Tag 67, 1. Juli, Echo Lake

Wir schlafen bis sieben, bis zum Echo Lake Resort laufen geht schnell und ist ohne Schnee durch den Wald, wirklich nicht streng. 

Dort nimmt uns ein Feuerwehrmann im Auto mit, er ist völlig fasziniert vom PCT, will diesen selber einmal wandern, wenn seine Kinder so alt seien wie ich etwa. Oh, jetzt hat er aber was falsch eingeschätzt, Andy sieht mit Bart halt älter aus als ich, da bin ich manchmal froh, dass Andy nicht alles versteht, er ist in solchen Sachen schnell beleidigt. Er fährt uns zu einem Mexican Restaurant, dort werden wir sehr nett bedient. Der Kellner ist auch ziemlich angetan vom PCT, wir sind am essen und er löchert uns mit Fragen zum Hiken, immer mit genügend Abstand, das ist kein Wunder, denn zum Geruch von Schweiss und Sonnencreme mischt sich neu noch der vom Insektenspray. Sehr unangenehm, aber es geht nicht ohne, die Viecher sind extrem aggressiv.

Danach gehen wir in die Laundry, um die Kleider zu waschen. Leider kann man hier nicht duschen, im Restaurant daneben schnell aufs WC, alle Kleider ausziehen, dann die Regenhose und ein Pullover an, zurück und alles in die Waschmaschine einwerfen. Wir sitzen hier und holen die nötigen Infos zum nächsten Streckenabschnitt aus dem Internet. Als die Wäsche fertig ist, macht Andy einen Striptease hinter den Waschmaschinen. Ich werde im Einkaufszentrum aufs WC gehen und dort die Kleider wechseln.

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Also geht es noch zum Esswaren einkaufen, aber heute haben wir uns nicht mehr gespürt beim Einkauf, viel zu viel und zu schwer, Bananen, Avocado, Kirschen, Käse, Salami, 1 kg Smarties, zwei Pack Tortillas ect. An der Kasse spricht uns ein junger Zimmermann an, er hat den PCT im 2015 gelaufen und fragt uns, ob wir eine Fahrt brauchen. Dann fährt er uns durchs ganze Dorf – eher schon eine Stadt – am Tahoe See, sehr netter Typ. Er und Andy haben es richtig lustig, zuerst fährt er in die falsche Richtung, also alles wieder zurück, er lacht und sagt, er habe nur etwas Zeit mit uns verbringen wollen.

Hier ist uns zu viel los, drum wollen wir zurück auf den PCT, stellen uns wieder an der Strasse. Da nimmt uns ein anderer Mann mit bis Echo Lake, auch er will in einem Jahr den PCT machen, schon extrem wie bekannt der PCT ist. Als wir beim Resort sitzen kommt ein älteres Ehepaar und fragt uns, ob wir bei ihnen übernachten und duschen möchten, sie haben gleich neben dem Weg ein Häuschen am See. Super, nehmen wir dankend an. Die Dusche ist schön warm, es gibt auch ein Glas Wein und gute Gespräche, wir sind rundum zufrieden.
Ende bei Km 1757 (Meile 1112) nach 5 Meilen.

Tag 66, 30. Juni, Meile 1087

Den Wecker stellen wir ab und bleiben liegen, es ist uns zu frisch draussen. Irgendwann stehen wir dann doch auf und ziehen alles an, sogar die Regenhosen. Als der Rest verstaut ist, wandern wir los, zuerst auf Schnee im Wald. Es ist in ständiges Auf und Ab, wie Wellen und den Weg vorwärts machen wir mehr nach Gefühl. Dann geht’s in ein Tal und von dort Richtung Carson Pass hoch, jetzt zeigt sich die Sonne und es gibt blühende Hänge, nur noch einige Schneefelder überqueren, wir bleiben immer wieder stehen, um rumzualbern.

