Wir müssen noch zwei Nächte in einem Hotel warten bis unser Flug zurück in die Schweiz geht. Mit Andys Fuss ist es leider nicht möglich noch viel zu unternehmen, drum verbringen wir die meiste Zeit im Hotel.
Mit meinem Handy ist es sehr mühsam. Der Retourflug über Istanbul hat uns schliesslich Fabian von zuhause aus gebucht. Wenn wir wieder nach Amerika gehen, werde ich mir ein iPhone besorgen.
Beim Frühstück sind die ersten Hiker bei uns vorbeimarschiert. Die Schwellung an Andys Fuss ist grösser geworden, ich binde sie mit einer Bandage ein. Andy nimmt nur das leichte Zeugs und ich nehme beide Bärensäcke mit dem Essen. So kann Andy mit meinen Stöcken gehen, seine sind ja gestern gebrochen. Wir machen den ganzen Tag immer wieder Pausen, dadurch sind wir recht langsam.
Gegen Mittag stehen wir auf dem Kearsarge Pass. Ich bin ziemlich ausser Puste mit all dem Gewicht. Hier runter ist alles im Schnee und der ist jetzt auf dieser Seite sehr weich. Andy rutscht ab und zu, das ist für ihn unangenehm, sein Fuss schmerzt ziemlich.
Fast beim Parkplatz treffen wir auf ein Paar, das mit seinen Hunden unterwegs ist. Ich frage mich, wieso Andy diesen Hunden so viel Beachtung schenkt, so schön sind sie nicht. Ich will jetzt runter zum Parkplatz und unten eine Mitfahrmöglichkeit finden. Auf dem Parkplatz setzt sich Andy hin, es hat wieder andere Hiker, die auch darauf warten. Meinem Mann ist das egal, er isst erst mal was. Als das Paar ankommt, denke ich, mir werde es noch schlecht bei seinem Gesülze wegen diesen Hunden. Aber er hat unsere Mitfahrgelegenheit abgesichert, die anderen Hiker müssen warten, Pech für sie. Andy überrascht mich immer wieder. Dass diese zwei unser Taxi werden, war ihm schon klar, als er sie oben angesprochen hat. Hinten auf dem Pick-up konnten wir bis Orion Valley fahren.
Dort angekommen stellen wir uns an die Strasse. Es kommen noch zwei Hiker, zu viert ist es schwieriger eine Mitfahrtgelegenheit zu bekommen. Nach einer Weile gehen die andern zwei, kurz darauf hält ein Pick-up. Wir setzen uns hinten auf die Ladebrücke und fahren bis zum Zeltplatz in Bishop. Auf dem Zeltplatz bekommen wir einen Platz mit einem holländischen Paar, sie wollen anderntags auf den Mount Whitney gehen. Wir geben ihnen unser Essen, uns bringt es ja nichts mehr, sie freuen sich sehr darüber. Danach gehen wir ins Starbucks-Café, um unsere Heimreise zu organisieren.
Wir sind um 5 Uhr losgewandert. Der Schnee ist richtig hart, die Schneefelder haben viele Löcher und sind jetzt wie eine Berg- und Talfahrt. Der Forester Pass ist streng zum Aufsteigen, aber wir finden es weniger gefährlich als alle erzählt haben. Als Schweizer sind wir uns anderes gewöhnt, die Querung im oberen Teil fanden wir nicht wirklich spektakulär, wir haben ja auch die eine oder andere Tour in der Schweiz gemacht. Auf dem Pass machen wir eine längere Pause. Es sind zwei Tagestouristen hier, die den gleichen Weg zurückgehen.
Der Abstieg vom Forester Pass ist alles im Schnee, an manchen Orten rutschen wir darum auf dem Hosenboden nach unten. Hier hat es in diesem Winter auch Lawinenabgänge gegeben. Im Wald unten sieht es recht wild aus, die Bäume liegen einfach kreuz und quer herum.
Es hat eine grosse Gruppe PCT-Hiker im Wald, die wir aber nicht kennen. Über einen reissenden Bach hat es einen rutschigen Stamm. Das Wasser schiesst mit einer hohen Geschwindigkeit und viel Druck den Hang runter, man hätte keine Chance im Wasser. Die einen Hiker stellen sich wie ein Gitter in den Bach (sie werden vom Rand aus von anderen gehalten), um jemanden aufzufangen, der reinfallen würde. Ich bin jetzt besser geworden bei diesen Flussüberquerungen über Baumstämme. Beim Weitergehen verteilen sich alle wieder. Die einen machen Pausen, die anderen wollen schnell weiter. Es kommt kein Fluss mehr auf diesem Abschnitt, so kann jeder wieder für sich hiken.
Andy läuft vor mir, rutscht plötzlich mit dem rechten Fuss von einem Schneehaufen runter. Sein Stock bricht und er kann sich nicht auffangen. Er sagt nachher, er habe einfach den Fuss nicht mehr halten können. Ich nehme das Gepäck und bringe es zu einem Platz, dort werden wir den Fuss anschauen. Andy ist ziemlich fertig, er meint mit diesem Fuss geht es für ihn nicht mehr weiter. Das sehe ich auch so, es scheint keine Zerrung zu sein, aber mir macht die Beule am Fersen Sorgen. Also erst einen guten Platz zum zelten suchen und dann mal warten. Das Essen sollte reichen, weil wir im voraus damit gerechnet haben, dass der Fuss wieder Probleme machen könnte.
Beim Zeltplatz stellen wir das Zelt auf und ich suche genügend Holz zusammen für ein Lagerfeuer. Wir besprechen die Lage. Falls die Schwellung hinten die Achillessehne ist, könnte es sein, dass Andy deswegen keine Chance hat den Fuss zu halten. Er sagt, beim Laufen müsse er den Fuss immer gerade aufsetzen, sonst knicke er ab.
Wir beschliessen, dass es besser ist aufzuhören, denn jetzt ist es noch möglich rauszulaufen. Ihm tut`s leid, dass wir jetzt den Hike nicht fertigmachen können. Ich sage ihm, für mich sei das kein Weltuntergang. Ich finde, wir haben so viele tolle Sachen erlebt und viel gelacht, es war eine sehr intensive Zeit, die wir zusammen erlebt haben. Aber das stellt ihn nicht wirklich auf, hilft nur wenig. Ich probiere es mit einer anderen Variante: Es wäre viel schlimmer gewesen, wenn wir auf dieser Reise gemerkt hätten, dass wir sowas nicht miteinander machen können. Das hat geholfen, er fragt: «Würdest du es wieder machen mit mir?» «Geht’s noch!?», antworte ich, «sicher nicht, einmal reicht voll und ganz». Er schaut verdutzt und ich lache. Ich würde sowas mit ihm jederzeit wieder machen.
In dem Moment beschliessen wir, dass wir diesen Hike nochmals machen werden. Hoffentlich, wenn es geht. Den Abend verbringen wir am Feuer mit essen und reden. Essen hilft wie immer, Andys Stimmung hat sich auf jeden Fall gebessert.