Tag 8, 19. April, Meile 114

Heute bin ich die, die unbedingt aufstehen will, um Viertel vor fünf, der Wecker ist auf 5 Uhr gestellt. Auch ich kann meine Schlafgewohnheiten umstellen, Andy ist etwas irritiert. Ich möchte so schnell wie möglich zum Eagles Rock, das ist eine riesige Steinformation, die aussieht wie ein Adler, es sind nur 12 Meilen.

Zuerst geht der Weg in Schlaufen durch hohes Gebüsche bis wir an eine riesige Grasebene kommen, auf der Rinder oder Kühe weiden. Kühe auf der Weide sind nicht so mein Ding, ich gebe meine Führung an Andy ab und mache ein Foto. Andy lacht mich aus: «Toll, hat es ja zuhause keine.» Ich: «Sicher nicht so grosse.» Ist ja klar, bei den vielen Burgern, die hier gegessen werden. Beim Eagles Rock fotografiert uns ein anderer Hiker, wir Schweizer müssen natürlich zum Kopf hoch klettern.

Danach geht es nur etwa drei Meilen bis zu Warner Springs, ich bin so überdreht, dass es für Andy lange Meilen werden. Lange Zeit laufen wir einem Bach entlang, ich rede irgendwas oder singe. Andy sagt: «Rosa kannst du nicht mal einfach das Tal geniessen und still sein?» «Könnte ich schon, aber dann wird es dir langweilig», ich war dann mal ruhig. Bis wir auf zwei komischen Typen treffen mit einer so 70 cm langen Machete, der andere noch mit einer Art Baseballschläger. Ich sage zu Andy: «Soll ich ihnen mal zeigen, was ein Messer ist, meines passt in die Hosentasche.» Andy antwortet, das könne ich dann aber selber ausbaden. Ich glaube, mein Mann hat Hunger. Wir spekulieren noch, was die zwei mit dem Riesending vorhaben.

Schon um 10 sind wir beim Warner Springs Camping, surfen etwas im Internet und durchsuchen die Hiker-Box. In Hiker-Boxen legen andere Hiker allerlei Sachen oder Lebensmittel hinein, die sie nicht (mehr) brauchen (bzw. kann man selber reintun). Wir duschen und waschen unsere Kleider, natürlich alles von Hand. Die Dusche ist einfach: man nimmt ein Eimer voll Wasser mit in den Verschlag und duscht damit. Hemmungen darf man keine haben, man teilt einfach alles mit den Leuten, die vor den Duschen stehen oder mit dem Nachbarn. Apropos teilen: Yves hat Blasen (Männerblasen), wir bieten ihm von unserer Creme an und ich sage: «Ich sage dir erst nachher, wofür sie eigentlich ist» (für wunde Velofahrergesässe). Nach einem heissen Wandertag damit die Füsse einzureiben, beruhigt die wunden Stellen super und duftet herrlich.

Gegen 4 Uhr gehen wir wieder auf den Weg, denn es geht wieder in die Höhe. Schon um 7 Uhr haben wir genug vom Laufen, campen bei einem Bach und machen Feierabend. Mein rechtes Fussgelenk ist noch ganz wenig geschwollen, aber schmerzt eigentlich kaum mehr. Beim Schreiben kühle ich meine Füsse. Wir sehen so viele hinkende Hiker, dass wir vielleicht etwas überreagieren. Hier müssen wir auf die Poison Oak (Gifteiche) aufpassen und nicht in Berührung kommen, diese Büsche, sogar noch die abgefallenen Blätter, verursachen starke Hautirritationen. Wir sind bei Meile 114 (Km 184) und sehr früh schlafen gegangen.

Tag 7, 18. April, Meile 101, Barrel Spring

In der Nacht hat uns der Vollmond direkt ins Zelt geleuchtet, eine herrliche Nacht ohne Wind. Wir haben super geschlafen, nur einmal haben wir etwas rascheln gehört, hörte sich nach einem kleinen Tier an, darum schliefen wir weiter. Wir sind um 04:50 Uhr aufgestanden und eine halbe Stunde später losmarschiert. Heute wird es sicher sehr heiss, keine Wolke am Himmel. Heute wollen wir mal weniger rumstehen und alles bestaunen, sondern ein wenig Meilen machen.

