Tag 26, 9. Mai, Meile 421

Um 6 gehen wir los, wir spüren die Füsse von gestern, sie tun ein wenig weh. Mal die ersten 10 Kilometer laufen wir nicht zu schnell. Das Wetter ist super, leicht bewölkt. Es steigt nur leicht auf und ab, der Weg schlängelt sich, wir träumen etwas vor uns hin.

Auf einmal fliegt ein grösserer Vögel direkt vor mir aus dem Gebüsch. Ich erschrecke derart, dass ich bei der Flucht nach hinten fast Andy flach mache (was ja an Wucht etwas braucht). Er lacht mich aus, ich sage: «Und wenn es etwas Gefährliches gewesen wäre?», er «Dann bleibst du stehen wie ein Fels in der Brandung», ich bin dann halt ein schneller Fels. 

Bei einem Bächlein füllen wir Wasser auf (auf dieser Strecke ist das Wasser nie sicher). Weiter gehen wir durch Sträucher und kleineres Gebüsch, es wimmelt von Schmetterlingen und Insekten. Gegen Mittag müssen wir einen Hang hochsteigen, eine Tafel warnt uns vor allem, was hier alles passieren kann: Von Bäumen erschlagen oder Steinen überrollt werden, warnt auch vor all den gefährlichen Tieren, die hier leben, und ausserdem ist es ein Waldbrandgebiet. Das sieht man schon von Weitem, Rauch steigt auf und es riecht nach verbranntem Holz. Das ist meist vom Forst-Service gemacht, entweder für die Samen der Bäume oder um eine Schneise freizulegen.

In diesem Hang treffen wir zweimal auf eine Schlange auf dem Weg. Bei der zweiten nehme ich mich zusammen, ich kann ja nicht jedesmal in Andy hineinrennen. Als wir richtig Pass (Angeles Forest Highway) hinunter gehen, wird es neblig, die Sicht ist gleich null.

Bei der Feuerwehr nehmen wir Wasser, gehen aber gleich weiter, es ist uns zu kalt, um hier zu kochen. Dieses Wetter ist nicht üblich für die Gegend, es hat andere Hiker hier, die nicht so recht wissen, was sie machen sollen. Hier Trübsal zu blasen nützt nichts, das Wetter bleibt wie es ist. So gehen wir auf der anderen Seite wieder aufwärts, um einen Zeltplatz zu finden. Schade, ohne Nebel hätte es super Aussichten. Schluss um 7 Uhr, wir kochen uns Bohnen mit Reis und Thunfisch, lecker.
Schluss bei km 677 (Meile 421), heute 36 km oder 22 Meilen gelaufen

Tag 25, 8. Mai, Meile 399

Ich wache auf als die Sonne ins Zelt scheint, Andy ist schon draussen und hat einen Kaffee gemacht, ja so kann der Tag beginnen. Ich singe vor mich hin und ziehe mich an. Los gehen wir um halb sieben, wir sind müde von der Nacht. Es hat stark gewindet, wir sind aufgewacht und in der Nacht aufgestanden, um den Himmel zu betrachten, eine wunderschön klare Sternennacht. Aber wir wissen jetzt, dass unser Zelt auch bei starkem Wind stehen bleibt, super Sache.

Es geht auf dem Bergkamm im Schnee vorwärts, auf der Los Angeles-Seite ist das Tal im Nebel, auf der Lancester-Seite im Dunst. Es geht zwar nicht schnell vorwärts, ist aber im Vergleich zum 2017 total einfach, wir haben Spuren und nie diese Schneemenge, auch Abrutschen mit dem Schnee ist unwahrscheinlich. Als wir aus dem Schnee heraus sind, geniessen wir eine Pause auf einem Baumstamm, richtig gemütlich.

Bei Little Jimmy Spring ist eine Quelle mit frischem Wasser, es ist 11 Uhr, kurz danach kommt der Little Jimmy Campground. Dort essen wir mit Chris Brown, Trailname «Seth Rogen». Er ist am 11. April gestartet, für ihn ist auf dem Trail gut Schlafen und Essen das Wichtigste und er hat viel Esswaren dabei, sogar Gemüse, Wurst und eine Bratpfanne. Er ist total von der Schweiz fasziniert und findet unser Sozialwesen so gut. Hier in den USA hätten sie nichts, das mache ihm Angst. Mal jemand, der Obama gut gefunden hat, wir sind erstaunt.