Auf dem Pass oben sieht man auf den Apels Lake See, mit diesem herrlichen Ausblick machen wir Pause, das ist schön. Nachher geht’s leicht hinab zum Pass, da kommen uns vereinzelt Tageswanderer entgegen. Bei der Passtrasse hat es ein Visitor Center und viele Hiker, auch «Sherpa» sitzt dort. Sherpa ist ein netter Kerl, aber einfach sehr überzeugt von sich. Mich erstaunt immer wieder, wie einige Hiker angeben, mit dem was sie machen, aber viele Leute sind fasziniert vom PCT und den Hikern.
Eine Angestellte des Visitor Centers zeigt uns eine Box mit allerlei zum Essen und Trinken darin. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen, wir essen beide was reingeht, blieben sicher eine Stunde dort. Wir gehen weiter über einen Parkplatz und laufen auf einen PCT-Marker zu. Eine Frau macht ein Bild von uns und dem Schild, dafür gibt sie uns ein eisgekühltes Bier, auch das geniessen wir.

Am Nachmittag wandern wir zuerst in einem Tal und dann zum See Showers Lake hoch, hier kommt wieder Schnee, wir machen beim See zuerst eine Pause. Als wir losgehen kommt Sherpa. Super, denken wir uns, er wird uns durch das Wirrwarr von Bäumen eine Spur legen. Weit gefehlt, er hängt an meinen Fersen und textet mich voll, er ist wirklich ein richtiger Maulheld. Andy gefällt es, er kann vorne laufen und ich bin hinten beschäftigt. Es nützt nichts, dass ich versuche, ihn mit ins Gespräch einzubeziehen, Andys Antworten sind: ja, nein oder etwas Gebrummtes. Den ganzen Nachmittag stolpert und rennt Sherpa hinter mir her, einmal fällt er fast hin, fängt sich im letzten Moment auf und rennt dabei den Hang hinunter. Dann sagt er, er habe ein Talent nicht hinzufallen, seinen Körper zu beherrschen. Einen Augenblick später rutscht Andy auf den Füssen den Hang hinunter (wie skifahren, nur ohne Ski) und landet zügig auf seinem Hosenboden. Ich sage: «Dafür musst du auch ein Talent haben» und lach mich schief, Andy dann auch.

Es geht am Schluss noch sehr steil hinab, teilweise können wir über Steine runtersteigen, um sieben sind wir bei einem Zeltplatz. Sherpa möchte noch mit uns ins Dorf, aber das werden wir Zwei morgen früh machen. Andy hat schon geschaut, dass es ein Platz ist, wo nur ein Zelt gestellt werden kann, weil noch länger dieses Grossmaul wäre uns zu viel. Sherpa will noch weiter, also heißt es «See you on the Trail», irgendwann.

Schluss bei km 1750 (Meile 1087), gelaufen sind wir 34 km, also 21 Meilen.

Tag 65, 29. Juni, Meile 1033

Wir stapfen etwa um halb sechs los durch den Schnee, die letzten Meilen bis zur Passstrasse Ebbetts. Als Andy auf die Strasse tritt, ruft uns ein Mann, wir sollen herkommen, es hat ein Schild «Trail Magic» vor einem parkiertem Bus. Erst jetzt sehen wir das Feuer und die Klappstühle, auf Tischen hat es alle möglichen Esswaren: Früchte, Brot, Kuchen, Cookies etc. Mit dem hätten wir nicht im Traum gerechnet, sie lachen, wahrscheinlich haben alle Hiker etwa so wie wir reagiert. Alan macht mit seinen Freunden und der Frau Trailmagic für die Hiker, die aus der High Sierra laufen. Unglaublich, die haben alles dabei: Grills, Kochplatten, sogar frischen Kaffee gibt’s. Einer macht Pancakes mit Bluberries und Nüssen darin, der andere grilliert und einer schaut, dass man genug Kaffee hat.

Wir essen Unmengen, bleiben einfach sitzen und reden mit den anderen Hikern und diesen Engeln. Gestern Abend habe ein Hiker, als er das gesehen hat, gleich angefangen zu weinen, so überrascht sei er gewesen. Wir sind immer wieder platt ab den vielen hilfsbereiten Leuten, die es neben dem Trail gibt, einfach nur herzensgute Menschen. Als wir uns dann verabschieden, wollen sie alle eine Umarmung, das sei für sie das Schönste – und noch ein Bild von uns.

