1. Mai, Big Bear City

Herrlich lange geschlafen, also diese Hausregeln sind genial. Das Hostel ist voll mit Hikern, man hört die Zimmernachbarn schnarchen, aber sonst ist es absolut ruhig. Die Atmosphäre ist sehr familiär, die Bäder und die Küche werden geteilt.

Big Bear City kommt uns vor wie in ein Schweizer Skiort, nur dass die Häuser viel mehr Umschwung haben und rund um den See verteilt sind. Laufen wollen wir heute nur das nötigste, unsere Füsse schmerzen ein wenig. Wir erkunden die Gegend zu Fuss und mit dem Bus, haben viel geredet während der Fahrt, wenn man sich hier im Bus nach vorne setzt, geniesst man eine super Unterhaltung.

Danach müssen wir wieder das Übliche erledigen, Wäsche machen, schreiben, telefonieren und einkaufen für die nächsten fünf Tage. Andy muss noch etwas für seinen Rucksack holen, ich warte draussen mit dem Essen. Die Einkaufscenter sind gross, also kann das dauern. Kaum setze ich mich hin, kommt eine Frau und fragt, ob ich einen Ride (Mitfahrgelegenheit) möchte. Ich: «Nein, danke», sie: «Bist du sicher?», ich: «Ja, danke». Nach fünf Minuten dasselbe: «Ich fahre dich», ich: «Nein danke, ich warte auf meinen Mann». Das geht dann so weiter bis Andy kommt, du musst dich fast wehren, sonst fährt dich jemand. Als wir richtig Hostel laufen, hält die Angestellte vom Hostel und bringt uns zurück.

Im Hostel machen wir alles bereit für morgen früh, dann geht’s zurück auf den Trail. Mein Rucksack wiegt mit 2 Liter Wasser 11 Kilos, Andys mit 2 Liter Wasser und 2 Liter Coke (für mich) 14,5 Kilos, also sind wir recht leicht unterwegs. Wir reden noch mit anderen Hikern, so bekommt man den einen oder anderen Tipp.

Den Abend verbringen wir in so einer coolen, typisch amerikanischen Bar, so oft wir können, gehen wir Musik hören. Ein Hiker ist dabei, er wohnt in Alaska auf einem grossen Grundstück. Ich frage ihn, ob er auch so einen Truck besitzt. Er erklärt, so einen Truck zu haben das sei wie Jagen und Fischen, in den Staaten einfach ein Muss. Um 9 machen wir Schluss, es ist wichtig, dass wir genug schlafen für morgen.

Tag 15, 27. April, Meile 220

Um 6 Uhr laufen wir los, wir wollen von diesem Berg, es sind nur noch 7 km hinunter. Der Weg geht in riesigen Schlaufen weiter, Höhe scheint man keine zu verlieren, es gibt auch immer wieder Gegensteigungen. Ich verliere langsam die Geduld und schreie mal den Frust raus, Andy meint, das bringe auch nichts. Ich stapfe zügig voraus, damit ich meinen Frust nicht an ihm auslasse, alleine kann ich vor mich hin motzen. Doch aufpassen wäre auch gut, denn nur ein Meter vor mir liegt eine wirklich schöne, ziemlich lange Schlange im Weg. Ich gehe zurück und warte bis Andy kommt, er macht zuerst einen Film und ein Foto von der Schlange.

Danach gehen wir wieder zusammen den Berg runter. Unten sind wir um halb neun, und trinken zuerst zwei Liter Wasser, es hat einen Wasserhahn. Jetzt geht es durch das Tal zur Interstate 10. Eine Schlange liegt auf der Strasse, wir dachten sie sei tot. Wir wollten schauen, wo sie ihren Kopf hat, den hat sie uns dann gezeigt, sie war nicht tot.

