TAG 65, 29. Juni, vom Whitney Portal auf den Mount Whitney, Meile 766

Morgens um 7 Uhr kommt der Bus und bringt uns nach Lone Pine (1136 m ü. M). Von dort geht die Passstrasse hoch zum Mount Whitney Portal, wir stellen uns gleich an die Passstrasse mit dem Daumen draussen. Ein Mann mit Tochter nimmt uns mit hoch. 

Beim Whitney Portal sind wir auf 2460 m und gehen gleich los. Der Weg ist steil und überall kommt Schmelzwasser den Hang hinab. Es hat viele Tageshiker unterwegs, die schauen ein wenig komisch. Wir sind natürlich nach der langen Zeit auf dem Trail gut trainiert. Andy und ich überholen einfach und steigen immer höher, er merkt den Fuss überhaupt nicht.

Etwa um 14 Uhr will eine Rangerin unseren Permit sehen. Es ist das erste Mal überhaupt, dass ihn jemand sehen will. Weiter oben kommt ein grosses Schneefeld an einer sehr steilen Stelle. Ohne Schnee würde es in Schlaufen den Hang hoch gehen. Die meisten Hiker übernachten hier, wollen morgen auf den Gipfel gehen. Wir steigen einfach gerade über das Schneefeld auf. Oben angekommen können wir es fast nicht glauben wie gut es gegangen ist. Wir werden richtig ehrgeizig und entscheiden bis zum Gipfel zu gehen, um dort zu übernachten. 

Wir können es selber kaum fassen, zwei Stunden später stehen wir zum zweiten Mal auf dem Mount Whitney in 4421 m Höhe. Heute sind wir zuerst mit dem Auto fast 1400 Höhenmeter bis auf 2460 m gefahren. Von dort sind wir neun Meilen zum Gipfel gewandert und haben dabei fast 2000 Höhenmeter überwunden, alles in einem Tag! Super, wir fühlen uns richtig fit. 

Wir sind ganz alleine hier oben und wollen hier übernachten. In dieser Höhe ist das schon sehr speziell. Die Steinhütte ist zu gefährlich Es gibt einen Windschutz aus Steinen, darin hat unser Zelt gerade so Platz. Der Sonnenuntergang ist wirklich traumhaft. Andy ist ganz in seinem Element, er fotografiert und filmt wie wild. In solchen Momenten beobachte ich Andy gerne, er ist dann irgendwie in einer anderen Welt, ganz begeistert und glücklich. Ich weiss nicht, was schöner ist, der Sonnenuntergang oder Andy. 

Zero Day, 28. Juni, Bishop

Wir sind am Morgen schnell weg und in den Starbucks, um wieder einmal das Internet zu benützen. Die drei Schweizer sind auch hier. Sie sind immer noch die gleichen, alle reden durcheinander. Manuel möchte uns den Schlafsack zurückgeben, findet in jedoch nicht. Ich frage, ob er ihn vielleicht draussen beim Velo gelassen hätte. Er stürmt raus und bringt ihn rein. Anscheinend sei es schwierig hier ein guten Schlafsack zu bekommen, von uns aus kann er ihn behalten, mit meinem Schlafsack als Decke geht es gut. Wir werden einfach noch zwei Inliner kaufen, wenn es einmal sehr kalt wird, nehmen wir diese zusätzlich. 

Wir beschliessen auf den Zeltplatz zu gehen, dieses Hotel ist uns zu dreckig. In Bishop hat es einen Zeltplatz mit sauberen Sanitäranlagen, dort bleiben wir bis morgen früh. Andys Fuss geht es viel besser, er ist total abgeschwollen und schmerzt überhaupt nicht mehr. Nur hinten am Fersen bei der Achillessehne hat es eine komische Beule. Mal schauen wie es ist, wenn wir viel laufen.