Am Nachmittag laufen wir auf dem Highway 2, weil der PCT wegen seltenen Fröschen gesperrt ist. Auf dem Asphalt zu wandern ist der Horror, unsere Füsse werden richtig heiss und fangen an zu brennen🔥. Nur ganz selten fährt ein Auto oder Töff an uns vorbei und uns ist ein wenig langweilig, so eintönig auf der Strasse zu laufen. Wir machen dann mit den Tannzapfen Schiessübungen, unsere Stöcke sind hoffentlich robust genug. Am Abend sind wir froh, dass wir einen coolen Platz zum Übernachten finden.

Schluss gemacht um halb sieben Feierabend gemacht, bei km 641 oder Meile 399.

Tag 24, 7. Mai, Mount Baden-Powell

Wir liegen bis 8 Uhr im Bett, es ist zweimal so gross wie unser Zelt. Dieses Häuschen ist einfach genial, es hat ein eigenes Badezimmer, Kaffeemaschine, Kühlschrank, sogar eine Feuerstelle und einen Fernseher, wobei den braucht es eigentlich nicht. Wir müssen einkaufen für fünf Tage und frühstücken, das Übliche halt. Im Restaurant, in dem wir essen, ist alles Ostern-dekoriert. Die Decke hängt voller Eier und Tiere, die sind mit einer Schnur mit der Eingangstüre verbunden. Wir lachen uns fast kaputt, jedesmal wenn die Türe aufgeht kommen die ganzen Eier und Hühner von der Decke herunter und beim Zugehen, gehen sie wieder hinauf.

Dann schnell alles ein- resp. umpacken, wir haben jetzt grosse Routine darin, so geht es schnell. Alle unnötigen Verpackungen nehmen wir immer weg und füllen alles in wiederverschliessbare Säckchen ab. Danach stellen wir uns mit dem Daumen draussen an die Strasse. Es geht nicht lange und wir können mit einer Frau mitfahren. So sind wir zügig beim Weg, verabschieden uns und wandern gleich los, alles durch den Wald bis zum Parkplatz beim Aufstieg zum Baden-Powell Peak.

Wir überlegen nicht lange, es ist 13:50 Uhr, hier zu schlafen ist keine Option. Es interessiert uns auch, wie es mit dem Schnee ist, auch Andy ist einverstanden hinauf zu gehen, also los. Zuerst geht es super, wir kommen gut vorwärts, etwa eine Stunde laufen wir im Schnee. Andy überholt mich, er scheint mit dem Gehen im Schnee kein Problem mehr zu haben. Um 17:10 Uhr sind wir auf dem Gipfel, das hat richtig gut geklappt mit dem Aufstieg.

Mount Baden-Powell ist 2’867 m.ü.M, die Aussicht ist besser als gestern, nur unten ist es dick bewölkt. Wir steigen noch etwas ab und machen Feierabend um sechs, bei Km 609 (Meile 378), wir sind heute 15 km oder 9 Meilen gelaufen.

Tag 23, 6.Mai, Wrightwood

Schon um 5 Uhr laufen wir los, es geht heute 1700 Höhenmeter hoch, und natürlich müssen wir auch wieder einige runter.🤗
Wir steigen bei sehr viel Nebel den Hang hoch, nach drei Stunden machen wir Pause. Es ist super Wanderwetter finden wir, die anderen Hiker sind voll im Stress, sie wollen wegen des Wetters schnell nach Wrightwood. Wir trinken Kaffee und essen gemütlich, lustige Leute diese Amis, es wird schon nicht so schlimm werden.

Wir gehen weiter im Nebel, wollen erst Pause machen, wenn wir am höchsten Punkt angelangt sind 😍. Es wird immer kälter, wir laufen im Wald, der Nebel ist jetzt richtig nass. Ist ja wie im tiefsten Herbst in den Schweizer Bergen. Gegen 1 Uhr sind wir zuoberst, wir hätten sicher gute Aussichten, wenn nicht alles grau wäre.

Dann laufen wir wieder abwärts, jetzt wird’s noch besser, es schneit und ist richtig kalt. Wir treffen auf zwei andere Hiker, die unter einer Blache sitzen und Kaffee trinken, ich sage: «Was ist das für ein Wetter hier in California, schlimmer als bei uns zuhause!»

Warm angezogen laufen wir noch ein paar Stunden über einen Seitentrail bis nach Wrightwood, wo wir um halb vier ankommen, gerade rechtzeitig. Super Häuschen gemietet, ziemlich das letzte hier in diesem wunderschönen Städtchen. Als wir duschen, fängt es an zu Hageln und zu Donnern und danach setzt der Regen ein.

