Tag 19, 2. Mai, Meile 285

Es ist 7 Uhr und wir wollen noch nicht aufstehen, es ist zu gemütlich im Hostel. Doch wir wollen ja bis zur kanadischen Grenze, darum müssen wir mehr Kilometer laufen pro Tag. Mit einem Ruhetag pro Woche müssen wir täglich 30 km schaffen. Zuerst gehen wir nochmals ein Hiker-Frühstück essen. Danach stellen wir uns an die Strasse, ein Handwerker mit seinem Firmenwagen hält an. Hinten auf der Anhängerkupplung hat er doch tatsächlich den Schraubstock montiert. Er fährt uns bis zur Abzweigung zum Highway 18, dort stellen wir uns wieder hin und schon hält das nächste Fahrzeug und fährt uns zum Parkplatz. Dass wir so schnell wieder beim PCT sind, hätten wir nicht gedacht, wenn’s läuft, dann aber gut.

Um 9 Uhr gehen wir bei Km 428 los, das Wetter ist genial, immer leicht verschleierter Himmel. Wir laufen im Wald, alles oberhalb des Sees von Big Bear City, zwischendurch gibt es Ausblicke auf den See, dahinter die schneebedeckten Berge, sieht toll aus. Um 2 Uhr machen wir eine grosse Pause bis drei. Danach kommen wir in ein Gebiet mit ganz kahlen Hügeln, es wird etwas abgebaut, ziemlich trostlose Gegend.
Wir begegnen immer wieder bekannten oder neuen Hikern. Auch heute richtig lässige aufgestellte Hiker, zum Beispiel Martin, Trailname Jukebox, logisch er kann singen, und Nils alias Oil King, er hat am ersten Tag einen Liter Öl gekauft. Es macht Spass wie man mit der Zeit die Leute kennenlernt, meistens sind sie jünger als wir, doch das Alter ist auf dem Trail völlig egal, jeder wird akzeptiert, so wie er ist.

Wir machen um 7 Uhr Feierabend, reden noch über den Tag. Andy und ich sind glücklich, bis jetzt ist irgendwie alles einfach aufgegangen. Andy hat mich dann überrascht, er hat gestern einen Käse gestern gekauft, zum Znacht gibt es Tortilla mit Tuhnfisch und Käse. Ein richtiger Schatz, mein Mann, trägt Coke und Käse mit für mich.
Schluss bei Meile 285 (km 458), wir sind wieder 30 km (19 Meilen) gelaufen.

Tag 18, 30. April, Big Bear City

In der Nacht haben wir gefroren, Andy mehr als ich. Er zieht sich immer bis aufs T-Shirt aus, ist der Meinung, dass er so weniger friert am Morgen. Ich mache das Gegenteil, ziehe in kalten Nächten alles an, was ich dabei habe, und am Morgen wird’s mir dann schon warm beim Laufen.
Um 6 Uhr losgegangen, es geht noch 13 Kilometer bis zur Strasse, die zu Big Bear Lake geht. Wir laufen einfach durch bis zur Strasse, ohne Pause durch Gebüsch und Wald, es wird auch wärmer zum Glück.

An der Strasse warten schon andere Hiker auf eine Fahrt in die Stadt. Als ich zu Andy sage: «Komm, wir gehen Autostopp machen», steht ein Bär von einem Mann auf, er ist riesig, über 2.1 m gross und sagt: «I can give you a ride (eine Fahrt)». Sein Auto war auch – ich kann’s nicht anders sagen – riesig. Wir steigen ein, es hat Stufen zum Glück. Andy mit einem anderen Hiker hinten, ich vorne, ich sehe aus wie ein Kind neben ihm.
Der Mann erzählt, dass in Big Bear City 19’000 Menschen leben, davon nur 20% dauerhaft, für ihn sei es ein guter Platz zum Leben. Ich sage zu ihm: «Du hast sicher Basketball gespielt». Er schaut auf mich runter und fragt mich, wie ich drauf käme. Wir müssen ziemlich lachen, er sagt: «Du bist aber funny (lustig)». Er fährt uns drei zum Hostel und zeigt uns noch alles, was wir wissen wollen, natürlich einfach weil es ihm Spass macht. Zuerst haben wir natürlich gefrühstückt, 13 $ für beide, ein Preis nur für Hiker.