Heute werden wir noch alle Besorgungen machen für morgen und zur Post gehen, um ein Paket nach Hause zu schicken. Dort gibt es eine weisse und eine braune Verpackung. Welche ist billiger fürs Ausland? Ich bin sicher, dass es die weisse ist. Als wir anfangen die Sachen zu verpacken, sagt die Dame hinter dem Schalter, dass die andere Verpackung fürs Ausland sei. Um sicher zu sein, frage ich nach, sie sagt, ja, die andere wäre teurer. In dem Fall packen wir alles in die braune Verpackung. Dann am anderen Schalter verlangt die Dame für in die Schweiz 69 Dollar. Ich finde das sehr teuer, daraufhin meint unsere Besserwisserin: «Oh sorry, ist doch die andere, meine Schuld». Wir wollten natürlich die Verpackung wechseln. Da fragt die Dame an unserem Schalter: «Wollt ihr jetzt verschicken oder lassen wir es?» Vergessen wir das mit dem wechseln, wir bezahlen einfach. Es ist die einzige Poststelle weit und breit, die Verpackung hätten sie so oder so einkassiert. Wir bemerken, es gibt auch unfreundliche Amerikaner. 

Jetzt noch Esswaren besorgen, für beide je etwa sechs Kilo. Es ist heiss, wir gehen in den Park und überbrücken die grösste Hitze. 40 Grad am Schatten ist einfach zu heiss, um überhaupt etwas zu machen. Danach gehen wir in eine Bar mit Klimaanlage, guter Musik und plaudern mit anderen Hikern, die meisten gehen von hier nach Hause. Es wird spät bis wir schlafen gehen.

TAG 64, 27. Juni, Lone Pine bis Bishop

So gegen 7 Uhr haben wir alles verstaut und sind losgewandert. Der Fuss von Andy ist sogar leicht abgeschwollen. Wir werden es trotzdem gemütlich nehmen und gehen über einen Seitentrail beim Cottonwood ins Tal hinunter. 

Gegen den Mittag treffen wir beim Campground ein. Es stehen schon vier andere Hiker an, die nach Lone Pine trampen möchten. Wir setzen uns auf unsere Rucksäcke und warten bis wir an der Reihe sind. Nach einer Stunde sitzen wir bei einer Frau im Auto, die fährt uns hinunter nach Laune Eine, in ein kleines Dorf. Die Passstrasse ist extrem lange und wir verlieren viel an Höhe. 

In Lone Pine machen wir wieder Autostopp. Eine Lehrerin nimmt uns mit, lässt uns jedoch in der Hälfte bei einer Tankstelle in Interpendence aussteigen. Da nehmen einen Bus bis Bishop. Dort haben wir mit den drei Schweizern abgemacht, Manuel möchte uns den Schlafsack zurückgeben. 

Die Busfahrerin fährt uns am Ende der Bustour bis zu einem Hostel. Beim Zimmer buchen haben wir Meinungsverschiedenheiten. Der Besitzer sagt, wir müssten unser Zeugs vor dem Zimmer auf der Veranda deponieren, zuerst duschen bevor wir ins Bett gingen oder den Pool benützen. Irgendwann reicht es mir, die ganze Anlage ist ziemlich heruntergekommen und er ist sowas von zugedröhnt. Ich frage ihn, was das soll, es sehe hier nicht nach einer Luxusunterkunft aus und der Zimmerpreis sei im Verhältnis überteuert, ob er jetzt das Zimmer vermieten wolle oder nicht, ansonsten würden wir abziehen. Danach war er ziemlich kleinlaut und sagte, er hätte das nicht so gemeint.

Der Preis für das Zimmer blieb gleich hoch, aber wir waren zu müde, um noch was anderes zu suchen. Das Zimmer war wie befürchtet eine ziemliche Bruchbude. Die WC-Spülung benützten wir nur mit Vorsicht und genügend Abstand. Nach dem Duschen läuft das Wasser einfach weiter. Das Schlimmste aber war das Bett, in dem behältst du die Kleider an. Auf dem Boden zu schlafen war definitiv keine Option, es hatte irgendwelche Viecher im Zimmer. Eigentlich sind wir uns einiges gewöhnt, aber da waren wir wirklich nur zum schlafen. 