Über die Ebene des Cherry Valleys gewandert, hier ist eigentlich nichts ausser Sand und Büsche. Es ist unglaublich wie stark der Wind hier ist, beim Gehen müssen wir uns richtig gegen den Wind stemmen. Der Wind ist so laut, dass wir schreien müssen. Andy sieht wieder dieses kleine Echsentierchen und muss es wieder auf die Hand nehmen und wir schauen es von allen Seiten an. Als er es wieder auf den Boden legen will, bleibt es erstmal auf der Hand, recht herzig dieses Teufelchen.

Bei der Interstate 10 hat es Trailmagic, Wasser und allerlei in der Biker-Box. Andy bekommt von einer Hikerin frisches Gemüse und ich habe ein Sack Chips gefunden. Um 11 Uhr gehen wir weiter, das ist nicht die beste Idee, es gibt fast keinen Schatten und ist sowas von heiss. Wir stossen auf die erste Windfarm, sie gibt immer denselben monotonen Ton – wie riesige Segel im Wind – von sich.

Es geht wieder etwas hoch, wir kommen an die Bedienstelle der Windfarm, sie haben sich auf den nahe gelegenen PCT eingestellt. Heute ist Samstag und es ist trotzdem ein Angestellter dort, super. Hier kann man duschen, es hat sehr günstiges Essen für die Hiker, von Burgern oder Beefsandwiches (einfach im Micro warm machen, schmeckt genial) bis Glacés und Süssem. Als Kasse steht einfach eine Dose auf dem Tisch, die Preisliste hängt als Zettel am Gefrierschrank.
Gegen 14 Uhr steigen wir weiter zum Sattel hoch, aber diese Hitze macht mich richtig fertig. Andy schiebt mich von hinten wie ein Hilfsmotor, er hat unglaublich viel Kraft. Oben auf dem Sattel sind wir geschafft, ins Tal hinunter rennen wir fast. Andy bleibt mal stehen zu fotografieren, ich gehe weiter. Immer in Schlaufen hinunter, der Weg ist steil und voll in der Sonne. Unten suche ich den nächsten Schatten und blicke den Hang hoch, wo Andy ist. Ich sehe den ganzen Weg, aber es kommen nur zwei Hikerinnen. Wir verstehen nicht, wo Andy hingekommen ist. Als wir beschlossen haben wieder hinaufzugehen, um zu schauen, was mit Andy los ist, kommt er von unten hoch. Der Verrückte ist den ganzen Hang einfach gerade hinunter gestiegen. Wir müssen alle lachen, so schnell wie er da runtergesaust ist, haben das die Tiere im Hang wahrscheinlich gar nicht mitbekommen. Wir machen noch eine kleine Pause, da kommt Stefan (der Schweizer), wir gehen jedoch gleich weiter.

Es windet erbarmungslos weiter bis wir ins Whitewater River-Tal kommen. Sieht beeindruckend aus, ein grosser Fluss, herrlich. Schnell eine Stelle suchen, um uns zu waschen, wir Campen aber etwas abseits vom Fluss. Zum Abendessen gibt’s Chinanudeln mit Kartoffelstock mit viel Öl, fein wäre anders. Hier sind wir in der San Gorgonio Wilderness, wir sind heute 30 km (19 Meilen) gelaufen, Schluss bei Meile 220 (km 353).
Andy: Immer mit demselben Koch 👨‍🍳 wird das Essen nicht besser 😉


Tag 9, 20. April, Meile 135

Um 04:30 läutet der Wecker, Andy ist noch müde. Ich fange an, mich bereit zu machen, weil es nochmals ziemlich hinauf geht. Von 1100 m auf ungefähr 1850 m in der Hitze zu gehen wäre eine Plagerei, da sind wir ziemlich sicher.
Es hat immer mal einer von uns den Durchhänger, dann muss halt der andere ein wenig Motivation verbreiten. So um 10 nach 5 gehen wir im Dunkeln los. Als es heller wird, ist es neblig und feucht, dabei geht das Laufen ring und zügig vonstatten.

