Tag 108, 14. August, Timberline Lodge

Um sechs laufen wir los durch den Wald. Wir kommen an eine Strasse, dort stehen einige Hiker mit ihren Handys. Super, hier ist Empfang und zwar richtig guter, auch wir nutzen dies, um im Internet zu surfen. 
Danach laufen wir weiter, in diesen Wäldern soll es Big Foot geben (die legendären dunkel behaarten Riesen, von den Indianern auch «Sasquatch» genannt). Wir haben keinen gesehen. 

Der Trail geht dann über die Passtrasse Barlow Pass und dort gibt es super Trail-Magic: Zwei Frauen machen Burger für die Hiker mit allem Möglichen dazu. Es ist übrigens nicht die letzte für heute, nach zwei Stunden gibt’s auf einem anderen Parkplatz Sodas und Früchte von einem Hiker-verbundenen Ehepaar. 

Der Tag wird kontinuierlich noch besser. Es geht Richtung Mount Hood, mit 3425 m ist er der höchste Berg in Oregon. Ein imposanter Berg, an seinen Hängen gibt’s zwölf Gletscher, diese bedecken etwa 80 % der Fläche des Bergkegels. Die amerikanischen Ureinwohner nannten ihn «Wy’east».

Wir gehen bis zur Timberline Lodge und stellen das Zelt oberhalb des Hotelgebäudes zwischen die Bäume, dies ist ein offizieller PCT-Zeltplatz. Diese Lodge ist der absolute Wahnsinn, einen solchen Holzbau haben wir noch nie gesehen: Die Ausmasse der Balken und Säulen sind wuchtig und doch ist das Ganze sehr schön und harmonisch. All die kunstvollen Schnitzereien, Gemälde und Eisenbeschläge; schlicht und einfach Handwerkskunst vom Besten. 1937 wurde die Lodge von US-Präsident Roosevelt eingeweiht und 1977 wurde sie zum National Historic Landmark erklärt (nationale historische Sehenswürdigkeit).

Hier verbringen wir den ganzen Abend, alle Hiker hängen im Hauptteil des Gebäudes herum, die Atmosphäre ist toll. Niemand stört sich an den Hikern, im Gegenteil, eher spürt man die Bewunderung.
Der Hiker «Tea-time», Erich Ruhlmann, zeigt uns seine Filme, die er gemacht hat. Wir sind begeistert er macht so coole Videos von seinen Reisen: www.polarsteps.com/EricRuhlmann
Es wird spät bis wir zum Zelt gehen, nur etwa fünf Minuten. 

Schluss bei km 3371 oder Meile 2094, heute sind wir 34 km (21 Meilen) gelaufen. 

Tag 107, 13. August

Um 6 Uhr gehen wir los, es geht gleich in den Wald, ziemlich dichter Wald. Wir laufen, plötzlich rennt etwas Grosses mit Fell durchs Gebüsch auf uns zu. Wir sind erleichtert, als wir erkennen, dass es nur der Schäferhund eines Hikers ist. Der bellt uns zwar an und ist von uns nicht begeistert, aber von dem lassen wir uns nicht beeindrucken. Es wäre was anderes, wenn es der Coyote von gestern gewesen wäre.

Als wir Pause machen, laufen viele Hiker vorbei, alle sind zügig am Vorwärtsgehen. Die meisten haben jetzt einen klaren Zeitplan, wann sie in Kanada sein müssen, oder wollen nun einfach fertigwerden mit dem PCT.

Wir laufen bis zum See Timothy Lake, alles im Wald. Bei einer Quelle nehmen wir noch Wasser für den Abend mit. Das hat richtig gut getan, mal einen ganzen Tag durch intakten Wald zu gehen, super. Wir fühlen uns sehr wohl, die Luft ist kühl und der Wald riecht herrlich. Hier scheint alles im Gleichgewicht zu sein. 

Dieses wochenlange Wandern durch die Waldbrandgebiete hinterlässt schon ein ungutes Gefühl. Man fragt sich, wieso so viel Fläche, und anscheinend nehmen die Brände zu. Man darf gar nicht zu stark über die Auswirkungen auf die Zukunft nachdenken. Wir werden für unseren Teil noch mehr darauf achten, unseren Konsum so klein wie möglich zu halten. Die Veränderungen nur wahrzunehmen nützt noch nichts, erst bei sich was ändern bringt etwas.

