Tag 125, 2. Sept., Meile 2462, Leavenworth Bavaria

Um sechs sind wir gleich losgegangen, denn wir sind nur 17 Kilometer entfernt von Schnitzel und Bier, in Leavenworth Bavaria. Ist so eine Wunschvorstellung, aber eigentlich glauben wir es beide nicht recht, dass es klappt. Ein Dorf für Touristen, ist nachgebaut, dass es aussieht wie in Bayern, verrückt die Amis. Also sind wir die Strecke schnell gelaufen, der Trail geht durch Wald zum Stevens Pass  hinunter, den erreichen wir um halb elf. Unser Hunger ist zu gross, wir gehen gleich hier auf dem Pass einen Burger mit Pommes essen. Erst danach machen wir Autostop nach Leavenworth Bavaria.

Zwei junge Männer nehmen uns mit. Die Fahrt hinunten haben wir gute Musik und es ist mal ohne die üblichen Fragen zum Trail, super entspannend. Im Dorf, das aussehen soll wie in Bayern, gehen wir gleich in ein bayrisches Restaurant. Das Schnitzel war leider nichts, auch das wird zu einem Burger vergewaltigt. 
Korrektur von Andy: Es hat einen japanischen Koch, ist eher japanische Küche. 

Danach suchen wir uns ein Hotel und duschen, duschen und duschen nochmals, herrlich!!! Beim späteren Einkauf besichtigen wir dieses absolut kitschige, völlig übertriebene bayrische Dorf. Typisch Amerika, gibt viel zum Lachen. Andy hat kürzlich seine Schuhe mit einem Ast aufgeschlitzt, also kaufen wir für ihn in den letzten Tagen noch neue Schuhe. Meine sind immer noch gut, die werden die letzten 303,2 Kilometer noch halten. 

Morgen geht’s in den Endspurt. Die Motivation ist bei uns noch vorhanden, aber unsere Körper sind beide froh, wenn wir zu Ende sind. Nicht nur die Füsse leiden, überhaupt der ganze Körper will Pause. Und der Hunger ist auf dem Weg ein ständiger Begleiter, nicht zu schlimm, aber es genügt, um sich aufs Ende zu freuen. 

Schluss bei km 3963 oder Meile 2462, gelaufen sind wir 19 km oder 11 Meilen.

Tag 124, 1. Sept., Meile 2451

Um sieben ziehen wir los, es geht fast durch Urwald, die Pflanzen sind nass vom Tau. Es ist wieder wunderbares Wetter, wir laufen bis zu einem Platz am Bach und dort essen wir ein Sonntagsfrühstück. Auf einer grossen Steinplatte kochen wir Reis mit Käse, anschliessend wieder Bananen-Honig-Tortilla, einen grossen Becher Kaffee mit Vanillegeschmack dazu, nicht schlecht. Das Schleppen der Esswaren lohnt sich nicht, und weil wir besser vorankommen als gedacht, können wir richtig reinhauen. Um halb zehn gehen wir weiter, es ist sehr warm geworden.

In Schlaufen geht der Trail hinauf in felsige Berge, mal roter, dann wieder grüner Fels und auf der gegenüberliegenden Seite sind sie fast weiss bis silbern, eine sehr abwechselnde Landschaft. Was es hinauf geht, müssen wir wieder hinunter, durch Wald und Gestrüpp. 

Bis um eins haben wir 750 Höhenmeter hinauf und 550 Meter hinunter und eine Strecke von 14 km hinter uns. Hier legen wir erstmal eine Mittagspause ein, die Beine spannen schon ein bisschen. Danach weiter Richtung Piper Pass, den erreichen wir um halb fünf. Die Wolken hängen über uns, aber wir bleiben trocken und es ist warm. Nach dem Pass geht der Trail wieder hinunter, einfach der absolute Wahnsinn mit dieser Landschaft, wir können uns gar nicht satt sehen. 

Wir steigen gleich nochmals hoch und geniessen oben eine atemberaubende Sicht: unten auf einen See, in die fernen Berge und mit diesen Wolken – sowas von Schönheit vor dem Feierabend. Der Zeltplatz ist wieder tiefer gelegen, herrlich am Wasser, solche Plätze zum Zelten, was soll ich sagen, der Tag endet wie er angefangen hat, gut. 

Beim Zeltplatz entdeckt Andy Bärenspuren. Er fragt: «Soll ich dir den Honig unter das Kopfkissen legen?» Sehr nett, haha. Heute hatte es einige Wanderer unterwegs, Hiker haben wir nur vier gesehen. Wir sind aber auch flott unterwegs dieses Rauf und Runter ist genau wie wir’s gerne haben. Nur die Gipfel fehlen, zuhause müssen wir dieses Jahr noch den einen oder anderen Gipfel besteigen.

Schluss bei km 3944 oder Meile 2451, gelaufen sind wir 37 km oder 23 Meilen.

