TAG 35, 10. Mai

Um 4 Uhr aufgestanden, einen Kaffee getrunken und tapfer losmarschiert. Bei mir hat sich der zweite grosse Zehennagel verabschiedet und ich habe Klebband darüber geklebt. In einer Hiker-Box habe ich Zehensocken gefunden, die wie Fingerhandschuhe für die Füsse sind. Dadurch ist es besser mit den Blasen, sie sind am verheilen. Wir werden einfach soweit laufen, wie es geht.

Auf dem Trail oder aus der Hiker-Box nimmt man alles, was man gebrauchen kann: gebrauchte Kleider, Schuhe oder Esswaren. Zu Hause hätte ich nie gebrauchte Socken angezogen oder etwas gegessen, was jemand anders entsorgt hat. Manchmal finden wir unterwegs ein Getreideriegel, der auf dem Boden liegt, Andy bückt sich und teilt ihn mit mir, weg damit.

Der Trail steigt nun an und geht über und unter den Bäumen durch. Vor Tagen hat hier ein Sturm gewütet und viele umgerissen. Nach etwa 2 ½ Stunden kommen wir oben an und machen ein Pause. Es hat eine geniale Aussicht übers Tal. Es sind noch andere Hiker da, einer bietet uns gleich seinen Joint an, doch wir lehnen dankend ab. 

Am Nachmittag sind wir hinunter in ein Tal gewandert, um danach gleich wieder auf der anderen Seite hochzusteigen. Immer Richtung Kennedy Meadows, solange es geht. Die Gegend war weniger schön, alles verbrannt. Nur viel Sand, kleine Büsche und ab und zu einige kleine Blumen, die sahen recht hübsch aus. 

TAG 34, 9. Mai, Walkerpass, Meile 651

Mit Stirnlampe früh morgens losgelaufen. Wir wollen schnellstmöglichst in die Berge der High Sierra. Von der Hitze haben wir jetzt genug. Wir freuen uns auf einen neuen Abschnitt des Trails. 

Als wir bei der Passstrasse ankommen sind da noch andere Hiker. Sie haben aber die Nase voll und schreiben es dementsprechend ins Trailbuch. Auf dem Trail gerät man an seine Grenzen. Bei manchen Streckenabschnitten gibt es ein Trailbuch, dort schreiben viele Hiker Kommentare rein. Das ist super, denn so weiss man von Gefahren und auch, wer vor einem auf der Strecke ist.  

Bei einem Parkplatz treffen wir wieder auf eine wahnsinnig gute Trail Magic. Mit Donuts, Konfitüre, Tortilla, Erdnussbutter, Cola, Bier, Früchten und Nüssen. Red Dog ist dort und wir essen zusammen. Er ist gut gelaunt, freut sich auf die High Sierra und will möglichst schnell dort sein. Als wir weitergehen und die Passstrasse überqueren warten dort nochmals zwei Frauen, die allerlei Essen dabei haben, um es Hikern zu geben. Wir nehmen nochmals Sachen mit, damit haben wir wirklich genügend Essen bis Kennedy Meadows.

Gegen Abend kommen wir an ein kleines Bächlein. Ich setze mich hin und schaue, ob mein Handy vielleicht Empfang hat. Natürlich kein Empfang. Ich schaue mich irgendwann nach Andy um, da steht er nackt im Bach! Er müsse sich einfach waschen, erkärt er. Nach den fünf Tagen wandern stinken wir fürchterlich. Ich wasche für ihn seine Kleider und er nachher meine für mich, das geht schneller. Die meisten Kleidungsstücke die wir dabei haben sind von Icebreaker, aus Merinowolle und trocknen sehr schnell auch am Körper.

Natürlich hat’s am Bach Mücken, das ist uns egal, sauber werden ist uns wichtiger. Eine gute Sache sind Seifen, die extra gegen Mücken sind. Wenn möglich sollte man die Kleider gleich mitwaschen, das hilft gegen die lästigen Viecher.  

