9. Juni, Fort Jones, Unterbruch

Wegen dem vielen Schnee auf dem PCT haben wir am Morgen beschlossen mit dem Bus nach San Francisco zu fahren und dort mal auszuprobieren, wie es ist an der Küste zu wandern. Es soll dort einen Küsten-Trail geben, den werden wir ein Stück laufen. Sara wird mit uns kommen, wir werden sehen, ob es mit ihrem Fuss geht.

Diesen Tag gehen wir viel in das kleine ländliche Dörfchen, es gefällt uns, wir fühlen uns hier wohl. Die Familie ist auch sehr nett. Wir finden es interessant zu sehen wie sie so leben und arbeiten. Made erzählt uns, wenn niemand krank wird, kommen sie durch, es geht gerade, aber eine Versicherung hätten die wenigsten hier. Der Job sei immer sehr unsicher, man könne jede Woche seinen Job verlieren. Drum hätten in einer Familie immer beide verschiedene Arbeitgeber. Falls einer den Job verliert, hat man noch den anderen. 

Seit wir länger in den USA sind, ist uns klar geworden, dass es entweder Reiche oder Arme gibt. Die Mittelschicht rutscht schnell in die Armut ab. Ich denke wir gehen gerne wieder in die Schweiz zurück. Es scheint mir zuhause schon das einfachere Leben zu sein, so als Durchschnittsmensch. Uns überrascht immer wieder, wie freundlich und zufrieden diese Leute sind. Sie geben dir alles, was Materielles ist. Vertrauen scheint für sie selbstverständlich. Was mich am meisten erstaunt ist, es scheint hier keinen Neid, keine Missgunst zu geben. Keine Ahnung, woran es liegt. Wir bewegen uns natürlich mehrheitlich in den ländlichen Gegenden, weiss nicht, ob es in den Städten anders wäre. 

Als Dankeschön für die Gastfreundschaft haben wir Made einen guten Whisky besorgt, der gleich nach dem Essen probiert wird. Andy liebt Whisky und hat darum etwas Besonderes ausgesucht. Wir stossen auf unsere neue Freundschaft an. Sara, Andy und ich nehmen einen kleinen Schluck, die zwei kippen das ganze Glas ex, weg damit. Andy hatte einen kleinen Schock, sein Gesicht war unbezahlbar. Die zwei fragten Andy, ob etwas nicht gut sei. Daraufhin bekamen sie eine Belehrung wie man Whisky trinkt. Es war ein richtig lustiger Abend. 

TAG 58, 8. Juni, irgendwo in Oregon

Wir schlafen aus, weil es regnet. Im Zelt ist es recht gemütlich, es hält dicht und auch dem Wind stand. Ein Hilleberg-Zelt ist nicht billig und schwerer als die üblichen Tarps oder MSR, aber es hält und bewährt sich. So wandern wir erst um 7 Uhr los.

Circa gegen 8 Uhr gehen wir weiter Richtung Zivilisation. Mit dem Regenponcho sehen wir aus wie zwei wandelnde Büsche im Wald, aber dafür wird nichts nass. Wir laufen auf einer Waldstrasse alles hinunter, da steht plötzlich direkt vor uns ein Deer (sowas wie ein Reh), eine Mutter mit ihrem Neugeborenen. 

Gegen 11 Uhr treffen wir auf eine Strasse, schauen in welche Richtung es geht und gehen dann der Strasse nach. Es kommen vereinzelt Häuser. Eine Frau ist im Garten und fragt uns, was wir hier machen. Wir erzählen ihr vom Schnee auf dem Trail und sie bittet uns reinzukommen. Ihr Mann macht uns Frühstück: Eier, Burger, Pancakes, Kaffee, alles richtig fein. Wir essen und reden eine Weile. Sie erzählen über sich und dass ihre Leidenschaft sei Sachen auf dem Flohmarkt zu verkaufen. Er lacht und sagt, er hätte meinen fragenden Blick bemerkt – in der Küche hat es jede Menge Töpfe. Sie sind richtig stolz auf das viele Zeugs, das sie angesammelt haben, um es wieder zu verkaufen. Er zeigt uns sogar ein Cheminée, das sie beim Nachbarn abgebaut haben als es zu haben war. 

