TAG 1, 4. April, Campo, Meile 0

«Southern Terminus, Mexico to Canada, 2650 miles». Es war aufregend an dem Startpunkt unseres Abenteuers zu stehen, das ausserdem über mehrere Monate gehen wird – hoffentlich. Für uns etwas ganz Neues, noch nie Erlebtes. Das wird eine Herausforderung sein in jeder Beziehung, das Wandern, jeden Tag im Zelt übernachten und auch 24-Stunden zusammen sein. An dem Punkt fragte ich mich, ob es wirklich machbar ist. Andy, mein Mann, schien keine Zweifel zu haben, für ihn war dies nur eine weitere Aufgabe zu sein, die es zu meistern gibt. Nervös sei er ja die ganze Zeit vorher gewesen, habe sich alles gut überlegt, genügend gesorgt und jetzt freue er sich aufs Wandern. Ich bin selten bis nie vorher nervös, ich löse Probleme, wenn sie da sind. Halt der spontane Typ, was nicht immer gut kommt, aber wir ergänzen uns super.

Ausser uns war nur noch ein Mann hier, der alleine loszog. Wir trugen uns ins Startbuch ein, kletterten auf das Monument, um einige Bilder zu schiessen, und los ging’s.

Etwa um 6 Uhr wandern wir los auf dem sandigen Weg. Ausgerüstet mit Hüten, Trail-Schuhen und Jacken. Unsere 68 Liter Rucksäcke sind schwer: meiner war 17 kg, Andys 19 kg. Aber die werden ja von Tag zu Tag leichter. Es ist bereits ziemlich heiss, wir haben 8 Liter Wasser dabei. Bis zur nächsten Wasserquelle sind es 15 Meilen (eine Meile ist 1,6 km).

Nach etwa vier Meilen machen wir die erste Trinkpause bei einem Bahngleis. Zwei junge Frauen, die auf dem Trail etwas flotter unterwegs sind als wir, ziehen an uns vorbei.

Das Wandern auf dem schmalen Pfad im recht flachen Gelände zwischen Gebüschen und Steinen, ist nicht so anstrengend. Mitten auf dem Weg sehen wir die erste Schlange – am ersten Tag. Am Mittag wurde es uns zu heiss. Für eine grosse Pause hockten wir unter ein dorniges Gebüsch, tranken Wasser und assen einen Snikers und einige Nüsse.

Nach einer Weile kam noch ein Hiker vorbei, der auch gleich eine Pause machte. Er ass  Tortillas, die er mit Erdnussbutter bestrich, sehr fett. Er erzählte, dass es nicht sein erster Hike sei, wir werden wahrscheinlich irgendwann auch so essen. Pro Wandertag soll man bis zu 4000 Kalorien verbrauchen, da musst du schon jede Menge essen.

Wir mussten weiter, auch wenn es heiss war, wir wollten bis zur Wasserstelle. Als wir beim Bächlein ankamen, waren verschiedene Hiker da, die alle ihr Wasser filterten. Erst beim nächsten Campingplatz, bei Meile 20, gibt es wieder Wasser. Weil es unter den Bäumen beim Bach so gemütlich war, zogen wir noch die Schuhe aus, wuschen unsere Füsse und relaxten ein bisschen.

Danach ging der Weg einen steilen Anstieg hinauf, der nun voll in der Sonne war. Als wir diese Steigung geschafft hatten, beschlossen wir, dass es für heute genug ist. Also suchten wir einen Platz um unser Zelt aufzustellen. Dann richten wir alles ein zum Schlafen, bliesen die Matten auf und hängten unsere Schlafsäcke noch in die Abendsonne. Noch etwas essen, ein wenig über unseren ersten Tag reden bevor wir sehr früh schlafen gehen werden. Andy machte die Hitze zu schaffen und mir das lange Laufen, also meine Beine. Manchmal werden sie geschwollen, entzünden sich und dann habe ich keine Kraft. Ich bin überzeugt, dass es besser wird durchs tägliche Laufen. Wir nehmen an, dass sicher jeder von uns auf dem Fernweg irgendwas haben wird, entweder körperlich oder mental.