TAG 63, 26. Juni, zurück nach Lone Pine, Meile 748

Nach dem Frühstück habe ich Andys Fuss mit einer Bandage eingebunden und dann sind wir losgewandert. Wir gehen den gleichen Weg zurück und es geht erstaunlich gut. Es kommen uns Hiker und Tageswanderer entgegen. Dadurch halten wir oft, schwatzen mit den meisten ein wenig. Wir haben ja keinen Grund zur Eile. 

Die Rangerin treffen wir am Nachmittag, sie weiss Bescheid wegen Andys Fuss. Wir sagen ihr, dass wir etwa noch drei Meilen laufen und dann Feierabend machen. Es geht Andy so gut mit seinem Fuss, dass er sich fragt, ob wir nicht weiter gehen wollen.

An einem See machen wir eine Pause, aber über Nacht wollen wir hier nicht bleiben, die Frösche sind uns zu laut. Im Wald weiter unten finden wir einen flachen Platz zum zelten.

Zero Day, 25. Juni

Ich werde zur Rangerstation gehen, um die Ranger zu informieren, dass Andy morgen zurücklaufen möchte. Dann wissen wir, was auf uns zukommt. Sie finden es eine gute Idee, denn rausfliegen komme nur im äussersten Notfall in Frage. Ich bekomme noch Lebensmittel, für diesen Abend geben sie mir eine Dose Fleischkäse und viele Dörrfrüchte mit. 

Wir werden natürlich für den Weg etwas länger brauchen. Sie bewundern Andy und sagen Schweizer seien starke Kerle. Sie informieren die Rangerin, die auf dem Weg unterwegs ist. Ich denke, dank der Rangerin sind wir auf dem Rückweg sicher. Falls etwas wäre, können wir sie informieren und sie wiederum würde Made von dieser Station informieren, und der könnte weiteres in die Wege leiten.  

Besser geht doch nicht. Darum trinken wir eins auf die gelungene Organisation der Rettung von meinem Mann. Wir plaudern ewig, eigentlich hätten sie einen Einsatz gehabt, wieder einmal einen Hiker vom Berg zu holen. Das scheint ihnen nicht eilig zu sein, anscheinend jemand, der etwas verstaucht hat. Der meint sicher, es komme ein Heli, wenn der wüsste! Es wird nur ein genervter Ranger hochsteigen, um ihm beim Runterwandern zu helfen. Dann wird dem Herrn erklärt, dass er hier erst mal warten soll bis sich die Verstauchung beruhigt, damit er dann zurücklaufen kann. 

Die Ranger begleiten mich wieder zum Fluss, dann alle einmal fest in die Arme nehmen und tschüss bis irgendwann.

Zero Day, 24. Juni

Wir stehen erst um 10 Uhr auf und frühstücken gemütlich. Auf dem Campground hat es einen sehr aktiven Mungg (Murmeltier), der klaut was das Zeug hält. Als ich zum Fluss gehe, um das Geschirr zu waschen, kommt der Mung mit einer Tasche, Kamera oder anderem hinter mir her. Ich probiere, ihm die Sachen wegzunehmen, aber ohne Erfolg, er hätte mich nächstens gebissen. Ich bin sicher nicht die Erste, mit der er um seinen Besitz kämpft.

Heute macht auch ein junger Amerikaner einen Zero Day. Seine beiden Fersen sind fast so dick wie Andys Fuss. Er will eigentlich den Hike abrechen, weil er fürchtet, dass die Bänder nicht mehr halten.  Schmerzmittel nimmt er keins, er raucht nur bis er nichts mehr spürt. Er läuft sicher gut, das sieht man an den geschwollenen Füssen. 

