Tag 126, 3. Sept., Meile 2474

Wir schlafen aus. Hier in Leavenworth ist es auch in der Nacht warm, die Klimaanlage lief durch die ganze Nacht. Tagsüber wird es sogar extrem warm, 35° Celsius und mehr. Das sei eher kühl für hier, meinte die Dame gestern beim einchecken. Das Hotel hat ein feines Frühstück mit Früchten, Nüssen, Joghurt usw. alles qualitativ gute Sachen und viel Auswahl, wir essen und geniessen. 

Den Morgen verbringen wir mit telefonieren und schreiben. Es ist immer lässig mit Bekannten oder der Jungmannschaft zu reden. Danach verstauen wir die feinen Esswaren, diesmal sind beide Rucksäcke schwer. Meiner ist der Kühlschrank, ich trage Äpfel, Bananen, Avocado, Käse – wir werden nicht verhungern.

Zum Mittagessen wollen wir einfach ein Schnitzel, also ziehen wir los und suchen ein Restaurant. In einem Biergarten werden wir fündig. Andys Schnitzel kommt mit etwas wie Kartoffelsalat und Rotkraut, seine Begeisterung hält sich in Grenzen. Ich bin dafür sehr zufrieden mit meiner Bratwurst, sie schmeckt tatsächlich wie eine. Aber uns genügt es jetzt, dieses bayrische Dorf ist uns zu laut und zu heiss.

Wir machen Autostopp, um wieder zurück auf den Stevens Pass zu kommen. Wir stehen keine 10 Minuten an der Strasse und ein Auto hält. Der Fahrer sagte zuerst, dass  er in der Hälfte der Strecke wohne, das würde uns nichts bringen. Dann fährt er ein Stück und hält, steigt aus macht den Kofferraum auf und sagt: «Kommt, ich fahre euch rauf.» Wir steigen ein und er fährt los. Dann sieht Andy einen bekannten Hiker am Strassenrand und sagt es unserem Fahrer, der steigt gleich auf die Bremse. Der Hiker ist so froh darüber, er hätte schon länger, sicher eine halbe Stunde, hier Autostop gemacht.

Tim fährt uns alle bis zum Parkplatz auf dem Pass, wir bedanken uns für die Fahrt, er bedankt sich für die Unterhaltung mit uns.

Wir laufen in einem Stück rauf zum Grizzly Peak und erreichen um halb acht einen guten Zeltplatz mit Aussicht auf die Berge.

Schluss bei km 3982 oder Meile 2474, gelaufen sind wir 19 km oder 12 Meilen

Tag 125, 2. Sept., Meile 2462, Leavenworth Bavaria

Um sechs sind wir gleich losgegangen, denn wir sind nur 17 Kilometer entfernt von Schnitzel und Bier, in Leavenworth Bavaria. Ist so eine Wunschvorstellung, aber eigentlich glauben wir es beide nicht recht, dass es klappt. Ein Dorf für Touristen, ist nachgebaut, dass es aussieht wie in Bayern, verrückt die Amis. Also sind wir die Strecke schnell gelaufen, der Trail geht durch Wald zum Stevens Pass  hinunter, den erreichen wir um halb elf. Unser Hunger ist zu gross, wir gehen gleich hier auf dem Pass einen Burger mit Pommes essen. Erst danach machen wir Autostop nach Leavenworth Bavaria.

Zwei junge Männer nehmen uns mit. Die Fahrt hinunten haben wir gute Musik und es ist mal ohne die üblichen Fragen zum Trail, super entspannend. Im Dorf, das aussehen soll wie in Bayern, gehen wir gleich in ein bayrisches Restaurant. Das Schnitzel war leider nichts, auch das wird zu einem Burger vergewaltigt. 
Korrektur von Andy: Es hat einen japanischen Koch, ist eher japanische Küche. 

Danach suchen wir uns ein Hotel und duschen, duschen und duschen nochmals, herrlich!!! Beim späteren Einkauf besichtigen wir dieses absolut kitschige, völlig übertriebene bayrische Dorf. Typisch Amerika, gibt viel zum Lachen. Andy hat kürzlich seine Schuhe mit einem Ast aufgeschlitzt, also kaufen wir für ihn in den letzten Tagen noch neue Schuhe. Meine sind immer noch gut, die werden die letzten 303,2 Kilometer noch halten. 