Wir finden eine Wiese zum zelten und kochen uns dann ein feines Abendessen. In die Tomatensauce für die Spaghetti schnipselten wir noch eine frische Zwiebel. Es schmeckte unglaublich gut, ein rundum perfekter Abend. Im Zelt war es richtig angenehm, denn sonst stinkt es immer, wenn man zu zweit drin liegt. Auch wenn das Lüftungsfenster hinten offen ist, heisst es immer durchlüften. Das ist etwas, das am meisten nervt, wenn man über den ganzen Tag schwitzt und am Abend gibt es keine Möglichkeit sich zu waschen. 

TAG 33, 8. Mai, Meile 607

Sehr früh aufgestanden, weil wir grosse Strecken zurücklegen wollen. Es droht uns sonst, das Essen auszugehen. Andy machte sich ständig riesige Sorgen wegen dem Essen. Wasser haben wir bei einem Water Cache aufgefüllt. Hier ist es richtig trocken und heiss, drum ist es besser in der Nacht zu laufen. Tagsüber schwitzt man wie wahnsinnig und der Wasserverbrauch ist dementsprechend. Das Death Valley ist schliesslich nicht weit weg von hier.

Eine sehr einsame Gegend, es scheint wirklich nichts zu haben, aber sehr schön. Gegen Mittag finden wir unter einem riesigen Kaktusbaum Wasser und Essen. Dadurch konnten wir unser knappes Essen ein wenig aufstocken mit Nutella, Erdnussbutter, salzigen Biskuits etc. Und Wasser im Überfluss. An dieser Stelle hätten wir nicht mehr mit sowas gerechnet, das ist schon ungewöhnlich, dass jemand einen derartigen Aufwand betreibt. Ich sage zu Andi: «Siehst du, ist gar nicht so schlimm mit dem Essen.» Das macht ihn sauer und er sagt, dass ich das nicht wissen konnte, das hier noch eine Trail Magic ist. «Eben, ist doch super», antworte ich, «diese Überraschung». In so einem Moment, liebt er mich besonders. 

Wir sehen den ganzen Tag keinen einzigen Hiker, nur wir Zwei allein. Beim Wandern in der Schweiz erlebst du nie diese Weite und Leere, die einem sehr beeindrucken kann. Wir laufen extrem viel bis spät in den Abend und  kommen weit.

TAG 32, 7. Mai, Snow in the Desert

Erst um 7 Uhr aus dem Schlafsack gekrochen, Schnee. In der Nacht hat es auf unser Zelt gerieselt, wir dachten, das wären Nadeln von den Bäumen. Doch es hat tatsächlich geschneit und ist richtig kalt. Wir ziehen heute zum ersten Mal Handschuhe an, und Mützen und Blufft, dann geht’s. Vom Zelt schütteln wir den Schnee ab und müssen es nass einpacken, vielleicht können wir es später trocknen.

Weiter unten im Wald treffen wir Medical, er ist erst aufgestanden. Er kann es nicht fassen, Schneefall in der Wüste! Wir plaudern etwas und fragen ihn nach WC Papier, denn in Tehachapi hat es Andy vergessen einzukaufen. Medical ist recht knapp mit seinem, aber gibt uns etwas ab. Auf dem Trail hilft man sich gegenseitig aus so gut es geht. Jeder ist mal froh um Hilfe.

Wir gehen bald weiter, da uns zu kalt ist. Beim Laufen wird man eher warm. Nach einer Weile treffen wir die Red Dogs. Sie seien gestern Nacht bei uns vorbei gegangen. Sie machen sich Plastiktüten über die Schuhe, um keine nassen Füsse zu bekommen. Wir gehen einfach weiter und hoffen, dass wir alles irgendwo an der Sonne trocknen können. 