Um 9 Uhr kommen wir oben an, toll diese Rundumsicht, eine wilde Gegend, wir sehen sogar den Schnee in der Entfernung. Wir suchen uns einen guten Aussichtsplatz zum Frühstücken, Haferflocken mit irgendwelchen Trockenfrüchten aus der Hiker-Box. Andy gibt mir den Topf rüber, ich habe schon genug von Haferflocken. Er sagt: «Stell dich nicht so an, die sind gut.» Waren sie wirklich, mit den Früchten drin richtig lecker. Um 10 ist Schluss mit faulenzen, es geht weiter auf dem Weg. Eine super Gegend, eine riesige Steinlandschaft. Andy und ich sehen immer wieder Steine, die aussehen wie Tiere, einer wie ein Hai mit aufgesperrtem Maul. Wir müssen natürlich wieder etwas rumalbern, so vergeht die Zeit recht schnell.

Wir sind erst um ein Uhr bei Mike’s Place. Dort werden Hiker verköstigt mit Hot-dogs, Pfannkuchen und am Abend gibt es Pizzas. Das muss ein PCT-Hiker einfach gesehen haben, ist wahrscheinlich nicht jedermanns Sache. Es ist recht schmuddelig und chaotisch, die Küche ist teilweise im Freien, eher ein Unterstand, aber Mike und seine Gehilfen sind herzensgute Kerle. Wir genehmigen uns zwei Sodas und Pfannkuchen. Auf dem Tisch steht auch eine Büchse mit Grass, für jedermann der Lust hat, wir lehnen dankend ab. Die WCs sind Freiluft, zwei nebeneinander, habe nicht recht begriffen wozu. Wir werden sicher nicht nebeneinander auf den WCs sitzen und diskutieren. Sachen gibt es.

Nach etwa zwei Stunden wollen wir zurück zum Weg. Als wir gerade weg von Mike’s Place gehen, ruft Yves unsere Namen. Wir können nicht lange reden, Andy und ich müssen jetzt dringend aufs WC. Panik kommt auf, wir rennen einfach zur nächsten Möglichkeit ins Gebüsch, und den Rest lass‘ ich weg. Die Situation war zum totlachen, Andy meint, jetzt wären unser Mägen feinjustiert. So zarte Schweizer Mägen sind wohl ein wenig empfindlicher, so kann man es auch sehen. Danach steigen wir noch eine gute Stunde in die Höhe mit einer atemberaubenden Aussicht auf …(? wie es heisst finden wir gerade nicht, schade). Was es rauf geht, geht’s auch wieder runter. So kommen wir erst um halb acht bei einem Zeltplatz an, bei Meile 135 (Km 217). Dort noch schnell etwas gegessen und gleich ins Zelt.

Tag 7, 18. April, Meile 101, Barrel Spring

In der Nacht hat uns der Vollmond direkt ins Zelt geleuchtet, eine herrliche Nacht ohne Wind. Wir haben super geschlafen, nur einmal haben wir etwas rascheln gehört, hörte sich nach einem kleinen Tier an, darum schliefen wir weiter. Wir sind um 04:50 Uhr aufgestanden und eine halbe Stunde später losmarschiert. Heute wird es sicher sehr heiss, keine Wolke am Himmel. Heute wollen wir mal weniger rumstehen und alles bestaunen, sondern ein wenig Meilen machen.

Der Weg steigt immer leicht an (San Felipe Hills), am Morgen ist dies sehr schön zu wandern. Die Morgenfrische, die aufgehende Sonne, all die Vögel und extrem viele Schmetterlinge, die immer vom Weg wegfliegen, alles recht hübsch. Der Hang ist mit allen Farben verziert, viele Kakteen blühen. Auch heute klappt es nicht wirklich mit zügig Laufen, ein verzweifelter Kaktus mit Blüten und viele andere müssen wir einfach fotografieren. So laufen wir etwa drei Stunden und dann setzen wir uns einfach auf den Weg, schauen ins Tal, Andy macht Kaffee und wir frühstücken. Ich beginne zu schreiben, als Andy was von mir möchte sage ich: «He, bitte nicht den Künstler bei der Arbeit stören».