Während er erzählt, organisiert sie am Telefon wie wir nach Yreka kommen. Dann fährt er uns mit dem Auto zu einer Bushaltestelle. Auf der etwa halbstündigen Fahrt dahin erklärt er uns wer wo lebt und was sie so alle machen hier. Kurz, die meisten leben hier in einer Gemeinschaft mit einem festen Glauben. Das verbindet sie alle miteinander, sie scheinen recht glückliche Leute zu sein. An der Busstation danken wir ihm vielmals für alles und er wünscht uns alles Gute. 

Mit dem Bus fahren wir bis nach Ashland, in die Ortschaft, in der Saras Freundin lebt, denn wir können bei ihr übernachten. Nach dem Aussteigen aus dem Bus treffen wir auf zwei deutsche Hiker, die von oben hierher gelaufen sind. Als wir sie fragen wie es mit dem Schnee sei, berichten sie von einem Unfall, den sie mitangesehen hätten und sie würden jetzt nach Hause gehen. 

Im Ort hat es noch eine Forststation, die wissen sicher genauer Bescheid. Die Dame telefoniert und holt Infos ein über den Trail bis zur Grenze von Kanada. Leider schlechte Nachrichten für uns, überall viel Schnee. Nach einer Weile finden wir das Restaurant, in dem Pia arbeitet. Pia nimmt uns danach mit zu sich nach Hause, dort können wir in einem Wohnmobil wohnen. Sara freut sich uns zu sehen, wir reden viel bis wir irgendwann alle schlafen gehen. 

TAG 57, 7. Juni, Meile 1635

Wir haben erst einmal in Ruhe gefrühstückt. Gleich geht es los mit der ersten Querung. Danach müssen wir runter steigen, um ihm Tal weiterzugehen, dann wieder rauf auf die Kuppe. In diesem Gelände machen wir keine grossen Wegstrecken. 

Wir kommen aus der Puste, es ist nicht so easy. Vom Weg sind nur noch kleine Abschnitte sichtbar, eigentlich ist er die meiste Zeit unterm Schnee. Wir kommen an eine riesige Querung, die auch mega steil ist und zu allem Überfluss hat es unten einen See. Wir können ihr einfach nicht ausweichen, müssen es angehen.

In der Mitte machen wir auf einem Stein Pause. Es ist total anstrengend und auch für die Nerven wird`s langsam genug. Einmal ist Andy vor mir einfach im Schnee eingesunken, war plötzlich weg. Sah im Moment lustig aus, er lachte jedoch nicht, ich dann auch nicht mehr. Der Schnee trägt meist, aber wenn unter dem Schnee ein grosser Stein ist, verschwindest du im Hohlraum zwischen Stein und Schnee. Egal wie früh wir starten, die Energie ist bis am Nachmittag dann auch zu Ende. Erst um 4 a.m. kommen wir auf der anderen Seite an, brauchten fünf Stunden für die Strecke.

Wir setzten uns danach erst einmal hin und besprechen, ob wir weitergehen über den nächsten Grad, oder ob es vielleicht eine Alternative gäbe. Irgendwo in der Höhe haben wir unten im Tal Gebäude gesehen. Die sollten eigentlich in ein oder zwei Tagen erreichbar sein. Wir finden beide, es sei hier zu gefährlich weiterzumachen. Irgendwann verlässt dich dein Glück und es geschieht vielleicht etwas. Wir haben auch das Gefühl, unseren Schutzengel bereits genügend in Anspruch genommen zu haben. Also beschliessen wir abzusteigen, heute noch. Möglichst weit Richtung Tal, querfeldein ab. Dabei kommen uns die Kurse in der Schweiz zu Gute. 

