Tag 132, 10. Sept. Meile 2604

Sind wir froh, dass wir im Motel erwachen und nicht im Zelt, draussen regnet es schon die ganze Nacht durch wie aus Kübeln. Im Motel lassen wir uns Zeit beim Frühstück, erst um 10 Uhr müssen wir das Zimmer räumen. Der Regen hört pünktlich um 10 auf, das ist einfach Glück. Beim durchs Dorf laufen, schauen wir uns die Gebäude an, sehen aus wie in einem Westernfilm. Andy meint, jetzt komme gleich eine Horde Reiter und überfalle die Bank. Viele und extrem schöne Oldtimer sind parkiert, es scheint ein ganzer Verein hier zu sein mit seinen Fahrzeugen.

Ein Grundstück steht zum Verkauf mit Haus und Garage und einem kleinen Schuppen (eigentlich sind alle drei Gebäude kaum mehr als ein Holzschuppen) für 433.000 US-Dollar. Ich sag’s ja: verrückt die Amis.

Wir müssen noch etwas für unsere Linie tun, gehen in einen Saloon und essen Pouletflügel mit Pommes. Wenn dir jemand sowas in der Schweiz servieren würde, würdest du fragen, ob er nicht mehr alle Tassen im Schrank habe. Vom Poulet merken wir nichts, aber der Teig und die Sauce, mit der die Flügeli zuflutet sind, beschäftigt unsere Mägen noch bis zum Abend.

Mit Autostopp geht’s wieder zum PCT zurück. Diese Passstrasse ist lässig, eine ganz andere Dimension. Wieder auf dem Weg, fängt es an zu regnen, wir ziehen Regenjacke und -hose plus den Poncho an, sicher ist sicher.

Die Berge werden immer flacher und der Weg ist sehr einfach zum laufen. Das Zelt stellen wir erst um 20 Uhr und essen im Zelt, weil es draussen regnet.

Schluss bei km 4191 oder Meile 2604, gelaufen sind wir 25 km oder 14 Meilen.

Tag 131, 9. Sept., Meile 2590, Winthrop

Wir stehen um 6 Uhr auf und verstauen unsere Sachen, bis auf Andys Telefon. Er wird hektisch, weil er das Mobiltelefon nicht findet. Ich verstehe nicht ganz, wieso das so tragisch ist, bis er sagt, dass beide Kreditkarten in der Hülle des Telefons sind. Er: «Ich habe es gestern bei den Toiletten eingesteckt zum aufladen.» Jetzt bin ich auch gestresst. Während er hochgeht zu den Wcs, suche ich in seinem Rucksack. An beiden Orten ist nicht. Schlussendlich finden wir’s im Zelt, mit den Karten. Solche Panikmomente zeigen dir dann, ob du den anderen noch als Hikepartner erträglich findest. Wir lachen darüber und gehen frühstücken.

Um 8 Uhr wollen wir wieder auf dem PCT sein. Der Bus, der uns zurück zum Weg bringt, macht noch einen Stopp bei einer Bäckerei, die etwas ausserhalb des Dorfes ist. Super, wie man beim einkaufen in die Backstube sieht und zuschauen kann wie die Angestellten die Gebäcke herstellen. Wir nehmen einen Hefekranz, der hat sicher 2000 Kalorien. Dann steigen alle wieder in den Bus und weiter geht’s hoch zur Rangerstation. Es sind nicht viele Hiker darunter, nur vier, die anderen sind Tagestouristen.

Wir ziehen gleich los, der Weg geht wieder durch sehr alten Wald. Die meiste Zeit laufen wir durch einen Gestrüpp-Tunnel, so geht es bis zum Hwy 20, da fängt es an zu regnen. Auf morgen Dienstag sind stärkere Regenfälle angesagt und wieder Thunderstorms.

