TAG 49, 30. Mai, Castella, Meile 1507

Wir sind um 5 Uhr aufgestanden und gleich los. Wir haben nur noch drei Snickers und etwas Haferflocken zu essen. Auf eine Trail Magic zu hoffen, ist hier nicht sinnvoll. Seit wir aus der Wüste sind, haben wir nur noch selten eine Trail Magic angetroffen. 

Bis zum Abend sollten wir in Castella sein und dort hat es ja wieder Möglichkeiten einzukaufen. Der Weg nach Castella zieht sich unglaublich in die Länge. Wir haben das Gefühl, wir laufen ohne Unterbruch und kommen einfach nicht an. 

Den ganzen Tag treffen wir keinen einzigen Menschen, also unterhalten wir uns gegenseitig. Wir geben jetzt den Tieren eigene Namen. So ist die Klapperschlange ein Mustang, die grüne Mojaveschlange ist der Jaguar, ein Bär nennen wir Lastwagen und so weiter. Das unterhält uns den ganzen Tag hindurch und wir müssen immer wieder lachen.

Es ist manchmal schwer zu fassen, was man sich so alles ausdenkt, wenn man stundenlang miteinander einfach nur so vorwärts läuft. Als Andy mal furzt sage ich: «Geht es noch?! Ich laufe hinter dir.» Daraufhin meint er, das sei nicht er gewesen, sondern der Delphin. Ich verstehe es nicht. Er seien Delphine im Wald, die furzen, nicht er. Wir lachen uns fast zu Tode.

Wir müssen noch unter einem Highway durchkommen und dann nochmals etwa sechs Meilen hoch im Wald. Als wir beim Zeltplatz ankommen, ist es 16 Uhr. Der Zeltplatz ist für Hiker billiger und es hat eine warme Dusche, genial. Holz kann man auch kaufen für den Grillplatz. Erstmal geniessen wir die Dusche und dann wollen wir schnellstmöglich ins Dörfchen. Vorher noch schnell das Zelt stellen. 

Wir gehen los, um zu schauen, was es hier gibt und wie’s aussieht. Castella hat genau mal eine Tankstelle. Als Dorf würde ich das nicht bezeichnen. In der Tankstelle macht uns die Dame an der Kasse je ein leckeres Sandwich, das wir gleich wegessen. 

Dann kaufen wir uns noch ein riesiges Stück Fleisch für den Grill, eine Superportion Chips und eine Flasche Rotwein. Und jetzt wird Andys Geburtstag nachgefeiert! 

Beim Zeltplatz haben wir eine nette Überraschung, Sara und Jekov sind hier. Wenn wir das vorher gewusst hätten! Jekov hat den Grill schon eingeheizt und wir grillieren zusammen. Das war sehr schön, auch wieder einmal mit anderen Menschen Schweizerdeutsch zu reden. 

TAG 48, 29. Mai, Meile 1489, 50 Jahre Andy

Tagwache um 5 Uhr und zuerst Andy gratuliert zum Geburtstag. Mit einem Kuss und einer Umarmung. Natürlich bekommt er meine heutige Ration Süssigkeiten. Wenn der Schnee noch gefroren ist, kommen wir schneller vom Berg. Drum sind wir ohne zu frühstücken gestartet. 

Als wir im Tal unten sind, wird es richtig mühsam, da der Weg nicht frei ist. Wir müssen uns durchs Dickicht kämpfen. Gegen Mittag kommen wir zu einem Parkplatz. Dort treffen wir auf Sara aus der Schweiz. Jetzt wissen wir, wer die Zwei vor uns sind. Sara hat leider nach dieser Strecke grosse Probleme mit dem Fuss und  nimmt sich eine Auszeit vom Trail.

Wir wissen, dass dieses Jahr sehr viele Hiker aufgeben werden oder müssen. Es ist einfach ein extremes Jahr mit dem vielen Schnee. Deswegen sehen wir sehr wenige Hiker auf dem Weg. Es verteilt sich auch, denn in diesem Jahr sucht jeder eine andere Lösung, um den Trail zu gehen. 

Nach einer Pause gehen wir weiter. Uns ist klar, dass wir heute Castella nicht erreichen werden, um Andys Geburtstag zu feiern. Deshalb suchen wir uns einen richtig guten Platz zum Übernachten und essen ziemlich alles, was wir dabei haben. Ist nicht gerade ein schickes Diner, aber muss jetzt reichen zum Feiern. Für den 50. Geburtstag nicht so toll, aber Andy meint, er fände es gut so. Er hätte nie gedacht, dass er mit 50 Jahren auf so einem Weg ist.