Wrightwood ist ein toller Ort, die Häuser sind einfach in den Wald gebaut, hier stehen die Bäume in der Strasse. Ich sage: «Ist wie in Indien wahrscheinlich mit den Kühen», Andy lacht und… Es gibt hier ein Mexican Restaurant, ein gutes und auch günstiges, da schlagen wir uns die Bäuche voll.

Wir hatten heute richtig Glück, dass wir den Berg verlassen haben, unsere Entscheidung war richtig, zur Belohnung trinken wir einen Margarita. Und nachher irgendwas mit Bananen, das hingegen war keine gute Entscheidung, wie wir mit der Zeit merkten.
Wir sind jetzt bei Km 585, also 362 Meilen des Trails gelaufen. Heute plus 26 km, plus 5 km Seitentrail.

Tag 22, 5. Mai, Meile 347

Wir stehen um halb fünf auf, weil in 21 km kommt ein McDonald’s, also nichts wie los. Ach ja, und der Cajon Pass, der ist natürlich auch super. Er bildet die Grenze zwischen den San Bernardino Mountains im Süden und den San Gabriel Mountains im Norden. Im Jahr 1989 geschah hier ein schweres Zugunglück mit der Southern Pacific Railroad, ein Film wurde mal darüber gedreht.

Der Trail geht aufwärts in die Mountains, links und rechts Büsche, richtig dicht, so weit man sehen kann. Als die Sonne aufsteigt wird das Pfeifen und Zwitschern der Vögel immer lauter. Wie ein Konzert, musst einfach nur hinhören und schon hörst du eine Melodie. Oben sind wir schnell, dann geht’s wieder hinunter ins nächste Tal, hier kommt zum Vogelgesang noch das Hornen der Züge dazu. Es zieht immer mehr Nebel auf, drückt ihn richtig über die Hügelkämme hinüber ins sehr grüne Tal, sieht gut aus.

Es ist unglaublich, denke ich, wir laufen für Hamburger in der Früh los, gehen 21 Kilometer weit dafür, ich sage: «Wie doof sind wir eigentlich?» Andy ist dies jetzt egal, er habe Lust auf Burger.
Wir kommen in die Sand Little Horsethief Canyons (Pferdedieb-Täler), mit dem Nebel und von Weitem das Zughorn, einfach geniale Stimmung, Wildwest. Ich bin fasziniert von der Atmosphäre, schaue dem Treiben zu, die Passstrasse, die Güterzüge, wie laut es hier ist. Andy hat glaub nur Hunger.

Gegen 11 Uhr sind wir im Mc Donald’s, stellen das Gepäck zu den Hikern, die schon hier sind und essen: Zuerst einen Breakfast-Deal, dann Burger mit Pommes und zuletzt noch ein Soft-Ice, dazu trinke ich einen Liter, und Andy anderthalb Liter Coke.

So um die 3 Uhr gehen wir weiter, aber nach drei Kilometern legen wir uns unter einen Busch, uns tut der Bauch weh, die Möglichkeit besteht, dass wir ein wenig zu viel gegessen haben. Als wir weitergehen, kommt wieder ein mega-langer Güterzug, er hat drei Loks und 92 Waggons, er kämpft sich die Steigung hoch. Wir fragen uns, wie viel Gewicht sich hier vorwärts bewegt.

Wir laufen dann bis zum Wassercache, der ist leider leer. Das haben wir halbwegs vermutet, jetzt ist es gut, dass wir so viel Wasser (9 Liter) mitgenommen haben. Die anderen Hiker zelten hier. Einer gibt uns noch einen Tipp, wo es etwas weiter einen guten Platz hat.
Schluss bei km 559 (Meile 347), heute sind wir 30 km (19 Meilen) weit gekommen.

Tag 21, 4. Mai, Meile 328,78, Silverwood Lake

Wir gehen erst um halb sieben los, weil in drei Kilometern die warmen Quellen kommen. Hätten auch gestern noch bis zu den Deep Creek Hot Springs gehen können, die meisten Hiker machen das. Wie wir schon vom 2017 wissen, baden sie dort abends nackt, ist nicht so unser Ding.
Wir laufen die drei Kilometer richtig schnell und steigen dann in der Unterwäsche gleich ins erste Becken. Das Baden war herrlich, schön warmes Wasser und ein super Ausblick in die Natur. Wir hätten vielleicht zuerst schauen sollen, am Beckenrand hat es diverse Kleidungsstücke, wir sind die einzigen mit Kleidung im Wasser. Irgendwann kommen immer mehr Hiker, wir gehen dann mal.

