Tag 96, 1. August, Meile 1800

Abmarsch ist jetzt immer vor Sonnenaufgang, und Schluss je nach Wasser. Bei der ersten Pause, die wir machen, kommt Yves (der Schweizer aus Freiburg) singend den Hang hoch: «Trittst im Morgenrot daher…», weiter kommt er nicht, entweder er kennt den Text nicht oder hat keine Puste mehr, eins von beiden wird’s wohl sein. Das letzte Mal haben wir ihn vor der High Sierra gesehen, jetzt sieht er aus wie ein Hiker: längerer Bart und schlanker. Ein Hiker mit bester Laune, super, dafür bekommt er von unserem Knäckebrot, toll, ihn wieder zu sehen. Ist immer wieder schön, Leute zu sehen, die man von der Desert kennt. Yves hat sich mit seinem Netzteil gegen die Mücken gerüstet. Oregon gilt als der Teil vom Trail, in dem am meisten Strecke macht pro Tag, logisch, es bleibt dir gar nichts anderes übrig, wenn du stehen bleibst oder zu langsam läufst, bist du von Hunderten von Mücken umzingelt.

Der Nadelwald, in dem wir laufen, ist ganz sich selbst überlassen, die alten Bäume fallen um oder werden von Insekten oder Schädlingen befallen. Es hat alles, von Jung bis Alt, Gross und Klein, teilweise mit Moos behangen, sieht toll aus. Von oben sehen wir zwischen Tannen hindurch den den Summit Lake

Am Nachmittag geht der Weg etwas über 2200 Höhenmeter hinauf, ist anstrengend. Von da oben sieht man den riesigen See Upper Klamath Lake, erstmals wieder eine tolle Weitsicht ohne Smog von den Waldbränden. Danach geht der Weg auf die andere Seite dem Hang entlang. Wir laufen noch hinunter zu einem Bach, stellen das Zelt und machen uns Kartoffelstock mit Curry-Reis und Käse, das schmeckt gar nicht schlecht.

Schluss bei km 2896 (Meile 1800), gelaufen sind wir 46 km oder 29 Meilen

Tag 95, 31. Juli, Meile 1770, Cascade Canal

Um Viertel nach fünf gehen wir los. Am Morgen einfach im Laufen zwei Riegel essen geht auch. Bei diesem Gelände – flach im Wald – sind wir richtig ehrgeizig, einfach möglichst Strecke zurückzulegen ist heute unser Ziel. Als Andy Hunger kriegt, übergebe ich ihm meinen zweiten Riegel wie beim Stafettenlauf, wir haben ‚laufend’ was zum Lachen.

Erst nach 20 km setzen wir uns mal hin und frühstücken bei einem Bach. Ich sage: «Ist aber schön hier», Andy: «Rosa, du findest immer alles schön» ja stimmt. Dann läuft ein Hiker vorbei, ein unfreundlicher Typ, der auf «Guten Morgen» oder «Wie geht’s» nicht mal Antwort gibt. Ich sage: «So ein unfreundlicher Kerl, und schön finde ich den auch nicht». Andy schüttelt nur den Kopf. Ok, ich gehe dann mal vor, er braucht wohl eine Rosa-Pause. 

Das Wetter ist herrlich, oben blauer Himmel, im Wald ist’s angenehm kühl. Der Weg schlängelt sich zwischen den Bäumen hindurch, unmöglich, dass ich den Weg verliere. Irgendwann schliesst Andy wieder auf, er braucht das Toilettenpapier, das habe ich im Rucksack, findet er nicht so lustig. 

Dann laufen wir bis um 15 Uhr durch bis zu einer Hütte. Da hören wir jemanden schreien, es ist ein junger Hiker, der fix und fertig ist, er schafft es nicht mehr, die Wasserpumpe zu bedienen und sitzt da und weint. Wir pumpen für ihn Wasser, er bedankt sich, nimmt es und legt sich in den Schatten. Wir essen etwas hier, bis jetzt sind wir 40 km gelaufen und es geht uns super. Als sich der Hiker einigermassen beruhigt hat, geht er weiter, hat sich mehrfach bei uns bedankt. 

Wir haben immer gedacht, auf dieser Höhe des Weges sähe man nur noch motivierte Leute, leider ist das Gegenteil der Fall. Heute haben wir schon einen Hiker gesehen, der den Trail aufgibt, nach unserem Empfinden, geben viele zu schnell auf. 

Der spätere Nachmittag ist etwas mühsam, das Vulkangestein ist ein eckiger, beweglicher Untergrund. Der Vulkan Brown Mountain ist vor über 1200 Jahren ausgebrochen und 2240 m hoch ist. 
Es wird 20 Uhr bis wir beim Wasser sind. Der Cascade Canal ist leider neben dem Hwy 140, hier ist es extrem laut, aber für eine Nacht geht’s.