So haben wir noch lange über unser Leben gesprochen. Auf dem Weg haben wir immer wieder richtig gute Gespräche. Untereinander, oder auch mit Leuten, die wir auf oder neben dem Trail treffen. 1000 Meilen schon! So viel Zeit zu haben, finden wir sehr bereichernd. 

TAG 47, 28. Mai, Spuren im Schnee

Der Trail ist wieder immer im Schnee. Hang rauf und runter, sehr streng, aber es war richtig schön. Die meiste Zeit laufen wir zwei Spuren im Schnee nach. Vor Kurzem sind auf dem Weg zwei Hiker durchgelaufen. Die zwei haben uns einen guten Weg gespurt, so ist es einfacher. 

Immer steil rauf und hinunter. Hinunter war manchmal super, wir stellten uns an den Hang und rutschten einfach im Schnee runter, wie beim Skifahren. Das macht Spass. Für uns ist der Schnee kein grosses Problem. An gewissen Stellen muss man einfach konzentriert sein und gut aufpassen.

Natürlich hat man mit der Zeit nasse Füsse. Am Nachmittag wird der Schnee ganz weich und nass. 

Wir gehen schneller, wollen viele Meilen machen. Morgen hat Andy Geburtstag und wir wollen zu einer kleinen Ortschaft kommen, um dort etwas zu feiern. Am Abend bauten wir das Zelt im Schnee auf. Zum Schlafen haben wir einfach alles angezogen, was wir dabei haben. 

TAG 46, 27. Mai, Burney Wasserfall, Meile 1422

Hier in Nordkalifornien hat es viel Nadelwald, wir kommen relativ schnell zum Wasserfall. Dieser sieht sehr speziell aus, denn neben dem Wasserfall kommt überall auch Wasser aus der Felswand. Ganz viele kleinere Wasserfälle. 

Eigentlich wollten wir beim Burney-Wasserfall etwas essen, aber wir finden es zu früh und so gehen wir weiter. Der restliche Tag ist der Wanderweg richtig mühsam. Es geht meistens durchs Dickicht, der Weg ist nicht wirklich frei geschnitten. Hier sind sicher nicht viele Hiker durch gelaufen. Gegen Abend geht es auf einen Berg hinauf.

Als wir einen Zeltplatz gefunden und uns eingerichtet haben, sind wir so platt, dass wir gleich schlafen gehen.

TAG 45, 26. Mai, Meilen 1397, Lavastrom Tal

Als wir am Morgen loslaufen hat es viele Mücken. Wir wollen heute bis zur Guest Ranch gehen, dort etwas essen und dann weiter bis zum Burney Wasserfall.

Wir laufen auf einer ebenen Fläche, immer mit Blick ins Tal, wo wir einen ausgetrockneten Lavastrom sehen. Nun ist wieder eine ganz andere Landschaft. Es geht über eine riesige Wiese, die  wahrscheinlich Weideland ist. Die ist so weit, hier muss man die  Tiere mit einem Fahrzeug oder zu Pferd zusammen treiben. 

Etwa gegen 14 Uhr sind wir bei der Ranch und werden super verwöhnt. Es gibt Teigwaren mit Salat. Als wir gerade gehen wollen, kommen Fred und Jenni an. Sie bleiben über Nacht hier, wir plaudern mit ihnen noch eine Weile, gehen aber weiter auf dem Weg.

Nach etwa zwei Stunden Marsch hat es an einem Feldweg einen Tisch mit Esswaren, Wasser und Früchten drauf. Wir nehmen etwas mit für den Abend. 

Es ist 19 Uhr als wir bei einem Campingplatz mit Feuerstellen, Tischen und Bärenboxen ankommen. Die Bärenbox ist für das Essen und Material gedacht, zum Schutz gegen die Bären.  Es ist noch ein anderer Hiker auf dem Platz, aber er ist nicht sehr gesprächig. Wir wechseln nur paar Worte mit ihm, machen ein Feuer und setzen uns davor.

TAG 44, 25. Mai, Meile 1390, Gespräch im Wald

Nachdem wir noch mit Fred und Jenni gefrühstückt haben, sind wir dann zu zweit weitergewandert. Bei einer Tankstelle haben wir noch das Benzin in unseren Kocher aufgefüllt und eine Packung Icecream gegessen. 