Der Weg steigt immer leicht an (San Felipe Hills), am Morgen ist dies sehr schön zu wandern. Die Morgenfrische, die aufgehende Sonne, all die Vögel und extrem viele Schmetterlinge, die immer vom Weg wegfliegen, alles recht hübsch. Der Hang ist mit allen Farben verziert, viele Kakteen blühen. Auch heute klappt es nicht wirklich mit zügig Laufen, ein verzweifelter Kaktus mit Blüten und viele andere müssen wir einfach fotografieren. So laufen wir etwa drei Stunden und dann setzen wir uns einfach auf den Weg, schauen ins Tal, Andy macht Kaffee und wir frühstücken. Ich beginne zu schreiben, als Andy was von mir möchte sage ich: «He, bitte nicht den Künstler bei der Arbeit stören».

Um 9 Uhr ist es schon sehr heiss. Wir ziehen bei dieser Hitze immer das ‚Merinoschaf‘ an unter das Hemd. «T-Shorts» nennen wir alles aus Merinowolle und «Gäg-gäg» ist die Daunenjacke. Wir machen sehr gerne Wortspiele, gibt immer etwas zu lachen. Unsere langen Hosen sind mit UV Schutz versehen, so macht uns die Hitze weniger aus. Bis jetzt hatten wir noch keinen Sonnenbrand. Es geht leider nur eine leichter Wind, so ab halb elf werden wir richtig gedämpft von der Hitze. Andy zeigt nach oben, ein Adler zeigt uns seine Flugkünste. Ich bleibe stehen, um dem Tier zuzuschauen, sieht toll aus. Das tue ich nur noch, wenn Andy auch stehen bleibt, Andy will die Meilen durchziehen. Ich sehe es etwas lockerer, es gibt immer wieder etwas zum bewundern. Ich lache ihn an und laufe wieder.

Nachdem wir uns beim Water Cache ins Trailregister eingeschrieben haben, holen wir uns noch 6 Liter Wasser im Ganzen. Um 12 machen wir Mittagspause, legen uns unter einen Busch bis etwa 3 Uhr, eine Siesta wie Cowboys. Danach ist es immer noch heiss, es geht vorerst rauf, nicht zu steil und in Schlaufen, zum Glück hat es nun etwas höhere Büsche. So ab 5 Uhr lässt die Hitze nach. Wir sehen ein herziges Tierchen, Andy nimmt es auf die Hand, damit wir es genauer anschauen können, ein schuppiges Echslein, wollen es unbedingt fotografieren. Wie zwei kleine Kinder benehmen wir uns. Wir beschliessen, jetzt ist Schluss, wir lassen uns nicht mehr ablenken.

Wir laufen und laufen, wir wollen zum Zeltplatz beim Barrel Spring. Dort haben wir bei Km 162,8 (Meile 101) Feierabend gemacht, also sind wir 35 Kilometer gewandert, es geht doch, wir können auch vorwärtsmachen. Die ersten 100 Meilen erwandert!

Beim Zeltplatz war die erste Trail Magic: ein Mann hat Sodas, Chips und Mandarinen für die Hiker dabei. Danach waren wir satt und platt, dass wir ohne zu Kochen gleich schlafen gingen, um 8.

Tag 6, 17. April, Meile 80, San Felipe Hills

Wir schlafen bis 8 Uhr, es ist herrlich, ein sehr sauberes Hotelzimmer mit einem super Bett. Nach vier Nächten im Zelt ist das sehr erholsam, draussen ist stahlblauer Himmel. Heute werden wir erst gegen Abend wieder auf den Weg gehen, so können sich unsere Beine und Füsse etwas erholen. Der Autofahrer von gestern war ja auch mal auf dem PCT unterwegs gewesen, er ist immer auf dem Laufenden über den Trail, gibt gerne seine Infos weiter an Hiker. Er hat uns ziemlich genau die Schneeverhältnisse in der High Sierra geschildert und gesagt, es habe viel Schnee dort. Uns ist es wichtig, dass sich unsere Füsse und die Muskeln richtig erholen, wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten, aber wir sind auch lieber vorsichtig. So eine Überlastung der Gelenke oder auch der Bänder ist kein Spass.

Also frühstücken wir sehr gemütlich und reden lange mit Marlen, Mareike, Jannis und Marcel, alle aus Deutschland. Dann gehen wir noch das Dörfchen erkunden, richtig nett hier, wie in einem Westenfilm. In einem Laden bekommen alle PCT-Hiker etwas zu trinken, Andy möchte ein Foto mit der Dame machen. In einem anderen Geschäft bekommen alle Hiker gratis einen Mom’s Applepie mit Glacé, dort gehen wir natürlich auch vorbei. Danach hängen wir noch ein wenig im Hostel (Julian Lodge) auf der Veranda ab.