Hier ein Schläfchen machen wäre jetzt genial, aber das verkneifen wir uns, auch wir wollen Mitte September an der Grenze zu Kanada sein. Nicht weil wir müssen, sondern weil wir denken, dass wir irgendwann genug von der Lauferei haben. Diese Strecken jeden Tag ohne Motivation zurückzulegen, stellen wir uns als extrem schwierig vor. 

Am Abend kocht Andy leckeren Reis und wir sind rundum happy mit diesem super Wandertag.
Schluss bei Km 3337 oder Meile 2073, gelaufen sind wir 48 km oder 29 Meilen.

Tag 106, 12. August, Meile 2043

Um sechs gehen wir los. Das Zelt war nass beim Einpacken, wir frieren an die Hände. Das Klima scheint zu wechseln von Sommer zu Herbst und wir wandern ja ständig nördlich, am Morgen wird es nun meist feucht sein. Der Himmel ist heute klar, wir laufen bis zu einem Fluss und dort machen wir Frühstück. Das Zelt legen wir aus zum Trocknen, das ist erste Mal seit wir auf dem Weg sind. Gestern waren wir einfach zu faul, um unser Zelt sauber zu stellen. Es steht ja von alleine, aber wenn es feucht und neblig ist, drückt das Aussenzelt ans Innenzelt und alles wird nass. 

Auch heute ist viel Waldbrandgebiet und dann wieder sehr schöne Berglandschaft mit super Weitsicht. Als wir mal am Weg sitzen kommen fünf Sheriffs in voller Montur vorbei. Wir fragen uns, was die hier machen. Wieder unterwegs sehen wir einen Trupp Sträflinge, die an einem Weg arbeiten, jetzt ist klar wieso diese Sheriffs. Hoffe nur, dass die keinen vermissen. 

Der Trail steigt 800 Meter in die Höhe, nicht gerade flach. Oben ist die Weitsicht super: auf der einen Seite den Mount Jeffersonund auf der anderen sehen wir bis zur Grenze von Oregon mit dem Berg Mount Hood. Beim Abwärtslaufen treffen wir wieder auf Trail-Magic, ein Mann brät mitten im Wald, Pancakes für die Hiker, super Typ.

Als wir satt sind, geht’s weiter immer wieder an Seen vorbei und alles ziemlich grün. Plötzlich läuft ein Coyote vor mir über den Weg. Ich bleibe stehen und der legt sich hin. Andy macht Fotos, das stört ihn kein bisschen. Erst als Andy zu nahe kommt, steht er auf, um sich nach kurzer Zeit wieder hinzulegen.

Beim Camp Olallie Lake Resort holen wir uns etwas zum Essen und stellen das Zelt auf. All-Inund Yves sind auch hier, wir essen zusammen und dann ab ins Zelt.
Schluss bei km 3289 oder Meile 2043, gelaufen sind wir 36 km (23 Meilen).

Tag 105, 11. August, Meile 2021

Heute wollen wir zurück auf den PCT. Das Wetter hier ist sehr schön, weiter in der Höhe  wird es aber wahrscheinlich noch nicht so sein. Wir gehen im Motel zum Frühstück, es gibt nichts Grosses: Kaffee, Orangensaft, Toast, Konfitüre, Äpfel und Süssgebäck, wir bedienen uns. Als wir essen kommen Yves und Indy, sie wollen ebenfalls zurück auf den Weg.

Beim Empfang hat ein Trail-Angel seine Telefonnummer aufgehängt, Yves organisiert einen für uns vier. Das ist ziemlich extrem mit diesen Trail-Angels, die würden fast alles machen für Hiker, hier in Sisters sind zehn Trail Angels. Um 10 Uhr sind wir wieder auf dem Weg. Das Wetter auf 2000 Metern Höhe ist nicht freundlich, sehr nebelig, windig und es ist kalt beim Laufen. Am Morgen geht der Weg durch Waldbrandgebiet, der Brand war aber schon vor länger Zeit. Sieht sehr speziell aus mit den Blumen und Seelein zwischen den kahlen Stämmen, die noch stehen.

Gegen Abend wird es richtig lässig, die Landschaft wird grüner, der Nebel verzieht sich teilweise und wir haben Sicht in die Täler. Nur der Berg Mt Jefferson versteckt sich weiterhin hinter den Wolken. Mount Jefferson ist mit 3199 m der zweithöchste Berg in Oregon. Er ist ein inaktiver Stratovulkan, stark zerklüftet und hat mehrere Gletscher.