Wir gehen ganz zufrieden, der Weg geht hinauf zu einem Aussichtspunkt. Von dort sieht man über das ganze Tal. Vor Jahren gab es einen riesigen Waldbrand, der nun wieder aufgeforstet wird. Wir gehen weiter, immer oberhalb dieses Valleys. 

Im Wald sitzt ein älterer Herr in einem Klappstuhl vor seinem Zelt und liest. Wir reden ziemlich lange mit ihm. Für ihn ist die Zeit im Wald eine Art Auszeit. Er sagt, hier könne sich sein Geist erholen. Er ist nicht mit der Führung seines Landes einverstanden. 

Irgendwann erzählten wir ihm den Präsidentenwitz. So gut finde ich den Witz eigentlich nicht und der Witz kommt nicht immer gut an. Amerika sei das einzige Land, das von einem Präsidenten regiert wird, der eine tote Katze auf dem Kopf hat. Der alte Mann erholt sich fast nicht mehr vor Lachen. Wir müssen dann auch noch ein Selfie machen mit ihm, das er seiner Familie zeigen kann.

Er findet natürlich die Schweiz super, auch unser politisches System. Wir stimmen ihm zu. Zum Abschied umarmen wir uns und wünschen einander nur das Beste. In der Schweiz würden wir nie eine wildfremde Person umarmen, hier in den Staaten passiert uns das immer wieder. 

Am Abend laufe ich ein Stück voraus, Andy ist etwa 15 Minuten hinter mir. Zwischendurch hängst du deinen Gedanken nach und die Beine laufen einfach selbständig. Dabei bin ich fast auf eine Klapperschlange getreten, die lag quer über dem Weg. Wahrscheinlich ist sie tot. Ich schupse sie mit dem Stock mal etwas. Nein, die ist definitiv nicht tot. Aber vom Weg will sie auch nicht. Daher warte ich lieber auf Andy, um ihn zu warnen. 

Wir sind weit gelaufen, noch bis zu einem Wassertank. Zuerst sehen wir nur einen total gelöcherten Tank. Mist, dort wird es kein Wasser haben. Doch weiter hinten stand ein neuer.Wir bauten das Zelt gleich neben dem Wassertank auf, so konnten wir bequem Kaffee trinken und kochen. Bis wir ins Zelt gingen ist kein weiterer Hiker mehr aufgetaucht.

TAG 43, 24. Mai, Old Station, Meile 1375

Wir sind um 6 Uhr aufgestanden und mit Fred und Jenni richtig schnell vorwärts gelaufen. Sie haben Lust auf Burger bei der Tankstelle und auch Internetzugang ist für sie sehr wichtig. 

Der Trail zog sich über eine Hochebene. Kein Schnee mehr, dafür ziemlich nass und alles umgefallene oder kahle Bäume. Wir laufen bis Mittag so weiter, jetzt alles den Hang hinunter. Unten gehen wir bei einer Tankstelle etwas essen. Der Campingplatz ist gleich hier, so mieten wir zusammen einen Platz, um die Zelte aufzustellen.  

Wir sagen den anderen zwei, dass wir ab morgen wieder zu zweit laufen werden. Fred und Jenni verstehen das und wir geniessen den Rest des Tages. Gret taucht drei Stunden nach uns auf dem Zeltplatz auf.

TAG 42, 23. Mai, Drakesbad Ranch, Meile 1352

Heute wollen wir bis zu einem Feriencamp, der Drakesbad Ranch, laufen. Ob es bei dem Schnee schon geöffnet hat, werden wir sehen.

Es geht weiter durch den Schnee. Weitherhin müssen wir den Weg suchen. Das gibt immer Anlass für Spannungen. Ich halte mich aus den Diskussionen raus. Mir ist klar, ich laufe einfach dem mit dem GPS nach. Immer wieder müssen wir Bäche überqueren. Bei den meisten geht es problemlos, entweder über eine Schneebrücke – und hoffen, dass sie hält! – oder über einen Baumstamm. 

Das Feriencamp war noch geschlossen. Es sind aber bereits Leute hier, welche alles einrichten. Wir dürfen auf der Terrasse kochen. Der Boss bringt uns einen Kaffee und bietet uns ein Ferienhaus an, um zu übernachten. 

Es ist Nachmittag und uns zu früh. Erneute Diskussionen, die mich jetzt wirklich nerven. Ich möchte zur Einstellung zurück „see you on the trail“, einfach unkompliziert. Fred und Jenni sind recht schnell, wir etwas langsamer und Gret sehr langsam. Am Abend eskaliert es endgültig.