Danach zum Hostel, dort ist die Türe geschlossen, aber es hat eine Telefonnummer, also rufen wir an. Jetzt geht es aber ab, ein Mann kommt heraus, total aufgedreht und redet wie wild auf uns ein. Wir hören einfach nur zu, immer wieder sagt er zu sich selbst «Komm runter, nur ganz ruhig», wir sind etwas beunruhigt. Der andere Hiker will jetzt nur noch duschen und die Kleider waschen, wir wollen nur noch eine Nacht. Der Mann ist ganz bestimmt, befiehlt uns fast reinzukommen. Er hat sehr strenge Hausregeln: kein Alkohol, nicht Rauchen etc., Nachtruhe ist von 9 p.m bis 6 a.m und die Türen bleiben geschlossen, sie dürfen auch nicht geöffnet werden, wenn jemand anklopft. Er wird seine Gründe haben. Dann kommen wir mit ihm ins Gespräch über Musik und so schwingen wir auf der gleichen Ebene. Er ist etwas abgedreht, platzt fast vor Lebensfreude, wir nehmen jetzt doch zwei Nächte. Wir reden so lange, dass der Nachmittag schnell vergeht.

Am Abend sind wir nochmals essen gegangen und danach zurück zum duschen und schlafen. PCT bei Meile 262 oder 420 Kilometer.

Tag 17, 29. April, Regen und Hagel

In der Nacht hat es geregnet, wir mussten die Rucksäcke ins Zelt nehmen. Am Morgen haben wir sogar Hagel, nicht stark, aber kalt ist es. Bei diesem Wetter bist du zwar schnell unterwegs, aber bei dem Nebel siehst du dafür nichts. Es hätte sicher gute Aussichten, wir laufen meistens oben auf einem Berg (immer noch auf plus-minus 2000 m Höhe). Als es anfängt zu schneien, ziehen wir schnell unseren Regenponcho über. Wir sehen aus wie wandelnde Büsche. Ich sage zu Andy, dass wir jetzt gut getarnt sind, wegen dem Berglöwen. Dann sind uns noch weitere Vorteile eingefallen, schreibe ich hier nicht, manches ist nur dummes Gerede.

Wir werden morgen nach Big Bear City kommen und diskutieren beim Gehen, was wir im Dorf alles machen könnten und essen. Ich zähle auf: zuerst richtig frühstücken, dann verschiedene Sachen erledigen, dann einen Burger (oder Mexican, Chinese) essen usw. So laufe ich durch den Wald und schwatze, nach einer geraumen Zeit merke ich, dass ich mit mir selber rede, Andy ist weit hinter mir, er sucht wahrscheinlich einen Handy-Empfang.

Bis um 14 Uhr haben wir so schon 24 km geschafft, alles im Wald, mal mit Schnee mal ohne. Da fängt es richtig an zu hageln, wir stellen das Zelt auf und machen Pause. Gegen 15 Uhr zeigt sich die Sonne wieder, so gehen wir noch weiter, immer dem Bach entlang, im sehr schönen Wald mit riesigen Bäumen.

Feierabend machen wir heute schon um 16 Uhr 30, zwischen grossen Nadelbäumen, es rauscht vom Wind in den Kronen. Beim Nachtessen hüpfen so lustige blau-schwarze Vögel mit Kamm vor unserem Zelt umher.
Schluss bei Meile 258 (km 415), genau wie gestern sind wir 31 Kilometer, oder 19 Meilen weit gelaufen.

Tag 16, 28. April, Meile 239

Wir stehen vor 5 Uhr auf, es wird sicher wieder sehr heiss. Was es gestern hinunter ging, geht es heute wieder hinauf. Ohne Sonne geht es jedoch viel leichter. Den Fluss haben wir schon gestern überquert, so laufen wir mit trockenen Füssen. Am Morgen unterwegs zu sein geniessen wir, auch weil mehr Tiere zu sehen sind. Man hört überall Vögel, Schmetterlinge fliegen auf und vorbei und auf blühenden Pflanzen hat es fliegende Insekten wie wild. Manchmal duftet es so intensiv, Imker hätten ihre Freude, hier ihre Kästen zu stellen.