Um 20 Uhr haben wir das Schlimmste hinter uns gebracht. Es fängt auch noch an zu regnen, wir stellen schnellstmöglich das Zelt auf und essen im Zelt zu Abend. 

TAG 56, 6. Juni, Meile 1612

Am Morgen wollen wir einiges erledigen, eines nach dem andern: Wäsche machen, Einkaufen und ein Rundgang durchs Dorf, das nicht wirklich gross ist. 

Unser Vermieter klärt uns über die Schneeverhältnisse auf und sagt, es sei von hier erst ein Hiker auf dem PCT weitergegangen. Das ist für uns jedoch nichts Neues. Wenn wir jedes Mal wegen einem schlechten Bericht umfahren hätten, wären wir nur die Hälfte gelaufen, und die andere gefahren. So machen wir es wie immer, erst vor Ort entscheiden. Denn umkehren können wir ja immer noch. Ein Hiker kommt ins Hostel. Er ist mit dem Bus bis hierher gefahren und wird auch die nächste Strecke umfahren. 

Wir gehen nochmals ins Dorf und hoffen, vielleicht Pete, unseren Fahrer von gestern, zu sehen und dann könnten wir mit ihm etwas trinken gehen. Pete sehen wir leider nicht, drum beschliessen wir gut zu essen und dann zurück auf den Weg zu gehen. Als wir vom Essen zurückkommen, wird gerade Sara abgeholt. Sie kann bei einer Familie wohnen bis sie weiss, was sie machen wird.

Wir stellen uns an die Strasse, die zum Pass geht, wo der PCT weiter geht. Sara kommt im Auto und wir können mit ihnen auf den Pass hinauf fahren und verabschieden uns oben von den zweien. 

Bald stossen wir auf dem Weg auf ein Trailbuch. Wir tragen uns ein und sehen, dass vor drei Tagen noch ein Mann auf dem Weg gewesen ist. Kein gutes Zeichen, wir hätten lieber gehabt, wenn mehr Hiker den Weg gegangen wären. Wenigstens ist er nicht zurückgewandert, er hätte sonst sicher einen Vermerk ins Trailbuch gemacht. Also muss es machbar sein.

Nach einer Stunde ist alles wieder weiss. Hoffentlich wird das bald weniger, denn sonst machen wir auch zu wenig Meilen, um ans geplante Ziel zu kommen. Es dämmert bereits als wir aufhören, weil wir erst am Abend auf dem Trail zurück sind. Wir stellen das Zelt etwas weg vom Weg auf, trinken noch einen Kaffee und gehen irgendwann ins Zelt.

TAG 55, 5. Juni, Meile 1604, Passtrasse auf Etna

Um 5 Uhr aufgestanden, denn wir wollen den Schnee möglichst schnell hinter uns bringen. Wir stapfen wieder hoch auf den Grat und dann wieder runter. Zwischendurch gibt`s kleinere Klettereien und Abrutschen. Uns gefällt es, denn wir sind richtig gefordert. Klettern auf dem PCT macht Spass! Uns beiden gefällt auch das Hinunterrutschen im Schnee, es ist wie Skifahren ohne Skis, einfach genial. Dadurch haben wir wieder etwas zu lachen, auch wenn nicht jede Abfahrt ein Erfolg ist.

Bis zum Mittag ist alles ziemlich nass. Gegen 14 Uhr sind wir aus dem Schnee raus. Jetzt geht es zur Passstrasse, hoffentlich hat es dort Autos. Aber leider erreichen wir erst am Abend die Strasse. Wir wollen in das Dörfchen Etna, vom Pass bis zum Dorf sind es 20 Meilen.