So gegen 16 Uhr geht es wieder los, zuerst mit Autostopp zurück zum Weg. Unser Fahrer lebt hier und ist von California enttäuscht, er findet, die Regierung gäbe seinem Staat an Mexiko ab. Und dass viele Menschen hier auf der Strasse oder in einem Trailer leben. In San Diego haben wir selber einen Parkplatz gesehen, wo Leute in Autos geschlafen haben. Er hat uns noch erzählt, dass es in der Gegend früher viele Goldminen gegeben hat und jetzt noch vereinzelt hat. Sein Auto war schlecht beieinander und ziemlich laut, so dass es schwierig war dem Gespräch zu folgen. Lustig war, dass alle Teile, die halten mussten, mit Silicon-Baukleber befestigt waren, sogar der Außenspiegel. Mit einem solchen Fahrzeug in der Schweiz zur Fahrzeugkontrolle, das wäre mal was. Als Schweizer staunst du oft, in welchem Zustand teilweise die Wagen sind. Der Fahrstil ist auch sehr sportlich, ich schwitze meistens mehr beim Autofahren als beim Wandern. Andy gibt dem Fahrer 10 $ für die Fahrt, er wünscht uns alles Gute und wir ihm auch.

Bei der Scissors Crossing gehen wir zur Brücke, dort ist Wasser für die Hiker deponiert. Jeder von uns trinkt einen Liter und wir nehmen noch 7 Liter mit. Dann geht’s den Hang hinauf, in die San Felipe Hills. Die Kakteen fangen an zu blühen, drum sind wir wieder einmal mehr am Schauen und Fotos machen als am Wandern. Wir staunen über die vielen Schmetterlinge, zwei Raupen müssen auch als Motiv herhalten. Ich glaube langsam, wir haben zuviel Sonne abbekommen. Ab morgen werden wir konsequenter vorwärts laufen und weniger diskutieren. Sonst wird das nichts mit der kanadischen Grenze.

Als wir fast oben sind entdecken wir unseren Platz, wo wir im 2017 an unserem Hochzeitstag gezeltet haben. Natürlich haben wir nochmals dort gezeltet, soll mal einer sagen, wir seien nicht romantisch. Ist für uns schon recht speziell, hier nochmals zu sein. Wir sind sehr dankbar und glücklich, dies nochmals zu erleben. Feierabend bei Trail-km 127,77 oder Meile 80.

Tag 5, 16. April, Julian

Der Wecker klingelt um 4 Uhr, abmarschiert sind wir gegen halb fünf. Rosa findet, dass ich ihr eine halbe Stunde Schlaf gestohlen habe. Wir ziehen trotzdem los und stapfen gemächlich den Hang hoch. Heute ist der Himmel ziemlich bedeckt und die Temperatur kühler als sonst. Es ist aber auch noch früh am Morgen und sehr windig. Wir schiessen immer wieder Fotos von der gewaltigen Stimmung mit den Wolken und der aufsteigender Sonne.

Danach kommen wir in eine trockenere Gegend, mit vermehrt Kakteen. Plötzlich sehe ich ein sehr schönes, spezielles Exemplar, das muss ich sofort Annerös mitteilen: «Hey Rosa schau, da ist ein stark verwirrter Kaktus.» Sie schaut mich nur verdutzt an, es dauert bis sie mein Wortspiel durchschaut und merkt, dass ich ’stark verzweigter Kaktus‘ meine. Wir lachen uns fast schlapp, Rosa sagt: «Du bist ein wenig crazy.»

Der Trail zieht sich in langen Schlaufen ewig im Hang dahin, nicht so angenehm zum Laufen wegen dem vielen Geröll im Weg. Ewig auch, weil wir alles bestaunen und fotografieren müssen. Wie gewohnt lässt Rosa fast keine Möglichkeit aus, ihre Zehen zu ramponieren, ich frag mich, wieso sie nicht besser auf den Weg schaut. Wenn’s in dem Tempo weitergeht, ist es nach Kanada 🇨🇦 eine sehr lange Reise. Wir gehen den Hang langsam hinunter und dann quer durch ein Tal zur Scissors Crossing (Highway-Kreuzung). Dort machen wir Autostopp ins Dorf Julian. Der Fahrer hat den PCT im Jahr 2014 gehikt, mit dem Trailnamen «Professor». Er erklärt uns noch, was wir wo in Julian finden, sehr netter Mann.