Morgen geht’s in den Endspurt. Die Motivation ist bei uns noch vorhanden, aber unsere Körper sind beide froh, wenn wir zu Ende sind. Nicht nur die Füsse leiden, überhaupt der ganze Körper will Pause. Und der Hunger ist auf dem Weg ein ständiger Begleiter, nicht zu schlimm, aber es genügt, um sich aufs Ende zu freuen. 

Schluss bei km 3963 oder Meile 2462, gelaufen sind wir 19 km oder 11 Meilen.

Tag 124, 1. Sept., Meile 2451

Um sieben ziehen wir los, es geht fast durch Urwald, die Pflanzen sind nass vom Tau. Es ist wieder wunderbares Wetter, wir laufen bis zu einem Platz am Bach und dort essen wir ein Sonntagsfrühstück. Auf einer grossen Steinplatte kochen wir Reis mit Käse, anschliessend wieder Bananen-Honig-Tortilla, einen grossen Becher Kaffee mit Vanillegeschmack dazu, nicht schlecht. Das Schleppen der Esswaren lohnt sich nicht, und weil wir besser vorankommen als gedacht, können wir richtig reinhauen. Um halb zehn gehen wir weiter, es ist sehr warm geworden.

In Schlaufen geht der Trail hinauf in felsige Berge, mal roter, dann wieder grüner Fels und auf der gegenüberliegenden Seite sind sie fast weiss bis silbern, eine sehr abwechselnde Landschaft. Was es hinauf geht, müssen wir wieder hinunter, durch Wald und Gestrüpp. 

Bis um eins haben wir 750 Höhenmeter hinauf und 550 Meter hinunter und eine Strecke von 14 km hinter uns. Hier legen wir erstmal eine Mittagspause ein, die Beine spannen schon ein bisschen. Danach weiter Richtung Piper Pass, den erreichen wir um halb fünf. Die Wolken hängen über uns, aber wir bleiben trocken und es ist warm. Nach dem Pass geht der Trail wieder hinunter, einfach der absolute Wahnsinn mit dieser Landschaft, wir können uns gar nicht satt sehen. 

Wir steigen gleich nochmals hoch und geniessen oben eine atemberaubende Sicht: unten auf einen See, in die fernen Berge und mit diesen Wolken – sowas von Schönheit vor dem Feierabend. Der Zeltplatz ist wieder tiefer gelegen, herrlich am Wasser, solche Plätze zum Zelten, was soll ich sagen, der Tag endet wie er angefangen hat, gut. 

Beim Zeltplatz entdeckt Andy Bärenspuren. Er fragt: «Soll ich dir den Honig unter das Kopfkissen legen?» Sehr nett, haha. Heute hatte es einige Wanderer unterwegs, Hiker haben wir nur vier gesehen. Wir sind aber auch flott unterwegs dieses Rauf und Runter ist genau wie wir’s gerne haben. Nur die Gipfel fehlen, zuhause müssen wir dieses Jahr noch den einen oder anderen Gipfel besteigen.

Schluss bei km 3944 oder Meile 2451, gelaufen sind wir 37 km oder 23 Meilen.

Tag 123, 31. August, Meile 2428

Wir stehen um halb sieben auf, die Vögel ums Zelt werden immer lauter, ein hübscher Wecker. Zum Frühstück gibt’s eine Banane mit Honig und Tortilla und los geht’s.

Erst mal hinunter zu einem Wasserfall. Dort machen wir uns einen warmen Schokodrink, wir haben keinen Stress mehr. Andy läuft mit der Schiene so sicher und schnell, er findet sie bequem, stört ihn überhaupt nicht beim Laufen.

Danach gehen wir weiter hinunter, um dann gleich wieder 700 Höhenmeter hinaufzulaufen. Zum Glück ist es etwas verschleierter Himmel, also nicht zu heiss, super Wanderwetter. Wandern in einer Berglandschaft mit Schneefeldern und richtig tollen Wegen, uns gefällt es.

Ich mache ein Foto von der gegenüberliegenden Bergseite mit Bergen, Andy steht daneben wie meistens, wenn ich ein Bild mache. Er: «Etwas tiefer, ein Drittel Himmel macht man, das genügt.» Ich zu ihm: «So, so, jetzt kommt unser Stolperpfötchen und erklärt mir wie ich zu fotografieren habe. Das mit dem Drittel hast du gerade erfunden, weil dir die Berge gefallen. Normal stehst du neben mir und furzt, das nervt weniger als diese Anweisungen wie ich zu fotografieren habe.» Er: «Das ist eben der Auslöser, wenn du ein Bild machst.» Solch ein blödsinnige Unterhaltung, es wird Zeit, dass wir fertig werden mit dem Trail, finden wir und lachen uns schlapp. Das mit dem Wind ablassen ist bei dem Essen kein Wunder, der Magen und der Darm sind immer ein Thema, denn du isst Unmengen, wäre ja komisch, wenn die nicht rebellieren würden.