Wir stellen uns an die Strasse, damit uns jemand mitnimmt hinunter nach Winthrop, das ist ein 400-Seelen-Dorf im Stil einer Westernstadt. Ein junger Mann fährt uns die Passtrasse hinunter. Ein unglaublich lieber Kerl, er will uns alles zeigen, typisch amerikanisch aus dem Auto. Er fährt uns bis zum Supermarkt, wollten wir eigentlich gar nicht hin, aber irgendwann wollen wir auch aussteigen. Wir denken, das wär’s und dass er jetzt weiterfährt und wir zu Fuss gehen, aber er wäre sogar bereit, auf uns zu warten bis wir unsere Einkäufe erledigt haben, um uns ganz in die Stadt zu fahren. Wir lehnen freundlich ab und gehen jetzt zu Fuss weiter.

Schnell finden wir ein Motel und machen uns dann zu Fuss auf ins Dorf. Nach fünf Minuten werden wir bereits wieder von einer Anwohnerin mitgenommen. Zu Fuss gehen, das macht man hier nicht. Auch sie erklärt uns alles übers Dorf, aus dem Auto heraus.

Im alten Schulhaus ist jetzt ein tolle Brauerei mit Restaurant und Live-Musik. Der Kolumbianer, der das Geschirr abräumt, singt super gut, er hat eine Wahnsinnsstimme. Ist klassische Musik – keine Ahnung wie das Stück heisst – es wird getanzt und applaudiert, wird ein genial schöner Abend. Im Dunklen sind wir zurück zum Motel gelaufen, einfach kreuz und quer durch die Wohngebiete.

Schluss bei km 4166 oder Meile 2590, gelaufen sind wir 31 km oder 20 Meilen. Endspurt 100 km oder 62 Meilen!

Zero Day, 8. Sept., Stehekin Ranger-Station

Der Regen hat aufgehört und wir gehen zur Laundry, um zu duschen und die Wäsche zu machen. Danach frühstücken wir im Restaurant. Es sind viele Hiker hier, aber nicht viele, die wir kennen. Die meisten, mit denen wir gestartet sind, haben den PCT entweder schon beendet oder auch abgebrochen. 

Hier auf der Ranger-Station ist doch tatsächlich eine Schweizerin angestellt. Sie erzählt von ihren Aufgaben als Rangerin, zu 60 Prozent ist sie draussen tätig. Sie erzählt von einem Bären, dem sie das Benehmen beibringen musste. Der Bär hatte herausgefunden, dass er, wenn er auf die Leute zu rennt, die gerade beim essen sind, ganz einfach zu Nahrung kommt. Den mussten sie mit Gummigeschossen korrigieren. Nur im äussersten Notfall werden Bären erschossen.

Im Washington State ist Feuer machen nur auf den Campingplätzen mit Feuerringen aus Eisen erlaubt und sonst gar nicht. Die Bäume im North Cascade Nationalpark sind bis zu 800 Jahre alt, Andy hat das schon vermutet. Bis sich ein Waldbrand regeneriert hat, dauert es 100 bis 200 Jahre.

Der Konsum von Marihuana ist im Nationalpark nicht erlaubt – er ist nicht in ganz Amerika erlaubt. Heute hat uns ein Hiker erklärt, dass es in Amerika zwei verschiedene Arten Marihuana-Stoffe gibt: einer beruhigt, macht down und der andere putscht auf. Er sagt auch, dass sie in den USA besseres und viel stärkeres Marihuana haben als in Europa. Ja, es ist so stark, dass sie wie verrückt husten. Weshalb dies als besser bezeichnet wird, ist sehr fraglich. Ein anderer Hiker erklärt uns, er könne dadurch den Weg viel intensiver wahrnehmen. Für uns ist nicht ganz klar, wieso man auf dem PCT überhaupt etwas braucht, uns fasziniert der Weg ohne etwas. Schon verrückt, wie verschieden die Leute empfinden, einige sind berauscht, wenn sie eine Bärenfamilie sehen, andere bräuchten jeden Tag ein neues Weltwunder.

Mit solchen Gesprächen verbringen wir den ganzen Nachmittag auf der Veranda mit Blick auf den See.

Tag, 130, 7. Sept., Meile 2570

Wir gehen um halb sechs los, es sind 43 km bis zur Ranger-Station, aber nicht flach. Von dort kann man mit einem Bus hinunter nach Stehekin beim Lake Chelas, der südlich des North Cascades National Park liegt. Auf Morgen ist ein Thunderstorm vorausgesagt, auf das Vergnügen wollen wir verzichten, Blitzeinschläge hier im Wald sind nicht was wir brauchen. Deshalb ist heute zügiges Laufen unser Fokus, Wald hin oder her.