Als wir uns eingerichtet haben zum frühstücken, kommt Medical. Wir essen zusammen und fragen uns dabei, was wir eigentlich auf diesem Trail machen. Wir könnten jetzt irgendwo gemütlich in den Ferien sein, in einem Hotel und allem Drum und Dran. Wieso laufen wir täglich unsere Füsse wund und schlafen im Zelt, wieso sitzen wir im Wald auf harten Steinen und essen im Nirgendwo? Gelächter. Wir sind doch alle freiwillig da, keiner wurde gezwungen. An einem Supertag sage ich: Wer hatte die super Idee? An einem schlechten Tag sagt Andy: Was für eine Sch…Idee!

Irgendwann am Nachmittag klärt es auf, es wird schön. Juhui, eine grosse Pause, alles zum Trocknen auf die Büsche verteilen und schon ist der Morgen vergessen. Wir müssen weiterlaufen bis es dunkel wird. Auf diesem Abschnitt haben wir etwas knapp Essen dabei. Andy war es in Tehachapi mit dem verdorbenem Magen schwer gefallen einzukaufen.

TAG 31, 6. Mai, Träumen vom Essen

Seit 5 Uhr (tagwach und gleich losgegangen) gehen wir vorwärts bis die Sonne aufgeht. Es geht nun in die Höhe und windet konstant. Im Laufe des Morgens treffen wir die Red Dogs, die eine Rast machen. Doch uns ist es zu kalt dafür, daher gehen wir weiter. Etwas später treffen wir Medical, der einen Stopp macht, weil er mit seinem Handy Empfang hat und telefoniert. Also gehen wir an ihm vorbei.

Mittagessen machen wir an einem Ort mit Aussicht auf das imposante Bergmassiv von Tehachapi. Medical kommt an, wir reden eine Weile und dann geht er weiter. Medical ist schneller als wir, wir trödeln heute ein wenig. Am Abend wollen wir vom Berg hinunter, da wo es in einen Wald geht. Dort stellen wir das Zelt auf. Hier wird es recht kühl, darum essen wir im Zelt. Hoffentlich ist es morgen nicht regnerisch, bis jetzt hatten wir viel Glück mit dem Wetter. 

Der Nachmittag vergeht mit vom Essen reden und träumen. Ich schwärme Andy vom Essen vor, dass meine Mutter jeweils gekocht hat. In diesem Moment hoppelt ein Hase über den Weg. Danach haben wir nur noch EIN Thema und schwärmen von Braten und Voressen mit feiner Sauce mit  Dörrbirnen und Gemüse. 

Zum Glück hört uns niemand, was wir manchmal so Banales diskutieren. Es ist nicht immer hochstehend, aber schliesslich ist die Situation auch extrem. Wir sind jetzt seit über einem Monat 24 Stunden, 7 Tage die Woche zusammen. Was ist zu erwarten? Irgendwann geht dir der gute Gesprächsstoff aus.Wir laufen weiter und reden bis es dämmert. Dann stellen wir das Zelt neben dem Trail auf und verkriechen uns.

TAG 30, 5. Mai, Tehachapi – Walkerpass, Meile 565 – 652

Heute wollen wir möglichst früh in Tehachapi sein. Vor 5 Uhr aufgestanden und alles durch den Wind und Windparks gelaufen. Wir sehen immer wieder frische grosse Spuren auf dem Weg. Ich sage, dass dies ein Bär sein muss. «Sicher nicht! Hier hat es noch keine Bären», verneint Andy. So? Dann muss es aber ein sehr grosser Hund sein, oder was sonst? Egal, es windet stark und wir gehen meistens oben auf dem Kamm. Im Tal ist es sehr grün, sicher ein Privatgrundstück, drum gehen wir oben.

Gegen 10 Uhr kommen wir an die Strasse, welche nach Tehachapi führt. Wir konnten von oben sehen, dass ein Hiker Autostopp machte. Wir gingen zu ihm und stellten uns auch hin. Er sagte, ich sollte es versuchen, vielleicht hätte ich mehr Glück. Bei mir klappt es aber auch nicht. Daraufhin meint Andy, dass wir es eben falsch machen würden. Er zeigte etwas von seinem Bein. «So wird das nichts!», lachen wir ihn aus, doch es hält eine junge Frau mit einem BMW SUV an, die hier im Windpark arbeitet. Sie fragt uns, was wir dabei haben, um uns in der Wildnis zu schützten, worauf Andi seine Faust zeigt. Sie lacht und findet wir seien verrückt. Sie würde nicht mal auf einen Spaziergang gehen ohne Waffe, sie habe sogar im Auto Waffen dabei. 