Um halb zwei kommen wir oben an und machen dort nochmals eine Pause bei schönstem Wetter.

Danach geht es wieder hinunter mit Sicht auf einen See (Waptus Lake?) bis zu einem Fluss und dann wieder hoch. Die Beine sind nochmals gefordert hier in Washington, ein ständiges Auf und Ab, der Weg geht in vielen Schlaufen über Pässe und Saddles. Feierabend machen wir um sieben und essen nochmals etwas. Wir wollen die restlichen Kilometer einfach voll auskosten.

Schluss bei km 3907 oder Meile 2428, gelaufen sind wir 36 km (22 Meilen).

Tag 122, 30. August, Meile 2406

Erst um halb acht steigen wir aus dem Bett. Nachdem wir die Sachen im Rucksack verstaut haben, ist meiner ist pumpenvoll. Andy hat mir durch die High Sierra geholfen, und jetzt helfe ich ihm auf den letzten 400 Kilometern. Eigentlich wollte ich noch das Zelt in meinem Rucksack verstauen, aber Andy war damit nicht einverstanden.
Unten in der Küche sind alle etwas am machen, einer macht Pancakes, ein anderer Brötchen, einer kocht Eier und wir werden den Abwasch machen. Wir essen ziemlich viel und gehen danach noch weiter vorne in den Laden, um Äpfel, Bananen und Kaffee-Drinks für die nächsten drei Tage mitzunehmen. Statt dem Zelt trage ich jetzt etwas zur täglichen Freude mit, so ein Kaffeedrink am Morgen ist lecker, oder eine Banane in einer Tortilla und diese dann mit Honig zu bestreichen, darauf haben wir Lust. 

Wir gehen um 11 Uhr auf den Weg, der geht gleich mal 800 Höhenmeter in die Alpine Lakes Wilderness hinauf. Ein super Weg, teilweise sehr steil, genau das was Andy liebt. Mittlerweile mag ich direkte, steile Aufstiege lieber, als wenn es in langen Schlaufen hinaufgeht, dann hast du ewigs bis du an Höhe gewinnt. 

Um 13 Uhr sind wir oben und essen an einem See. Das Wetter hat gewechselt von grau und bewölkt zu blauem Himmel. Danach wird es immer bergiger. Der Weg ist teilweise einfach im Fels oder führt durch Geröllhänge. Und die Aussichten sind unglaublich: in der Ferne den Mount Rainer und weit unten eine Schlucht mit einem Fluss. Andy meint: «Ich könnte schreien, so schön ist das.»

Ich glaube die nächsten Tage sind schlicht und einfach wie eine Belohnung, für die ganze Lauferei. Ich freue mich unglaublich mit Andy weiterzumachen auf dem Trail. Er ist so motiviert, diese 400 Kilometer noch zu gehen, doch mit seinem Fuss ist das sicher keine einfache Sache. Das ist etwas, was ich an ihm sehr schätze, sein Wille etwas zu beenden, finde ich super. 

Es ist schon halb neun und ziemlich dunkel, aber nicht zu kalt, als wir das Zelt aufschlagen an einem See.

Schluss bei km 3871 oder Meile 2406, gelaufen sind wir 23 km oder 15 Meilen.

Zero Day, 29. August

Andy: Wir schlafen bis acht, die anderen sind schon unten beim Frühstück. Hier in dieser Alpine-Club-Hütte geht’s ziemlich easy zu, nicht wie in einem Schweizer Berghaus. Es hat Schlafsäle, das Essen holt man sich selbst aus der Küche und hilft ein wenig mit beim Kochen und Abwasch, etwas wie in einem Lager, aber total unkompliziert. Das Personal (glaub freiwillige Clubmitglieder) ist manchmal hier und manchmal nicht, irgendwie klappt alles super. Duschen hat’s im Keller und draussen, eine Waschmaschine gibt’s auch, sie steht im Freien, wieso da – keine Ahnung.