Zuerst laufen wir im Tal nach hinten, dann geht es auf einen Kamm hinauf und oben laufen wir alles wieder retour. Auf dem Weg hat es Spuren von einem Berglöwen, oder hat sich ein Hiker einen Spass erlaubt? Andy übernimmt die Spitze, ich frage ihn: «Wieso gehst du vorne?», er: «Ist ja klar, weil der Löwe immer von hinten kommt.» Wieder sehr charmant, aber diese kleinen Neckereien müssen halt sein, sie bringen uns zum lachen.
Wieder ins Tal hinunter, diesmal an einen anderen Fluss, den Mission Creek. Dort machen wir unter einem Baum Pause. Bald setzt sich ein Hiker zu uns. Ihm schmeckt das Wasser nicht, uns reicht es schon lange mit dem Wasser! Dann kommt noch Yves mit seiner Mit-Hikerin, wir albern noch etwas rum.

Andy und ich gehen dann weiter, lange Zeit am Fluss entlang, wir müssen ihn zigmal überqueren. Es lohnt sich nicht, die Schuhe auszuziehen, wir laufen mit nassen Füssen. Über Mittag machen wir am Wasser Pause, ein gutes Mittagsnickerchen, und wir sind wieder fit. Heute ist sowas von Wanderwetter, der Himmel zieht sich immer mehr zu, wir laufen ring. Manchmal müssen wir den Weg suchen, irgendwann zweigt der Weg vom Fluss weg. Andy geht hinter mir, denn bei kühleren Temperaturen sind ja selten Schlangen da. Als ich um einen Busch biege, klappert es. In einem solchen Moment staune ich selber über meinen Reflex, Fuss nicht abstellen, sondern direkt Retourgang einlegen, nachher durchschnaufen. Wir warten darauf, dass sie wegzieht, aber sie schleicht nur zum Busch, dort liegt eine zweite. Wir bleiben stehen, weil gleich noch drei Hiker kommen, um sie zu warnen. Danach gehen wir einen Sicherheitsabstand weiter, dann brauche ich einen Kaffee über den Schrecken.

Bei diesem perfekten Wanderwetter wollen wir möglichst weit gehen. Wir kommen in die Gegend, welche vor Jahren schwere Waldbrände hatte, überall stehen noch schwarze Stämme. Weiter geht’s bergauf, bergab bis unsere (also meine) Beine nicht mehr können. Bis halb sieben gelaufen, unser Zeltplatz ist nicht berauschend, steht inmitten verkohlten Bäumen, dafür fliesst der Bach gleich nebenan. Cool, es ist sonst niemand hier, also waschen wir uns, sieht ja keiner. Danach fühlst du dich einfach nur gut. Ich koche noch ein leckeres Reisgericht und dann ab ins Zelt.
Schluss bei Meile 239 (km 384), heute 31 km gemacht.

Tag 14, 26. April, Meile 201

Um 6 Uhr laufen wir bei strahlendem Sonnenschein los, wandern etwa eine Stunde am Berg entlang hinauf, dann ist der Weg unter Schnee. Meistens hat es noch eine gute Spur, es ist aber mühsam zum Laufen, denn der Schnee ist weich, auch mit Mikro-Spikes rutscht man herum.
Bei der Abzweigung zm Gipfelaufstieg, San Jacinto Peak, setzen wir uns erst mal hin. Eigentlich möchte ich auf den Gipfel, aber ich habe schon gestern gemerkt, dass es Andy nicht so wohl ist im Schnee. Auf den Peak sind es rund 7 km hin und zurück im Schnee und etwa 500 Höhenmeter, wäre eigentlich gut machbar, doch es muss für beide stimmen. Ich frage Andy, was er möchte, er ist unschlüssig, einerseits weiss er, dass ich hinauf möchte, anderseits hat er sich im 2017 zweimal den Fuss überdehnt im Schnee. So entscheide ich für ihn und sage, wir lassen es mit dem Gipfel, wir haben noch genug Lauferei im Schnee, und so wird es dann auch.