Um 12 sind wir bei einem Hostel und ich möchte möglichst schnell ein Zimmer mit Internetzugang, um alle Infos zum Trail zu bekommen. Rosa will nur eins – duschen. Zu meinem Leidwesen dürfen wir erst um 3 Uhr das Zimmer beziehen. Das werden drei lange Stunden, Rosa nervt, sie jammert, so geht es sicher schneller. Als wir endlich auf dem Zimmer sind, duscht Rosa und dann schläft sie, es geht ihr also gut. Ich nutze die Gelegenheit und schreibe den Blog, sie wird staunen. Ich brauche ewig dafür, bei Rosa geht das viel schneller mit dem Schreiben. Als sie wach wird, gehen wir essen. Das Hostel ist zwar etwas teuer, dafür sauber und mit Dusche und WC im Zimmer.
Jetzt mal Anmerkung von Rosa: Mein Mann, der Verrückte, rennt los mit den Worten: «Oh, oh, schau, der erste blühende Kaktus!», kniet vor ihn hin und hält seine Hände schützend darum. Ich frage: «Darf ich von deinem persönlichen Kaktus 🌵 trotzdem ein Foto machen?»

Tag 4, 15. April, Meile 63,63 – Anza Borrego Desert

Um 6 Uhr aufgestanden, wir sind etwas müde. In der Nacht hat es stark gewindet und das Zelt stand leicht schräg, dadurch ist Andy immer auf meine Seite gerollt. Ich wollte ihn deswegen nicht wecken und versuchte so gut es ging am Zeltrand zu schlafen. Das Zelt ist eh schon klein, 1 m breit ist es (Platz für zwei Matten). Für zwei kleine Leutchen wie wir geht es grad so. Dafür ist es leicht, nur 1,8 Kilo, das war uns wichtiger als Komfort. Doch der grösste Vorteil ist: wir hatten noch nie Kondenswasser im Zelt.

Heute ist der vierte Tag auf dem Weg, es ist sehr kalt und windet stark. Es ist eine wunderbare Stimmung mit den Wolken als die Sonne über der Desert aufsteigt. Wir bleiben stehen und schauen, es lohnt sich für sowas aufzustehen. Wir laufen den ganzen Tag auf einem Höhenweg mit diesem Ausblick auf die Desert. Irgendwann setzen wir uns oberhalb des Weges hin, Andy macht einen Kaffee. Diese Weite beeindruckt uns einfach riesig. Der PCT-Trail ist so ein toller Weg, finden wir. Hatten ja gedacht, dass uns diese Strecke (also die Wüste) nicht mehr so beeindrucken würde, weil wir sie schon im 2017 erwandert hatten, Fehlanzeige.

Heute jagt eine schöne Sache die nächste: wir sehen Vögel in allen Farben, Papageien, Specht, Adler und viele mehr. Hasen, ganz kleine, wir haben uns gefragt, wieso so klein? Andy meint, wegen den Schlangen, das wäre die richtige Grösse, smart, mein Mann. Aber bis jetzt noch keine Schlange, ist noch zu kalt für sie. Dafür kleine Echsen, die flitzen uns ständig über den Weg, lustige Kerlchen. Blüten und Blumen in allen Farben und Grössen, und das in dieser Wüstengegend, der Wahnsinn.
Also wir sind mehr als nur begeistert, auch all die Begegnungen mit anderen Hikern sind toll.

Mit kleinen Pausen sind wir fast neun Stunden gelaufen. In der Höhe war es uns zu windig und zu heiss für längere Pausen. Nach dem Höhenweg ging es dann steil nach unten. Bei 102,43km, Meile 63,63 machen wir Feierabend. (Anmerkung Andy: Annerös bemüht sich sehr, ihre Zehen zu ramponieren. Heute hat sie ihren grossen Zeh beim Wandern ca. zehnmal in einen Stein gerammt, autsch. Es wäre besser, sie hätte Stahlkappenschuhe.

Andy kocht Reis mit Bohnen währenddem ich am Blog schreibe.
Das Essen ist richtig fein, dafür der Kaffee weniger, dieser hat Fettaugen oben auf und Beefgeschmack, nicht so mein Ding. Wir müssen sparsam mit dem Wasser sein, das ist jetzt mal was, das wir nicht so toll finden. Uns richtig zu waschen liegt leider nicht drin, so riechen wir recht, eher stinken. Hoffentlich morgen, auch wenn es nur eine Katzenwäsche ist. Bei unseren Zeltnachbarn gibt es noch Schoggifondue, ein Hiker macht daraus Cookies, so erhält er gleich den Trailnamen: Cookie Monster.