Wir gehen heute schneller als gewöhnlich, meistens durch Wald, aber wir müssen zuerst 1000 Meter hinauf und nachher wieder hinunter bis zur Ranger-Station. Dort sind wir um halb sechs mit einer Pause. Diese langen Strecken sind jetzt überhaupt kein Problem mehr, ist ja klar, wir machen das ja schon über so viele Wochen, ‚es geht‘ wie von selbst. Ist ein tolles Gefühl, wenn der Körper einfach funktioniert und Energie vorhanden ist.

Mit einem Bus fahren wir über Schotterstrasse 20 km hinunter zum Dorf, der Parkplatz ist direkt beim Restaurant und Laden. Logisch, wir gehen gleich ins Restaurant. Da warten wir eine geschlagene Stunde auf ein Steak, das wirklich sehr gut war, aber auch teuer. Denn hier müssen sie alles per Schiff herbringen, es gibt keine Verbindung mit dem Auto. Das Zelt stellen wir bei Regen, das Duschen müssen wir abschreiben, die Laundry mit den Duschen hat um acht geschlossen.

Die Bedienung im Restaurant sagte, wir sollten in den Toiletten übernachten bei diesem Sturm. In den Toiletten zu übernachten kommt aber für uns nicht in Frage. Diese Thunderstorms sind heftig, in der Nacht donnert und blitzt es dauernd und der Regen trommelt richtig auf unser Zelt. Mit Schlafen ging es einigermassen, zum Glück ist unser Zelt sehr gut, bei Wind flattert es fast nicht, und es bleibt in der Regel innen trocken. 

Schluss bei km 4135 oder Meile 2570, gelaufen sind wir 45 km oder 29 Meilen.

Tag 129, 6. Sept., Meile 2541

In der Nacht hat es geregnet, um halb sechs stehen wir auf, es ist noch bewölkt. Wir gehen zuerst 700 Höhenmeter hinunter, überqueren unten eine Brücke, um nachher alles wieder hinaufzusteigen, sogar 800 Höhenmeter. 

Oben haben wir eine Weitsicht bis zum Horizont, nochmals eine superschöne Landschaft, in der wir laufen. Den Nachmittag verbringen wir wandernd in einem Wald. Andy meint, gewisse Bäume können 800 Jahre alt werden. Er schnüffelt an einem Baum, ist sich sicher, das ist eine Red Cedar. Mit Andy durch einen Wald zu laufen ist nicht einfach laufen, sondern wie eine Schulung. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal an Bäumen schnuppere. Ein Hiker, der zufällig dazustösst, muss natürlich auch schnuppern, da kennt Andy nichts. Der Hiker ist mässig begeistert, aber macht es.

Die letzten Tage haben wir uns über 160 Kilometer in ursprünglicher Natur bewegt, keine Strassen, keine Häuser, einfach nichts als Natur. Nur einige Wanderer und Tiere getroffen, die ganze Strecke ist… 🤗. Wenn man sich mal überlegt wie viel Lebensraum das ist für Pflanzen und Tiere, unglaublich.

Diese Weite ist sehr beeindruckend, da ist einfach klar, diese 160 km musst du jetzt durchlaufen. Höchstens der Helikopter würde dich hier rausfliegen, aber sicher nicht gratis oder wegen eines Problemchens. Beim Stevens Pass hatte es eine Vermisstmeldung von einem Hiker von diesem Jahr. Das macht dir den Unterschied zum Wandern in der Schweiz bewusst. Hier ist die Wahrscheinlichkeit, dass dich jemand findet, um vieles kleiner. Einen Notfallsender haben die meisten Wanderer dabei, der ist wirklich eine gute Investition.

Schluss bei km 4090 oder Meile 2541, gelaufen sind wir 37 km (23 Meilen).

Tag 128, 5. Sept., hey Bäri!