Schliesslich ziehen wir alle weiter und müssen mitten in einem Gebiet übernachten, das mit Spuren von einem Bär übersät ist. Es gab Kratzspuren an den Bäumen, wo er nach Ameisen suchte, Spuren von seinen Schlafmulden und sogar eine Rutschbahn in seine Badewanne! 

Andy und ich alleine hätten nie in einem Bärenrevier übernachtet. Es ist Frühling, die Bären sind dieses Jahr spät aus ihrem Winterschlaf erwacht und haben Hunger. Wir wären aus dem Gebiet gelaufen, aber… Wir beschliessen definitiv, dass wir ab der nächsten Ortschaft alleine weitergehen. Im Zelt auf Schnee übernachtet. Ich habe selten so gefroren.

TAG 41, 22. Mai, Chester, Meile 1333, wieder auf dem Trail

Um 8 Uhr aufgestanden und haben uns nach den Öffnungszeiten der Post erkundigt, weil wir ewas nach Hause schicken wollen. Danach war der Plan, mit Autostopp zum Trail zurück. 

Wir sagten den anderen, dass wir nach der Post mit Autostopp zurück auf den Weg gehen. Fred antwortete: «Ok, wir werden euch sicher einholen», er möchte ordentlich Strecke machen, soweit so gut. Aber Gret reagierte ziemlich sauer. Sie war der Meinung, wir würden den Weg gemeinsam machen. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie sie auf diese Idee kommt. Unsere Laufgeschwindigkeit ist so deutlich höher als ihre, das müsste sie ja auch gemerkt haben.

Wir gehen mal zur Post. Vor der Post reden wir mit Fred. Zu Beginn werden wir wieder zu fünft los hiken. Ist nicht ganz nach unserem Plan, aber was soll’s, es wird sich von selbst lösen. 

Im Lassen Volcanic Nationalpark sind wir mitten im Wald an einem Schwefelsee vorbei gelaufen. Der Lassen Peak ist ein Vulkan. Fred und seine Kollegin Jenni sind am Nachmittag an uns vorbeigelaufen.

Später trafen wir sie wieder an einem Fluss. Sie hatten sich eingerichtet, um hier zu übernachten. Wir beginnen auch unser Zelt aufzustellen. Als Gret ankommt, findet sie es noch zu früh. Dem Frieden zuliebe, stecken wir wieder alles rein in den Rucksack und wandern noch etwa ein Stunde weiter. Am neuen Schlafplatz machte ich ein Feuer und wir plauderten noch ein wenig.

TAG 40, 21. Mai, Meile 1235, Trail wieder verlassen Richtung Quincy

Erst um 7 Uhr aufgestanden. Ich redete mit Andy, wie’s weiter gehen soll. Er meint, dass wir die Strecke nicht schaffen. Mit der kleinen Menge an Essen müssten wir mehr Meilen machen. In den letzten drei Tagen haben wir einfach zu wenig Strecke zurückgelegt. Unsere Verantwortung ist zu gross, den Weg navigieren, eine sichere Spur legen und allen Bedürfnissen gerecht werden.

Fred ist der Meinung, dass wir auf die Strasse gehen sollen, die ins Tal nach Quincy führt. Dadurch gehen wir ab vom Trail, könnten einkaufen gehen. Alle sind einverstanden. 

Es dauert recht lange bis wir bei der Strasse sind. Fred telefoniert seiner Mitwanderin. Sie kommt wieder auf den Trail. Sie und ihr Freund werden uns bei der Strasse abholen. Wir laufen auf der Strasse weiter bis unser ‚Taxi’ kam. 

Von Quincy fahren wir weiter bis Chester (immer noch Kalifornien) und mieten uns ein Zimmer in einem Hostel. Andy und ich gehen zuerst unsere Wäsche waschen, dann Einkäufe besorgen. Damit sind wir wieder startklar für morgen.

Fred hat Geburtstag, wir gehen richtig gut essen mit ihm. Er ist jetzt wieder happy, denn seine Mitwanderin läuft wieder den PCT mit ihm. Andy und ich entscheiden uns, ab morgen wieder zu zweit zu wandern. Das Umfahren mögen wir nicht, wir wollen auf dem Trail bleiben. Bei Schnee ist es zwar schwieriger, aber für uns und mit genügend Ausdauer geht es. Auch viele Meinungen auf einen Nenner zu bringen, war nicht einfach. Mal schauen, was die anderen meinen. Wir glauben, sie trauen sich den Weg im Schnee eh nicht zu und werden umfahren.