Allgemein darf man auch nicht den Standard einer SAC-Hütte erwarten, er ist tiefer, dafür auch der Preis: 40 Dollar pro Nacht mit Frühstück und Nachtessen für zwei Personen.

Rosa: Andy zieht die Schiene gleich an, er läuft nur noch mit Schiene, sicher ist sicher, sage ich!

Das Ende des PCT rückt jetzt schnell näher: Es sind nur noch etwa 420 Kilometer, aber Höhenmeter werden es in den nächsten Tagen nochmals einige sein. Wir rechnen so um die 30 km pro Tag zu machen, Zero-days werden wir sicher drei einlegen. Mit dem Wetter sollten wir Glück haben, die Prognosen sind bei 10 – 20 % Regenwahrscheinichkeit für Washington, also geniales Wetter. 

Insgesamt 14 Wandertage plus 3 Zero-days gibt 17 Tage. Morgen gehen wir los, nach dem Frühstück, also sollten wir am 16. September ankommen, wenn alles gut geht und das Wetter mitspielt. Das sind jetzt konkrete Zahlen, Tage, die man an den Händen abzählen kann, das Ende wird greifbar. Einerseits freuen wir uns auf das Ende, anderseits haben wir einen Riesenspass zusammen auf dem PCT. 

Heute sind wir noch auswärts eine Pizza essen gegangen und haben für vier Tage eingekauft, Kleider gewaschen und beide Rucksäcke entrümpelt. Alles, was wir nicht mehr gebraucht haben, kam in die Hiker-Box.

Der Tag vergeht viel zu schnell, als wir alles gemacht haben, gehen wir nach unten in den Esssaal.

Anmerkung Rosa: Bin gespannt, wie der Rest geht zum Laufen. Andy könnte ja einen Bären satteln und zur kanadischen Grenze hinauf reiten. 🐻

Tag 121, 28. August, Meile 2391

Wir stehen um 5 Uhr auf. Das Wetter könnte nicht besser sein, wir haben in Washington bis jetzt wirklich Glück mit dem Wetter.

Andys Fuss ist etwas angeschwollen, aber tut ihm zum Glück nicht weh. Auch heute geht’s durch Wald, am Morgen zuerst hinunter und dann hinauf zu einem See, der umgeben ist von Bergen, sehr schön. Hier essen wir was und laufen dann weiter. Der Weg wird immer anspruchsvoller, steinig (auch mit grossen Steinen), geht über Wurzeln, ständig rauf und runtersteigen – er geht ganz schön in die Beine. Ich überlege die ganze Zeit, wie das gehen soll mit dem Fuss von Andy. Wenn er nochmals das Band überdehnen würde, wäre es sicher unser Ende auf dem Trail. Irgendwie muss der Fuss fixiert werden, zuhause hätten wir eine Schiene für diesen Fuss, mit der könnte er besser laufen. Heute kommen wir zum Snoqualmie Pass und dort müssen wir probieren, sowas übers Internet zu bestellen. Weil mit grösster Wahrscheinlichkeit wird es im nächsten Dorf sowas nicht haben.

Andy ist den ganzen Tag über sehr vorsichtig. Nach ein paar Stunden kommen wir zum Parkplatz vor dem Dorf auf dem Pass. Auch hier eine Trailmagic, unglaublich. Dean und Carrie haben für die Hiker aufgetischt: Bananen, Äpfel, Chips und alles Mögliche. Wir essen und reden, ein sehr nettes Paar. Dann gehen wir weiter ins Dorf, da es ein Skigebiet ist, hat es lauter Ferienhäuser, Hotels, eine Tankstelle und Einkaufsmöglichkeiten, nicht mehr. Zuerst gehen wir einen Burger essen, dort gibt’s ein gratis Bier für Hiker. 

Der heutige Tag ist der absolute Wahnsinn, das hat schon am Morgen angefangen: Wir reden über Süsses und zack! hängt an einem Pfosten ein Beutel mit Riegel und Smarties zum Mitnehmen. Danach sehen ein Auto im Wald stehen und finden einen Mann, der Pilze sammelt und zack! kriegen wir ein Soda. Später vom Weg hinunter treffen wir nochmals auf Trail-Magic vom Feinsten. Und was finden wir hier in der Hikerbox? Zack, eine Schiene für Andys Fuss, sogar eine noch bessere als die zuhause. Langsam wird es unheimlich, so viel Glück ist unglaublich. ‚Der Weg wird es richten’, ist wirklich so auf dem PCT, es gibt immer eine Lösung.

