26. Juni, Zero Day in Bridgeport

Wir schlafen erst mal aus und gehen danach zum Frühstück in einen Imbiss. Das Dorf ist eine breite Strasse mit Häusern links und rechts, alles sehr sauber. Einige alte Gebäude sind liebevoll hergerichtet, die Leute sind sehr nett und scheinen richtig gemütlich zu sein, die Autos fahren im Dorf nur im Schritttempo. Hier dürfen wir nicht zu lange bleiben, dieses ’nur kein Stress, es wird schon‘ steckt an.

Ich gehe in den Dorfladen für ein Sandwich, hinter der Theke ist ein junger Mann mit Kopfhörern, der sich bewegt wie ein Panda. Ich zeige auf ein Sandwich, er schüttelt den Kopf, nicht zu haben, ist nur Auswahl. Super, er macht die vorweg frisch. Dann fängt es an: welches Brot, welches Fleisch, dasselbe wie in der Auswahl? Ich möchte Roastbeef,  dann zieht er’s durch: welche Butter, mit Zwiebeln, mit Gurken, Mayo, Senf…? Und so fort, dazwischen kommt noch sein Kollege zum Quatschen. Eigentlich ist mir die Lust auf das Sandwich inzwischen vergangen, aber davonlaufen, machst du hier nicht, wir müssen morgen ja noch unsere Lebensmittel hier einkaufen.
Wieder draussen erwartet mich Andy, dann gehen wir durchs Dorf und schauen, was es so hat, aber einen Waschsalon finden wir nicht. Also werden wir die Kleider in der Badewanne waschen. Natürlich telefonieren wir noch mit unseren Kindern, ist einfach schön, wie sie uns bei unserer doch etwas verrückten Reiserei unterstützen.

Hiker gibt es hier nicht so viele, schon auf dem Weg in den letzten Tagen haben wir fast niemanden getroffen. All-in ist noch im Dorf, er wird auch morgen weitergehen, doch Andy und ich werden jetzt wieder alleine wandern, es war schön in der Gruppe, aber weniger spontan, wie wir es lieben zu reisen.
Morgen geht es mit weniger Gewicht auf dem Rücken weiter auf dem PCT, wir freuen uns sehr darauf. Nicht mehr mitnehmen werden wir auch den Bärenkanister (ist ab hier keine Pflicht mehr) und die langen Hosen (wir hoffen, dass es mit den Regenhosen geht). Am Abend gehen wir noch fein essen und trinken ein Bier auf Markus.

Tag 62, 25. Juni, über 1000 Meilen, Bridgeport

Als wir loslaufen ist der Schnee pickelhart, den Pass erreichen wir bevor die Sonne aufgeht. Auf der anderen Seite unten angekommen, stossen wir auf einen Bach zum queren. Es hat zwar einen Baumstamm darüber, aber leider ist der zu kurz. Markus und ich steigen danach ins Wasser. Andy, der Schlaumeier, nimmt einen dicken Ast mit, um trockenen Fusses ans andere Ufer zu kommen. Er schmeisst ihn ins Wasser, logisch der Ast schwimmt davon. Es sieht zum Schreien aus, wie er verzweifelt versucht, den Ast  mit den Stöcken zu halten, wir lachen uns kaputt. Erst als er fast reinfällt, gibt er auf und steigt wie wir Normalsterblichen ins Wasser.

Wir laufen auf dem Trail, die Frage ist nur auf welchem. Dass es nicht der PCT ist, merken wir erst als auf einem Schild Kennedy Canyon steht. Zum PCT müssen wir wieder hinauf, doch wir verlaufen uns nochmals. Als wir es irgendwann geschafft haben und wieder auf dem PCT sind, legen wir gleich eine Pause ein und geniessen ein Frühstück. All-in kommt und ist verwundert uns zu treffen. Keiner bindet ihm auf die Nase, dass wir desorientiert im Wald herumgelaufen sind.