Da entdecken wir einen Pick-up, und gehen hin, um zu fragen, ob wir mitfahren könnten. Als die zwei im Auto die Scheibe runter drehen, qualmt es heraus wie aus einem Kamin. Die sehen fast aus wie Koalabären, nur sind sie nicht auf dem Baum sondern im Auto. Wir reden noch ein wenig mit ihnen und ziehen dann diskret ab. In dem Zustand, in dem sie sich befinden, möchten wir nicht mitfahren. Wir laufen los und hoffen, dass noch jemand ins Dorf fährt. Langsam wird es Zeit, um einen Platz zu suchen zum zelten.

Endlich kommt ein Fahrzeug die Strasse hoch. Er fährt an uns vorbei, wendet dann und hält bei uns. Er wird uns mitnehmen, doch er sieht auch nicht grad wie der anständige 0815-Typ aus, aber jetzt wählerisch zu sein geht nicht. Wir sind uns ja einiges gewöhnt. Zuerst müssen wir uns Platz freischaufeln im Fahrzeug. Andy geht auf die Rückbank, er hat grad mal Platz neben all den Sachen, die dort liegen. Zu erwähnen ist, dass der Typ sechs Hunde dabei hatte, die im Fahrzeug herumklettern. Ich steige vorne ein und brauche meinen Rucksack, um einen Hund auf die Fussmatte zu drücken. Der war nicht begeistert seinen Platz zu teilen. In der Schweiz wäre der beim Wesenstest durchgefallen, keine Aussicht ihn zu bestehen.

Er fährt los, die Passtrasse hinunter. Pete hat immer eine Hand am Steuer, mit der anderen trinkt er Bier oder vertreibt einen Hund vom Lenker. Darum benötigt er natürlich die ganze Strasse. Ich drehe mich nach hinten und sage zu Andy: «Der hat es im Griff.» Andy nickt nur, ist jedoch etwas blass im Gesicht. Ich nehme den Hund vom Fahrer weg, denn ich denke mir, dass er so besser fahren kann. Bringt aber gleich gar nichts. Jetzt zeigt er mir auf seinem Handy Bilder von seinem Haus, seinen Tieren und so weiter. Die Strasse nimmt er nur wahr, wenn grad eine ganz enge Kurve kommt, er kennt die Strecke zum Glück. Wahrscheinlich ein recht netter Kerl, aber wir sind froh, als wir unten ankommen.

Er fährt uns gleich zu einem Hostel. Dann fragt er noch, ob er uns zu einem Drink einladen dürfte, wenn er uns die nächsten Tage im Dorf sehe. Wir werden natürlich ihn einladen. So verabschieden wir uns, bis irgendwann. Das lieben wir an den Amerikanern. Immer unkompliziert, wenn man sich sieht ist gut, und sonst halt beim nächsten Mal.

Sara aus der Schweiz ist auch im Hostel. Sie ist schon länger hier, muss den Fuss schonen. Von Jekov hat sie sich getrennt. Wir hausen mit ihr in einem Gartenhaus, in dem es alles gibt, was man braucht: Dusche, WC, Kühlschrank, kleine Küche. Uns gefällt es sehr. Wir erzählen Sara, was wir erlebt haben und von der Schlange, die wir im Schnee gesehen haben. Sara googelt sofort, das verstehen wir nicht. Es ist ja nur eine Schlange von vielen. Aber Sara ahnt, welche es war.

Dann hält sie uns ihr Handy unter die Nase und fragt so, ob es diese war. Wir nickten. Es war eine Green Mojave Rattlesnake. Vielleicht sollten wir doch ein wenig vorsichtiger sein. Das ist nämlich eine der gefährlichsten Klapperschlangen. Anscheinend, weil sie aggressiv sind und ihr Gift ist hochpotent. Wir sagen Sara, dass die Schlange, die wir gesehen haben, eher verstört wirkte. Sie sagt einen Moment nichts, hält uns wahrscheinlich für bekloppt. Dann gehen wir zusammen in ein Restaurant etwas Leckeres essen. Es wurde ein netter Abend. 