Wir laufen bis 12 Uhr mal auf und ab im Schnee und Wald, dazwischen müssen wir auf dem Hosenboden runter rutschen, das Bremsen ist manchmal schwieriger. Vor uns geht ein junger Hiker, der die ganze Zeit flucht und schimpft, er kommt mit dem Schnee überhaupt nicht klar, rutscht öfters aus, wir müssen immer wieder lachen. Als wir genug abgestiegen sind, ist der Schnee vorbei und wir gönnen uns zwei Stunden Pause. Nur drei Hiker kommen vorbei, deren Laune auch nicht mehr die beste ist. Ins Tal müssen wir nun 24 km und fast 2000 Höhenmeter hinunter laufen. 

Als wir um 2 Uhr weiterlaufen ist es windig und wird immer heisser. Wir kriegen ordentlich warm, unglaublich, wir schaffen so höchstens etwa 130 Höhenmeter pro Stunde (ohne die Gegensteigungen, davon hat es auch genügend). Den ganzen Abstieg hat man das Ziel, den Interstate 10 und die Wind-Farm im Tal in Aussicht. Der Weg schlängelt sich hin und her, um 5 Uhr sind wir immer noch am Berg. Es blüht zwar alles und sieht sehr schön aus, aber du läufst und läufst und siehst dabei das Ziel unten beim Wasser, nur hast du das Gefühl, dass du nie dort ankommst.

Um halb sieben treffen wir auf PCT-Meile 200, wir sind so erschlagen, dass keiner von uns aufs Bild wollte. Wir laufen noch etwa einen Kilometer, finden einen coolen Platz für uns alleine. Das entschädigt uns für den heutigen Krampf: 30 km gewandert und 1600 Höhenmeter abgestiegen, Feierabend bei Meile 201 (Km 321). Wir hatten noch 1 Liter Cola dabei und etwa 1 L Wasser, so kochten wir noch was, Chinanudeln mit Tunfisch. Nach einem solchen Sch… Tag stellt einem ein leckeres Essen auf.

Tag 13, 25. April, Mount San Jacinto Peak (2610 m.ü.M)

Erst mal ausgeschlafen, dann gehen wir natürlich ins Dorf zum Frühstück. Es ist schon ein ganzer Tisch voll mit Hikern, alles Gleichgesinnte, sie rutschen zusammen, damit wir mit ihnen essen können. Es wird wild durcheinander geredet, alle haben schon in anderen Jahren gehikt. Locker und unkompliziert verabschiedet sich dann einer nach dem anderen, mit den Worten «Sehen uns auf dem Trail», es hat jeder seinen Plan wie er die Strecke meistert. Wir laden noch die Akkus beider Handys auf und trinken jede Menge Kaffee, die Bedienung füllt einfach immer wieder auf, man bezahlt nur die erste Tasse. Das finden wir genial, bei Coke ist es dasselbe, wir trinken so anderthalb Liter zum Essen. Jannis und Marcel, die zwei jungen deutschen Hiker, kommen hinzu, Marcel bedankt sich bei mir für den Tipp mit dem Aufschneiden der Schuhe vorne, danach wurde es besser mit seinen Blasen. Freut mich, dass es ihm geholfen hat, in Warner Springs konnte er grössere Schuhe kaufen. Jannis installiert uns dafür eine App, was wir nicht geschafft haben.

Wir müssen noch Esswaren einkaufen für sechs Tage, im Laden treffen wir zwei junge Hiker, amerikanische Brüder. Als der eine merkt, dass wir Deutsch reden, spricht er sofort deutsch und sagt, dass er mit uns reden möchte, weil er die Sprache lernen will, clever, der Junge. Wir finden es richtig cool mit zwei so Jungen zu diskutieren. Der Deutsch-Lerner will unsere Blog-Adresse, ich sage zu ihm: «Komm wir machen ein Selfie für den Blog, dann wirst du eine berühmte Person in der Schweiz». Zuerst schaut er perplex, ich lass es wirken, dann scheint er Freude am Gedanken zu finden und ich sage: «Nein, ist nur ein Joke.» Wir müssen alle lachen, aber ein Selfie muss sein. Die zwei sehen wir sicher wieder auf dem Trail.