Den Morgen laufen wir durch grüne Flächen, immer wieder mal ein Seelein und dann wieder die Vulkanberge links und rechts. Es ist sehr schön, die Luft ist herrlich frisch, es weht ein leicht kühler Wind und die Sonne scheint, ganz das Gegenteil von gestern. Mittagspause machen bei einem Creek, schon wieder essen, der Tag ist einfach herrlich heute. Einmal noch müssen wir ein riesiges Schneefeld umlaufen, das uns zu steil und zu gefährlich zum queren war.

Am Nachmittag ist die Strecke meistens ohne Schnee, genial, bis zum Feierabend trockene Füsse. Die Landschaft verändert sich zunehmend, Wälder mit Bächlein und öfters kleinere oder grössere Seen zwischen Hügeln mit riesigen Sandsteinen, die aussehen wie wenn ein Riese die Steine aufeinander geschichtet hätte, wunderschön, hier durchzulaufen. Bei einer kleinen Querung rutsche ich aus und mit reflexartigem Wegdrehen, schaffe ich’s, einem Stein auszuweichen. Andy schmunzelnd: «Pass doch auf», ich: «Habe ich ja, bin am Stein vorbei», wir müssen lachen. Seit dem Frühstück haben wir keine weiteren Menschen gesehen, von wegen der Trail sei überlaufen, davon merken wir nichts.

Schluss bei Km 1716 oder 1033 Meile, gelaufen sind wir 32 km (19 Meilen).

Tag 64, 28. Juni, Meile 1047

Um fünf geht der Wecker, Andy muss aufs Klo, ich drehe mich und schlafe weiter.
Als er zurückkommt beginnt er meine Behausung abzubauen, er macht ernst, ich stehe lieber auf. Heute ist es kalt, bewölkt und sehr windig, dafür ist der Schnee sehr griffig, ich frag mich langsam, wann hier der Sommer kommt.

Wir laufen hinauf in den Wald, der Weg ist unter dem Schnee, leider. Es sind noch vier andere Hiker unterwegs, die sind etwas vor uns, rauchen ständig Pot (Cannabis), stinken wie eine Hanfplantage. Entsprechend ist dann auch ihre Spurführung, eigentlich wollten wir einer Spur folgen, aber so hat es überall frische Spuren. Andy und ich müssen leider den Weg immer wieder neu bestimmen, das ist zeitraubend.

Als wir genervt sind, machen wir eine Pause und trinken Kaffee. Ich gehe nachher zum Bach runter, wasche den Topf und nehme noch Wasser mit, um die Zähne zu putzen. Als ich Andy den Topf und die Zahnbürste gebe, reinigt er mit der Zahnbürste den Topf. Ich sage: «Ist jetzt nicht dein Ernst?», er: «So wird der Rand sauber». Ich vermute, er hat vom Rauch der Kiffer-Hiker etwas abbekommen.

Jetzt werden die Berge immer flacher und der Schnee weniger. Andy rutscht sicher dreimal aus und landet auf dem Hosenboden, ich sag jedesmal: Pass auf! Das nervt ihn, nützt ja nichts mehr, wenn er schon liegt, hat er auch wieder recht. Beim nächsten Mal sag ich’s trotzdem wieder.

Wir laufen den ganzen Tag bis 17 Uhr mit kleineren Pausen im Schnee. Die Wolken waren teilweise fast schwarz, aber geregnet hat es nie. Am Abend, wieder auf dem Weg Richtung Ebbetts Pass hoch, können wir die Micro-spikes abziehen, er ist fast ohne Schnee. Als wir beim Zeltplatz sind kommt endlich die Sonne noch für eine Stunde, wir sitzen draussen im Sonnenschein, Andy zu mir: «Ist schon schöner, wenn’s schön ist.» Was für ein Komiker!
Schluss bei km 1684 oder Meile 1047, gelaufen sind wir 32 km oder 19 Meilen.