Am Nachmittag gehe ich bei den Parkrangern vorbei, um etwas Benzin für unseren Kocher zu holen. Wir reden über die PCT-Wanderer, die Ranger sind richtig genervt über sie. Seit dem Film über den PCT gibt es einen Run auf den Trail. Dies beschert ihnen viel Arbeit, ihr easy Job ist stressiger geworden.

Grosse Probleme haben sie dieses Jahr vor allem bei den Flussquerungen. Die Wanderer sollten nicht alleine in den Fluss gehen, das Risiko ist zu gross, die Kraft des Wassers ist unglaublich. Die Ranger müssen dann die Hiker suchen oder bergen. In diesem Jahr seien wegen dem vielen Schmelzwasser mehr Leute im Fluss ertrunken oder verunfallt als sonst. Ich hatte bemerkt, dass es für mich knapp machbar ist, wenn das Wasser bis zu den Oberschenkeln kommt, aber höher wird richtig heikel. Zu zweit ist es schon sicherer, denn Andy hat viel mehr Kraft als ich und ich kann mich an ihm festhalten, wenn es kritisch wird.                                                              

Werden Hiker vermisst, muss es nicht zwingend etwas Schlimmes bedeuten. Viele Hiker gehen einfach vom Weg ohne jemanden zu informieren. Oft tauchen sie irgendwo wieder auf. Aber das nervt die Ranger umso mehr, denn sie müssen diese Menschen suchen und dann für nichts. Ich verstehe ihren Frust schon, glaube aber, dass sie vorher einen sehr easy Job hatten und den vermissen sie wohl ein wenig. Sie haben mir die genauen Zahlen gesagt, der Unterschied an Hikern vor und nach dem Film war erheblich. Wir haben aber über so vieles geredet, dass mir leider die Zahlen nicht geblieben sind. Dann will ich zurück zu Andy, sonst meint er noch, ich sei vom Wasser weggeschwemmt worden. Der Ranger kommt mit bis zum Fluss und wartet bis ich drüben bin. Wir winken einander zum Abschied.

Zero Day, 23. Juni

In den nächsten Tagen legt Andy seinen Fuss in die Höhe, wir packen ihn mit Schnee ein und warten. Wir hätten es schlechter treffen können, hier ist immer was los. Jeden Tag kommen neue Hiker, um auf den Mount Whitney zu steigen.

Wir liegen viel oder gehen runter zum Fluss, um Andys Fussgelenk zu kühlen. Wir diskutieren, was wir machen sollen, wenn es mit dem Fuss nicht gut kommt. Für uns war immer klar, dass wenn einem von uns etwas passieren sollte, der andere nicht alleine weiterhikt. Wir werden erst mal probieren in ein Dorf zu kommen und dort schauen, wie es weitergeht.

Hier läuft den ganzen Tag etwas, sehr viele Hiker kommen und gehen. Sie reden mit uns und wenn sie genügend Essen dabei haben, geben sie uns was ab. Natürlich bekommt Andy den Rat etwas zu rauchen, dadurch könnte er problemlos weiterhiken. 

Ein Helikopter kommt, um einen Mann mit Höhenkrankheit zu retten. Er musste schnellstmöglich vom Berg in eine Druckkammer. Sie suchten auch einen Wanderer, der verschwunden ist. Ihn in diesem Gelände zu finden ist nicht einfach. Eine Hikerin ist zuoberst auf dem Mount Whitney tödlich abgerutscht. Die Leiche müssen sie auch mit dem Heli bergen. Wir sind nicht wirklich erstaunt bei dem Andrang am Berg, so etwas haben wir noch nie gesehen. 

Ein Typ kommt nachmittags um 14 Uhr beim Campground an, stellt alles hin und fragt, wo es zum Mount Whitney geht. Dann schnappt er sich seine kleine Gitarre und zieht Richtung Viertausender. Ohne Rucksack, eine kleine Wasserflasche und sonst nichts, bekleidet mit kurzen Hosen und oben einem Top. Er war sehr schlank, eher dünn. Oft sieht man hier Leute, die einfach zu wenig essen. Dafür rauchen sie immer einen Joint.