So, jetzt genug rumgetrödelt, einkaufen, zum Zeltplatz, alles einpacken und nochmals ins Restaurant, um richtig Kalorien reinzuschaufeln. Danach gehen wir zur Strasse, die zum Seitentrail hoch geht, Andy hält den Daumen raus und schon hält eine Frau an, die uns hinauf fährt.
Der Trail steigt immer an, Richtung Mount San Jacinto Peak, aber es geht richtig gut. Bald kommt der erste Schnee, wir laufen ca. dreieinhalb Stunden aufwärts und blödeln dabei ein wenig herum. Andy kann jetzt auch ein paar englische Wörter, so unterhalten wir uns auf englisch.

Beim Zelt aufstellen im Lärchenwald, richtig schön mit riesigen Bäumen, gebe ich Andy auf englisch Quatsch-Anweisungen durch: Geh mal schauen, ob es einen Platz mit Abendsonne gibt, oder vielleicht könnte man die Bäume schneiden usw. Andy macht nicht mit, dafür lacht eine ältere Frau, die ich nicht gesehen habe, das ist mir einen Moment peinlich. Ich schwatze noch ein wenig mit ihr, Peggie ist eine Section-Hikerin (macht dieses Teilstück des PCT). Schluss bei 182,5 Meilen (Km 292) auf der Höhe 2610 m.ü.M Mount San Jacinto Peak
Anmerkung Andy: Rosa, das Huhn, schwatzt die ganze Zeit während ich das Zelt aufstelle, als sie fertig ist mit Schwatzen, geht sie den Sonnenuntergang fotografieren. Wenn sie die kreative und kommunikative Phase hat, lass‘ ich sie lieber machen, denn man sollte einen Künstler 👩‍🎨 nicht stören 😂😂

Zero Day, 24. April, Idyllwild

Wir sind etwas müde von den letzten vier Tagen, gehen erst mal ins Dorf. Wir setzen uns in ein Café in eine Polstergarnitur und machen bei einem sehr gemütlichen Kaffee die letzten Tage Schreiberei für den Blog fertig. Beim ‚Senden‘ will das Internet nicht funktionieren, wir versuchen Verschiedenes aus, es geht einfach nicht. Ich melde es der Bedienung, hier ist es normal, dass sie einfach den Server neu starten müssen und dann geht das Internet wieder. Die Leute sind sehr hilfsbereit, aber was gar nichts bringt, ist reklamieren oder drängeln, dann ist es vorbei mit der Freundlichkeit und du musst warten, wirst einfach ignoriert. Geduldig warten wir also bis es wieder geht und schwatzen mit einer älteren Dame, die bei uns sitzt. Sie wohnt in Idyllwild und erzählt uns, was es mit der Herzlichkeit zu den Hikern auf sich hat. Die Dorfbewohner schätzen die Hiker, weil sie viel gute Energie in den Ort bringen, ihre Stärke und das Durchhaltevermögen inspirieren die Anwohner. Finden wir sehr schön. Gestern haben wir Zwei das sicher nicht erfüllt, so wie wir ausgesehen haben.

Danach holen wir unsere Wäsche ab. Wir nützen den Tag, um verschiedene Besorgungen zu machen und immer wieder viel zu essen dazwischen, weil wir schon abgenommen haben. Ich habe auch einen grossen Zehennagel verloren, aber im Grossen und Ganzen fühlen wir uns sehr gut. Ich habe zwei kleine Blasen, Andy ist am Morgen ein wenig verspannt, sonst geht’s uns super. Noch nach Hause telefoniert, war schön mit unserem Sohn zu sprechen und zu hören, dass es allen gut geht und alles gut läuft. Einen Spaziergang durchs Dorf gemacht, sehr sympathisch der Ort und es hat viele Leute, scheint beliebt zu sein.