Nach der Pause geht es zum Pass hoch, wir verlieren einander. Als Andy und ich den Hang hochsteigen, sitzt Markus auf seinem Kanister auf dem Weg. Wir steigen weiter gerade auf zum Leavitt Peak, über Stein und Geröll. Auf dem Gipfel ist es so windig, dass wir einen geschützten Platz suchen. Diese Bergkette ist total anders als die zuvor, sehr kahl, fast ohne Pflanzen, einfach nur Geröll und Felsen, es ist Vulkangestein.

Nachher geht es auf dem Bergkamm nach vorne, bis es zur Sonora-Passstrasse runter geht. Hier laufen wir teilweise über lange Schneefelder und haben zum Schluss lange Abfahrten auf dem Hosenboden, macht immer wieder Spass. Bei der Passstrasse geht Markus weiter auf dem PCT, wir wollen nach Bridgeport hinunter, wir trennen uns. Markus und seine Sprüche werden uns sehr fehlen.

Andy und ich stehen nicht lange an der Strasse bis ein Rentner anhält, der die Strecke regelmässig abfährt, um Hikern zu helfen. Das tut er einfach für gute Hiker-Geschichten, auf gar keinen Fall will er Geld dafür. Sehr netter Mann, es sind immerhin 30 Meilen bis zum Dorf. Beim Motel haben wir einen Trailer gebucht. Der Receptionist erklärt uns, dass die Trailer nur beschränkt heisses Wasser haben und wir sicher mehr brauchen. Für zehn Dollar mehr gibt es ein Zimmer mit unbeschränkt Wasser. Dazu gibt er noch extra Shampoo, plus extra Frotteetücher. Sehr klar, was er uns sagen möchte, wir gehen erst mal duschen.
Schluss bei km 1636 (Meile 1018), gelaufen sind wir 34 Kilometer bzw. 21 Meilen.

Tag 61, 24. Juni, Meile 997, der Bär

Um 6 Uhr brechen wir auf. Der Wasserstand ist tatsächlich etwa 15 cm tiefer, ein Baumstamm, der gestern noch unter dem Wasser war, ist jetzt unsere Brücke.
Gleich danach kommt der nächste Arm von diesem Gewässer. Markus steigt rein und quert ihn. Aber mir ist die Strömung zu stark, wenn Markus bis über die Hüfte im Wasser steckt, muss ich wahrscheinlich schwimmen. Andy entdeckt einen Baumstamm, der aber leider hoch über dem Wasser ist. Scheint für All-in kein Problem zu sein, er geht vor. Für mich sieht der Stamm ziemlich verrottet aus, Andy stochert mit seinen Stock und bricht dabei ganze Stücke raus. All-in sitzt drauf über dem Wasser und fragt: «Hält er?», Andy: «Mehr oder weniger». Wir sollten schon ein wenig schonungsvoller mit unserem Mithiker sein. All-in überquert sitzend, Andy läuft rüber, kommt zurück und nimmt meinen Rucksack. Ich mach’s wie All-in.

Wir gehen gleich weiter den Hang hinauf, ist ohne Schnee. Markus hat einen super Platz gefunden, um sich zu trocknen, dort machen wir Pause. Danach über den Pass, wieder im Schnee. Hinunter im Wald steigt Andy ziemlich vor uns, wir drei reden ihm zu viel beim Laufen. Plötzlich kommt er zurück, mir ist gleich klar wieso. Ich frage leise: «Ein Bär?» Er nickt und schon sehen wir ihn: ein ausgewachsener Bär kommt etwa 20 Meter vor uns schräg den Hang hinauf. Dieses Erlebnis ist unbeschreiblich schön, diese Kraft, mit der er sich in aller Ruhe den Hang hochschiebt. Andy ruft was, dass der Bär uns sieht, er guckt und dreht ab. Markus wagt sich etwas vor und schiesst dieses sensationelle Bild. Wir sind alle begeistert, so ein Erlebnis am zweitletzten Tag in der High Sierra.