Tag 123, 31. August, Meile 2428

Wir stehen um halb sieben auf, die Vögel ums Zelt werden immer lauter, ein hübscher Wecker. Zum Frühstück gibt’s eine Banane mit Honig und Tortilla und los geht’s.

Erst mal hinunter zu einem Wasserfall. Dort machen wir uns einen warmen Schokodrink, wir haben keinen Stress mehr. Andy läuft mit der Schiene so sicher und schnell, er findet sie bequem, stört ihn überhaupt nicht beim Laufen.

Danach gehen wir weiter hinunter, um dann gleich wieder 700 Höhenmeter hinaufzulaufen. Zum Glück ist es etwas verschleierter Himmel, also nicht zu heiss, super Wanderwetter. Wandern in einer Berglandschaft mit Schneefeldern und richtig tollen Wegen, uns gefällt es.

Ich mache ein Foto von der gegenüberliegenden Bergseite mit Bergen, Andy steht daneben wie meistens, wenn ich ein Bild mache. Er: «Etwas tiefer, ein Drittel Himmel macht man, das genügt.» Ich zu ihm: «So, so, jetzt kommt unser Stolperpfötchen und erklärt mir wie ich zu fotografieren habe. Das mit dem Drittel hast du gerade erfunden, weil dir die Berge gefallen. Normal stehst du neben mir und furzt, das nervt weniger als diese Anweisungen wie ich zu fotografieren habe.» Er: «Das ist eben der Auslöser, wenn du ein Bild machst.» Solch ein blödsinnige Unterhaltung, es wird Zeit, dass wir fertig werden mit dem Trail, finden wir und lachen uns schlapp. Das mit dem Wind ablassen ist bei dem Essen kein Wunder, der Magen und der Darm sind immer ein Thema, denn du isst Unmengen, wäre ja komisch, wenn die nicht rebellieren würden.

Um halb zwei kommen wir oben an und machen dort nochmals eine Pause bei schönstem Wetter.

Danach geht es wieder hinunter mit Sicht auf einen See (Waptus Lake?) bis zu einem Fluss und dann wieder hoch. Die Beine sind nochmals gefordert hier in Washington, ein ständiges Auf und Ab, der Weg geht in vielen Schlaufen über Pässe und Saddles. Feierabend machen wir um sieben und essen nochmals etwas. Wir wollen die restlichen Kilometer einfach voll auskosten.

Schluss bei km 3907 oder Meile 2428, gelaufen sind wir 36 km (22 Meilen).

Tag 122, 30. August, Meile 2406

Erst um halb acht steigen wir aus dem Bett. Nachdem wir die Sachen im Rucksack verstaut haben, ist meiner ist pumpenvoll. Andy hat mir durch die High Sierra geholfen, und jetzt helfe ich ihm auf den letzten 400 Kilometern. Eigentlich wollte ich noch das Zelt in meinem Rucksack verstauen, aber Andy war damit nicht einverstanden.
Unten in der Küche sind alle etwas am machen, einer macht Pancakes, ein anderer Brötchen, einer kocht Eier und wir werden den Abwasch machen. Wir essen ziemlich viel und gehen danach noch weiter vorne in den Laden, um Äpfel, Bananen und Kaffee-Drinks für die nächsten drei Tage mitzunehmen. Statt dem Zelt trage ich jetzt etwas zur täglichen Freude mit, so ein Kaffeedrink am Morgen ist lecker, oder eine Banane in einer Tortilla und diese dann mit Honig zu bestreichen, darauf haben wir Lust. 

Wir gehen um 11 Uhr auf den Weg, der geht gleich mal 800 Höhenmeter in die Alpine Lakes Wilderness hinauf. Ein super Weg, teilweise sehr steil, genau das was Andy liebt. Mittlerweile mag ich direkte, steile Aufstiege lieber, als wenn es in langen Schlaufen hinaufgeht, dann hast du ewigs bis du an Höhe gewinnt. 

Um 13 Uhr sind wir oben und essen an einem See. Das Wetter hat gewechselt von grau und bewölkt zu blauem Himmel. Danach wird es immer bergiger. Der Weg ist teilweise einfach im Fels oder führt durch Geröllhänge. Und die Aussichten sind unglaublich: in der Ferne den Mount Rainer und weit unten eine Schlucht mit einem Fluss. Andy meint: «Ich könnte schreien, so schön ist das.»

Ich glaube die nächsten Tage sind schlicht und einfach wie eine Belohnung, für die ganze Lauferei. Ich freue mich unglaublich mit Andy weiterzumachen auf dem Trail. Er ist so motiviert, diese 400 Kilometer noch zu gehen, doch mit seinem Fuss ist das sicher keine einfache Sache. Das ist etwas, was ich an ihm sehr schätze, sein Wille etwas zu beenden, finde ich super. 

Es ist schon halb neun und ziemlich dunkel, aber nicht zu kalt, als wir das Zelt aufschlagen an einem See.

Schluss bei km 3871 oder Meile 2406, gelaufen sind wir 23 km oder 15 Meilen.