Zum Übernachten gehen wir hier ins Hostel des Alpine Club Washington. Dort drinnen gibt es Spaghetti und Wein dazu – einfach genial! Ich bin richtig happy, mit der Schiene geht es sicher weiter für Andy. Obwohl, Andy würde sogar auf allen Vieren oder per Pferd bis zur kanadischen Grenze gehen. Aufgeben (an dieser Stelle) kommt für ihn nicht in Frage.

Schluss bei km 3848 oder Meile 2391, gelaufen sind wir 40 km oder 25 Meilen.

Tag 120, 27. August,

Es verspricht wieder ein superschöner Tag zu werden, keine Wolken am Himmel. Um sechs laufen wir los, den Waldbrand lassen wir hinter uns.

Wir wandern acht Kilometer hinunter zu einer Hütte, die für Schneemobilfahrer ist, Hiker dürfen sie auch benutzen. Krass wie wir jeden Tisch und jede Sitzgelegenheit zum essen nutzen. Langsam aber sicher vermissen wir so alltägliche Sachen wie an einem Tisch zu essen, jeden Tag duschen oder einfach den Kühlschrank zu öffnen, etwas Frisches rausnehmen wie Obst, Gemüse, Käse und Milch. Ich frage Andy was er von zu Hause am meisten vermisst. Er ohne lange zu überlegen: «Die Kinder und unsere Daunendecke». Bei mir sind es auch die Kinder, dann Argo (unser Hund) und unsere Küche, gutes Essen und vieles mehr.

Nach dem Frühstück gehe ich zum Bach, der etwas weg von der Hütte ist, um Wasser zu holen. Als ich zur Hütte zurückkomme sitzt Andy im Gras. Ich frage ihn, ob er hierbleiben will, er: «Nein, ich hab mir erneut den Fuss verknackst.» Er ist einfach nicht der Vorsichtigste, hüpft die Treppe hinunter, steht dabei auf ein Stück Baumrinde und zack!, es legt ihn hin. Der Fuss ist wieder angeschwollen, scheint aber diesmal nicht so schlimm zu sein.

Er geht den ganzen Nachmittag vorne, der Weg ist perfekt für ihn, ein weicher flacher Boden zum Hang. Wir laufen meistens im Wald, manchmal durch sehr schönen alten Wald und dann wieder durch abgeholzte Flächen. Hier wird überall abgeholzt, scheint seit Jahrzehnten ein Abholzgebiet zu sein. Teilweise sind die Flächen wieder mit aufgeforstet, mal sind’s noch kleine, mal schon grössere Bäume. Einer Fläche mit alles gleich grossen Bäumen sieht aus wie Felder.

Es ist ein ständiges Auf und Ab laufen, etwa 1400 Höhenmeter hinauf, 1400 hinab, macht aber Spass, wir fühlen uns sowas von fit. Ist extrem, wir kommen nicht an unsere Grenzen, am Abend könnten wir immer noch weitergehen. Aber Andy muss einfach mehr aufpassen mit seinem Fuss.

Hier gibt es wieder Riesenpilze. Und überall Beeren, die sind unglaublich fein, wir essen zwischendurch einfach vom Wegrand.
Schluss bei km 3808 oder Meile 2366, gelaufen sind wir 43 km (27 Meilen). 

Anmerkung Andy: Da wir immer mehr Gewicht verlieren, hab ich wenigstens einen fetten Fuss und muss weniger tragen, Rosa dafür mehr.

Tag 119, 26. August, Meile 2339

Wir stehen um halb sechs auf. Der Himmel ist klar und kein Wind, verspricht ein super Wandertag zu werden. Am Morgen ist es trotzdem sehr frisch auf dieser Höhe von 1700 bis 2000 Meter über Meer.

Es ist ein einfaches Wandern, die Wege sind in einem guten Zustand und die Landschaft ist atemberaubend schön. Die Seen sind türkisgrün, die Tannen spiegeln sich im Wasser, gibt tolle Bilder. Hier gibt es Elche und Hirsche, und natürlich Bären und viele andere Tiere, so viele Tierspuren wie noch nie sehen wir auf dem Weg.

Um zehn sind wir bei der Passtrasse Hwy 410, von dort geht es wieder hinauf und bei einem See essen wir zu Mittag. Wir geniessen einfach noch die Zeit auf dem Weg. 