Weiter geht’s ins Tal hinunter, da kommt wieder ein Fluss, der Tilden Canyon Creek, zum Queren. Er ist etwa 15 Meter breit und tief. Andy steigt rein und durchquert ihn ohne Mühe. Wir anderen gehen nach, die einen mit Gejammer, das Wasser ist eiskalt.

Am Nachmittag wandern wir alles im Schnee am Tilden Canyon Creek entlang zum Dorothy Lake Pass. Überall läuft Schmelzwasser den Hang hinunter, den ganzen Tag haben wir nasse Füsse. Bei einer Pause erholen wir uns, Andy macht ein Nickerchen. All-in dauert dies zu lange, er läuft mal vor. Als wir drei so anderthalb Stunden unterwegs sind, entdecken wir unseren Mithiker auf einer Steinplatte, er macht Feierabend, es sei ihm zu streng, er will in der Nacht weitergehen. Wir gehen weiter, uns ist es diesmal zu früh um Feierabend zu machen. Andy läuft voraus und sucht immer einen guten Weg durch das Labyrinth von Bäumen und Schneehügeln. Markus gibt von hinten die Richtung an und ich schaue, wo es Spuren von anderen Hiker gibt.

Auf diese Weise sind wir etwa um 18 Uhr zwei Kilometer unter dem Pass. Da gibt es sogar einen Zeltplatz ohne Schnee. Wir kochen noch was und reden eine Weile, ist einfach ein netter, entspannter Abend.
Schluss bei km 1602,5 (Meile 997), gelaufen sind wir 25,5 km oder 21 Meilen.

Tag 60, 23. Juni, Meile 981

PS: Äxgüsi, gestern habe ich etwas unklar geschrieben. Moni und Patrizia haben uns, also den PCT, wegen den vielen Flussquerungen verlassen.

Um fünf Uhr ziehen wir los zum Benson Pass, steigen im gefrorenen Schnee hoch, teilweise über Sun cap. Es ist sehr steil, nach 15 Minuten haben wir schon richtig Betriebstemperatur erreicht, einfach Jacke ausziehen und weiter. Nach einer Stunde stehen wir auf dem Pass, das ist super easy gegangen. Alle sind glücklich, ich sage zu ihnen: «So, jetzt sagt mal ‚Danke Rosa‘, gestern wäre das im nassen, weichen Schnee ein extrem mühsamer Aufstieg gewesen.» Brav wie sie sind, bedanken sie sich und wir machen ein Pass-Selfie.

Danach kommt der recht steile Abstieg ins Tal. Unsere erste Flussquerung über den Piute Creek ist keine grosse Sache. Dann steht der nächste Pass, der Seaver an, es geht wieder gerade hinauf im Schnee. «All in», unser amerikanischer Mithiker versteht die Welt nicht mehr, er kennt sich mit Schnee nicht aus, was wir hier machen, ist nicht ohne für ihn. Dazwischen machen wir Frühstück mit sensationeller Aussicht ins Tal. Wenn All-in wüsste was kommt!

Nach der Pause geht es steil hinunter, da ist es ihm nicht mehr ganz geheuer, er hat aber keine bessere Wegfindung. Es kommt noch verrückter: beim Fluss Kerrick Creek verläuft der Weg oberhalb im Hang, leider unter einer dicken Schicht Schnee, hier müssen wir immer gut aufpassen, dass wir nicht abrutschen, alle sind sehr konzentriert, der tosende Fluss unten motiviert uns genug. Markus läuft hinter All-in und ich vor ihm, irgendwann fragt er mich: «Is this safe?» (Ist das sicher?), ich sage: «Not really but an experience», nein, nicht wirklich, aber ein Erlebnis. Er verliert ein wenig die Fassung, das bekommt dann Markus ab, der es mit seiner einfühlsamen Art auch nicht verbessert. Nachher müssen wir den Fluss queren, wir suchen lange, aber überall ist die Strömung zu stark. Zum Glück finden wir ein Baumstamm, auch hier darf nichts passieren, denn darunter ist die Strömung stark. Für Andy ist der Gang über den Baumstamm ein Kinderspiel, Markus und ich müssen all unseren Mut zusammennehmen. Ich schnaufe ein paar Mal tief durch und gehe konzentriert hinüber. Marcus ist auch sehr bei der Sache und jubelt, als er drüben ist. All-in ist ganz cool, er hat alles im Griff.

