Fred und Jenni kommen mit uns frühstücken. Gret ist etwas am Einkaufen oder sonstwo. Sie redet gerne viel und es kann ewig dauern. Nach dem Frühstück gehen wir retour ins Hotel und warten bis alle fertig sind um weiterzufahren.
Gegen 17 Uhr fahren wir in Truckee ein. Wir können hier bei einem Trail Angel übernachten, sie hat ein Haus und wir können für zwei Nächte bleiben. Sie ist eine supernette Frau, sie arbeitet tagsüber und überlässt uns ganz selbstverständlich ihr Haus. Wir gehen mit ihrem Hund spazieren und einkaufen, sitzen viel im Starbucks, denn das Internet im Starbucks ist schnell.
Eigentlich möchten Andy und ich jetzt weitergehen, doch es ist leider sehr schlechtes Wetter, darum warten wir. Am Abend gehen alle zusammen ins Dorf in eine Bar. Unsere Gastgeberin ist total von den Geschichten fasziniert. Uns ist das manchmal etwas peinlich, denn die Geschichten, die die anderen erzählen, entsprechen wohl nicht immer ganz der Realität. Wir Schweizer sind eher zurückhaltender, Amerikaner sind da eher das Gegenteil.
Am Morgen haben wir von der Terrasse des Stores den anderen Hikern zugeschaut wie sie loszogen in die High Sierra. Sie haben riesige Rucksäcke, die sie gegenseitig wägen. Es scheint einen Wettkampf zu geben, wer das meiste Gewicht auf dem Rücken trägt.
Ich frage mich, wie viele dieser Hiker wissen, was es bedeutet tagelang im Schnee zu stapfen. Einige meinen, dass sie pro Tag locker bis zu 25 Meilen gehen können, das ist definitiv nicht realistisch. Die Hiker, die in der High Sierra unterwegs waren, hatten gerade mal 15 Meilen geschafft.
Ein Ranger im Laden ärgerte sich, denn sie, die Ranger, müssten die überforderten Hiker dann holen. Er findet, dass man dieses Jahr im falschen Jahr auf dem Trail sei, da es überall in den Bergen Schnee habe, auch in den anderen Staaten bis hinauf nach Kanada. Das sind keine guten Aussichten für uns.
Die Anderen von gestern kommen auf uns zu, sie wollen ein Auto mieten und die High Sierra ein grosses Stück umfahren. Sie würden mit dem Mietauto im Tal unten bis Truckee fahren. Ob wir mitmachen wollten? Natürlich sind wir auch dabei.
Nach dem Mittagessen sind wir losgefahren nach Reno. Es dauerte ewig bis wir im Tal waren, vorbei am Death Valley. Am Abend checkten wir in Reno im noblen Hotelkasten Circus Circus ein, nahmen zu fünft ein Zimmer. Mit unserem mittlerweile wilden Aussehen und Hiker-Outfit sahen wir sowieso unpassend aus. Die anderen Gäste müssen sich gedacht haben, was diese Obdachlosen in einem Spielerhotel wollen. Am Abend sind wir mit Fred noch sehr preiswert Tacos essen gegangen, eine riesige Portionen für wenig Geld. Wenn man aussieht wie wir jetzt, wird es entspannter. So wie wir aussehen gibt man uns eher noch was, aber sicher kommt keiner auf die Idee, uns Stinker auszurauben.
Wir haben mal ausgeschlafen und im Store gefrühstückt. Beim Bezahlen haben wir nach unserem Paket gefragt. Unser Sohn hat uns von einem Outdoorshop Essen geordert. Die Lieferung ist leider nicht hier, wahrscheinlich kommt sie am Nachmittag.
Wir reden mit einem Dayhiker aus Deutschland, der immer wieder hierher kommt zum hiken. Er zeigt uns Bilder, die er in den letzten Tagen in der High Sierra gemacht hat, alles weiss. Sieht aus wie in der Schweiz. Wahnsinnige Schneemengen, die Flüsse haben unglaublich viel Schmelzwasser. Alles weiss gefällt uns, aber nicht fünf oder sechs Wochen lang. Er zeigt uns auch Bilder von seiner letzten Reise durch die High Sierra, darauf sieht sie aus wie wir es von Bildern kennen, die wir von der High Sierra gesehen haben.
