ziemlich steife Finger haben. Ist schon krass, beim Laufen merkst du nicht, dass du unterkühlt bist.

Wir laufen so bis 12 Uhr durch und spüren, wie die Wärme im ganzen Körper zurück kommt. Es ist sehr grün und auch hier blüht alles. Zwischendurch gibt der Nebel die Sicht frei, man muss sich aber beeilen beim Fotografieren, sonst ist es wieder zu.
Etwa 13 Kilometer vor dem Campingplatz wird das Wetter besser, wir ziehen den Poncho, das Cape, Handschuhe und Pullover aus. Jetzt gibt es doch noch Bilder von dieser Gegend. Andy und ich reden den ganzen Weg bis unten, das lenkt uns ab, uns brennen die Muskeln und die Füsse sind schon den ganzen Tag nass, die spüren wir leider auch.

Auf dem Campingplatz sind wir um 15 Uhr 30, Hiker dürfen hier verbilligt zelten. Im Aufenthaltsraum wärmen wir uns zuerst eine Fertigpizza auf, danach duschen wir und nehmen noch ein Glacé.

Also dieser Tag war kein Spass finden wir, aber es ist für uns ein gutes Gefühl, die Situation gemeistert zu haben.
Schluss bei Trail-km 715 (Meile 444), heute sind wir 38 km gelaufen, also 23 Meilen.