TAG 54, 4. Juni, Meile 1575

Wir stehen um 6 Uhr auf und ziehen gleich los. Der Weg ist meistens unter dem Schnee, dadurch kommen wir nicht sehr schnell vorwärts. Als die Sonne etwas wärmt, kochen wir uns Haferflocken. Davon haben wir inzwischen Unmengen verbraucht, in allen Geschmacksrichtungen. Wäre interessant zu wissen, wieviel Kilos jeder von uns schon auf dem Weg gegessen hat. Ein Wunder, dass wir nicht wiehern wie Pferde.

Heute ist unsere Wegführung recht kreativ. Der Weg hat Tücken, zum Beispiel man biegt um die Ecke und steht plötzlich vor einer weissen Wand. Wenn der Weg durch den Hang geht, liegt natürlich genau da der Schnee im Hang. Von oben bis unten ohne Ausweichmöglichkeiten, nicht wirklich einfach, nicht gut. 

Da die Nordseite nur ein paar Stunden in der Sonne ist, schmilzt der Schnee kaum und der Weg bleibt unter dem Schnee. Queren ist aber auf diese Distanzen – meistens eher 1 Kilometer und nicht nur 100 Meter – sehr anstrengend und auch nicht ungefährlich. So stapfen wir meistens hinauf, gehen oben auf dem Grat, dann wieder runter auf den Weg. Es ist anstrengend, aber dafür sind die Aussichten herrlich.

Der Tag vergeht wie im Flug, am Abend sind wir fix und fertig. Es war der 4. Tag, an dem es im Schnee und ständig nur bergauf und bergab geht, und die Querungen ziehen sich. Uns genügt es mit dem Schnee. Wenn alles gut geht, sollten wir morgen an eine Passtrasse kommen. 

TAG 53, 3. Juni, Meile 1550, Schüsse im Wald

Um 5 Uhr aufgestanden und bei traumhafter Aussicht was essen. Wir hatten zum Glück keinen Bärenbesuch in der Nacht. Der Weg geht in ein Tal hinunter und unten angekommen geht es weiter durch einen Fluss. Natürlich haben wir jetzt schon alles nass. 

Nicht weit von uns wird geschossen, zum ersten Mal! Wir fühlen uns nicht mehr wohl in diesem Wald. Einfach weg von hier. Uns ist mulmig zumute, soviel wir wissen, ist gerade keine Jagdsaison. Wenn hier jemand im Wald rumballert, dann hätten wir lieber eine Warnweste dabei. Wir laufen schneller, was unsere Beine hergegeben bis spät in den Nachmittag hinein. 

Am Abend sehen wir eine Schlange, die uns heftig anklappert. Sie ist oberhalb des Weges, knapp zwei Meter entfernt von uns, etwa einen Meter lang und armdick. Ich bin müde und reagiere etwas genervt. Ich sage zu Andy, dass es mich nervt, denn ich erschrecke jedes Mal, wenn ich dieses Klappern höre. Diese Schlange ist aber ein wirklich schönes Exemplar, grasgrün und sehr schön gemustert. Sie wäre ein Foto wert, doch sie scheint fotoscheu zu sein und schlängelt sich weg. Ich sage zu Andy, dass wir den Stock brauchen könnten, um sie zu überzeugen anständig zu posieren. Er ist wieder mal nicht gleicher Meinung und zeigt mir nur den Vogel. 

Wir finden für unseren Geschmack hatten wir in den letzten zwei Tagen genug Action und stellen unser Zelt auf den nächsten geeigneten Platz.

TAG 52, 2. Juni, Meile 1540, Aug in Aug mit dem Bär

Um 5 Uhr aufgestanden und frisch und mutig die Querung in Angriff genommen. Am Morgen ist der Schnee noch gefroren, ansonsten brichst du durch, die Schneedecke hält unser Gewicht (meistens). Dank den Mikrospikes ist es machbar. Einfach nicht ausrutschen, jeden Schritt konzentriert setzen, irgendwann ist man auf der anderen Seite.