Eine Entscheidung steht an, wegen dem Schnee. Die Streckenabschnitte sind lang, bei normalen Verhältnisse rechnet man 7 bis 8 Tage für die etwa 150 Meilen. Laut dem Ranger ist noch keine einzige Passtrasse offen, dadurch wird es auch schwierig mit der Versorgung für die Hiker. Wir werden darum die High Sierra später in der Saison machen. Vorerst fahren wir nach Sierra City, um dort weiter auf dem PCT zu wandern. Hoffentlich hat es dort weniger Schnee.
Also haben wir uns nochmals nach dem Paket erkundet. Es ist leider nach Kennedy Meadows-Nord geschickt worden, und wir sind hier in Kennedy Meadows-Süd. Der Ladenbesitzer war ziemlich sauer und hat dem Outdoorladen richtig Dampf gemacht, jetzt können wir das Paket in Sierra City abholen. Am Abend haben alle Hiker noch zusammen gegessen, der Ladenbesitzer hat uns Hiker alle eingeladen. Es gab ein super Buffet mit Fleisch und verschiedenen Salaten. Noch lange haben wir uns mit einer deutschen Hikerin und Fred unterhalten. Auch sie werden nicht in die High Sierra gehen. Es wurde recht spät, doch als wir schlafen gingen, war auf dem Campingplatz noch lange keinen Feierabend.
Heute ist der grosse Tag: wir wandern dem Ende der Desert entgegen. Wir haben 700 Meilen (1130 km) geschafft, es sind noch 1960 Meilen (oder 3130 km) bis Kanada.
Wir laufen über eine Ebene oder leicht runter. Am South Fork River (zwischen South Carolina und North Caroline) machen wir Pause. Der Fluss führt richtig viel Wasser, Schmelzwasser von der High Sierra. Wir sind überrascht, mit so viel Wasser hätten wir nicht gerechnet.
Etwa gegen 2 a.m. kommen wir in Kennedy Meadows an, trinken als erstes viel und essen dann einen Burger. Das Ende des langen Desert-Abschnitts feiern wir mit einem Bier. Eine andere Hikerin hat für diesen Zweck eine dicke Zigarre geraucht.
Wir bleiben gleich beim General Store, der gleichzeitig auch Camping, Postfach und Wäscherei ist. Das grosse Thema hier ist, wie der Trail weiter geht. Seit fast 120 Jahren (bzw. seit es die Messung gibt) war es der schneereichste Winter, der Weg ist schwierig, vielleicht gefährlich. Es ist für uns nicht einfach, eine Entscheidung zu treffen. Doch wurden wir super beraten, danke.
Red Dog ist schon im Aufbruch, er wird mit Schneeschuhen durch die High Sierra gehen. Weil wir erst mal einen Tag ausspannen kommen wir als seine Partner nicht mehr in Frage. Er hat ziemlich junge, sehr tatkräftige Kerle gefunden. Die sind für den zielstrebigen Kerl die richtigen Partner. Seine Frau ist ein wenig enttäuscht, dass wir nicht mitkommen. Mit diesen jungen, muskelbepackten Typen werden wir nicht mithalten können. Wir gehen mit den Red Dogs essen und verabschieden uns danach. Wir werden noch ein wenig abhängen im General Store und irgendwann ins Bett gehen.
Um 4 Uhr aufgestanden, einen Kaffee getrunken und tapfer losmarschiert. Bei mir hat sich der zweite grosse Zehennagel verabschiedet und ich habe Klebband darüber geklebt. In einer Hiker-Box habe ich Zehensocken gefunden, die wie Fingerhandschuhe für die Füsse sind. Dadurch ist es besser mit den Blasen, sie sind am verheilen. Wir werden einfach soweit laufen, wie es geht.
Auf dem Trail oder aus der Hiker-Box nimmt man alles, was man gebrauchen kann: gebrauchte Kleider, Schuhe oder Esswaren. Zu Hause hätte ich nie gebrauchte Socken angezogen oder etwas gegessen, was jemand anders entsorgt hat. Manchmal finden wir unterwegs ein Getreideriegel, der auf dem Boden liegt, Andy bückt sich und teilt ihn mit mir, weg damit.
Der Trail steigt nun an und geht über und unter den Bäumen durch. Vor Tagen hat hier ein Sturm gewütet und viele umgerissen. Nach etwa 2 ½ Stunden kommen wir oben an und machen ein Pause. Es hat eine geniale Aussicht übers Tal. Es sind noch andere Hiker da, einer bietet uns gleich seinen Joint an, doch wir lehnen dankend ab.
Am Nachmittag sind wir hinunter in ein Tal gewandert, um danach gleich wieder auf der anderen Seite hochzusteigen. Immer Richtung Kennedy Meadows, solange es geht. Die Gegend war weniger schön, alles verbrannt. Nur viel Sand, kleine Büsche und ab und zu einige kleine Blumen, die sahen recht hübsch aus.