Danach geht es im Tal weiter bis zum Mojave River Forsk Reservoir Trocken-Staudamm (der das Flutrisiko auffängt). Hier essen wir Frühstück, heute wieder mal Haferflocken, es ist aber schon 11 Uhr.

Wir laufen weiter, jetzt wird es sehr heiss, beim Highway 178 haben wir Handy-Empfang, wir setzen uns unter den nächsten Busch, um die E-Mails zu beantworten.
Danach geht’s den Hang hinauf, es ist der Wahnsinn, wie alles blüht und dann dazwischen die schwarzen Äste (verbrannte Sträucher), dieses Farbenspiel mit dem rötlichen Gras ist einfach genial. Einmal müssen wir durch einen Schwarm Bienen oder Wespen laufen, war nicht so gemütlich. Aber zum Glück hat uns ein Mann gewarnt, der uns entgegen kam, dadurch hatten wir vorher unser Netzteil über den Kopf gestülpt, alles schön abgedeckt und sind so durchgelaufen.

Oben geht es auf dem Kamm weiter, wir sehen aufs grüne Summit Valley hinunter mit dem sehr vollen Fluss. Es gibt riesige Weiden mit Rindern, würde gerne zählen wie viele, aber Andy würde mir den Vogel zeigen, ich lasse es. Das Wasser ist vom Stausee Silverwood Lake, dorthin wollen wir heute noch laufen.

Als wir im Tal sind geht’s ein Stück aufwärts zum Stausee, dann laufen wir noch in der Abendsonne oberhalb des Sees bis zu einem Zeltplatz, sehr schön. Feierabend um 8 Uhr, noch schnell Tunfisch gegessen und gleich in Zelt. Schluss bei Trail-km 529 (Meile 328,78), gelaufen sind wir 37 km (23 Meilen).
Anmerkung Andy: Jetzt kommen wir besser voran und wir machen auch mehr Meilen. Wenn es zu langsam geht, wird der Hilfsmotor eingeschaltet.

Tag 20, 3. Mai, Meile 306

Heute haben wir den Wecker auf 5 Uhr gestellt, gleich alles zusammen geräumt und sind los, mit Jacke und Kappe an, es ist kalt. Zuerst geht’s eine Weile durch sehr kahles Gebiet, dann wird es grüner und hat auch wieder Bäume und riesige Sandsteine. Bis 10 Uhr verläuft der Weg meistens am Fluss Holcomb Creek entlang, sehr schön, nicht zu heiss. Danach geht es durch sehr trockenes Gelände und es wird immer wärmer.

Wenn wir eine Tafel sehen, die angibt wie der nächste Abschnitt heisst und wie viele Meilen es sind, mache ich ein Foto, so müssen wir nicht lange im App suchen auf dem Handy. Ich mache ein Foto mit den Meilen bis zum nächsten Fluss, dem Deep Creek, kaum sind wir losgelaufen fragt mich Andy, wieviele Meilen es bis zum Fluss seien. Ich hab’s schon vergessen, er meint, schau doch auf dem Foto nach, aber das Handy habe ich eingesteckt und es stinkt mir, es wieder hervorzuholen, ich sage: «Du bist drei Meter vom Schild, willst bis Kanada laufen, aber keine drei Meter zurück, um nachzusehen». Wir müssen lachen, es tut nicht gut so viel in der Sonne zu sein.

Um 1 sind wir beim Fluss, wir gehen gleich schwimmen, super Sache. Es ist sehr kalt, dafür sehr erfrischend. Nach einer längeren Pause (bis halb drei) laufen wir weiter, den ganzen Nachmittag zieht sich der Trail oben in der Schlucht nach vorne, immer mit Sicht auf den Deep Creek. Der Weg ist richtig gut angelegt zwischen den grossen Steinen, super schön.

Heute hatten wir etwas Diskussionen wegen den Tagesdistanzen, Andy ist besorgt, dass wir zu wenig Kilometer machen. Ich – wie immer – mache mir da keine Sorgen und bin der Meinung, dass es mit der Zeit von alleine mehr werden. Ist halt auch schwierig, er ist richtig fit und ich sosolala. Dafür sorge ich für die Unterhaltung, bringt ja auch was.
Schluss gemacht haben wir am Wasser bei Meile 306 (km 492), wir sind heute 34 km (oder 21,5 Meilen) gelaufen. Wir essen und reden noch etwas, gehen dann sehr früh schlafen.