Tag 3, 14. April, Mount Laguna

(Ja, gestern war natürlich Tag 2, und dies ist der richtige Text). Um 5:45 Uhr laufen wir los mit Stirnlampen. Die Sonne kommt allmählich über den Bergkamm, Andy muss natürlich fotografieren, ich gehe langsam weiter (Sonnenaufgang, das kann dauern). Seit gestern schmerzt mich am rechten Bein die Wadenmuskulatur, ich muss ein Schmerzmittel nehmen. Vor dem Start habe ich den Muskel mit einer schmerzlindernden Creme eingerieben.

Es wird bald heiss, kein Wölkchen zu sehen am Himmel. Es geht jetzt Richtung Mount Laguna, stetig leicht bergauf auf einem breitem Weg, zum Glück alles im Gebüsch. Als wir in einen Lärchenwald kommen, duftet es betörend nach Nadelwald. Mit diesem Duft sollte mal jemand ein Parfum entwicklen. Meine Wade schmerzt immer mehr, dass ich mich entschliesse, die Tabletten aus USA einzuschmeißen, nach etwa 30 Minuten wirken sie. Ich frage Andy zum etwa fünften Mal, wann wir endlich bei Mount Laguna sind. Er ist leicht genervt und gibt eine patzige Antwort. Ich frage ihn, ob er auch von meinen Pillen will, ist auch nicht gut, wahrscheinlich hat er Hunger.

Um 11:30 sind wir endlich in Mount Laguna und gehen gleich etwas Essen, Eier mit Speck und Kartoffeln. Andy möchte wie immer etwas von meiner Portion, ich erinnere mich an gestern als er beide Snickers gegessen hat. Nachher gehen wir in den Store, um Wasser und Gummibärchen zu kaufen. Andy bezahlt und der Typ gibt 5 Dollar zuwenig zurück. Jetzt klappt Andys Englisch super, er verlangt seine fünf Dollar Rückgeld und bekommt sie auch. (Anmerkung Andy: Meine Frau das Huhn, hat wieder ihre Sonnenbrille im Restaurant vergessen. Ich – also Andy –laufe 10 Minuten zurück um sie zu holen, inzwischen merkt Rosa, dass sie die Brille auf dem Fensterrahmen beim Store liegen gelassen hat. Als ich zurück bin, sagt sie es mir. Ich schüttle nur den Kopf.)

Wir laufen weiter, hinaus aus dem Dorf und machen im Wald eine längere Pause. Nach etwa 1,5 Stunden kommen wir an eine unbeschreibliche Aussicht über die ganze Wüste, die Anza-Borrego Desert. Wir schiessen Bilder und filmen es, sowas zu sehen ist unbezahlbar.

Anza-Borrego Desert

Yves, der Schweizer vom ersten Tag und zwei andere Hiker kommen, wir machen noch ein Gruppen-Selfie. Danach gehen alle wieder weiter. Wir treffen noch auf Sabrina und Normen aus Deutschland, die in der Schweiz leben, sie sind schon fünf Tage auf dem Trail.

Wir peilen noch die nächste Wasserstelle an, bei 78,3 Trail-km ist dann 18:30 h, wir haben genug für heute. Nicht zu lange gehen ist sicher auch besser, ich spüre die Wade zwar nicht mehr, mit diesen Schmerzmitteln könnte man einen Elefanten betäuben. Andy kocht wieder einmal China-Nudeln und verwendet diese kleinen Gewürzbänder. Danke auch Anna, Reto, Claudio, ist jetzt unser Glücksbringer und hängt immer am Rucksack! (Sie haben sie uns an der Abschiedsparty geschenkt)

Tag 2, 13. April, Lake Morena – Kitchen Creek

Erst um 6 aufgestanden, zuerst Kaffee und dann einpacken. Zwei andere Hiker verstehen nicht, wie wir mit so wenig Gepäck den Hike machen, sie finden es recht unvernünftig. Sie sind das erste Mal auf einem Langstreckenhike unterwegs, finden es total easy. Wenn die wüssten! Dieser Teil ist der leichteste, es wird dann schon noch strenger und wärmer. Wir lassen es, ihnen zu sagen, dass wir das zweite Mal unterwegs sind.