Wir gehen um sechs los, keine Wolke am Himmel, es verspricht auch heute ein schöner Tag zu werden. Als die Sonne am Horizont aufsteigt bleiben wir stehen, um den Moment zu geniessen. Lauter Berge und Täler bis zum Horizont, sogar den Mount Rainier sehen wir, was für eine geniale Sicht.

Ich sage zu Andy: «Jetzt noch ein Waschibär (Washington Bär) wäre toll. In dieser Landschaft hat es sicher viele Tiere.» Wir steigen ab, müssen über mehrere Bäche mit Brücken und dann wieder hoch. Wunderschön diese Berglandschaft, wir essen etwas beim Wasser. 

Um vier Uhr laufen wir immer noch den Hang hoch, es hat überall Huckleberries am Weg. Plätzlich bleibt Andy stehen, im niedrigen Gebüschen ist ein Bär am Beeren essen, nur etwa 10-15 Meter ab vom Weg. Sofort Kamera, ein Film und Fotos müssen einfach sein. (Leider können wir in unserem Blog keine Filme zeigen) Der Bär interessiert sich kein bisschen dafür, er zeigt uns sein Hinterteil (er ist noch nicht ausgewachsen). Andy ruft: Hey Bäri!», dann pfeift er, schnalzt mit den Fingern, aber nicht mal das stört ihn. Ich sag: «Hör auf, wenn der näher kommt! Und vielleicht ist eine Mama irgendwo.» So viel ich weiss, bleiben die Jungtiere bis zu zwei Jahren bei der Mutter. Wir albern weiter rum: «Der Bär stinkt mehr als wir, der sollte wieder mal eine Dusche nehmen, sag’s ihm mal» und: «Hey Bär, du hast Geschmack, diese Beeren sind wirklich fein» und so weiter. Bis wir bemerken, dass weiter oben noch zwei Bären sind, und einer davon ein rechtes Kaliber, auf seinen Hinterpfoten. Das überzeugt uns, wir sind dann mal weg. Mit einer Bärenmama ist nicht zu spassen.

Wir haben gehofft nochmals einen Bären zu sehen, aber dass wir jetzt gleich eine Mutter mit zwei Jungtieren sehen, ist schon der Hammer. Zum Glück war die Mutter weiter oben im Hang beim zweiten Jungtier, sonst hätte Andy das mit dem Pfeifen und Schnalzen schnell gelassen.

Auf dem Gipfel haben wir eine volle 360-Grad-Sicht – unglaublich schön. Es ist definitiv der beste Tag auf dem Trail. Wir gehen weiter und finden nach etwa zwei Kilometern auf der anderen Seite hinunter gehen einen herrlichen Zeltplatz. Er liegt direkt bei einem See, der schön in Berge eingebettet ist – auch diese Kulisse ist super. 

Schluss bei km 4053 oder Meile 2518, gelaufen sind wir 33 km oder 20 Meilen.

Tag 127, 4. Sept., Meile 2498

Als wir um 6 Uhr aufstehen haben wir wieder nur ein wenig Nebel, aber unten in den Tälern steckt eine dicke Wolkendecke. Wir essen etwas, versorgen alles im Rucksack und dann gehen wir los.

Wir laufen 13 km bis zu einem See, um richtig zu frühstücken. Der Morgen geht schnell vorbei, wir wandern und reden und essen zwischen durch Hucklyberries (amerika. Heidelbeeren), total entspannt. Das Wetter ist genial schön, Zmittag essen wir an einem Bach.

Der ganze Tag geht der Trail in Schlaufen hinauf und hinunter. Pause machen wir immer bei einem See, diese Strecke heute war sehr schön. Es sieht auch aus wie in den Schweizer Voralpen oder im Jura. Sanfte grüne Hügel, leicht bewaldete grosse Grasflächen und überall diese Heidelbeeren, es ist ein absolutes Wandervergnügen.

Nur unsere Rucksäcke sind zu schwer mit all dem Essen. Heute hatten wir eine Erkenntnis in Bezug auf den Umgang mit den Rucksäcken: Am Anfang unseres Weges kamen wir ja nicht an die Seitentaschen heran da hinten, der Partner musste jeweils die Sachen herausnehmen. Jetzt sind es fast schon Bauchtaschen, nicht der Hersteller war schuld, sondern unser Bauchumfang. Jetzt können wir die Wasserflasche sogar während dem Gehen herausnehmen.