Alle gehen dann voll motiviert den nächsten Pass hoch. Ohne Schnee ist das Wandern einfach genial, wir sind schnell oben. Hinunter hat’s natürlich wieder mit Schnee. Andy ist begeistert, ein Wald mit riesigen Fichten (sind evtl. Sequoias). Markus und ich umarmen eine, mit unseren Stöcken als Verlängerung schaffen wir’s grad. All-in lacht uns aus: «Verrückte Schweizer, kommen nach California um Bäume zu umarmen.»

IMG_9325In diesem Tal – hier wäre eigentlich nur ein Bach – müssten wir durch einen etwa 10 Meter breiten und tiefen Stream schwimmen, aber darauf hat jetzt niemand Lust, so machen wir Feierabend. Ich stelle das Zelt extra zwischen die riesigen Tannen für Andy (er ist total fasziniert von diesen Giganten), derweilen steigt Andy in den Bach um sich zu waschen – er ist einfach ein bisschen crazy. All-in ist ziemlich fertig mit den Nerven, möchte wissen, was er von den drei Schweizern denkt.
Schluss bei km 1576,8 (Meile 981), heute sind wir 24 km (15 Meilen) gelaufen.

 

Tag 59, 22. Juni, Meile 966

Um halb sechs gehen wir los bei klarem Himmel, es ist kalt. Zuerst geht’s durch ein Tal, es hat überall Wasser, das Gras ist gefroren. Markus und Patrizia sind schneller, wir laufen mit Moni hinten. Es kommt ziemlich Schnee im Wald, Markus geht vorne weg, wahrscheinlich, um nach der nächsten Flussüberquerung Ausschau zu halten. Wir anderen steigen im Schnee den Wald hinab, unglaublich diese Schneemenge, es ist ja Sommer.

 

Der erste anspruchsvolle Fluss ist der McCabe Creek. Markus hat eine Stelle gefunden, die zum queren gehen sollte. Ich gehe noch den Fluss hinauf und Andy hinunter, aber wir finden nichts besseres. Also versucht es Markus, er kommt ohne Probleme rüber. Moni ist es gar nicht wohl beim Gedanken, dass nach dieser Querung noch weitere folgen, heute und in den nächsten Tagen. Patrizia sagt uns, dass sie mit Moni zurückgeht, sie verlassen uns.

Andy schaut mich an und mir ist klar, wenn ich mit ihm rübergehe, wird mir nichts passieren. Umkehren können wir immer noch, das Essen würde jedenfalls reichen, und dazwischen vom Weg rauszugehen, wäre ja auch eine Option. Diese Flussüberquerung macht mir Angst, ich halte mich mit einer Hand an Andys Rucksack fest bis wir auf der anderen Seite des Flusses sind. Heute schaffen wir die drei Flüsse ohne grössere Mühe, wir finden zum Glück immer gute Stellen. Bloss Markus fällt fast in den total harmlosen Matterhorn Creek, ein «Pippikram», wie er immer sagt, es ist sehr amüsant mit ihm.

Wir laufen jetzt zu viert: Al ist ein Amerikaner, der uns gefragt hat, ob er die Strecke mit uns laufen dürfe, hikt jetzt mit uns. Er ist sehr froh, mit uns zu laufen wegen dem vielen Schnee und den Flussquerungen. Einmal, als es steil nach unten geht, rutsche ich aus und lege eine rasante, nur teilweise kontrollierte Rutschpartie hin mit Bremsung im kleinen Bach. Unten stehe ich schnell auf, bloss nichts anmerken lassen, sage, das war so gewollt, aber werde trotzdem ausgelacht.