Tag 63, 27. Juni, der letzte Dreitausender

Nochmals bis um 8 Uhr geschlafen, dann gehen wir in eine Bar zum Frühstück, die hat schöne Musik und feine Eier-Omletten und der Kaffee wird immer wieder nachgeschenkt. Danach noch schnell zur Post, Essen einkaufen und packen. Die Rucksäcke sind sehr leicht, Andys etwa 12 kg und meiner etwa 10 kg mit dem Essen, genial.

Gleich neben dem Motel stellen wir uns an den Highway 395, nach kurzer Zeit hält ein junges Paar an. Anne und Holger, ein sehr nettes, aufgestelltes Paar aus Deutschland, sind hier in den Ferien und fahren nach San Fransico, also genau in unsere Richtung über den Pass Sonora. Auf der Fahrt erzählen ihnen was der PCT ist und zeigen Bilder und Videos, natürlich auch den Bär. Hoffentlich haben wir sie nicht zu sehr zugequatscht, heute sind wir ein wenig aufgedreht vor Vorfreude und das bekommen sie voll ab.

Auf dem Pass stehen zwei Frauen mit Trailmagic, Cookies und Cola, wir nehmen was mit auf den Weg und bedanken uns.

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Wir laufen heute über den letzten Pass der High Sierra, den Ebbetts Pass (ca. 3300 m.ü.M.) Der Himmel ist bewölkt, es geht über Schneefelder hinauf und ist extrem windig und kalt. Auf dem Pass setzen wir uns hin und essen die Cookies. Es ist ein gutes Gefühl, es geschafft zu haben, die High-Sierra-Section mit all diesen Pässen und Flussquerungen. Morgen und übermorgen geht’s nicht mehr höher als 2850 Meter und die Flüsse sind nur noch «Pipifax», würde Markus sagen.

Hinunter ins Tal geht es nochmals über Schneefelder zum E Fork Carson River und da dann ohne Schnee, das ist einfach entspannter, braucht viel weniger Kraft. Der Trail im Tal nach vorne und wieder steil nach hinauf. Das Zelt stellen wir hinter einen grossen Felsbrocken und machen ein Feuer, schöner geht’s nicht. Andy legt eine Steinplatte darüber und es gibt warme Tortillas mit Nutella. Wir geniessen den Abend vor dem Feuer, sitzen und reden an einem schönen Platz – so lieben wir das.

Schluss bei km 1652 (oder Meile 1028), heute nur 16 km (10 Meilen) gelaufen.

26. Juni, Zero Day in Bridgeport

Wir schlafen erst mal aus und gehen danach zum Frühstück in einen Imbiss. Das Dorf ist eine breite Strasse mit Häusern links und rechts, alles sehr sauber. Einige alte Gebäude sind liebevoll hergerichtet, die Leute sind sehr nett und scheinen richtig gemütlich zu sein, die Autos fahren im Dorf nur im Schritttempo. Hier dürfen wir nicht zu lange bleiben, dieses ’nur kein Stress, es wird schon‘ steckt an.

Ich gehe in den Dorfladen für ein Sandwich, hinter der Theke ist ein junger Mann mit Kopfhörern, der sich bewegt wie ein Panda. Ich zeige auf ein Sandwich, er schüttelt den Kopf, nicht zu haben, ist nur Auswahl. Super, er macht die vorweg frisch. Dann fängt es an: welches Brot, welches Fleisch, dasselbe wie in der Auswahl? Ich möchte Roastbeef,  dann zieht er’s durch: welche Butter, mit Zwiebeln, mit Gurken, Mayo, Senf…? Und so fort, dazwischen kommt noch sein Kollege zum Quatschen. Eigentlich ist mir die Lust auf das Sandwich inzwischen vergangen, aber davonlaufen, machst du hier nicht, wir müssen morgen ja noch unsere Lebensmittel hier einkaufen.
Wieder draussen erwartet mich Andy, dann gehen wir durchs Dorf und schauen, was es so hat, aber einen Waschsalon finden wir nicht. Also werden wir die Kleider in der Badewanne waschen. Natürlich telefonieren wir noch mit unseren Kindern, ist einfach schön, wie sie uns bei unserer doch etwas verrückten Reiserei unterstützen.