Mit Stirnlampe früh morgens losgelaufen. Wir wollen schnellstmöglichst in die Berge der High Sierra. Von der Hitze haben wir jetzt genug. Wir freuen uns auf einen neuen Abschnitt des Trails.
Als wir bei der Passstrasse ankommen sind da noch andere Hiker. Sie haben aber die Nase voll und schreiben es dementsprechend ins Trailbuch. Auf dem Trail gerät man an seine Grenzen. Bei manchen Streckenabschnitten gibt es ein Trailbuch, dort schreiben viele Hiker Kommentare rein. Das ist super, denn so weiss man von Gefahren und auch, wer vor einem auf der Strecke ist.
Bei einem Parkplatz treffen wir wieder auf eine wahnsinnig gute Trail Magic. Mit Donuts, Konfitüre, Tortilla, Erdnussbutter, Cola, Bier, Früchten und Nüssen. Red Dog ist dort und wir essen zusammen. Er ist gut gelaunt, freut sich auf die High Sierra und will möglichst schnell dort sein. Als wir weitergehen und die Passstrasse überqueren warten dort nochmals zwei Frauen, die allerlei Essen dabei haben, um es Hikern zu geben. Wir nehmen nochmals Sachen mit, damit haben wir wirklich genügend Essen bis Kennedy Meadows.
Gegen Abend kommen wir an ein kleines Bächlein. Ich setze mich hin und schaue, ob mein Handy vielleicht Empfang hat. Natürlich kein Empfang. Ich schaue mich irgendwann nach Andy um, da steht er nackt im Bach! Er müsse sich einfach waschen, erkärt er. Nach den fünf Tagen wandern stinken wir fürchterlich. Ich wasche für ihn seine Kleider und er nachher meine für mich, das geht schneller. Die meisten Kleidungsstücke die wir dabei haben sind von Icebreaker, aus Merinowolle und trocknen sehr schnell auch am Körper.
Natürlich hat’s am Bach Mücken, das ist uns egal, sauber werden ist uns wichtiger. Eine gute Sache sind Seifen, die extra gegen Mücken sind. Wenn möglich sollte man die Kleider gleich mitwaschen, das hilft gegen die lästigen Viecher.
Wir finden eine Wiese zum zelten und kochen uns dann ein feines Abendessen. In die Tomatensauce für die Spaghetti schnipselten wir noch eine frische Zwiebel. Es schmeckte unglaublich gut, ein rundum perfekter Abend. Im Zelt war es richtig angenehm, denn sonst stinkt es immer, wenn man zu zweit drin liegt. Auch wenn das Lüftungsfenster hinten offen ist, heisst es immer durchlüften. Das ist etwas, das am meisten nervt, wenn man über den ganzen Tag schwitzt und am Abend gibt es keine Möglichkeit sich zu waschen.
Sehr früh aufgestanden, weil wir grosse Strecken zurücklegen wollen. Es droht uns sonst, das Essen auszugehen. Andy machte sich ständig riesige Sorgen wegen dem Essen. Wasser haben wir bei einem Water Cache aufgefüllt. Hier ist es richtig trocken und heiss, drum ist es besser in der Nacht zu laufen. Tagsüber schwitzt man wie wahnsinnig und der Wasserverbrauch ist dementsprechend. Das Death Valley ist schliesslich nicht weit weg von hier.
Eine sehr einsame Gegend, es scheint wirklich nichts zu haben, aber sehr schön. Gegen Mittag finden wir unter einem riesigen Kaktusbaum Wasser und Essen. Dadurch konnten wir unser knappes Essen ein wenig aufstocken mit Nutella, Erdnussbutter, salzigen Biskuits etc. Und Wasser im Überfluss. An dieser Stelle hätten wir nicht mehr mit sowas gerechnet, das ist schon ungewöhnlich, dass jemand einen derartigen Aufwand betreibt. Ich sage zu Andi: «Siehst du, ist gar nicht so schlimm mit dem Essen.» Das macht ihn sauer und er sagt, dass ich das nicht wissen konnte, das hier noch eine Trail Magic ist. «Eben, ist doch super», antworte ich, «diese Überraschung». In so einem Moment, liebt er mich besonders.
Wir sehen den ganzen Tag keinen einzigen Hiker, nur wir Zwei allein. Beim Wandern in der Schweiz erlebst du nie diese Weite und Leere, die einem sehr beeindrucken kann. Wir laufen extrem viel bis spät in den Abend und kommen weit.