Die Querungen sind ziemlich lange. Ohne Schnee könnten wir beim Laufen eine richtig tolle Aussicht geniessen. Aber bei den Wegverhältnissen guckst du eigentlich nur auf deine Füsse. Um die Gegend anzuschauen, musst du stillstehen. Wir haben eine gefühlte Ewigkeit für die Querung. Nach überstandener Querung frühstücken wir. Es ist hier wunderschön. Diese Stille ist einfach beeindruckend, man empfindet diese Einsamkeit aber nicht als beängstigend. Schwierig zu erklären, einfach ein Gefühl des Nichtsmüssens, einfach des Seins in diesem Moment. 

Bis zum Mittag wanderten wir weiter im Schnee. Als es dann bergab geht, sind wir froh endlich wieder auf schneefreiem Weg zu hiken. In der absoluten Ruhe kochen wir, essen und halten ein Nickerchen. Keine Menschenseele kommt vorbei. Nachher laufen wir weiter bis in den Abend hinein. Plötzlich sehen wir oberhalb des Weges einen Bär (Schwarzbär). Er schaut uns eine Weile an und wir ihn. Andy macht mit dem Handy ein Foto. Danach läuft der Bär einfach weg, wir mussten nicht einmal unsere Trillerpfeifen benützen. Wahrscheinlich hat ihn unser Gestank vertrieben. 

So, für diesen Tag hatten wir genug Aufregung, erst diese Querung, dann ein Bär, der nicht erschrocken weggerannt ist, sondern uns in aller Ruhe gemustert hat. Die anderen Bären sind immer gleich im Wald verschwunden, das fanden wir angenehmer. Wir möchten eigentlich Feierabend machen, aber der Aufstieg vor uns ist sehr steil. Wenn der Schnee gefroren ist, kommen wir nur sehr schlecht rauf. Jetzt können wir noch richtige Tritte hinein hauen und einfacher aufsteigen.

Bis wir oben ankommen ist es halb neun und wir stellen das Zelt einfach im Weg auf. Heute sucht Andy einen dicken Ast aus, um den Kanister weit weg vom Stamm aufzuhängen. Nicht dass sich der Bär unseren Vorrat holt. 

TAG 51, 1. Juni, Shasta, Meile 1507

Wir frühstücken noch mit Sara und Jekov und gehen erst um 8 Uhr los. Sie werden den Weg erst später weitergehen. Saras Fuss ist geschwollen und sie hat starke Schmerzen. Jekov wird vielleicht weitergehen, oder auf Sara warten. Sara ist eine attraktive junge Frau, aber ihr Mithiker ist für meinen Geschmack etwas zu engagiert. Ich habe kein gutes Gefühl dabei und äussere Sara meine Bedenken. Sie ist selbst etwas unsicher in der Sache. Mal schauen, wenn wir sie wiedersehen, ob sie alleine ist oder mit Jekov. Wir werden weitergehen, aber ist nicht immer einfach die Leute sich selbst zu überlassen.

Ein Hiker überholt uns als wir wieder auf dem PCT sind. Der Weg geht heute steil den Berg hinauf. Nach zwei Stunden kommt uns der Hiker von vorher wieder entgegen. Er sagt, es habe zu viel Schnee für ihn, er werde zurückgehen und wisse noch nicht, ob er weiterlaufen werde auf dem PCT. Es ist etwas frustrierend immer wieder zu hören, dass Hiker entweder Strecken umfahren oder aufgeben. 

Nach einer Stunde kommt wirklich Schnee. Die Füsse werden im Schnee bald nass und den Weg mit dem GPS zu navigieren, ist etwas mühsam. Wir sind in der Bergwelt angekommen. Spuren sind momentan keine mehr vorhanden. Anscheinend sind wir die Ersten, die hier durchlaufen.