Yves und Indy finden einen guten Zeltplatz mit Sicht auf den Berg, wir machen noch ein wenig Spass (-Fotos) mit ihnen und danach laufen Andy und ich bis um 19 Uhr noch weiter. Unser Zeltplatz ist am Fuss des Mount Jefferson, aber der Gipfel bleibt hartnäckig hinter den Wolken. Leider, denn wir hätten den gerne noch ein wenig studiert. Auch wenn wir keine dieser Klettertouren machen, so könnten wir doch ein bisschen träumen wie man da hinauf kommen würde (ist ja auch ein kleines Abenteuer).
Schluss bei km 3253 oder Meile 2021, gelaufen sind wir 33 km (20 Meilen).

Tag 104, 9./10. August, Sisters, Meile 2001

Nach dem Ausschlafen bauen wir das Zelt ab und deponieren unsere Rucksäcke beim Hiker Bungalow. In der Nacht hat es ein wenig geregnet und es ist bewölkt. Das Frühstück ist einem anderen Gebäude. Sehr viele Jugendliche sind im Camp, wir stellen uns am Buffett in die Reihe, dort schöpft man sich selbst, es gibt Rührei, Melonen, Kuchen und vieles mehr. Seit vier Tagen habe ich zum ersten Mal wieder Appetit. Wir setzen uns an einen Tisch mit Leuten vom Camp. Einer um den anderen steht auf, sie müssen Vorbereitung treffen wegen dem Wetter, wahrscheinlich das eine oder andere wegräumen oder ins Trockene bringen, denken wir.

Vom Camp gehen wir mit Yves sechs Kilometer durch den Wald zum Hwy 20, wo wir mit Autostopp nach Sisters möchten. Auf dem Weg machen wir noch coole Fotos von uns bei der 2000 Meilen Marke. Alle strahlen, es war eine gute Strecke, die wir zurückgelegt haben und heute Abend wird gefeiert. 

Nach kurzer Wartezeit hält ein Pick-up mit Pferdeanhänger an, der Mann ist vom Camp. Auf der Fahrt erfahren wir, was es hier heisst, sich auf ein Unwetter vorzubereiten. Er erzählt, dass sie im Camp die Anhänger bereit machen, im Fall eines Feuers evakuieren sie sofort. Wir sind sprachlos, Yves ist ebenfalls etwas baff, dies sind schon extremere Gefahren im Vergleich zur Schweiz. Als Camp-Angestellter lebt er damit, ist aber schon angespannt. Er fährt uns direkt vor unser Motel. 

Yves geht zu einem anderen Hiker aufs Zimmer und wir zum Office. Auch hier ist das Wetter und die Waldbrandgefahr ein Thema. Einige Gäste kommen aus der näheren Gegend (ausserhalb Sisters etwas in den Wäldern), sie haben bis Sonntagmorgen ein Zimmer gebucht, bleiben allenfalls länger, je nachdem, ob es dort wo sie wohnen, brennt oder nicht. Ziemlich makaber. Das und der Himmel überzeugen uns, auch bis Sonntag zu warten, bis dann sollte zumindest bekannt sein, ob es ein Feuer gibt. Nach dem Zimmerbeziehen gehen wir für das Nachtessen ins Restaurant und feiern die 2000er-Marke, ziemlich ausgiebig. 

Schluss bei km 3220 oder Meile 2001, gelaufen sind wir 6 km (4 Meilen).

Zero Day, 10 August:

Wir haben sehr, sehr lange geschlafen. Und dann die meiste Zeit des Tages einfach gefaulenzt. Ein Rundgang durch Sisters und etwas essen musste dann doch noch sein. Sisters ist ein relaxtes Westernstädtchen, sehr touristisch mit vielen Restaurants und Geschäften. Es gäbe schon tolle Sachen hier, aber wir sind etwas erschöpft (vom gestrigen Abend?) und gehen darum bald zurück ins Motel. Dort telefonieren wir noch etwas mit unseren Kindern und ich schreibe am Blog.

Die letzten Tage haben uns ziemlich beeindruckt, wie die Leute mit der Waldbrandgefahr umgehen, starke Menschen. Bei uns zuhause in der Schweiz leben wir schon in einem guten und sicheren Umfeld, mir kommt nichts Vergleichbares in den Sinn, solche extremen Gefahren gibt es glaub nicht in der Schweiz.

Wir haben noch etwa 1070 Kilometer oder 650 Meilen zu laufen und sind dann hoffentlich an der Grenze zu Kanada.