Erst um 7 Uhr aus dem Schlafsack gekrochen, Schnee. In der Nacht hat es auf unser Zelt gerieselt, wir dachten, das wären Nadeln von den Bäumen. Doch es hat tatsächlich geschneit und ist richtig kalt. Wir ziehen heute zum ersten Mal Handschuhe an, und Mützen und Blufft, dann geht’s. Vom Zelt schütteln wir den Schnee ab und müssen es nass einpacken, vielleicht können wir es später trocknen.
Weiter unten im Wald treffen wir Medical, er ist erst aufgestanden. Er kann es nicht fassen, Schneefall in der Wüste! Wir plaudern etwas und fragen ihn nach WC Papier, denn in Tehachapi hat es Andy vergessen einzukaufen. Medical ist recht knapp mit seinem, aber gibt uns etwas ab. Auf dem Trail hilft man sich gegenseitig aus so gut es geht. Jeder ist mal froh um Hilfe.
Wir gehen bald weiter, da uns zu kalt ist. Beim Laufen wird man eher warm. Nach einer Weile treffen wir die Red Dogs. Sie seien gestern Nacht bei uns vorbei gegangen. Sie machen sich Plastiktüten über die Schuhe, um keine nassen Füsse zu bekommen. Wir gehen einfach weiter und hoffen, dass wir alles irgendwo an der Sonne trocknen können.
Als wir uns eingerichtet haben zum frühstücken, kommt Medical. Wir essen zusammen und fragen uns dabei, was wir eigentlich auf diesem Trail machen. Wir könnten jetzt irgendwo gemütlich in den Ferien sein, in einem Hotel und allem Drum und Dran. Wieso laufen wir täglich unsere Füsse wund und schlafen im Zelt, wieso sitzen wir im Wald auf harten Steinen und essen im Nirgendwo? Gelächter. Wir sind doch alle freiwillig da, keiner wurde gezwungen. An einem Supertag sage ich: Wer hatte die super Idee? An einem schlechten Tag sagt Andy: Was für eine Sch…Idee!
Irgendwann am Nachmittag klärt es auf, es wird schön. Juhui, eine grosse Pause, alles zum Trocknen auf die Büsche verteilen und schon ist der Morgen vergessen. Wir müssen weiterlaufen bis es dunkel wird. Auf diesem Abschnitt haben wir etwas knapp Essen dabei. Andy war es in Tehachapi mit dem verdorbenem Magen schwer gefallen einzukaufen.
Seit 5 Uhr (tagwach und gleich losgegangen) gehen wir vorwärts bis die Sonne aufgeht. Es geht nun in die Höhe und windet konstant. Im Laufe des Morgens treffen wir die Red Dogs, die eine Rast machen. Doch uns ist es zu kalt dafür, daher gehen wir weiter. Etwas später treffen wir Medical, der einen Stopp macht, weil er mit seinem Handy Empfang hat und telefoniert. Also gehen wir an ihm vorbei.
Mittagessen machen wir an einem Ort mit Aussicht auf das imposante Bergmassiv von Tehachapi. Medical kommt an, wir reden eine Weile und dann geht er weiter. Medical ist schneller als wir, wir trödeln heute ein wenig. Am Abend wollen wir vom Berg hinunter, da wo es in einen Wald geht. Dort stellen wir das Zelt auf. Hier wird es recht kühl, darum essen wir im Zelt. Hoffentlich ist es morgen nicht regnerisch, bis jetzt hatten wir viel Glück mit dem Wetter.
Der Nachmittag vergeht mit vom Essen reden und träumen. Ich schwärme Andy vom Essen vor, dass meine Mutter jeweils gekocht hat. In diesem Moment hoppelt ein Hase über den Weg. Danach haben wir nur noch EIN Thema und schwärmen von Braten und Voressen mit feiner Sauce mit Dörrbirnen und Gemüse.
Zum Glück hört uns niemand, was wir manchmal so Banales diskutieren. Es ist nicht immer hochstehend, aber schliesslich ist die Situation auch extrem. Wir sind jetzt seit über einem Monat 24 Stunden, 7 Tage die Woche zusammen. Was ist zu erwarten? Irgendwann geht dir der gute Gesprächsstoff aus.Wir laufen weiter und reden bis es dämmert. Dann stellen wir das Zelt neben dem Trail auf und verkriechen uns.