Der Nachmittag ist wieder sehr streng, zum Benson Pass hoch ist alles im weichen Schnee. Andy stapft wie üblich einfach hoch, wir laufen hinter ihm. Wir sind schon über 20 Kilometer gelaufen und haben drei Flüsse gequert, jetzt will Markus noch den Pass machen und danach den noch hinunter. Andy ist damit einverstanden. Ich verstehe die Welt nicht mehr, ist das Gegenteil, was wir abgemacht haben. Wir haben doch abgemacht, dass wir die Strecken verkürzen, wenn es Schnee hat. Andy spürt auch seinen Fuss immer noch und morgen früh ist der Schnee gefroren und sicherer zum laufen. Ich rede Klartext mit Markus, sage ihm, dass ich jetzt hier zelten will und nicht zuschauen möchte wie Andy nochmals den Fuss überbeansprucht. Das versteht Markus sofort und wir vereinbaren, dass wir noch die nächsten Tage zusammen bis zum Pass laufen. Danach wird Markus bis nach Kanada sprinten, mit seinen gewaltigen Waden (er hat wirklich viel Kraft in den Beinen). Das ist zwar schade, denn wir mögen ihn und seine aufgestellte, unkomplizierte Art wirklich sehr. Er ist toll, doch wir haben unterschiedliche Interessen, er möchte möglichst schnell vorwärts und wir wollen noch manches neben dem Weg entdecken, darum ist es ok, dass wir uns nach der High Sierra trennen. Das mit den anderen Zweien war halt ein Entschluss, der zur Trennung führte, war etwas unerwartet und auch sehr schade, es war sehr unterhaltsam mit euch. Moni, du und dein Känguru (Marc-Uwe Kling) fehlen mir jetzt schon.
Schluss bei km 1553 (Meile 966), gelaufen sind wir 23,5 km oder 15 Meilen.

Tag 58, 21. Juni, Meile 951, Yosemite National Park

Um 5 Uhr klingelt der Wecker. Andy verschwindet im Wald, ich verstaue mein Material, als ich fertig bin, frage ich mich, wo er bleibt. Die anderen sind in den Startlöchern, also packe ich schnell Andys Sachen in den Rucksack. Endlich kommt er mit dem Essen, es war anscheinend nicht so einfach, den Knopf von der Schnur zu lösen.

IMG_9295Den Morgen verbringen wir in einem sehr grünen Tal, herrlich dieses Laufen ohne Schnee, so könnte es jetzt tagelang weiter gehen. Markus und Patrizia ziehen vorne weg, Moni und wir beide machen Fotos unterwegs und bleiben mal stehen, um es einfach zu geniessen. Diese Stimmung am kalten Morgen, wenn alles noch leicht gefroren ist und es über dem Wasser leichter Nebel hat, sieht schon toll aus. Wir sehen viele Tiere, Vögel, junge Wiesel und zwei Munggen, einer geht nicht weg, aber berühren würde ich ihn nicht, er guckt böse. Auch ein sehr zutrauliches Deer, ich kann mich ihm bis auf sechs Meter nähern, um es zu fotografieren, dabei stehe ich fast auf eine Schlange, die reagiert ziemlich genervt. Andy und ich sind ganz in unserem Element, ständig sehen wir etwas Interessantes, das kostet Zeit, in der wir laufen sollten. Markus und Patrizia müssen ständig warten, sie sind halt wesentlich schneller und zielstrebiger als wir drei. Wir finden, die kanadische Grenze läuft ja nicht weg, hingegen weisst du nie, ob du wieder solche Momente hast.