4. April 2017, San Diego – Campo (CA)

Frühmorgens um 4 Uhr holte uns ein Taxi beim Suites Hotel in San Diego ab, um uns in die Nähe des Monuments, des südlichen Startpunktes vom PCT zu bringen. Der Fahrer bemühte sich unglaublich, uns in möglichst kurzer Zeit nach Campo zu fahren. Ihm war es wichtig, uns möglichst günstig ans Ziel zu bringen – sehr hilfsbereit. Er wäre glatt als Rennfahrer durchgegangen und sicher nicht als Verlierer!

Weder er noch wir wussten genau, wo dieses Monument „near Campo“ steht. Für den netten Rennfahrer war es selbstverständlich, bei einer Polizeistation nachzufragen, aber leider war um diese Zeit niemand da. Doch er half uns weiter bis wir in der Nähe des Startes waren. Wir wünschten einander gegenzeitig eine gute Zeit und gingen in der Dämmerung zum Monument in der Wüstengegend.

Vorbereitung zum PCT 2017

Nach längerer, intensiver Internetsuche stiess ich auf den Pacific Crest Trail (PCT): 4265 km oder 2650 Meilen, ca. 5 bis 6 Monate unterwegs mit Zelt. Von der mexikanischen Grenze rauf zur kanadischen Grenze. Als Belohnung? Ich musste mich doch noch vergewissern, ob das wirklich eine gute Idee ist, bevor ich sie Andy unterbreite.

Wir wohnen mit unserem Sohn in einer selbst umgebauten Scheune, in der einige Pferdeboxen waren, die wir vermieten. Deshalb sind immer verschiedene Mieter auf unserem Grundstück. Also einfach mal aus dem Fenster schauen, den vernünftigsten Mieter aussuchen und ihn fragen. Zum Glück war genau so jemand da. Mit einem Bier ging ich zu ihm auf einen Schwatz und erzählte ihm von meiner Idee. Er dachte sich, die zwei machen das sowieso nicht. Zu alt, zu weit und überhaupt vergessen die das sowieso wieder. Seine Antwort aber war: „Finde ich eine super Idee.“ Diese Antwort hatte ich echt nicht erwartet. Vielleicht sollte ich das nächste Mal das Bier sein lassen.

Am Abend schlug ich diesen Weitwanderweg mal so beiläufig meinem Mann vor, ohne Bier diesmal. Nach doch etwas längerem Nachdenken und einigem Stöbern im Internet, fand er es eine recht gute Idee. Wir schauten uns dann einige Filme über den PCT auf YouTube an. Da kam uns ein junger Mann bekannt vor. Sein Name war Rolf Waser, ein Nachbar von uns. Er hatte auch Lust, uns von seinem Erlebnis zu erzählen und danach waren wir definitiv überzeugt. Die Landschaftsbilder waren einfach spektakulär!

Es blieb noch die Frage, ob es für uns von der Fitness her überhaupt möglich ist. Rolf ist etwa so alt wie unser Sohn und optisch fit wie ein Turnschuh. Unser Sport war Reiten gewesen, Kondition und Ausdauer also nicht unsere Stärke. Und das gemütliche Essen hat auch seine Spuren hinterlassen. Aber probieren geht über studieren.

So fingen wir mit längeren und intensiveren Wanderungen an und schauten darauf, dass wir möglichst viele Höhenmeter an einem Tag schafften. In der Regel aber hatten wir nach jeder Wanderung starken Muskelkater. Wir forderten uns sehr, aber gaben nicht auf.

Der PCT ist ein Höhenweg und führt über die High Sierra. Auf dem höchsten Punkt, dem Forester Pass auf 4017 m.ü.M, wird es sicher auch Schnee haben. Unser Plan war auch den Mount Whitney, mit 4419 m der höchste Berg in den USA, zu besteigen. Die meisten Hiker, die „John Muir Trail“ (ausgehend vom Yosemite-Nationalpark) machen, steigen auf den Mount Whitney.