Zuerst müssen wir hinauf, was wir gestern auf der anderen Seite runter sind. Die nächsten Tage geht’s immer auf und ab, immer in Schlaufen. Es ist unbeschreiblich schön, alles ist noch feucht vom Regen und sieht so noch grüner aus. Oben weht jeweils ein leichter kühler Wind. Ich singe irgendetwas und Andy macht mit, unsere Stimmung könnte nicht besser sein.

Etwa nach drei Stunden erreichen wir den Lake Morena Campground. Sofort zum Imbiss und einen super leckeren Burger verdrückt. Immer mehr Hiker kommen an, Andy möchte ein Gruppenfoto machen. Alle mal schön Aufstellung beziehen, doch dann fehlt natürlich der Fotograf. Ich gehe schnell im Imbiss einen holen. Ein netter Typ unterbricht sein Essen und kommt mit, um Fotos zu machen. Es sind hoffentlich alle Thru-Hiker auf dem Bild. Uns alle Namen zu merken probieren wir erst gar nicht, es sind einfach zu viele. Nach dem Essen laufen wir in einem Tal, alles so grün, ich fasse es nicht, erwarte bald noch Kühe auf der Weide zu sehen. Als es zu heiss wird legen wir uns unter einen Baum. Ich schreibe etwas und als ich zu Andy schaue, verdrückt er den zweiten Snicker. Ob er mich nicht fragen wollte, ob ich einen möchte? Er meint, nein, sonst hättest ich ja «ja» sagen können. Unglaublich, das merke ich mir!

Als wir nach dem baden im Cottonwood Creek etwas wieder eine Stunde unterwegs sind, treffen wir Mike, der hier campt. Er lädt uns ein, etwas zu trinken. Mike ist ein richtiger Geschichtenerzähler, er erzählt von Schlangen, Skorpionen und Vögeln, also Adlern mit einer Spannweite wie ein kleiner Gleitschirm. Am beeindruckendsten finden wir die Story vom Berglöwen mit einem Gewicht von 400 Kilo. Aber leider kommt dann ein schlimmes Ende. Er erzählte von einer Frau, die vom Berglöwen angegriffen wurde, den Rest lasse ich aus.

Ich habe für mich beschlossen, Andy vorne gehen zu lassen. Wir gehen im Hang nach hinten, unten im Tal fliesst eine kleiner Fluss, der Kitchen Creek. Dort machen Hiker Feierabend. Sie rufen uns zu, wir sollen auch hier zum campen kommen. Wir rufen zurück, dass wir noch in den Abend laufen. Also wünschen wir uns gegenseitig eine gute Nacht. Der Weg ist so schön mit all diesen Blumen, man könnte meinen, wir seien in den Schweiz Alpen im Frühjahr unterwegs. Wir finden einen super Platz zum übernachten, Schluss ist bei km 49,38 mit super Aussicht, und essen eine riesige Portion Haferflocken mit Erdnussbutter, lecker. Wir kämpfen um unser Gewicht, die angefutterten Kilos geben wir nicht so schnell wieder ab!

Tag 1, 12. April, Meile 0, Southern Terminus PCT

Unser Fahrer Ramon kommt pünktlich mit einem klasse Wagen. Andy nützt die Fahrt um englisch zu reden, er wird immer besser. Auf der Fahrt können wir uns richtig entspannen bei toller Musik. Heute regnet es sogar. Zumindest nennen sie es hier Regen, es ist leicht bewölkt und mit Fantasie nass. Von Campo müssen wir zum Start-Monument gehen. Nach etwa 2 km kommen uns Ben und Rofe entgegen, wir reden ein wenig mit ihnen, sie sind nice guys, das erste Mal auf dem Trail.

Beim Monument hat es Section-hiker und Through-hiker und ein Trailangel-Ehepaar. Wir hören zu, was es zu beachten gilt: möglichst weit weg von der Grenze zu wandern, wegen den Illegalen, die nachts über die Grenze kommen und so das Übliche, was in der Natur zu respektieren ist, aufzupassen wegen den Schlangen und vor den Poodle-dog-Büschen, die heftige Hautirritationen auslösen. Dann schreiben wir uns ins Startbuch ein. Jetzt noch das obligatorische Startfoto. Ein anderer Hiker macht diese und amüsiert sich ab uns, Andy und ich heben fast ab vor guter Laune. Noch unseren Fotografen umarmen und dann ab auf den Weg.