Als ich sie frage, ob sie schon mal geschossen habe, sagt sie «Nein, sicher nicht». Ich frage mich, wer verrückter ist. Hier in der Wildnis hat man einfach Waffen dabei, aber man benutzt sie nicht. Sie erzählt uns, dass zur Zeit ein Bär im Windpark sei, deshalb habe sie immer den Bärenspray oder eben eine Waffe dabei. In dieser Gegend gäbe es ‚normal’ keine Bären, das sei neu für sie. Andy und ich sagen ihr nichts von den Spuren, die wir gesehen haben. Es war uns peinlich, dass wir die Situation so falsch eingeschätzt haben.

Die Frau liess uns bei einem Schnellimbiss raus, wo wir frühstückten. Nachher gingen wir zu einem Starbucks, wegen dem Internet. Weil wir merkten, dass etwas mit unserem Magen nicht in Ordnung war, mussten wir dort zwei Stunden bleiben, wegen dem WC. Abwechslungsweise gingen wir auf die Toilette. In diesem Zustand macht Essen einkaufen keinen Spass, es gibt bessere Tage dafür.

Ich bleib mit dem Gepäck vor dem Laden. Andy kann mit Mühe das Allernötigste besorgen. Draussen fragt uns eine nette Dame, ob sie uns irgendwo hinbringen soll. Wir nehmen das sofort dankend an, wollten einfach wieder auf den Weg. So hier zu bleiben ist auch sinnlos. Aber beim Laufen wieder auf dem Weg, ist es uns immer noch schlecht. Wir machen viele Pausen.

Am Abend krochen wir einen steilen Hang richtig gehend hoch, so stark hat es gewindet. Neben dem Weg hat jemand mit Steinen ein Windfang erstellt. Dahinter konnten wir unser Zelt aufstellen, ein super Windschutz. Jemand hatte eine Flasche Wodka in der Mauer deponiert. Mal probieren, sehr feiner Wodka, dann die Flasche retour in die Mauer gelegt, den nächsten Hiker wird es freuen. 

Unsere Übelkeit hat sich jetzt beruhigt und wir kochen Spaghetti mit Tomatensauce und Salami, richtig lecker. Es kommt ein Hiker den Hang hinauf. Das konnte nur der Schweizer sein, von dem wir in Big Bear City gehört haben. Prompt, es war Martin alias «Medical». Der Trailname stammt von seiner Schweizer Fahne, die er hinten am Rucksack hatte. Die Amerikaner hielten sie für das Zeichen für medizinische Hilfe. Auch andere Hiker haben uns erzählt, es wäre ein Arzt auf dem Trail, ein Schweizer.

Medical ist aber im wirklichen Leben Elektriker. Er sagte lakonisch, er könne schon medizinische Auskunft geben, nur ob es was bringt, sei eine andere Frage. Er meinte, dass sei schon verrückt, was wir hier machen. Auch wir haben uns schon ein paar Mal gefragt, weshalb man sich das antut. Trotzdem, im Grossen und Ganzen ist es einfach genial. Und erweitert dein Wesen ungemein. Martin muss weiter oben noch einen Platz für sein Zelt suchen. Wir gehen jetzt schlafen. 

TAG 29, 4. Mai, Tylerhorse Canyon, Meile 542

Um 4 Uhr aufgestanden und gleich losgelaufen. Wir wollen möglichst weit kommen, solange es noch nicht zu heiss ist. Wir gehen durch eine Rinderfarm. Es stinkt, aber ist recht unheimlich, weil man die Tiere hört, aber nicht sieht.