Um 9 Uhr ist es schon sehr heiss. Wir ziehen bei dieser Hitze immer das ‚Merinoschaf‘ an unter das Hemd. «T-Shorts» nennen wir alles aus Merinowolle und «Gäg-gäg» ist die Daunenjacke. Wir machen sehr gerne Wortspiele, gibt immer etwas zu lachen. Unsere langen Hosen sind mit UV Schutz versehen, so macht uns die Hitze weniger aus. Bis jetzt hatten wir noch keinen Sonnenbrand. Es geht leider nur eine leichter Wind, so ab halb elf werden wir richtig gedämpft von der Hitze. Andy zeigt nach oben, ein Adler zeigt uns seine Flugkünste. Ich bleibe stehen, um dem Tier zuzuschauen, sieht toll aus. Das tue ich nur noch, wenn Andy auch stehen bleibt, Andy will die Meilen durchziehen. Ich sehe es etwas lockerer, es gibt immer wieder etwas zum bewundern. Ich lache ihn an und laufe wieder.

Nachdem wir uns beim Water Cache ins Trailregister eingeschrieben haben, holen wir uns noch 6 Liter Wasser im Ganzen. Um 12 machen wir Mittagspause, legen uns unter einen Busch bis etwa 3 Uhr, eine Siesta wie Cowboys. Danach ist es immer noch heiss, es geht vorerst rauf, nicht zu steil und in Schlaufen, zum Glück hat es nun etwas höhere Büsche. So ab 5 Uhr lässt die Hitze nach. Wir sehen ein herziges Tierchen, Andy nimmt es auf die Hand, damit wir es genauer anschauen können, ein schuppiges Echslein, wollen es unbedingt fotografieren. Wie zwei kleine Kinder benehmen wir uns. Wir beschliessen, jetzt ist Schluss, wir lassen uns nicht mehr ablenken.

Wir laufen und laufen, wir wollen zum Zeltplatz beim Barrel Spring. Dort haben wir bei Km 162,8 (Meile 101) Feierabend gemacht, also sind wir 35 Kilometer gewandert, es geht doch, wir können auch vorwärtsmachen. Die ersten 100 Meilen erwandert!

Beim Zeltplatz war die erste Trail Magic: ein Mann hat Sodas, Chips und Mandarinen für die Hiker dabei. Danach waren wir satt und platt, dass wir ohne zu Kochen gleich schlafen gingen, um 8.

Tag 2, 13. April, Lake Morena – Kitchen Creek

Erst um 6 aufgestanden, zuerst Kaffee und dann einpacken. Zwei andere Hiker verstehen nicht, wie wir mit so wenig Gepäck den Hike machen, sie finden es recht unvernünftig. Sie sind das erste Mal auf einem Langstreckenhike unterwegs, finden es total easy. Wenn die wüssten! Dieser Teil ist der leichteste, es wird dann schon noch strenger und wärmer. Wir lassen es, ihnen zu sagen, dass wir das zweite Mal unterwegs sind.

Zuerst müssen wir hinauf, was wir gestern auf der anderen Seite runter sind. Die nächsten Tage geht’s immer auf und ab, immer in Schlaufen. Es ist unbeschreiblich schön, alles ist noch feucht vom Regen und sieht so noch grüner aus. Oben weht jeweils ein leichter kühler Wind. Ich singe irgendetwas und Andy macht mit, unsere Stimmung könnte nicht besser sein.