Zero Day, 22. Juni, Outpost Camp

Die Schweizer sind auch noch gekommen, die sind recht lustig. Die drei sind grosse Chaoten. Sie wollen auf den Mount Whitney und haben eine Riesendiskussion, ob mit Gepäck oder ohne, ob mit Bärenkanister oder ohne und so weiter. Das hat für uns einen riesigen Unterhaltungswert. Andy sagt, in dieser Zeit wären sie schon halb oben, so lange wie sie reden. Alle lachen.

Bei den Schweizer Jungs wird alles irgendwie in den Rucksack reingestopft, eine Logik brauchen sie nicht. Dafür müssen sie viel miteinander diskutieren und suchen. Manchmal alles wieder aus dem Rucksack zerren, um es wieder irgendwo reinzustopfen. Wirklich lustig zum mitansehen, solange es dich nicht betrifft.   Ungefähr nach einer Stunde waren sie startklar und starten endlich. Wir werden ihr Gepäck bewachen und wünschten einander gegenseitig Glück für den weiteren Weg.

Als sie einen Tag später vom Berg zurückkommen, merkt einer, dass ihm der Schlafsack fehlt. Panik in seinem Gesicht, alle diskutieren wie wild durcheinander. Fazit, er hat ihn auf dem Gipfel liegengelassen. Weil wir wegen Andys Fuss wahrscheinlich sowieso nicht weitermachen können, sagen wir, er könne Andys Schlafsack haben. Wir werden meinen einfach aufmachen und wie eine Decke benützen. Möglich auch, dass jemand von den anderen Hikern den Schlafsack nach unten bringt. Er meint, das werde kaum der Fall sein, dass ihn wahrscheinlich der Wind weggeweht habe. 

Für den Schlafsack bekommen wir von ihnen zu essen. Ein Snickers, etwas Müsli, Trockenfleisch, irgendwelche Bohnen, zwei Handvoll Teigwaren, Gummibärchen. Netter Ersatz für einen Schlafsack.

TAG 62, 21. Juni, Mount Whitney (4400 m), Meile 766

Um Mitternacht aufgestanden. Trotz den Stirnlampen war es schwierig den Weg zu finden, alle Hiker irren im Wald herum. Irgendwie finden wir eine Spur, die gerade über ein Schneefeld geht. Ich finde es toll, wenn man Lichter sieht, die einen Berg hoch gehen und die Landschaft sieht aus wie in der Schweiz. 

Stundenlang kämpfen wir uns höher und höher. Im letzten Schneefeld geht mir die Puste aus. Ich schicke Andy voraus, damit er nicht den Sonnenaufgang verpasst. Bei mir geht es einfach nicht mehr schneller. Auf dem Gipfel auf 4’400 Meter oben ist es dann genial. We did it! Die Sicht ist super, klarer Himmel besser geht nicht. Einige Hiker sind schon oben und es werden laufend mehr. 

Wir bleiben sicher eine Stunde oben und geniessen den Moment. Ein spezieller Brauch ist, sich nackt auszuziehen und ein Gipfelfoto zu machen. Solltest das mal in der Schweiz machen, ich weiss nicht, ob man den Bergführer nicht schockieren würde. Wir werden dies sicher nicht machen, eine Umarmung und Küssen sind uns lieber.

Hier bekommen wir endlich einen Trailnamen, der auch cool ist, nicht «Stinky Andy» oder «Cout Couple». Wegen dem Berglöwen, den wir gesehen haben, heisst Andy: Mountain und ich: Lion, zusammen sind wir Mountain Lion. Wir finden das ein wirklich cooler Name.