Hiker gibt es hier nicht so viele, schon auf dem Weg in den letzten Tagen haben wir fast niemanden getroffen. All-in ist noch im Dorf, er wird auch morgen weitergehen, doch Andy und ich werden jetzt wieder alleine wandern, es war schön in der Gruppe, aber weniger spontan, wie wir es lieben zu reisen.
Morgen geht es mit weniger Gewicht auf dem Rücken weiter auf dem PCT, wir freuen uns sehr darauf. Nicht mehr mitnehmen werden wir auch den Bärenkanister (ist ab hier keine Pflicht mehr) und die langen Hosen (wir hoffen, dass es mit den Regenhosen geht). Am Abend gehen wir noch fein essen und trinken ein Bier auf Markus.

Tag 62, 25. Juni, über 1000 Meilen, Bridgeport

Als wir loslaufen ist der Schnee pickelhart, den Pass erreichen wir bevor die Sonne aufgeht. Auf der anderen Seite unten angekommen, stossen wir auf einen Bach zum queren. Es hat zwar einen Baumstamm darüber, aber leider ist der zu kurz. Markus und ich steigen danach ins Wasser. Andy, der Schlaumeier, nimmt einen dicken Ast mit, um trockenen Fusses ans andere Ufer zu kommen. Er schmeisst ihn ins Wasser, logisch der Ast schwimmt davon. Es sieht zum Schreien aus, wie er verzweifelt versucht, den Ast  mit den Stöcken zu halten, wir lachen uns kaputt. Erst als er fast reinfällt, gibt er auf und steigt wie wir Normalsterblichen ins Wasser.

Wir laufen auf dem Trail, die Frage ist nur auf welchem. Dass es nicht der PCT ist, merken wir erst als auf einem Schild Kennedy Canyon steht. Zum PCT müssen wir wieder hinauf, doch wir verlaufen uns nochmals. Als wir es irgendwann geschafft haben und wieder auf dem PCT sind, legen wir gleich eine Pause ein und geniessen ein Frühstück. All-in kommt und ist verwundert uns zu treffen. Keiner bindet ihm auf die Nase, dass wir desorientiert im Wald herumgelaufen sind.

Nach der Pause geht es zum Pass hoch, wir verlieren einander. Als Andy und ich den Hang hochsteigen, sitzt Markus auf seinem Kanister auf dem Weg. Wir steigen weiter gerade auf zum Leavitt Peak, über Stein und Geröll. Auf dem Gipfel ist es so windig, dass wir einen geschützten Platz suchen. Diese Bergkette ist total anders als die zuvor, sehr kahl, fast ohne Pflanzen, einfach nur Geröll und Felsen, es ist Vulkangestein.

Nachher geht es auf dem Bergkamm nach vorne, bis es zur Sonora-Passstrasse runter geht. Hier laufen wir teilweise über lange Schneefelder und haben zum Schluss lange Abfahrten auf dem Hosenboden, macht immer wieder Spass. Bei der Passstrasse geht Markus weiter auf dem PCT, wir wollen nach Bridgeport hinunter, wir trennen uns. Markus und seine Sprüche werden uns sehr fehlen.

Andy und ich stehen nicht lange an der Strasse bis ein Rentner anhält, der die Strecke regelmässig abfährt, um Hikern zu helfen. Das tut er einfach für gute Hiker-Geschichten, auf gar keinen Fall will er Geld dafür. Sehr netter Mann, es sind immerhin 30 Meilen bis zum Dorf. Beim Motel haben wir einen Trailer gebucht. Der Receptionist erklärt uns, dass die Trailer nur beschränkt heisses Wasser haben und wir sicher mehr brauchen. Für zehn Dollar mehr gibt es ein Zimmer mit unbeschränkt Wasser. Dazu gibt er noch extra Shampoo, plus extra Frotteetücher. Sehr klar, was er uns sagen möchte, wir gehen erst mal duschen.
Schluss bei km 1636 (Meile 1018), gelaufen sind wir 34 Kilometer bzw. 21 Meilen.