Mittagspause machen wir bei der Passstrasse, Tioga Pass Hwy 20 , die ist jetzt zwischenzeitlich für Autos geöffnet, morgens und nachmittags je zwei Stunden. Der heutige Nachmittag ist einfach der absolute Hammer, wir wandern dem Tuolumne River entlang, dann stürzt er als unglaublicher Wasserfall in die Schlucht hinunter, ungeheuere Wassermengen schiessen ins untere Becken. Andy setzt sich gleich mal hin, er ist hin und weg vom Anblick. Unten geht’s zweimal über Brücken über den Fluss, dort machen wir eine kleine Pause. Sehr speziell sind auch die Berge vom Yosemite National Park, die sehen einfach aus wie gigantische Steine, teilweise ganz glatt und glänzend. Das Wetter ist etwas wolkig mit einem leichten frischen Wind, immer noch nicht sommerlich.

Am Abend laufen wir noch ein Stück wieder aus der Schlucht heraus zu einem Zeltplatz.
Marcus ist ganz relaxed was das Aufhängen des Essens betrifft, wir machen es einfach. Wenn du dir vorstellst, wie lange du suchen musst, wenn ein Bär deinen Kanister bearbeitet oder der Kanister irgendwo hinunter fällt – also aufhängen geht schneller.

Schluss bei km 1530, bei Meile 951, wir sind 30 Kilometer oder 19 Meilen gelaufen. Erstaunlich, mit doch grossen Pausen und ohne Stress haben wir heute eine grosse Strecke zurückgelegt. Verstehe gar nicht, wie wir das gemacht haben.

Tag 57, 20. Juni, Meile 932

Um halb sechs gehen wir los, wieder im Schnee. Mit dem Gewicht (Essen für acht Tage) sind alle ziemlich langsam. Der Schnee sollte langsam – glaube ich – weniger werden, das wäre schon gut, uns reicht es, immer nasse Füsse zu haben. Die Täler sind jetzt zum grossen Teil schneefrei, erstmals sehen wir auch einen See, der aufgetaut ist. Moni freut sich und Andy meint, dass es ein gutes Gefühl sei, der Sommer komme.

Nach dem Frühstück steigen wir weiter den Hang hinauf, einfach gerade hinauf bis zur Mittagspause. Es ist steil, zwischendurch löse ich Andy ab an der Spitze. In der Pause machen alle ausser Moni ein Nickerchen, sie ist nicht so erschöpft wie wir. Danach müssen wir zum Island Pass hoch und der nächste, der Donohue Pass an der Grenze zum Yosemite Park, kommt dann in 12 Kilometern. Wir steigen Schritt um Schritt zum zweiten Pass hoch, es ist unglaublich streng. Auf dem Pass ist es windig und leicht bewölkt, deshalb haben wir keine Lust Pause zu machen, steigen also gleich ins nächste Tal ab, immer auf Schnee.

Moni hat noch die Idee, wie wir vier Flussquerungen einsparen können, das ist mir natürlich recht. Gegen 17 Uhr kochen wir uns etwas, so gibt’s sicher keinen Bärenbesuch beim Zeltplatz. Andy und ich sind da vorsichtig mit den Bären, denn wir haben keine Lust irgendwas zu ersetzen, weil so ein Tier ins Nachtlager kommt und es kaputt mach. Es ist halt wie mit allem, auch wenn es x-mal gutgeht, kann trotzdem was passieren.

Danach laufen wir Richtung dem schneefreiem Tal. Um 19 Uhr machen wir Feierabend, Markus möchte zwar weitere 200 Meter absteigen, aber ich setze mich durch: Es wird jetzt Schluss gemacht, genug Meilen für heute. Besser, wir steigern uns langsam oder laufen mehr, wenn die Wege schneefrei sind. Evtl. morgens im gefrorenen Schnee. Andys Fuss schmerzt nicht mehr und hoffentlich bleibt es so.

Schluss bei km 1500 (Meile 932), gelaufen sind wir 24 km oder 15 Meilen.