Heute wollen wir möglichst früh in Tehachapi sein. Vor 5 Uhr aufgestanden und alles durch den Wind und Windparks gelaufen. Wir sehen immer wieder frische grosse Spuren auf dem Weg. Ich sage, dass dies ein Bär sein muss. «Sicher nicht! Hier hat es noch keine Bären», verneint Andy. So? Dann muss es aber ein sehr grosser Hund sein, oder was sonst? Egal, es windet stark und wir gehen meistens oben auf dem Kamm. Im Tal ist es sehr grün, sicher ein Privatgrundstück, drum gehen wir oben.
Gegen 10 Uhr kommen wir an die Strasse, welche nach Tehachapi führt. Wir konnten von oben sehen, dass ein Hiker Autostopp machte. Wir gingen zu ihm und stellten uns auch hin. Er sagte, ich sollte es versuchen, vielleicht hätte ich mehr Glück. Bei mir klappt es aber auch nicht. Daraufhin meint Andy, dass wir es eben falsch machen würden. Er zeigte etwas von seinem Bein. «So wird das nichts!», lachen wir ihn aus, doch es hält eine junge Frau mit einem BMW SUV an, die hier im Windpark arbeitet. Sie fragt uns, was wir dabei haben, um uns in der Wildnis zu schützten, worauf Andi seine Faust zeigt. Sie lacht und findet wir seien verrückt. Sie würde nicht mal auf einen Spaziergang gehen ohne Waffe, sie habe sogar im Auto Waffen dabei.
Als ich sie frage, ob sie schon mal geschossen habe, sagt sie «Nein, sicher nicht». Ich frage mich, wer verrückter ist. Hier in der Wildnis hat man einfach Waffen dabei, aber man benutzt sie nicht. Sie erzählt uns, dass zur Zeit ein Bär im Windpark sei, deshalb habe sie immer den Bärenspray oder eben eine Waffe dabei. In dieser Gegend gäbe es ‚normal’ keine Bären, das sei neu für sie. Andy und ich sagen ihr nichts von den Spuren, die wir gesehen haben. Es war uns peinlich, dass wir die Situation so falsch eingeschätzt haben.
Die Frau liess uns bei einem Schnellimbiss raus, wo wir frühstückten. Nachher gingen wir zu einem Starbucks, wegen dem Internet. Weil wir merkten, dass etwas mit unserem Magen nicht in Ordnung war, mussten wir dort zwei Stunden bleiben, wegen dem WC. Abwechslungsweise gingen wir auf die Toilette. In diesem Zustand macht Essen einkaufen keinen Spass, es gibt bessere Tage dafür.
Ich bleib mit dem Gepäck vor dem Laden. Andy kann mit Mühe das Allernötigste besorgen. Draussen fragt uns eine nette Dame, ob sie uns irgendwo hinbringen soll. Wir nehmen das sofort dankend an, wollten einfach wieder auf den Weg. So hier zu bleiben ist auch sinnlos. Aber beim Laufen wieder auf dem Weg, ist es uns immer noch schlecht. Wir machen viele Pausen.
Am Abend krochen wir einen steilen Hang richtig gehend hoch, so stark hat es gewindet. Neben dem Weg hat jemand mit Steinen ein Windfang erstellt. Dahinter konnten wir unser Zelt aufstellen, ein super Windschutz. Jemand hatte eine Flasche Wodka in der Mauer deponiert. Mal probieren, sehr feiner Wodka, dann die Flasche retour in die Mauer gelegt, den nächsten Hiker wird es freuen.
Unsere Übelkeit hat sich jetzt beruhigt und wir kochen Spaghetti mit Tomatensauce und Salami, richtig lecker. Es kommt ein Hiker den Hang hinauf. Das konnte nur der Schweizer sein, von dem wir in Big Bear City gehört haben. Prompt, es war Martin alias «Medical». Der Trailname stammt von seiner Schweizer Fahne, die er hinten am Rucksack hatte. Die Amerikaner hielten sie für das Zeichen für medizinische Hilfe. Auch andere Hiker haben uns erzählt, es wäre ein Arzt auf dem Trail, ein Schweizer.
Medical ist aber im wirklichen Leben Elektriker. Er sagte lakonisch, er könne schon medizinische Auskunft geben, nur ob es was bringt, sei eine andere Frage. Er meinte, dass sei schon verrückt, was wir hier machen. Auch wir haben uns schon ein paar Mal gefragt, weshalb man sich das antut. Trotzdem, im Grossen und Ganzen ist es einfach genial. Und erweitert dein Wesen ungemein. Martin muss weiter oben noch einen Platz für sein Zelt suchen. Wir gehen jetzt schlafen.