Um 8 Uhr, bei der Stelle, wo man Wasser aus der Leitung des Aquädukts lassen kann, machen wir eine Pause. Weiter ziehen wir durch die Windfarmen, immer leicht hinauf bis wir in einen Hang laufen. In diesem Moment sehen wir auf der Gegenseite einen Mountain Lion (Berglöwen) über den Kamm gehen. Wir erschrecken, ist schliesslich kein Hund. Er schaut zu uns und verschwindet sogleich hinter dem Bergkamm. Gehört haben wir schon viel von diesen Berglöwen, aber wir hätten nicht gedacht, jemals so ein Tier in natura zu sehen.

Ab da gehen wir mit einem flauen Gefühl im Magen weiter. Trotzdem denke ich nicht, dass wir noch einmal einen so nah zu Gesicht bekommen. Es ist so heiss, dass wir nur bis zum Fluss laufen. Dort machen wir eine Pause, um die grösste Hitze zu überbrücken. 

Alle Hiker suchen Schatten unter einem grossen Baum, um der Hitze zu entfliehen. Wir gesellen uns dazu und schlafen ein wenig. Nach etwa drei Stunden halten wir es für besser nun weiter zu gehen, ansonsten sind wir vom Rauch der anderen Hiker «stoned». Es wird stark gekifft und für uns ist das nichts. Der Vorteil ist einzig, dass ich meine Blasen nicht mehr spüre, ohne Schmerzmittel. Darum gehen wir weiter trotz der Hitze. Der Nachmittag ist streng, denn es geht zudem hinauf und hinunter. Es ist der pure Wahnsinn, als ob du langsam gegart wirst. Die Sonne brennt und kaum Schatten. Gegen Abend kommen wir zu einem Platz, der wieder einmal Trail Magic hat. Nach der Pause suchten wir schnell einen einen guten Zeltplatz und sind total KO schlafen gegangen.

TAG 28, 3. Mai 28, in der Wüste, Meile 510

Morgens um halb fünf in der Früh aufgestanden, Andy schiesst Fotos vom Sonnenaufgang. Andy liebt Sonnenaufgänge, ich packe derweil ein, weil wenn Andy diese zu fotografieren beginnt, kann das dauern. Seit wir zwei uns kennen (über 30 Jahre), werden Sonnenaufgänge und Untergänge einfach fotografiert von ihm. Früher hat er mich ständig für Sonnenaufgänge geweckt, bis ich ihm auf einer Australienreise mal gesagt habe, er soll mich erst holen, wenn die Sonne oben ist. Das kam dann bei ihm nicht so gut an, dafür bei den Kindern. In der Ferne sehen wir Lichter einer Stadt, aber sind uns nicht sicher, von welcher Stadt.

Der Plan für den heutigen Tag ist bis Hikertown zu laufen. Also gleich los ohne Frühstück, ein Riegel tut es auch. Wir treffen nach einer Weile auf die «Red Dogs», die zwei scheinen es heute nicht eilig zu haben, normal sind sie schneller unterwegs. Nach einem Schwatz mit ihnen gehen wir weiter. Die Landschaft ist immer etwa die gleiche, kleinere Hügel, trocken und der Weg zieht sich in ewigen Schlaufen dahin. 

Wir laufen einen Hang hinunter und treffen auf einen Pick-up. Der Fahrer des Fahrzeugs fängt gleich an, Fleisch- und Käseplatten und alles Mögliche aus dem Fahrzeug zu räumen und unter den Baum zu stellen. Wir können es kaum glauben, das ist ja wie Apero in der Wüste! Krass, ist doch recht übertrieben für Hiker und wird sicherlich recht teuer gewesen sein. Er will, dass wir uns hinsetzen und essen, was wir ja gerne machen. Es gesellen sich nach einer Weile die zwei Deutschen und die «Red Dogs» dazu. Da wird uns klar, wieso dieses fürstliche Essen. Der Red Dog-Mann war früher Richter gewesen und sie haben auf dem ganzen Trail 62 fahrende Versorgungsposten. 