Wir laufen bis um 19 Uhr zu einem sehr schönen Zeltplatz mit Sonnenuntergang, da ist Andy immer sehr glücklich. Sowas ist genau das, was dieser Weg ausmacht: du findest so tolle Plätze um dein Zelt zu stellen. 

Wir essen sehr viel zu Abend: Reis mit Käse und Avocado dazu, zum Dessert gibt’s Äpfel mit Honig und Mandeln. Ein feines Menü, finden wir.

Schluss bei km 4020 oder Meile 2498, gelaufen sind wir 38 km (24 Meilen).

Tag 126, 3. Sept., Meile 2474

Wir schlafen aus. Hier in Leavenworth ist es auch in der Nacht warm, die Klimaanlage lief durch die ganze Nacht. Tagsüber wird es sogar extrem warm, 35° Celsius und mehr. Das sei eher kühl für hier, meinte die Dame gestern beim einchecken. Das Hotel hat ein feines Frühstück mit Früchten, Nüssen, Joghurt usw. alles qualitativ gute Sachen und viel Auswahl, wir essen und geniessen. 

Den Morgen verbringen wir mit telefonieren und schreiben. Es ist immer lässig mit Bekannten oder der Jungmannschaft zu reden. Danach verstauen wir die feinen Esswaren, diesmal sind beide Rucksäcke schwer. Meiner ist der Kühlschrank, ich trage Äpfel, Bananen, Avocado, Käse – wir werden nicht verhungern.

Zum Mittagessen wollen wir einfach ein Schnitzel, also ziehen wir los und suchen ein Restaurant. In einem Biergarten werden wir fündig. Andys Schnitzel kommt mit etwas wie Kartoffelsalat und Rotkraut, seine Begeisterung hält sich in Grenzen. Ich bin dafür sehr zufrieden mit meiner Bratwurst, sie schmeckt tatsächlich wie eine. Aber uns genügt es jetzt, dieses bayrische Dorf ist uns zu laut und zu heiss.

Wir machen Autostopp, um wieder zurück auf den Stevens Pass zu kommen. Wir stehen keine 10 Minuten an der Strasse und ein Auto hält. Der Fahrer sagte zuerst, dass  er in der Hälfte der Strecke wohne, das würde uns nichts bringen. Dann fährt er ein Stück und hält, steigt aus macht den Kofferraum auf und sagt: «Kommt, ich fahre euch rauf.» Wir steigen ein und er fährt los. Dann sieht Andy einen bekannten Hiker am Strassenrand und sagt es unserem Fahrer, der steigt gleich auf die Bremse. Der Hiker ist so froh darüber, er hätte schon länger, sicher eine halbe Stunde, hier Autostop gemacht.

Tim fährt uns alle bis zum Parkplatz auf dem Pass, wir bedanken uns für die Fahrt, er bedankt sich für die Unterhaltung mit uns.

Wir laufen in einem Stück rauf zum Grizzly Peak und erreichen um halb acht einen guten Zeltplatz mit Aussicht auf die Berge.

Schluss bei km 3982 oder Meile 2474, gelaufen sind wir 19 km oder 12 Meilen

Tag 125, 2. Sept., Meile 2462, Leavenworth Bavaria

Um sechs sind wir gleich losgegangen, denn wir sind nur 17 Kilometer entfernt von Schnitzel und Bier, in Leavenworth Bavaria. Ist so eine Wunschvorstellung, aber eigentlich glauben wir es beide nicht recht, dass es klappt. Ein Dorf für Touristen, ist nachgebaut, dass es aussieht wie in Bayern, verrückt die Amis. Also sind wir die Strecke schnell gelaufen, der Trail geht durch Wald zum Stevens Pass  hinunter, den erreichen wir um halb elf. Unser Hunger ist zu gross, wir gehen gleich hier auf dem Pass einen Burger mit Pommes essen. Erst danach machen wir Autostop nach Leavenworth Bavaria.