Tag 103, 8. August, Meile 1997, durch die Obsidian Limited Area

Mit den ersten Sonnenstrahlen gleich hier gefrühstückt, einfach genial ohne Moskitos.
Wir kommen in die Obsidian Limited Entry Area mit dem Wasserfall, der über die schwarzen Obsidiansteine rauscht. Das Wasser ist das frischeste, best schmeckendste des ganzen Trails bis jetzt. Der Weg ist über Lavaströme, wir hätten uns das nie so fortgestellt.
Obsidian ist ein vulkanisches Gesteinsglas, es entsteht, wenn heisse Lava auf kaltes Wasser trifft und diese kieselsäurehaltige Schmelze schlagartig erstarrt. Es ist härter als Glas und die Indianer brauchten es als Speerspitzen.

Mit kleinen Unterbrechungen laufen wir viele Kilometer weit über Lavagestein. Ab und zu sieht man runde bewachsene Flächen, die die Lava umflossen hat, ansonsten ist es eine sehr karge Landschaft.
Danach weiter über den Highway 242, bis zum Big Lake Youth Camp haben wir das nahende Unwetter im Rücken, das eigentlich erst auf den Freitag angesagt war.

Um 18 Uhr kommen wir ziemlich fertig beim Camp an. Bei der Registrierung erklärt uns eine Frau, das hier alles auf Spendenbasis ist: Essen, Zeltplatz im Wald gleich neben dem Camp, Dusche, genial. Die Wäsche ist in einem Bungalow, der mit Spendengeldern von Hikern für Hiker gebaut wurde.

Zuerst gehen wir gleich zum Nachtessen, dort treffen wir Ives (ihn treffen wir jetzt anscheinend öfters) und Moni und Patrizia, die mit uns einen Teil der High Sierra gelaufen sind. Die Zwei hätten wir nicht erwartet, hier zu sehen. Es sind auch andere Hiker hier, das nahende Schlechtwetter veranlasst viele Hiker weg vom PCT zu gehen.

Für uns ist klar, dass wir bald weiter nach Sisters gehen, das Camp liegt ja nicht viel tiefer als der Trail. Der Zeltplatz scheint uns nicht geeignet, wir haben keine Lust bei Sturm zwischen den verbrannten Stämmen zu schlafen. Für heute stellen wir unser Zelt hier auf, aber morgen wollen wir weiter zum Highway und in Sisters ein oder zwei Tage das schlechte Wetter aussitzen und hoffen, dass es keine neuen Feuer gibt.

Schluss bei km 3214 oder Meile 1997. Gelaufen sind wir 53 km (33 Meilen)

Tag 102, 7. August, Meile 1964

Zuerst stinkt es uns, aus dem Zelt zu gehen, denn draussen hören wir die Mücken. So ziehen wir erst um halb sieben los. In 17 Kilometern gibt es ein Resort, das Elk Lake Resort (and Marina) ist etwa zwei Kilometer weg vom PCT. Um 10 Uhr sind wir dort, schon völlig entnervt von den Mücken, an den Stellen, an denen du schwitzt, stechen die Moskitos einfach durch den Stoff.

Vor dem Restaurant sind einige Leute sauer, denn eigentlich sollte es bis 11 Uhr Frühstück geben, heute aber nicht. Wir gehen hinein und die Angestellte sagt uns, sie haben heute um 9 Uhr mit Frühstück Schluss gemacht und um 11 Uhr gebe es Mittagessen. Das ist jetzt halt so, wir setzen uns hin und warten. Ich mache so lange weiter mit Cola (vom Kiosk), mein Magen beruhigt sich langsam. Die Angestellten machen sich keinen Stress, gegen 11:15 Uhr haben sie dann Lust uns zu bedienen. Heute habe ich wieder Appetit und Andy hat extrem Appetit, darum bestellen wir zwei Burger mit Pommes. Andy isst den Rest von mir, denn ich möchte es nicht gleich übertreiben mit essen. 

Der Elk Lake ist voll mit Allerlei, was Menschen auf und im Wasser benützen: Boote, Kanus, schwimmende Gummitiere… Die Leute hier haben ein Material am Start, man versteht, dass sie grosse Autos brauchen.

Heute wird es später bis wir weitergehen, denn die Aussicht auf neue Insektenstiche ist nicht verlockend. Aber im Laufe des Nachmittags werden dann die Mücken weniger und damit steigt unsere Motivation. Wir kommen den drei Vulkanen Three Sisters immer näher, die Landschaft verändert sich wieder. Morgen wird es sicher spannend werden, etwas Neues.

Wir übernachten beim See und der Vulkan ist gleich dahinter, ein krasser Szenenwechsel zu den letzten Tagen.

Schluss bei km 3161 oder Meile 1964, gelaufen sind wir 40 km oder 24,5 Meilen