Das ist Hiken 1. Klasse und wir dürfen mitessen, nicht schlecht. Er seinerseits ist recht zielstrebig. Natürlich weiss er bestens Bescheid über die Schneeverhältnisse in der High Sierra. Er hört, wir sind Schweizer, Schweizer gleich Schnee, ist ja klar. Er beschliesst kurzerhand, dass wir die richtigen Partner seien, mit denen er über die High Sierra gehen will. Er macht gleich Nägel mit Köpfen, Start sei in zehn Tagen in Kennedy Meadows. 

Wir geniessen das Essen und gehen weiter. Zwar ein nettes Paar, aber bei ihm merkt man, dass er sich gewohnt ist Entscheidungen allein zu treffen. Wir sind es auch gewohnt, Entscheidungen selber zu treffen. Wie und mit wem wir durch die High Sierra gehen werden, werden wir in Kennedy Meadows entscheiden. Das deutsche Paar möchte mit den Red Dogs in die High Sierra, aber 10 Tage ist ein sportliches Ziel bis Kennedy Meadows und ihr Bein sieht noch recht geschwollen aus. Da bin ich mit meinen Blasen schon besser dran. Wir gehen weiter. 

Etwa um 12 Uhr sind wir in der Hikertown. Hikertown ist ein Grundstück gleich neben dem Weg. Es hat hier mehrere Gebäude wie in einer Westernstadt. Die meisten Hiker machen hier einen Zero Day bevor es weitergeht. Der Besitzer des Grundstücks unterstützt die Hiker. Ein sehr netter Kerl, wir dürfen sogar sein Auto ausleihen, um in die Ortschaft zufahren um einen Burger zu essen. Hier duschen wir und warten bis zum Abend, um in der Nacht zu wandern. Um 19 brechen Andy und meine Wenigkeit auf. Zuerst an einem Wasserkanal entlang und über das LA Wasseraquädukt. Auf der Röhre gehen wir ca. drei Meilen schnurgerade weiter. Dann wandern wir durch die Mojave-Wüste bis morgens um 1 Uhr. Dann endlich Matte raus, aufblasen und drei Stunden schlafen. Wir haben einen wunderschön klaren Himmel mit vielen Sternen, eine herrliche Nacht.

TAG 27, 2. Mai, Meile 500, Hurra, ein 1/5 des Weges!

Aufgestanden um 5 Uhr, wir möchten schnellstmöglich aus der Wüste herauskommen, deshalb machen wir so viele Meilen wie möglich an einem Tag. In diesem Gelände ist es gut machbar, die Steigungen sind nicht streng und unsere Kondition mittlerweile richtig gut. 

Wir kommen durch ein Wald mit riesigen Tannzapfen auf dem Boden. Andy will unbedingt ein Foto mit einem Zapfen auf seinem Kopf. Manchmal frage ich mich, ob uns dieser Weg so «kopfmässig» wirklich weiterbringt, ich finde diese Aktion recht kindisch. Ausserdem war da kürzlich ein Schild auf dem stand «Verboten zu Zelten», «Nicht ab dem Weg gehen» etc. Es hat keinen Sinn, Andy dies zu sagen, er will das Foto, also machen, keine Zeit verlieren. Ich glaub es einfach nicht, natürlich will er ein Bild ohne den Zapfen zu halten! Das dauert ewig bis er den Zapfen auf seinem Kopf hat, und ich im rechten Moment abdrücke. Endlich klappt es, wir können weitergehen. Es gibt schon Situationen, da sind wir nicht gleicher Meinung. 

Heute schaffen wir die Mile 500, das ist 1/5 des Weges. Das heisst also, nochmals viermal so viel bis zur Grenze zu Kanada. Nach 200 Meilen sind wir aus der Wüste und kommen in die High Sierra hinein. 