Dann unternahmen wir geführte Touren mit einem Bergführer und einen Einsteigerkurs ins Klettern und das Verhalten im Schnee. Der Kurs dauerte 4 Tage und mit einem Profi am Berg war eine super Erfahrung für uns. Weil wir ihn nur für uns zwei hatten, konnten wir ihn richtig mit Fragen löchern. Dabei lernten wir die Handhabung von Seil, Pickel und Steigeisen. Recht interessant war auch die Routenfindung mittels GPS. Dies wird uns eine gewisse Sicherheit für den Fernwanderweg geben.

Also ging es richtig zur Planung und wir mussten auch unsere Ausrüstung optimieren.

Da wir beide in einem festen Arbeitsverhältnis angestellt sind, also mussten wir erst abklären, ob und wie wir einen sechsmonatigen Urlaub bekommen. Andy arbeitete 100% in den Monaten Januar – März und Oktober – Dezember (bei 50% Lohn über das ganze Jahr) und ich 60 %. Beide hatten wir viel Überzeit angesammelt, das war unser Pluspunkt zum Verhandeln. Durch den Bezug meiner Überzeit, ergaben sich nicht sechs Monate unbezahlt, sondern nur vier Monate.

Wir hatten ein riesiges Glück, dass beide Arbeitgeber einverstanden waren, die längere Auszeit bei ungekündigtem Arbeitsverhältnis zu bewilligen. Dadurch hatten wir die Gewissheit nach dem Urlaub wieder angestellt zu sein. Mit Andys 50%-Lohnzahlungen und unseren Mieteinnahmen konnten wir den PCT für uns finanzieren.

Da wir unsere laufenden Kosten möglichst klein halten, ist dies möglich. Mit unserem Garten und Obstbäumen, sind wir fast Selbstversorger.

Für uns lag aber auch der Reiz darin, mit möglichst wenig Geld, Kleidern und Ausrüstung auszukommen. Wir rechneten für unterwegs mit etwa CHF 1000.- im Monat pro Person. Das Essen auf dem Trail wird nicht teuer, dafür waren bei der Ausrüstung die Anschaffungskosten erheblich, insgesamt kamen wir auf ca. CHF 6000.-. Bächli Sport und Transa haben uns gut beraten. Unter anderem kauften wir neue Trailschuhe (zwei Nummern grösser), bessere Schlafsäcke und ein 4-Saison-Zelt, alles viel leichter, auch die Matten (NeoAir von Transa) mit isolierender Alufolie sind nur 340 Gramm. Als Regenschutz nahmen wir einen Regenponcho Exped (auch von Transa) Grössen M, 240 Gramm, die den Rucksack auch abdecken. Gutes und leichtes Material ist recht kostspielig, aber es lohnt sich. Das Gewicht war für uns der wichtigste Punkt, es ist wahrscheinlich Match entscheidend für das Bewältigen des langen Trails. Du trägst es immer mit dir herum, ein halbes Jahr lang. Beim Loslaufen wird der Rucksack allein durch all das Essen und das Wasser schwer sein.

Für die Anmeldung im Internet mussten wir uns am 13. Februar 2017 um genau 10:30 Uhr kalifornischer Ortszeit auf der Internetseite vom PCT einloggen und den Tag auswählen, an dem man starten möchten. Der Run ist gross und wir zwei wollten zusammen starten.

Deshalb hat uns Sven, ein Bekannter, mit zwei Laptops zeitgleich angemeldet. Es hat super geklappt: Wir besassen jetzt zwei Startplätze am 4. April 2017 beim Southern Terminus in Campo, California.

Sven durften wir auch alle wichtigen Daten und Unterlagen wie Passkopien, Visa, Bankkarten, Bewilligungen und so angeben. Sollte etwas schief gehen, haben wir jemanden, der englisch spricht und uns helfen kann, allfällige Probleme zu lösen. Danke dir Sven!

Kurz darauf beantragten wir das B-2-Visum und buchten den Flug und ein Hotel für die ersten Tage in Kalifornien. Ab dann war unsere Vorfreude durch ein untrügliches Grinsen im Gesicht nicht mehr zu übersehen.

Packliste 2017 (pdf)