Schon 8 Uhr, aber um schlafen zu gehen sind wir einfach noch zu fit. Wir gehen in eine Bar, wir möchten ja möglichst viel Englisch reden und da sind immer Leute. Wir setzen uns an die Theke. Andrew sitzt neben uns, er ist Amerikaner, lebt aber in Fribourg in der Schweiz, Zufälle gibt’s, das ist aber noch nicht alles. Er arbeitet – glaube ich – in der Forschung an der Universität und ist hier für die Ausbildung zum Mountain Guide (Bergführer), in der Schweiz ist er auch daran, und das mit 43. Wir erzählen ihm von meinem Bruder, der auch ‚den Bergführer‘ etwa in dem Alter gemacht hat. Andrew möchte ein Selfie mit uns und ein Bild vom Blog, so geht das heute. Wenn wir wieder in der Schweiz sind, wird er das Bild schicken und uns besuchen, wir können ihm dann Deutschunterricht geben. Wir hatten viel geredet, also Andy musste reden, Andrew und Andy meinten, ich solle trinken, Andrew ist ein netter, sehr geduldiger Typ. Ist schon lustig, er findet die Schweizer freundliche, aufgeschlossene Leute und wir sagen das von den Amerikanern. Freundliche, aufgestellte Menschen triffst du überall, sind wir uns einig.

Tag 12, 23. April, Idyllwild

In der Nacht hat es böenartig gewindet, zum Glück hatten wir unser Zelt hinter Steinen aufgestellt, so konnten wir gut schlafen. Losgegangen um 6 Uhr bei schönstem Wetter. Auch heute geht es bergauf, immer höher, aber der Weg ist sehr spektakulär, zieht sich meistens an Felswänden nach vorne. An einer Stelle lag eine riesige Tanne im Weg, dort mussten wir im Hang hinaufklettern, vielleicht 40 Höhenmeter durch Stein und Gebüsch. Unsere Waden brannten, das Herz hatte ordentlich geklopft, mit dem Gewicht auf dem Rücken ist es nicht so einfach. Andy stieg rauf wie Spiderman, zack-zack, oben war er. Ich eher wie eine verunglückte Bergziege. Natürlich muss Andy noch ein Foto machen, super.

Es kommen die ersten Schneefelder, einfach in der Spur queren, sind ja schon andere Hiker durchgegangen. Bis 11 Uhr steigen wir auf, oben angekommen essen wir eine Riesenportion Haferflocken. Eigentlich wollten wir im Dorf frühstücken, ich glaube, diese 16 km werden sich ziehen. Nach der Pause gehen wir meistens in weichem Schnee, ist etwas mühsam zum Laufen. Einmal verlieren wir die Spur, suchen mit dem App auf dem Handy. Andys App zeigt an, dass wir genau auf dem Weg sind, meines, dass wir etwa 100 m unterhalb sind. Technik, wenn man sie braucht, geht nichts! Etwas durch denn Wald geirrt, dann wieder eine Spur gefunden.

Etwa um halb zwei treffen wir auf den Seitentrail (Saddle Junction), super, jetzt noch 4 km runter, die sind wir fast gerannt. Normalerweise, wenn wir einen Hiker kreuzen, bleiben wir immer kurz stehen und schwatzen. Jetzt sagen wir auf «What going on?» (was geht?) nur «Fine» oder «Thank you». Einer lacht und sagt: «Ihr habt Hunger.», keine Zeit zum Reden, wir liessen ihn stehen. Beim Parkplatz unten können wir gleich einsteigen, eine Frau fährt Hiker ins Dorf Idyllwild und zurück. Sie sagt, ihr Auto sei brandneu und wir sollen bitte auf die Tücher sitzen.