Tag 56, 19. Juni, Meile 917

Um halb acht geht’s zum Frühstück, wir essen so viel, dass uns der Bauch weh tut. Bei Andy geht’s noch, aber mir fehlt schon mehr Gewicht, so esse ich meistens vor allem Bananen und Glacé, einfach so viele Kalorien wie möglich.
Nachher nochmals duschen und unsere Rucksäcke packen, sie sind bei uns beiden schwer. Mein Bärenkanister ist zu zwei Dritteln gefüllt mit Protein-Riegeln, der Rest ist Süssigkeiten.

Heute hängen Andy und ich im Starbucks herum, telefonieren und trinken Kaffee bis wir uns mit den anderen treffen zum Mittagessen. Meine Borritos sind unglaublich scharf und Wahnsinnsportionen. Dann sehe einen Hiker der «Tschüss Füdli Büss» vorbeigehen, ich freue mich riesig. Er kommt gleich zu uns, wir umarmen uns, hätten beide nicht gedacht, uns nochmals zu treffen. Super, er ist jetzt auch in dieser Section, es sind nur noch zwei der Truppe «Tschüss Fudle Büss» unterwegs, leider hat sein Bruder aufgegeben. Er erzählt von seinen Erfahrungen in der High Sierra, sie fanden es streng bis hierher, ich finde, er sieht aber sehr fit aus, und schon geht’s weiter, wir grüssen See you on the trail, Umarmung, er geht einkaufen, wir zum Bus.

Es fährt kein Bus rauf zum Pass bei Meile 903 und mit Andy wollen wir nicht so lange auf Teer laufen. Eine Frau fragt uns, ob sie uns zur Talstation des Skigebiets hochfahren soll. Während der Fahrt hinauf macht sie ein Interview mit uns, für die örtliche Zeitung. Als wir aussteigen sind, schiesst sie noch ein Bild für die Zeitung, wir bedanken uns und ziehen los.

Wir müssen sechs Kilometer auf der Teerstrasse bis zum PCT Weg laufen, als wir dort sind, machen wir eine kleine Pause. Wir steigen bei Meile 914 wieder in den PCT ein und wandern wir noch zwei Stunden auf dem Weg den Hang hoch bis zum Zeltplatz, wieder einmal ein genialer Platz.

Die anderen möchten von mir eine Schulung im Bärenkanister aufhängen, können sie gerne haben: Schnur um den Kanister binden, einen hohen Ast aussuchen und mit richtig viel Schwung den Kanister über den Ast schmeissen. Das Ende der Schnur hältst du natürlich fest. Es wird ein sehr lustiges Unterfangen, bei Markus geht es schnell und sieht professionell aus. Bei Patrizia könnte es passieren, dass sie vom Gewicht des Essens selbst beim Ast landet und der Kanister am Boden bleibt. Unser Kanister hängt schliesslich viel zu nahe am Stamm, gleich neben Patrizias. Der einzige wirklich sicher aufgehängte Kanister ist der von Moni: hoch genug (etwa sechs Meter) und genug weit weg vom Stamm.

Schluss bei km 1476 (Meile 917), wir sind 4 km auf der Trail gelaufen,
Ausgelassen haben wir das Stück von Meile 903 -914.

Zero Day, 17./18. Juni, schlafen, essen, waschen, planen

Am 17. Juni gehen wir zum Sportgeschäft Footloose Sport, es ist super, wir laufen rein und schon werden wir herzlich empfangen von Kevin Hepburn. Auch er kennt die Story von uns und findet uns unglaublich. Wir als Ehepaar auf dem PCT, das könne er nur bewundern. Er ist eindeutig von Füssen begeistert, er vergleicht Andys Art zu gehen mit einem Pferd, ich finde, es sieht eher aus wie eine Ente, die watschelt. Mit den Füssen von Andy ist er eine Zeit lang beschäftigt, genial, er gibt gute Tipps: Kleine Schritte machen, die Füsse gut kühlen und auch die Kompessionsstrümpfe sind wichtig.