Am Abend sind wir ganz allein zuoberst auf dem Berg. Wir sollten queren, doch es ist sehr rutschig und der Hang ist steil abfallend zu einem See. Wir entscheiden uns, hier zu übernachten und morgen früh die Querung in Angriff zu nehmen. Keiner von uns hat Lust, mit dem matschigen Schnee in den See zu rutschen. 

Zelt aufstellen, danach noch ein Feuer entzünden und die Schuhe trocknen für morgen. Mit den Socken machen wir es so: im Schlafsack unter den Pulli, direkt auf den Bauch. Etwas grusig, aber es funktioniert, sie trocknen. Andy will meine Socken nicht mittrocknen, für ihn endet hier die Bereitschaft einander zu helfen. 

Zero Day, 31. Mai, Mount Shasta City, Meile 1507

Wir haben ausgeschlafen und sind danach mit Sara und Jekov nach Mount Shasta City gefahren. Ein Trail Angel hat uns dorthin gefahren. 

Mount Shasta City ist ein richtiges Hippiedörfchen. Alles voller Organic-Läden (Bio), Kristallen, allerlei Souvenirläden mit handgemachten Sachen, viele Coffeeshops und Restaurants. Die rund 3’000 Menschen leben spirituell und ziehen sich an wie in den 68ern. Sehr freundliche und gutgelaunte Leute.

Essen einkaufen ist aber sehr teuer. Alles ist Bio und aus nachhaltiger Produktion. Das ist gesund, aber ist uns ziemlich egal, uns sind zur Zeit vorallem die Kalorien wichtig. Ein möglichst leichtes, kleines Packmass und richtig viele Kalorien, so kaufen wir ein auf dem Weg. Wir beschliessen, das meiste bei der Tankstelle einzukaufen, ist billiger und dort sind auch unsere Snickers und Süssigkeiten erhältlich. 

Unsere Schuhe sind völlig durchgelatscht. Im Outdoor-Geschäft kaufen wir beide neue Schuhe. Auch Einlagen für die Schuhe sind super, damit geht`s etwas bequemer. 

Wir gehen in einen Café mit Internet, um nachzugucken, was inzwischen so an WhatsApps und  E-Mails reingekommen ist. Fabian, unser Sohn, hat uns ein E-Mail geschrieben, indem er uns zuerst zurechtweist. Wir sollten uns regelmässig melden, auch wüssten sie gerne, wo wir gerade unterwegs seien und ob es uns gut gehe. Kurz und bündig! Dann noch, dass er uns liebt. Uns war gar nicht so bewusst, dass wir schon länger nicht mehr nach Hause telefoniert hatten. Die Zeit läuft einfach unheimlich schnell. Jeden Tag hat man was vor, ist immer wieder an einem neuen Ort, sieht alles neue Leute. Es ist der Wahnsinn und man verliert das Zeitgefühl.

Zuerst haben wir unsere Tochter angerufen. Jasmin scheint nicht so verärgert zu sein wie Fabian. Sie freut sich sehr über unser Telefon und sagt uns aus dem Nichts heraus, dass sie uns liebt. Danach noch mit dem Sohn telefonieren. Fabian ist weniger geschmeidig und erklärt uns, dass er es wirklich ernst meint. Wir verstehen ihn und werden uns bessern. 

Als wir aufgelegt haben, meinen wir, die beiden hätten jetzt die Rollen vertauscht. Wir lachen – so viel zum «werden uns bessern». Andy und ich sind trotzdem erstaunt. Wir vermissen unsere Kinder auch sehr, aber hatten damit nicht gerechnet. Es hatte mal eine Zeit gegeben, da wollte ich den Trail schmeissen, einfach zuviel Heimweh, doch das verging dann mit der Zeit. Wir fanden es auch unangebracht, unsere Kinder sind schliesslich erwachsen und da sollte man loslassen. 

Am Abend hat uns der Trail Angel wieder zum Campingplatz zurückgebracht. Es war schon später, nur nochmals schnell duschen und ab ins Zelt und schlafen.