Es ist extrem grün und die Blumen blühen, hier hat es in letzter Zeit viel geregnet. Als wir Pause machen kommt Yves, ein Schweizer aus Freiburg, bei uns vorbei, er macht auch den ganzen Trail. Wir erzählen ihm von unserem ersten Versuch im 2017 und dass wir einen Blog haben. Er checkt dies auf seinem Handy und möchte sich beim Blog anmelden. Ich sage, es koste 5 Franken, da schaut er ziemlich blöde aus der Wäsche. Nachher geht er weiter mit zwei deutschen Hikern. Das Wetter ist sehr angenehm, leicht bewölkt und nicht zu heiss. Wir laufen durch Hauser Wilderness, unglaublich wie alles im Wachstum ist.

Irgendwann haben wir im Hang einen Mann schreien gehört. Als wir zu ihm kamen, lag er auf dem Boden. Er habe sein Gleichgewicht verloren. Wir hatten nicht vor, ihm zu helfen, der hätte lieber vorher etwas Gewicht verloren. Wir wussten auch nicht wie, wir fragten uns, wie der überhaupt hierher gekommen ist. Etwa gegen 16:30 Uhr machten wir Schluss. Unser Plan ist, die Meilen langsam von Tag zu Tag zu steigern.

Hier im Hauser Creek, Trail-km 20,7, zelten viele Hiker. Es gibt viele Leute zum reden, alle sind natürlich voll motiviert. Als wir essen, fängt es an zu regnen. Das Zelt aufstellen geht superschnell, dann blase ich die Matten auf und Andy schläft gleich ein. Ich schreibe am Blog, das ist etwas schwierig, wenn jemand daneben gerade sägt als müsste er einen Wald fällen. (Andy vorher: «Schreib, das Wetter war super angenehm zum wandern. Rosa war die letzten Tage so anstrengend, dass ich am Nachmittag gleich eingeschlafen bin.») 😍😍

11. April, letzter Tag in San Diego

Etwas später aufgestanden, draussen ist wie immer blauer Himmel und schon recht warm. Wir wollen den Tag sehr gemütlich verbringen, also lassen wir uns Zeit.
Wir könnten beim Yoga mitmachen, aber mit unserem Hiker-Outfit ist das eher nichts für uns. Andy möchte für morgen einen Uber buchen, ich lasse ihn alleine, es bringt nichts, wenn ich dreinschwatze. Also gehe ich auf die Veranda, um zu lesen.

Nach einer Stunde ist er immer noch nicht fertig, irgendetwas klappt nicht. Ich probiere ihm zu helfen, aber es akzeptiert beide Visakarten nicht. Auch Slavi hilft uns und versteht das Problem auch nicht. Es könnte sein, dass die Karten gesperrt sind. Vielleicht haben unser Sohn oder die Tochter eine Party auf unsere Kosten gefeiert. Wir telefonieren mit der Helpline, die sagen wir gäben den Sicherheitcode falsch ein. Das ist schon ein wenig komisch, bei beiden Karten? Wir versuchen alles Mögliche aus, aber es nützt nichts, Uber hat etwas gegen unsere beiden Visakarten. So bucht Slavi für uns die Fahrt und wir geben ihr das Geld. Dann die Handynummern austauschen, sie muss uns morgen noch den Fahrer durchgeben. Um 5 in der Früh, das ist kein Problem für sie, es sei ein Geben und Nehmen in der «Familie». Apropos, die Leute im Hostel halten uns für ihre Eltern. Sie sieht wahrscheinlich so jung aus, oder wir älter. Also wir finden, sie sieht extrem jung aus!!! Das Ganze hat bis Mittag gedauert, recht mühsam mit diesen Karten.

Danach gehen wir einkaufen für die ersten 77 Meilen (113 km). Wir rechnen drei bis vier Tage ein für diesen Streckenabschnitt. Im Einkaufszentrum gibt es alles, was wir brauchen (siehe Bild). Wir schauen eigentlich nur auf die Kalorien, natürlich auch aufs Gewicht. Das Essen wiegt 7,5 kg, geteilt durch 4 Tage sind 1,8 kg, also pro Person 900 g
pro Tag. Die Faustregel ist pro Tag wandern ein Kilo Essen mit möglichst vielen Kalorien, simpel, also wegen dem Essen macht man den Weg nicht. Beim Supermarkt funktioniert die Karte, sie ist doch nicht gesperrt.