Danach gehen wir noch mit Moni ins Info und Forstservice-Center, auch dort bekommen wir einigermassen gute Nachrichten. Nachher natürlich in den Starbucks, um unseren Blog zu verschicken und zu telefonieren.

Am Abend gehen wir noch mit den anderen fein essen, wird ein lustiger Abend. Patrizia ist ziemlich müde, so gehen wir früh zum Hotel zurück.

Am 18. Juni gehen Andy und ich nach dem Frühstück ins Starbucks. Wir besprechen noch, was in den letzten Tagen schief gegangen ist. Es ist sehr wichtig sowas zu analysieren, wieso es passiert ist. Wir sind beide überzeugt, dass mein Sturz nicht passiert wäre, wenn ich von Anfang an meine Bedenken klar kommuniziert hätte. Der Sturz von Andy war schlicht und einfach Pech, man kann nicht immer sehen wie dick der Schnee ist oder was unter dem Schnee ist. Ob ein Stein, oder ein Baumstamm oder ein Hohlraum dazwischen. Bei Schnee auf dem Weg werden wir in Zukunft weniger Meilen machen, das Tempo der Gruppe ist uns zu hoch. Wenn uns im nächsten Streckenabschnitt etwas zu riskant ist, werden wir diese Strecke umlaufen, es gibt immer eine Alternative, die einfacher machbar ist. Wir zwei sind uns einig, so sind auch die letzten Meilen hoffentlich machbar, ansonsten ist die letzte Option für uns das Rausgehen.

Jemand hat uns gesagt, wir sollten die Verantwortung für die anderen drei übernehmen, der hat sicher nicht verstanden, was der PCT bedeutet. Wenn sich jemand entschliesst, ein halbes Jahr auf einem solchen Höhenweg zu laufen, sollte er in der Lage sein, selber zu merken, wann es für ihn zu gefährlich wird. In der Gruppe einander möglichst helfen ist machbar, aber sicherzustellen, dass dem anderen nichts passiert, ist nicht möglich. Natürlich ist immer ein Risiko dabei, wenn es Schnee hat, die Flüsse viel Wasser haben, man müsste auch gesichert gehen oder die entsprechende Ausrüstung dabei haben (was wegen dem Gewicht keiner hat). Das ist einfach so, jeder muss für sich entscheiden, wo seine Grenzen sind.

Gegen den Abend gehen wir zum Hotel zurück, um unsere Überlegungen den anderen mitzuteilen. Auch haben wir entschieden, noch einen Zero-day anzuhängen. Mit den neuen Schuhen und den speziellen Einlagen wird es mit Andys Fuss immer besser. Ich weiss, dass wir jetzt sehr egoistisch scheinen, bin aber überzeugt, dass es notwendig ist, die Strecke in unserem Tempo durchzuziehen, auch Andy ist nicht mehr der Jüngste. Patrizia, Moni und Markus wollen trotzdem weiter mit uns hiken.

Heute sind wir noch für acht Tage einkaufen gegangen, vor dem Center haben wir einen Schokoladekuchen verdrückt mit Unmengen Kalorien. Da kommt ein Hiker auf uns zu, im ersten Moment erkennen wir ihn nicht, Didi aus Wädenswil hat aber sehr abgenommen. Er erzählt, dass er vom Wasser weggespült worden ist und am Sonntag noch ins Gewitter gelaufen ist. Auf den Punkt gebracht, nicht wirklich ein entspanntes Wandern. Er wird heute noch weiter gehen, will einfach raus aus der High Sierra.

Danach machen wir noch unsere obligate Busfahrt, kreuz und quer durch Mammoth Lakes, der Ort ist riesig und recht auf Touristen ausgelegt. Der Bus ist übrigens gratis und der Fahrer ist wahrscheinlich gleich alt wie der Bus.
Anmerkung Andy:
Moni hat meinen Fuss super getaped 👍, dankeschön!
Und auch ein Danke nach Altendorf in die Physiotherapie.