Tag 61, 24. Juni, Meile 997, der Bär

Um 6 Uhr brechen wir auf. Der Wasserstand ist tatsächlich etwa 15 cm tiefer, ein Baumstamm, der gestern noch unter dem Wasser war, ist jetzt unsere Brücke.
Gleich danach kommt der nächste Arm von diesem Gewässer. Markus steigt rein und quert ihn. Aber mir ist die Strömung zu stark, wenn Markus bis über die Hüfte im Wasser steckt, muss ich wahrscheinlich schwimmen. Andy entdeckt einen Baumstamm, der aber leider hoch über dem Wasser ist. Scheint für All-in kein Problem zu sein, er geht vor. Für mich sieht der Stamm ziemlich verrottet aus, Andy stochert mit seinen Stock und bricht dabei ganze Stücke raus. All-in sitzt drauf über dem Wasser und fragt: «Hält er?», Andy: «Mehr oder weniger». Wir sollten schon ein wenig schonungsvoller mit unserem Mithiker sein. All-in überquert sitzend, Andy läuft rüber, kommt zurück und nimmt meinen Rucksack. Ich mach’s wie All-in.

Wir gehen gleich weiter den Hang hinauf, ist ohne Schnee. Markus hat einen super Platz gefunden, um sich zu trocknen, dort machen wir Pause. Danach über den Pass, wieder im Schnee. Hinunter im Wald steigt Andy ziemlich vor uns, wir drei reden ihm zu viel beim Laufen. Plötzlich kommt er zurück, mir ist gleich klar wieso. Ich frage leise: «Ein Bär?» Er nickt und schon sehen wir ihn: ein ausgewachsener Bär kommt etwa 20 Meter vor uns schräg den Hang hinauf. Dieses Erlebnis ist unbeschreiblich schön, diese Kraft, mit der er sich in aller Ruhe den Hang hochschiebt. Andy ruft was, dass der Bär uns sieht, er guckt und dreht ab. Markus wagt sich etwas vor und schiesst dieses sensationelle Bild. Wir sind alle begeistert, so ein Erlebnis am zweitletzten Tag in der High Sierra.

Weiter geht’s ins Tal hinunter, da kommt wieder ein Fluss, der Tilden Canyon Creek, zum Queren. Er ist etwa 15 Meter breit und tief. Andy steigt rein und durchquert ihn ohne Mühe. Wir anderen gehen nach, die einen mit Gejammer, das Wasser ist eiskalt.

Am Nachmittag wandern wir alles im Schnee am Tilden Canyon Creek entlang zum Dorothy Lake Pass. Überall läuft Schmelzwasser den Hang hinunter, den ganzen Tag haben wir nasse Füsse. Bei einer Pause erholen wir uns, Andy macht ein Nickerchen. All-in dauert dies zu lange, er läuft mal vor. Als wir drei so anderthalb Stunden unterwegs sind, entdecken wir unseren Mithiker auf einer Steinplatte, er macht Feierabend, es sei ihm zu streng, er will in der Nacht weitergehen. Wir gehen weiter, uns ist es diesmal zu früh um Feierabend zu machen. Andy läuft voraus und sucht immer einen guten Weg durch das Labyrinth von Bäumen und Schneehügeln. Markus gibt von hinten die Richtung an und ich schaue, wo es Spuren von anderen Hiker gibt.

Auf diese Weise sind wir etwa um 18 Uhr zwei Kilometer unter dem Pass. Da gibt es sogar einen Zeltplatz ohne Schnee. Wir kochen noch was und reden eine Weile, ist einfach ein netter, entspannter Abend.
Schluss bei km 1602,5 (Meile 997), gelaufen sind wir 25,5 km oder 21 Meilen.

Tag 60, 23. Juni, Meile 981

PS: Äxgüsi, gestern habe ich etwas unklar geschrieben. Moni und Patrizia haben uns, also den PCT, wegen den vielen Flussquerungen verlassen.