Idyllwild ist ein sehr hübscher Ort, werden ihn morgen erkundigen. Auf dem Campingplatz hier werden wir zwei Nächte bleiben. Nach dem Zelt aufstellen gehen wir eine Pizza essen, die Bedienung bringt uns jede Menge Coke. Nach vier Tagen wandern, hast du richtig Lust auf essen, duschen, gewaschene Kleider, genau in der Reihenfolge. Einfach nichts tun, wenn du dann noch ein Lokal mit guter Musik findest, bist du rundum glücklich. Ich schreibe den Blog, Andy macht die Bilder klar, zwischendurch mal Musik hören, das brauchen wir einfach. Am Abend gehen wir noch mit einem Bier bei unseren Zeltnachbarn vorbei. Super Gespräch mit zwei tollen Hikern, Daniel und Sabrina, Trailname «Trailrunner» und «Eys Snacks».

Tag 11, 22. April, Meile 168

Um 5:40 Uhr losgezogen, es windet und ist recht frisch, super Wanderwetter. Wir kommen in den Pernod Canyon, eine sehr spezielle Schlucht, du läufst durch riesige Steine. Der Weg schlängelt sich auf und ab zwischen den Steinbrocken durch. Ich will Andy da fotografieren, er geht hin, aber als ich abdrücken will, sehe ich ihn nicht mehr. Macht Eiersuche, der Kindskopf, er streckt seinen Kopf hinter dem Stein hervor (Pfeil).

Aus der Schlucht geht es den Berg hoch, entweder sind unsere Beine müde oder es ist steiler als es aussieht. Ich bekomme Hunger, frage Andy, er: «Willst du essen?». Was für eine Frage, ja klar, sonst hätte ich nicht gefragt. Bei mir bedeutet Hunger, jetzt sofort essen. Bei Andy mal schauen wo, in der Sonne oder im Schatten, auf einem Stein oder am Boden… Mir ist das ziemlich egal, einfach schnell. Er weiss, dass ich nicht die Geduldigste bin, er läuft jedoch weiter. Als ich gerade etwas sagen will, entscheidet er sich für einen Platz. Natürlich wieder eine riesige Portion Haferflocken mit Erdnussbutter, Haferflocken haben eben fast kein Gewicht. Als wir da sitzen kommt Stefan, auch ein Schweizer, den Hang hoch. Wir reden sicher eine Stunde mit ihm. Ich frage ihn nach seinem Alter, er 47, ich sage: «Du siehst aber jung aus, nicht wie wir.» Dann Andy: «Ist ja klar, er ist ja auch nicht verheiratet.» Sehr lustig, finde ich.

Nach der Pause müssen wir weiter den Hang hinauf, oben sind wir ziemlich geschafft, legen uns erst mal ein wenig in den Schatten und erholen uns. Den ganzen Nachmittag laufen wir auf der Bergkuppe, die Sicht ist unglaublich, wir sehen auf die Ebene mit Palm Springs hinunter. Wir wissen, dass es nun 20 Meilen lang wahrscheinlich kein Wasser hat. Andy geht Wasser holen, muss dafür etwa eine Stunde hin und zurück gehen, ich bleibe oben beim Gepäck. Wir nehmen 7 Liter mit, jeder trinkt noch was er kann.
Am Nachmittag ziehen immer mehr Wolken auf, es wird recht kalt. Dann kommen wir in das Waldbrandgebiet, bei dieser Wetterstimmung wirkt es ein wenig beängstigend. Dafür gibt es sehr spezielle Bilder, in dem Moment hätten wir gerne eine richtige Kamera, nicht nur das Handy.

Um 4 Uhr schmerzen uns die Füsse so, dass wir nochmals Pause machen.
Wir reiben unsere Füsse mit einer beruhigenden Creme ein, wir müssen lachen, einfach über den Schmutz schön verteilen. Nun geht’s den Hang hinunter, danach wieder hinauf, teilweise über umgefallene Baumstämme. Wir schieben uns den Hang hoch, sind völlig ausser Puste, die Waden brennen, ist nicht mehr so easy.