Etwa nach drei Stunden erreichen wir den Lake Morena Campground. Sofort zum Imbiss und einen super leckeren Burger verdrückt. Immer mehr Hiker kommen an, Andy möchte ein Gruppenfoto machen. Alle mal schön Aufstellung beziehen, doch dann fehlt natürlich der Fotograf. Ich gehe schnell im Imbiss einen holen. Ein netter Typ unterbricht sein Essen und kommt mit, um Fotos zu machen. Es sind hoffentlich alle Thru-Hiker auf dem Bild. Uns alle Namen zu merken probieren wir erst gar nicht, es sind einfach zu viele. Nach dem Essen laufen wir in einem Tal, alles so grün, ich fasse es nicht, erwarte bald noch Kühe auf der Weide zu sehen. Als es zu heiss wird legen wir uns unter einen Baum. Ich schreibe etwas und als ich zu Andy schaue, verdrückt er den zweiten Snicker. Ob er mich nicht fragen wollte, ob ich einen möchte? Er meint, nein, sonst hättest ich ja «ja» sagen können. Unglaublich, das merke ich mir!

Als wir nach dem baden im Cottonwood Creek etwas wieder eine Stunde unterwegs sind, treffen wir Mike, der hier campt. Er lädt uns ein, etwas zu trinken. Mike ist ein richtiger Geschichtenerzähler, er erzählt von Schlangen, Skorpionen und Vögeln, also Adlern mit einer Spannweite wie ein kleiner Gleitschirm. Am beeindruckendsten finden wir die Story vom Berglöwen mit einem Gewicht von 400 Kilo. Aber leider kommt dann ein schlimmes Ende. Er erzählte von einer Frau, die vom Berglöwen angegriffen wurde, den Rest lasse ich aus.

Ich habe für mich beschlossen, Andy vorne gehen zu lassen. Wir gehen im Hang nach hinten, unten im Tal fliesst eine kleiner Fluss, der Kitchen Creek. Dort machen Hiker Feierabend. Sie rufen uns zu, wir sollen auch hier zum campen kommen. Wir rufen zurück, dass wir noch in den Abend laufen. Also wünschen wir uns gegenseitig eine gute Nacht. Der Weg ist so schön mit all diesen Blumen, man könnte meinen, wir seien in den Schweiz Alpen im Frühjahr unterwegs. Wir finden einen super Platz zum übernachten, Schluss ist bei km 49,38 mit super Aussicht, und essen eine riesige Portion Haferflocken mit Erdnussbutter, lecker. Wir kämpfen um unser Gewicht, die angefutterten Kilos geben wir nicht so schnell wieder ab!

11. April, letzter Tag in San Diego

Etwas später aufgestanden, draussen ist wie immer blauer Himmel und schon recht warm. Wir wollen den Tag sehr gemütlich verbringen, also lassen wir uns Zeit.
Wir könnten beim Yoga mitmachen, aber mit unserem Hiker-Outfit ist das eher nichts für uns. Andy möchte für morgen einen Uber buchen, ich lasse ihn alleine, es bringt nichts, wenn ich dreinschwatze. Also gehe ich auf die Veranda, um zu lesen.

Nach einer Stunde ist er immer noch nicht fertig, irgendetwas klappt nicht. Ich probiere ihm zu helfen, aber es akzeptiert beide Visakarten nicht. Auch Slavi hilft uns und versteht das Problem auch nicht. Es könnte sein, dass die Karten gesperrt sind. Vielleicht haben unser Sohn oder die Tochter eine Party auf unsere Kosten gefeiert. Wir telefonieren mit der Helpline, die sagen wir gäben den Sicherheitcode falsch ein. Das ist schon ein wenig komisch, bei beiden Karten? Wir versuchen alles Mögliche aus, aber es nützt nichts, Uber hat etwas gegen unsere beiden Visakarten. So bucht Slavi für uns die Fahrt und wir geben ihr das Geld. Dann die Handynummern austauschen, sie muss uns morgen noch den Fahrer durchgeben. Um 5 in der Früh, das ist kein Problem für sie, es sei ein Geben und Nehmen in der «Familie». Apropos, die Leute im Hostel halten uns für ihre Eltern. Sie sieht wahrscheinlich so jung aus, oder wir älter. Also wir finden, sie sieht extrem jung aus!!! Das Ganze hat bis Mittag gedauert, recht mühsam mit diesen Karten.