Um fünf Uhr ziehen wir los zum Benson Pass, steigen im gefrorenen Schnee hoch, teilweise über Sun cap. Es ist sehr steil, nach 15 Minuten haben wir schon richtig Betriebstemperatur erreicht, einfach Jacke ausziehen und weiter. Nach einer Stunde stehen wir auf dem Pass, das ist super easy gegangen. Alle sind glücklich, ich sage zu ihnen: «So, jetzt sagt mal ‚Danke Rosa‘, gestern wäre das im nassen, weichen Schnee ein extrem mühsamer Aufstieg gewesen.» Brav wie sie sind, bedanken sie sich und wir machen ein Pass-Selfie.

Danach kommt der recht steile Abstieg ins Tal. Unsere erste Flussquerung über den Piute Creek ist keine grosse Sache. Dann steht der nächste Pass, der Seaver an, es geht wieder gerade hinauf im Schnee. «All in», unser amerikanischer Mithiker versteht die Welt nicht mehr, er kennt sich mit Schnee nicht aus, was wir hier machen, ist nicht ohne für ihn. Dazwischen machen wir Frühstück mit sensationeller Aussicht ins Tal. Wenn All-in wüsste was kommt!

Nach der Pause geht es steil hinunter, da ist es ihm nicht mehr ganz geheuer, er hat aber keine bessere Wegfindung. Es kommt noch verrückter: beim Fluss Kerrick Creek verläuft der Weg oberhalb im Hang, leider unter einer dicken Schicht Schnee, hier müssen wir immer gut aufpassen, dass wir nicht abrutschen, alle sind sehr konzentriert, der tosende Fluss unten motiviert uns genug. Markus läuft hinter All-in und ich vor ihm, irgendwann fragt er mich: «Is this safe?» (Ist das sicher?), ich sage: «Not really but an experience», nein, nicht wirklich, aber ein Erlebnis. Er verliert ein wenig die Fassung, das bekommt dann Markus ab, der es mit seiner einfühlsamen Art auch nicht verbessert. Nachher müssen wir den Fluss queren, wir suchen lange, aber überall ist die Strömung zu stark. Zum Glück finden wir ein Baumstamm, auch hier darf nichts passieren, denn darunter ist die Strömung stark. Für Andy ist der Gang über den Baumstamm ein Kinderspiel, Markus und ich müssen all unseren Mut zusammennehmen. Ich schnaufe ein paar Mal tief durch und gehe konzentriert hinüber. Marcus ist auch sehr bei der Sache und jubelt, als er drüben ist. All-in ist ganz cool, er hat alles im Griff.

Alle gehen dann voll motiviert den nächsten Pass hoch. Ohne Schnee ist das Wandern einfach genial, wir sind schnell oben. Hinunter hat’s natürlich wieder mit Schnee. Andy ist begeistert, ein Wald mit riesigen Fichten (sind evtl. Sequoias). Markus und ich umarmen eine, mit unseren Stöcken als Verlängerung schaffen wir’s grad. All-in lacht uns aus: «Verrückte Schweizer, kommen nach California um Bäume zu umarmen.»

IMG_9325In diesem Tal – hier wäre eigentlich nur ein Bach – müssten wir durch einen etwa 10 Meter breiten und tiefen Stream schwimmen, aber darauf hat jetzt niemand Lust, so machen wir Feierabend. Ich stelle das Zelt extra zwischen die riesigen Tannen für Andy (er ist total fasziniert von diesen Giganten), derweilen steigt Andy in den Bach um sich zu waschen – er ist einfach ein bisschen crazy. All-in ist ziemlich fertig mit den Nerven, möchte wissen, was er von den drei Schweizern denkt.
Schluss bei km 1576,8 (Meile 981), heute sind wir 24 km (15 Meilen) gelaufen.