Wir wandern den ganzen Nachmittag bis es recht schnell dunkel wird, bis zu einer Wasserzisterne. Mit der Stirnlampe noch Wasser zu filtern ist nicht gut, da schwimmt auch allerlei auf dem Wasser. Es schmeckt recht scheusslich. Wir trinken nur schnell einen Kaffee und lassen das mit dem Essen, es macht uns nicht an, mit diesem Wasser zu kochen. Also schnell rein ins Zelt und schlafen. Irgendein Tier heult nicht weit von uns.  

TAG 26, 1.Mai, Green Valley, Meile 478

Um 5 Uhr tagwach, die anderen schlafen noch. Alles leise zusammenpacken, um niemanden zu wecken. Zur dieser Zeit ist noch niemand unterwegs auf den Strassen. 

Im Tal hat es eine schön gelegene, riesige Farm, da hat es Wasser. Wir nehmen ziemlich viel mit und füllen unseren eigenen «Tank» wie Kamele. Das machen wir immer bei Frischwasser, soviel wie möglich trinken.

Im Green Valley ist alles Grün, man bewässert, sonst wäre wahrscheinlich alles verdorrt. Wir wandern jetzt meistens auf Sand und kommen super vorwärts. Wir treffen ein deutsches Paar, das gestern auch im Hiker Heaven gewesen war, aber schon weiter ziehen wollte. Die Frau hat am Schienbein eine Überlastung, ihr Knochen ist angeschwollen und deshalb sind sie gestern doch nicht weitergelaufen. Wir frühstücken zusammen bevor’s weiter geht. Zuerst raus aus dem Dorf. Sie sind viel schneller als wir, drum laufen wir alleine weiter. 

An diesem Tag treffen wir nur einen Hiker, sein Trail Name ist «Pirat», selbsterklärend. Er sieht aus wie Johny Depp aus dem Film «Fluch der Karibik». Er läuft mit Schirm, aber mit einer kurzen Hose und ist richtig schnell unterwegs. Wir lassen uns nicht anstecken. Es darf einem nichts ausmachen, wenn andere schneller sind. Immer sein Tempo beibehalten, und einfach so lange, wie es für einem gut ist. 

Es ist unglaublich trocken und richtig streng, aber wir wollen bis zur Green Valley Ranger Station gehen, dort hat es Wasser. Als wir zur Strasse kommen, steht schon eine Frau mit ihrem Auto bereit, um uns zu den Andersons, den legendären Trail Angels, ins «Casa de Luna» zu bringen.

«Hippie Daycare» steht auf einer bunt bemalten Tafel, ein sehr spezieller Ort.  Zur Begrüssung wurde man richtig fest («fest» ist Frau Anderson im wahrsten Sinne des Wortes) umarmt, ich hatte dabei Angst um Andy, er sah aus wie ein Zwerg, der verschlungen wird. Als erstes mussten wir Hawaiihemden anziehen wegen der Aura. Ich wollte das nicht wirklich, aber die Aussicht auf das Essen, auf Tacos mit Salat, überzeugte mich. Für Andy war es kein Problem, schliesslich mussten ja alle mit dieser Bekleidung rumlaufen. Für Essen würde er eh alles machen. Dann erklärte uns Terrie, Frau Anderson, die Regeln, die hier gelten: Zuerst Hände waschen, zweitens nicht aus der Reihe gehen, drittens nicht mit dem Teller über die Töpfe, und so weiter… Und sie drohte Strafen an. Wer gegen eine Regel verstösst, wird bestraft. 

Das Essen wurde in der Garage in einem riesigen Topf ohne Deckel gelagert, und ohne Kühlung. Jetzt waren wir sehr froh über unsere resistenten Mägen. Einmal bin ich mit dem Teller über den Rand des Topfes gekommen und habe gleich eine Latte über den Hintern gezogen bekommen. Der Abend war sehr speziell, nichts für mich, aber Andy fand es lustig. Ich war froh, dass uns niemand kannte und so sah. Es wurde viel geraucht – nicht Zigaretten – und viel getrunken. Wir haben ziemlich gut geschlafen.