Danach gehen wir einkaufen für die ersten 77 Meilen (113 km). Wir rechnen drei bis vier Tage ein für diesen Streckenabschnitt. Im Einkaufszentrum gibt es alles, was wir brauchen (siehe Bild). Wir schauen eigentlich nur auf die Kalorien, natürlich auch aufs Gewicht. Das Essen wiegt 7,5 kg, geteilt durch 4 Tage sind 1,8 kg, also pro Person 900 g
pro Tag. Die Faustregel ist pro Tag wandern ein Kilo Essen mit möglichst vielen Kalorien, simpel, also wegen dem Essen macht man den Weg nicht. Beim Supermarkt funktioniert die Karte, sie ist doch nicht gesperrt.

Im Hostel machen wir alles bereit für morgen. Andys Rucksack hat ein Gewicht von 11 kg ohne Wasser, mit 4 Liter dazu sind es 15 kg. Meiner hat 10 kg + 3 Liter Wasser, 13 kg. Das ist genial, nicht zu schwer. Mit dem Wasser soll es jetzt recht gut sein, das erste Wasser ist bei Mile 15,4 (24,6 km).

Am Abend gehen wir noch an den Strand. Wunderschön, wir setzen uns einfach in den Sand, schauen auf den Ozean und reden über den Trail. Nervös sind wir beide nicht, diese Sektion, also die «Desert», sind wir ja im 2017 gehikt. Wir freuen uns endlich wieder auf den Trail zu gehen. Nach dem Sonnenuntergang ist es für uns Zeit zurück zum Hostel zu gehen. Ich würde noch gerne in eine Bar gehen und den Abend ausklingen lassen, daraus wird nichts, zum Glück ist Andy vernünftig! Er findet, das wäre nicht die beste Idee. Dann halt nicht.

8. April 2019, Zürich-San Diego

Tagwach um halb vier zuhause. Claudia fährt uns zum Flughafen Zürich-Kloten, dort essen wir noch etwas Kleines mit ihr und verabschieden uns danach. Auf dem Weg zum Gate sehen wir ein Strassenschild «Highway 1 California», super, noch schnell ein Foto und natürlich verschicken wir es gleich, sie werden sich fragen wie das möglich ist. Dann geht es ab zum Gate A, durch die Kontrolle und dort warten wir bis das Boarding beginnt, der Abflug ist ca. um 6 Uhr. Mit 20 Minuten Verspätung fliegen wir nach Lissabon, 2 Std. 40 Minuten, ich habe den ganzen Flug verschlafen. Andy hat wie meistens den Fensterplatz. Er ist wie jedesmal ein geniales Kissen.

Bei der Ankunft in Portugal braucht Andy schon eine Schmerztablette wegen der Achillessehne. Nicht an dem Fuss, der verletzt war, nein, am anderen. Ich glaube wir werden langsam gebrechlich. Mal schauen wie das kommt. Dafür haben meine ersten Englischversuche funktioniert. In Lissabon müssen wir nur umsteigen, auch dieser Flug hat fast eine Stunde Verspätung. Wieder super Fensterplatz, wie gehabt, Andy schaut und ich schlafe.

In Boston sind wir spät dran für den Anschlussflug und müssen unser Gepäck (die Rucksäcke) auschecken und theoretisch für den Weiterflug wieder einchecken. Für die USA-Immigration ziehen sich die Schlangen des Sicherheitschecks ewig dahin. Langsam könnte es knapp werden. Bei der Passkontrolle wird Andy gefragt wieviel Geld wir dabei haben, er «one million». Jetzt schaut der Mann mich an, ich verneine natürlich. Der Beamte fragt nochmals, Andy wieder «eine Million». Andy ist ziemlich durch den Wind. Der Beamte scheint alarmiert und jetzt werde ich doch auch nervös. Dann fragt der Beamte Andy nach dem Geburtstag, das stimmt dann auch nicht. Er schaut mich an, ich sage es ihm auf Englisch. Andy sehe ich an, dass er nervös ist. Ich sage jetzt nichts mehr und hoffe. Der Mann fixiert Andy, aber lässt uns dann gehen. Fürs Boarding und Gepäck einchecken ist es jetzt zu spät, drum gehen wir damit auf gut Glück zum Gate.