Zwei junge Männer nehmen uns mit. Die Fahrt hinunten haben wir gute Musik und es ist mal ohne die üblichen Fragen zum Trail, super entspannend. Im Dorf, das aussehen soll wie in Bayern, gehen wir gleich in ein bayrisches Restaurant. Das Schnitzel war leider nichts, auch das wird zu einem Burger vergewaltigt. 
Korrektur von Andy: Es hat einen japanischen Koch, ist eher japanische Küche. 

Danach suchen wir uns ein Hotel und duschen, duschen und duschen nochmals, herrlich!!! Beim späteren Einkauf besichtigen wir dieses absolut kitschige, völlig übertriebene bayrische Dorf. Typisch Amerika, gibt viel zum Lachen. Andy hat kürzlich seine Schuhe mit einem Ast aufgeschlitzt, also kaufen wir für ihn in den letzten Tagen noch neue Schuhe. Meine sind immer noch gut, die werden die letzten 303,2 Kilometer noch halten. 

Morgen geht’s in den Endspurt. Die Motivation ist bei uns noch vorhanden, aber unsere Körper sind beide froh, wenn wir zu Ende sind. Nicht nur die Füsse leiden, überhaupt der ganze Körper will Pause. Und der Hunger ist auf dem Weg ein ständiger Begleiter, nicht zu schlimm, aber es genügt, um sich aufs Ende zu freuen. 

Schluss bei km 3963 oder Meile 2462, gelaufen sind wir 19 km oder 11 Meilen.

Tag 124, 1. Sept., Meile 2451

Um sieben ziehen wir los, es geht fast durch Urwald, die Pflanzen sind nass vom Tau. Es ist wieder wunderbares Wetter, wir laufen bis zu einem Platz am Bach und dort essen wir ein Sonntagsfrühstück. Auf einer grossen Steinplatte kochen wir Reis mit Käse, anschliessend wieder Bananen-Honig-Tortilla, einen grossen Becher Kaffee mit Vanillegeschmack dazu, nicht schlecht. Das Schleppen der Esswaren lohnt sich nicht, und weil wir besser vorankommen als gedacht, können wir richtig reinhauen. Um halb zehn gehen wir weiter, es ist sehr warm geworden.

In Schlaufen geht der Trail hinauf in felsige Berge, mal roter, dann wieder grüner Fels und auf der gegenüberliegenden Seite sind sie fast weiss bis silbern, eine sehr abwechselnde Landschaft. Was es hinauf geht, müssen wir wieder hinunter, durch Wald und Gestrüpp. 

Bis um eins haben wir 750 Höhenmeter hinauf und 550 Meter hinunter und eine Strecke von 14 km hinter uns. Hier legen wir erstmal eine Mittagspause ein, die Beine spannen schon ein bisschen. Danach weiter Richtung Piper Pass, den erreichen wir um halb fünf. Die Wolken hängen über uns, aber wir bleiben trocken und es ist warm. Nach dem Pass geht der Trail wieder hinunter, einfach der absolute Wahnsinn mit dieser Landschaft, wir können uns gar nicht satt sehen. 

Wir steigen gleich nochmals hoch und geniessen oben eine atemberaubende Sicht: unten auf einen See, in die fernen Berge und mit diesen Wolken – sowas von Schönheit vor dem Feierabend. Der Zeltplatz ist wieder tiefer gelegen, herrlich am Wasser, solche Plätze zum Zelten, was soll ich sagen, der Tag endet wie er angefangen hat, gut. 

Beim Zeltplatz entdeckt Andy Bärenspuren. Er fragt: «Soll ich dir den Honig unter das Kopfkissen legen?» Sehr nett, haha. Heute hatte es einige Wanderer unterwegs, Hiker haben wir nur vier gesehen. Wir sind aber auch flott unterwegs dieses Rauf und Runter ist genau wie wir’s gerne haben. Nur die Gipfel fehlen, zuhause müssen wir dieses Jahr noch den einen oder anderen Gipfel besteigen.

Schluss bei km 3944 oder Meile 2451, gelaufen sind wir 37 km oder 23 Meilen.