Die 2000 Meter wieder hinab schaffen wir dann etwa in drei Stunden. Kurz vor dem Zeltplatz rutscht Andy mit dem rechten Fuss seitlich von einer Schneemade und bleibt auf dem Boden liegen. Ihm schmerzt das Gelenk wahnsinnig. Ich schaue mir den Fuss an, der wird röter und schwillt an. Bewegen geht zum Glück. Für einen solchen Fall ist es gut, wenn man sehr starke Schmerzmittel dabei hat. Ich nehme sein Gepäck und er humpelt bis zum Zeltplatz. 

Dort schauen sich die anderen Hiker Andys Fuss an. Mit dem Gelenk scheint es erst mal vorbei mit laufen. Der Fuss wird von einem Hiker fachgerecht eingebunden. Einer meint zu mir, wir sollten schauen, dass mein Mann ausgeflogen wird. Der Ranger, der auch dabei ist, schaut ihn an und lächelt nur. Dies sei sicher kein Grund, um ausgeflogen zu werden, sie seien kein fliegendes Taxi. Damit ist das auch geklärt, hier wird gewandert solange man auf den Füssen ist. 

Uns ist klar, dass der Fuss zuerst geschont werden muss. Danach werden wir es sicher schaffen in die nächste Ortschaft zu wandern. Verhungern werden wir nicht, alle Hiker, die hier durchkommen, sind meistens informiert. So bekommen wir immer etwas zu essen, denn jeder gibt was ab. In der Rangerstation kann ich Esswaren holen, die für solche Fälle gedacht sind.

TAG 61, 20. Juni, Meile 750, Outpost Camp

Mein schmerzendes Ohr hat mich kaum schlafen lassen. Ich wurde immer wieder wach, hoffe jetzt nur, dass es nicht schlimmer wird. Auch heute sind viele Hiker unterwegs, die wollen morgen alle auf den Mount Whitney. Anm: Nachdem sich die Zahl der Wanderer auf dem John Muir Trail zwischen 2011 und 2014 verdoppelte, haben sie Quoten bzw. Permits eingeführt, um eine Übernutzung zu vermeiden. Mit der PCT-Langstreckenbewilligung war dies für uns nicht nötig. Vorgeschrieben sind aber Bärenkanister zum Verstauen von Lebensmitteln.

Die Wälder sind speziell. Die Bäume stehen weit auseinander, die Stämme sind völlig verdreht vom Wind. Es geht einen Hang runter, wir rutschen einfach auf den Hosenboden runter. Unten müssen wir einen Bach überqueren. Wir laufen am Bach nach, um eine Stelle zu finden, an der wir rüber können. Wir finden einen Zettel unter einem Stein, auf dem steht es hätte hier einen Baumstamm zum überqueren des Baches. Für Andy als Zimmermann ist das ein Kinderspiel. Er hat früher beim Aufrichten von Dachstühlen mitgeholfen. Er geht einfach hinüber, kommt zurück und nimmt meinen Rucksack. Obwohl ich ohne Gepäck da rübergehe muss ich mich erst überwinden. Wer hier hineinfällt, braucht mehr als einen Schutzengel.

Auf der anderen Seite müssen wir an der Böschung nach zurück zum Weg gehen. Dort sind etwa acht Hiker. Sie sind durchs Wasser gegangen und ganz nass. Sie sind richtig fertig von der Querung des Baches und bieten uns an mitzurauchen. Ich denke, wenn schon hätte ich vorher eins gekifft, weil bei klarem Bewusstsein würde ich nie in diese Strömung steigen. Einige der jungen Hiker sind richtig ausgehungert, die meisten sind ja schon länger auf dem Trail. Die schleppen kein Essen mit sich, sondern sind einfach mehr am Kiffen.

Bis wir beim Campground vom Mount Whitney sind müssen wir zweimal durchs Wasser. Auf dem Outpost Camp (3158 m, auf der PCT-Seite) sind viele Hiker. Wir stellen unser Zelt auf, kochen und essen etwas und richten alles bereit für morgen früh.