Im Hostel machen wir alles bereit für morgen. Andys Rucksack hat ein Gewicht von 11 kg ohne Wasser, mit 4 Liter dazu sind es 15 kg. Meiner hat 10 kg + 3 Liter Wasser, 13 kg. Das ist genial, nicht zu schwer. Mit dem Wasser soll es jetzt recht gut sein, das erste Wasser ist bei Mile 15,4 (24,6 km).

Am Abend gehen wir noch an den Strand. Wunderschön, wir setzen uns einfach in den Sand, schauen auf den Ozean und reden über den Trail. Nervös sind wir beide nicht, diese Sektion, also die «Desert», sind wir ja im 2017 gehikt. Wir freuen uns endlich wieder auf den Trail zu gehen. Nach dem Sonnenuntergang ist es für uns Zeit zurück zum Hostel zu gehen. Ich würde noch gerne in eine Bar gehen und den Abend ausklingen lassen, daraus wird nichts, zum Glück ist Andy vernünftig! Er findet, das wäre nicht die beste Idee. Dann halt nicht.

10. April, Vorbereitungen

Um 6 Uhr begonnen mit dem Blog, denn das Textschreiben braucht doch ziemlich Zeit. Macht uns aber Spass und wir reisen vielleicht bewusster als sonst. Beim Frühstück hatten wir Livemusik, ein junger Mann spielte sehr schön am Klavier. (Leider können wir keine Filme in den Blog stellen). Slavi kam dazu und wir redeten ziemlich lang mit ihr. 

Zu Fuss sind wir etwa 40 Minuten bis zum «Big5»(Outdoorladen) gelaufen. Unterwegs sahen wir viele schöne Häuser und chice Villen mit grossen Gärten, sieht teuer aus. Im Big 5 kauften wir die Gasflasche (nach), dann zwei leichte Messer, ein Erste-Hilfe-Set (gegen Bisse oder Stiche) und noch zwei Wasserfilter. Natürlich habe ich mich mit Klebeband eingedeckt, damit kann man gut Blasen abkleben, man lernt dazu. Im 2017 hatte ich auf dem PCT 700 Meilen lang Blasen. Übermorgen am 12. April geht’s los mit dem Trail.

Danach sind wir in den «Burger King» etwas essen gegangen. Es ist nicht schön da, es hat viele Obdachlose und auch Drogen- oder alkoholabhängige Menschen. Übrigens, die Schulen in Amerika sehen aus wie Gefängnisse, die Sicherheit scheint ein Thema zu sein. Auf dem Rückweg zum Hostel haben wir uns verlaufen. Ich habe Andy ein wenig genervt und ihm auf Englisch meine Unterstützung angeboten: «I think you have the way lost and maybe you will the right way, then believe we have five or ten minutes». Ich fand’s lustig, Andy schmunzelte und schüttelte den Kopf. Als ich fertig war mit meinem Gequatsche standen wir vor dem Hostel. 

Später sind wir noch einmal rausgegangen und auf einem Parkplatz auf ein tolles Feuerwehrauto gestossen. Die Feuerwehrleute liessen Andy ans Steuer, ich hatte sie einfach gefragt, ob er sich reinsetzen darf (Andy: «Nein, nein, das kannst du nicht machen!»). Für heute habe ich Andy genug strapaziert. 

Fürs Nachtessen holen wir uns eine Pizza und essen sie gemütlich beim Sitzplatz von unserem Hostel. Im Hostel ist heute Karaoke-Abend, das lassen wir uns nicht entgehen. Sehr tolle Stimmung, der Pianospieler vom Morgen ist sehr musikalisch. Wir probieren möglichst mitzusingen, mehr oder weniger. Andy w… Er kann ein Lied auswählen und darf zum Singen auch sitzen bleiben. Der Arme, singen ist nicht seine Stärke, aber wir anderen unterstützen ihn. Slavi, die Gute, ist clever, sie fragt einfach, wer ihr das Lied singt. Ein anderer Gast sang Shaggy’s «Boombastic», wir lachten uns kaputt, seine Gestik dazu war toll.

Dieses Hostel, übrigens es ist das «San Diego Point Loma Hostel», ist so ein Non-Profit-Projekt, achtet sehr auf den ökologischen Fussabdruck und den Respekt für alle Menschen und Kulturen. Wirklich ein toller Ort zum verweilen, können wir nur empfehlen.

Rosa mit Musiker ohne Wein