Der Nachmittag ist am Anfang noch toll, Täler auf der einen Seite, auf der anderen ein grosses Skigebiet. Leider gehen wir danach bis um halb acht nonstopp durch Waldbrandgebiet, es zieht sich über mehrere Täler und Hügel hinweg. Diese Strecken stinken uns langsam aber sicher. Nie hätten wir im Vorfeld mit so vielen Kilometern PCT-Weg durch Waldbrandgebiet gerechnet. Es fängt schon in der Desert in California an, dann in Oregon wird es schlimmer und in Washington bist du soweit, dass du einfach in einem Stück durchläufst, wenn es machbar ist. Wenn nicht, musst du zwischen verbrannten Bäumen zelten, das ist dann nicht gerade berauschend. Ist heute der Fall, wir zelten an einem Platz mit Asche und verkohlten Bäumen.

Dazu kommt noch, dass Tageshiker hier sind, die auf keinen Fall wollen, dass wir unser Zelt in ihr aufgeschlagenes Nachtlager stellen. So müssen wir unser Zelt etwas abseits stellen, wo alles voller Asche ist. Mit den Möchtegern-Rambos wollen wir uns nur wegen einem besseren Platz nicht anlegen.

Schluss bei km 3765 oder Meile 2339, gelaufen sind wir 43 km oder 26 Meilen

Tag 118, 25. Aug., Mount Rainier Nationalpark

Andy ist mitten in der Nacht wach, er wechselt ständig seine Liegeposition, ich schlafe dadurch natürlich auch nicht mehr. Dann fragt er, ob ich schlafe, es wäre sicher möglich, wenn er mich lassen würde. Gespräche mitten in der Nacht sind toll, findet er. Es ist unglaublich, wir haben hier so viel Zeit miteinander, 24 Stunden am Tag, laufen ja meistens hintereinander her, trotzdem reden wir oft noch nachts über alle Eindrücke vom Tag.

Gestern Abend haben Hiker vor unserem Zelt gekifft, der Rauch zog zu uns, genau bei Andy vors Netz. Also dieser übermässige Konsum von dem Zeugs, ist wirklich etwas, das mich nervt. Das nächste Mal werden wir den Platz wechseln, so wie Andy aussieht, ist es nicht harmlos, was sie da rauchen (dicke Tränensäcke). Einige scheinen den Weg wirklich unter Dampfbetrieb zu laufen, unglaublich, sind tagsüber richtig schnell, rennen auf dem Trail an einem vorbei. Schon manchen Hiker haben wir nachher im Dorf hinkend gesehen. 

Um acht haben wir alles eingepackt und essen im Store ein Frühstück, der Kaffee ist fein, der Rest ist Kalorien. Tea-Time fragt mich, was ich da in der Folie habe, ich: «Ich weiss nicht, aber die Verpackung hat mir gefallen», der Inhalt war weniger toll.

Um 10 Uhr gehen wir auf der Strasse zurück zum PCT, ich erholt, Andy etwas erschlagen. Der Weg geht weiter durch sehr schönen Wald und das Wetter ist genial schön, ein herrlicher Sonntag in Washington. Hier hat es Tageswanderer und Reiter unterwegs, und Leute, die auf die Jagd gehen, sehen wir auch.

Etwa um 14 Uhr essen wir bei einem Bach. Andy kocht Kartoffelstock und Nudeln mit Käse, ist nicht wirklich der Hit, aber der Hunger ist weg. Es beginnt der Aufstieg in die Rainier Wilderness, es ist eine bergige Landschaft mit steilen Felswänden und immer wieder Seen in den Ebenen. 

Der Mount Rainier Nationalpark Park erstreckt sich über eine Fläche von 872 km2, davon sind 97 Prozent unberührte Wildnis. Im Zentrum des Parks ist der Mount Rainer, ein aktiver, 4392 m hoher Vulkan, umgeben von uralten Wäldern und Wiesen. Der Berg überragt alle umliegenden Berge etwa um 2000 Höhenmeter, er ist der höchste Gipfel der Kaskadenkette und in Washington. 

Der Mount Rainier sieht sehr mächtig aus, ihn zu besteigen, das wär was. Er ist aber sicher mehr als eine Nummer zu gross für uns, der PCT führt an ihm vorbei, das muss uns genügen. 

Am Abend zelten wir zuoberst in einer Baumgruppe gleich neben dem Weg. 
Schluss bei km 3722 oder Meile 2313, gelaufen sind wir 34 km oder 21 Meilen.