Schluss um halb sieben, bei Meile 168,5 (Km 271). Als wir gerade einen Platz fürs Zelt gefunden haben, fängt es ein wenig an zu schneien. Andy stellt das Zelt auf, ich schmeisse alles was unser Esssack hergibt in den Wassertopf: zwei Pack Chinanudeln, ein Säckchen mit etwas Getrocknetem, Undefienierbarem, dann noch getrocknete Kartoffeln. Wir essen im Zelt und freuen uns, dass wir morgen in einem Dörfchen sind. Heute hatten wir alles an Wetter: Wind, Regen, Sonne, ganz wenig Schnee und während ich koche, donnert’s verrückt.

Tag 10, 21. April, Meile 152

Ostersonntag, erst um 6 Uhr losgegangen, es ist kalt und windig, wir behalten die Gäg-gäg (= Ente, Daunenjacke) an zum laufen. Der Weg zieht sich durch viele kleine und grössere Schluchten, immer runter und dann wieder rauf. Viel ist am blühen, ein Kaktus, der aussieht wie zwei Füsse, muss fotografiert werden.
Gegen 9 Uhr filtern wir unten in einer Schlucht noch schnell Wasser, der anschliessende Aufstieg aus der Schlucht geht uns ordentlich in die Beine. Vor uns läuft Drey (keine Ahnung, ob der Name so geschrieben wird), Andy meint, er gehe mit Dampfbetrieb den Hang hoch, Marihuana rauchen ist ja hier erlaubt. Wir überholen lieber, sonst geht heute nichts mehr.

Oben angekommen essen wir mal was, Tortilla mit einer Schicht Erdnussbutter und noch Konfitüre, die ich aus einer Biker-Box gefischt habe. Dann geht’s weiter, ich gehe vorne, träume vor mich hin, plötzlich flitzt – oh Schreck – eine Schlange vor mir über den Weg. Fast so schnell wie die Schlange verstecke ich mich hinter Andy. Er lacht und versucht sie zu fotografieren, leider will sie das nicht.
Ab dann geht Andy vorne, er geniesst es, weil ich jetzt still bin. Wir gehen weiter durch eine blühende Landschaft, wunderschön. Plötzlich weicht Andy einen Schritt zurück, wieder eine Schlange, sie verschwindet sogleich unter das Gebüsch. Ich halte ab jetzt einen Sicherheitsabstand.
Irgendwann hören wir Stimmen in der Nähe, mal schauen, was dort los ist. Viele Hiker sind dort, denn Mary, ein Trailangel macht Ostern-Frühstück für uns Hiker. Sowas Leckeres, Tacos mit Salat, Pouletbrüstchen und verschiedenen Saucen, und ein Bier dazu. Ein richtiger Schatz ist sie, macht das einfach so für uns. Wir plaudern etwas mit den anderen Hikern und lernen Seraina, eine Bündnerin, kennen.

Nachher geht es weiter auf und ab. Schon wieder eine Schlange, 9 Tage unterwegs keine, und heute schon drei. Andy bleibt bei einem Abgrund stehen, um den Horse Canyon zu fotografieren, ich will schauen, was er fotografiert. Er sagt ruhig: «Geh nicht zu nah ran», ich gehe vorsichtig zum Abgrund, nah bei einem Busch, Andy wieder sehr gelassen: «Ich würde da nicht zu nah ran gehen». Ich verstehe nicht, was er meint, dann sagt er: «Die Schlange ist unter dem Busch verschwunden.» Jetzt haben wir mal eine angeregte Diskussionen, ich finde er sollte mir klare Infos geben, wie «dort ist eine Schlange» zum Beispiel.

Wir queren Hwy 74 nach Palm Springs und laufen noch eine halbe Stunde weiter, geniessen einfach die Abendsonne. In den Steigungen spüren wir, wie die Sonne runter brennt, für uns sehr ungewohnte Temperaturen.
Heute war es ein Auf und Ab, wir merken unsere Beine und Füsse. Wer denkt, hier sei es flach, täuscht sich, denn hier sind die meisten Höhenmeter auf dem ganzen Trail. Bei Meile 152 (Km 245) finden wir einen super Campspot, sehen einfach dem Sonnenuntergang zu, ein wunderschöner Ausklang des Tages.