Beim Gate strecke ich einfach alle Angaben und die Pässe hin. Super, die Dame macht uns schnell die Tickets. Aber hier wird natürlich unser grosses Handgepäck (die zwei Rücksäcke mit allem) kontrolliert. Die Gasflasche behalten sie, sonst lassen sie uns zum Glück alles drin, sogar die Medikamente und Stöcke. Sie schreiben unser Gepäck an und behalten es beim Personal in einem Kasten oder Raum. Danach rennen wir zum Flugzeug, dort werden wir erwartet. Als wir auf unseren Plätzen sitzen, startet die Maschine.

Um 19 Uhr landen wir in San Diego nach einem unruhigen Flug. Im Ganzen waren wir also 26 Stunden unterwegs.
Mit dem Taxi fahren wir zum Hostel und bringen alles aufs Zimmer. Nach diesen vielen Aufregungen sind wir noch Tacos essen gegangen, danach gleich zurück und schlafen gegangen.

Gedanken zum Pacific Crest Trail

Der PCT ist ein sehr guter Fernwanderweg. Es ist der Wahnsinn, was die PCT-Organisation an Aufwand in den Weg steckt, an Arbeit, Wegräumen von Bäumen und Steinen, Sicherheit etc. einfach den ganzen Unterhalt.

Die Hilfe von all den Menschen auf dem Weg, neben dem Weg und in den Ortschaften war unglaublich.

Was für uns am Anfang schwierig war, war das Essen (Fastfood). Zuhause essen wir sehr viel aus dem Garten und wissen mehrheitlich, was wir essen. Auf dem Weg musst du nehmen, was es gibt und das ist alles andere als gesund oder moralisch vertretbar. Wenn du richtig Hunger hast, vergisst du das jedoch schnell, denn du brauchst einfach sehr viele Kalorien. 

Wir wollten von Anfang an diesen Weg ohne jemanden laufen, der zweisprachig ist. So mussten wir selber Englisch reden. Das Lösen von Problemen macht dich gelassener und belastbarer. Es heisst, der Weg wird es richten, in unserem Fall war das so. Lass die Dinge einfach auf dich zukommen.  

Ich glaube, es ist extrem wichtig auf seine innere Stimme zu hören. Und nicht darauf, was irgendwelche Leute auf Facebook oder sonst wo schreiben. 

Wieder zuhause ist man verändert. Wir haben auf dem Weg einige Kilos abgenommen und unser Material aufs Allernötigste reduziert. Zurück in der Schweiz bekamen wir Mühe mit gewohnten und alltäglichen Sachen. All dieser Überfluss, es erdrückte uns fast. Wir machten für uns verschiedene Veränderungen und reduzierten, was wir besitzen. Wir sind auch fokussierter, bei dem was wir machen. 

Am extremsten ist die Veränderung beim Konsum. Ohne dass wir es bewusst machen, verbrauchen wir viel weniger Geld. Früher hatte ich ein Auto für mich, nach dieser Reise habe ich es so selten gebraucht, dass wir es verkauft haben. Sachen, die für uns einmal wichtig waren, ergeben irgendwie keinen Sinn mehr. Das ist ein grosser Gewinn, wir haben jetzt mehr Zeit für einander und für das, was wichtig ist. 

Wir finden, es war ein rundum gutes Abenteuer und werden bestimmt wieder sowas machen. Wir haben im 2017 zwar nur rund 2’600 des 4’300 Kilometer langen Trails geschafft, aber wissen jetzt, dass er machbar ist.