 

Tag 59, 22. Juni, Meile 966

Um halb sechs gehen wir los bei klarem Himmel, es ist kalt. Zuerst geht’s durch ein Tal, es hat überall Wasser, das Gras ist gefroren. Markus und Patrizia sind schneller, wir laufen mit Moni hinten. Es kommt ziemlich Schnee im Wald, Markus geht vorne weg, wahrscheinlich, um nach der nächsten Flussüberquerung Ausschau zu halten. Wir anderen steigen im Schnee den Wald hinab, unglaublich diese Schneemenge, es ist ja Sommer.

 

Der erste anspruchsvolle Fluss ist der McCabe Creek. Markus hat eine Stelle gefunden, die zum queren gehen sollte. Ich gehe noch den Fluss hinauf und Andy hinunter, aber wir finden nichts besseres. Also versucht es Markus, er kommt ohne Probleme rüber. Moni ist es gar nicht wohl beim Gedanken, dass nach dieser Querung noch weitere folgen, heute und in den nächsten Tagen. Patrizia sagt uns, dass sie mit Moni zurückgeht, sie verlassen uns.

Andy schaut mich an und mir ist klar, wenn ich mit ihm rübergehe, wird mir nichts passieren. Umkehren können wir immer noch, das Essen würde jedenfalls reichen, und dazwischen vom Weg rauszugehen, wäre ja auch eine Option. Diese Flussüberquerung macht mir Angst, ich halte mich mit einer Hand an Andys Rucksack fest bis wir auf der anderen Seite des Flusses sind. Heute schaffen wir die drei Flüsse ohne grössere Mühe, wir finden zum Glück immer gute Stellen. Bloss Markus fällt fast in den total harmlosen Matterhorn Creek, ein «Pippikram», wie er immer sagt, es ist sehr amüsant mit ihm.

Wir laufen jetzt zu viert: Al ist ein Amerikaner, der uns gefragt hat, ob er die Strecke mit uns laufen dürfe, hikt jetzt mit uns. Er ist sehr froh, mit uns zu laufen wegen dem vielen Schnee und den Flussquerungen. Einmal, als es steil nach unten geht, rutsche ich aus und lege eine rasante, nur teilweise kontrollierte Rutschpartie hin mit Bremsung im kleinen Bach. Unten stehe ich schnell auf, bloss nichts anmerken lassen, sage, das war so gewollt, aber werde trotzdem ausgelacht.

Der Nachmittag ist wieder sehr streng, zum Benson Pass hoch ist alles im weichen Schnee. Andy stapft wie üblich einfach hoch, wir laufen hinter ihm. Wir sind schon über 20 Kilometer gelaufen und haben drei Flüsse gequert, jetzt will Markus noch den Pass machen und danach den noch hinunter. Andy ist damit einverstanden. Ich verstehe die Welt nicht mehr, ist das Gegenteil, was wir abgemacht haben. Wir haben doch abgemacht, dass wir die Strecken verkürzen, wenn es Schnee hat. Andy spürt auch seinen Fuss immer noch und morgen früh ist der Schnee gefroren und sicherer zum laufen. Ich rede Klartext mit Markus, sage ihm, dass ich jetzt hier zelten will und nicht zuschauen möchte wie Andy nochmals den Fuss überbeansprucht. Das versteht Markus sofort und wir vereinbaren, dass wir noch die nächsten Tage zusammen bis zum Pass laufen. Danach wird Markus bis nach Kanada sprinten, mit seinen gewaltigen Waden (er hat wirklich viel Kraft in den Beinen). Das ist zwar schade, denn wir mögen ihn und seine aufgestellte, unkomplizierte Art wirklich sehr. Er ist toll, doch wir haben unterschiedliche Interessen, er möchte möglichst schnell vorwärts und wir wollen noch manches neben dem Weg entdecken, darum ist es ok, dass wir uns nach der High Sierra trennen. Das mit den anderen Zweien war halt ein Entschluss, der zur Trennung führte, war etwas unerwartet und auch sehr schade, es war sehr unterhaltsam mit euch. Moni, du und dein Känguru (Marc-Uwe Kling) fehlen mir jetzt schon.
Schluss bei km 1553 (Meile 966), gelaufen sind wir 23,5 km oder 15 Meilen.