Schluss bei km 2850 oder Meile 1770, gelaufen sind wir 52 km oder 32 Meilen

Tag 94, 30. Juli, Meile 1739

Wir wachen sowas von erholt auf. Gestern haben wir noch ein Bad genommen, dieses Jacuzzi und das überdimensionale King-size-Bett sind keine schlechte Idee für zwei kleine Personen wie wir sind. Das Frühstück ist gross und «Hiker Special»: Eier, Speck, Toast, Konfitüre, Butter und die besten Pancakes, die wir hatten. 
Richtig gut gelaunt gehen wir zurück auf den PCT. Zuerst müssen wir leider noch ca. drei Kilometer auf der Strasse laufen. An der Strasse informiert ein Schild darüber wie hoch die Feuergefahr ist, leider schon hoch. 

Es geht in die Soda Mountain Wilderness, das Wetter ist schön, der Wind bläst schwach südwärts. Wir gehen ja Richtung Norden, der Rauch beeinträchtigt unsere Sicht und hängt wie Smog in den Tälern, schade.
Diese Strecke von Oregon ist bis jetzt sehr entspannt, mal 100 Höhenmeter hinauf oder hinab, selten mehr. Hier gibt es Falken, die schönen, schwarzweissen Pelegrine Falcons haben eine Flügelspannweite von 1 ,10 Metern und können eine Spitzengeschwindigkeit von 390 km/h erreichen, kann ich fast nicht glauben. Drei Stück sind in der Luft, wir finden es sehr spannend, so nahe den Flugkünstlern zuzuschauen wie sie elegant segeln. Von Februar bis Juli werden die Felsen jeweils gesperrt, damit die Vögel in Ruhe ihre Jungen grossziehen können. 

Der Wald ist teilweise wie ein Dschungel: moosbehangene Bäume und dichtes Gestrüpp, aber alles sehr trocken. Seit Langem mal keine verbrannten Bäume mehr, das fällt auf, müsste eher umgekehrt sein. In den kleinen Bächen hat es meistens kein Wasser mehr.

Beim Keene Stausee zelten wir und kochen das Wasser ab, wir wollen uns keine Baktieren holen. Unsere erste Wahl für Wasser ist immer eine Quelle, die zweite ein gut fliessendes Gewässer, und möglichst kühl sollte es sein. Stehendes Wasser ist halt meistens warm und schmeckt dementsprechend. Schon unglaublich, was wir über Wasser diskutieren: wieviel wir für die nächste Strecke brauchen, am Abend, ob wir genug haben, um uns zu waschen, wo die nächste Möglichkeit kommt, um aufzufüllen, wie es schmeckt etc. Auf dem PCT wird einem bewusst, wie wichtig es ist, gutes Wasser und überhaupt genügend Wasser zu haben.

Schluss bei km 2798 (Meile 1739), gelaufen sind wir 38 km (23 Meilen).

Zero Day in Ashland, 29. Juli

In der Nacht war es so warm, dass ich aufgestanden bin und die Zimmertüre aufgemacht habe. Andy schlief wie ein Bär mit den dazu gehörenden Geräuschen. Ich schreibe und hole Infos aus dem Netz. Das Bett ist eine richtige Badewanne, sodass es besser ist, mit dem Kopf beim Fussende zu liegen. Als ich wieder einschlafen kann, steht Andy auf, bei voller Beleuchtung. Ich bin langsam auf 100, Zero day und er steht um 6 Uhr auf, erholt aus den Federn. Ich denke an die gestrigen Gespräche und setze es um, sage zu ihm: «Du hast die ganze Nacht geschlafen, dabei hauptsächlich das Bett für dich benutzt, lass’ mich jetzt zwei Stunden schlafen, dann bin ich fit». Er steht auf und will dies und das: das Kabel, dann den Nagelklupper usw. War ziemlich schwierig, gerade Liebe für ihn zu empfinden.
Als ich einigermassen wach bin, so um zehn, müssen wir für mich neue Schuhe besorgen. Wir laufen an der Strasse, dabei hält Andy den Daumen raus, dann fährt uns eine Frau zu einem Outfitter. Dort ist alles aus zweiter Hand, ich kaufe für vier Dollar eine Dächlikappe, aber Trailschuhe müssen es schon neue sein. Also laufen wir noch zu einem anderen Geschäft, dort bekommen wir alles inklusiv neue Schuhe. Jetzt noch Esswaren besorgen in einem Organic-Laden (Bio), ist etwas teuer aber gut. 

Ashland ist eigentlich ein sehr schöner Ort, von der Infrastruktur her wie eine Stadt nur kleiner, aber der Rauch macht, dass man immer leicht Kopfschmerzen hat. Die Leute tragen teilweise Masken, ist nicht lässig hier. Wir gehen noch in den Starbucks wegen dem Internet. Ein älterer Mann isst hier seine Tüte Chips, wir geben ihm 10 Dollar, er freut sich riesig. Danach setzt er sich zu uns, wir reden über alles Mögliche, der Herr ist nett, aber hatte etwas Pech im Leben. Dann verabschieden wir uns, für 30 Dollar bringt uns ein Taxi zurück zur Lodge. Wir gehen nochmals Spaghetti essen, da hat es gute Live-Musik, wir müssen einfach bleiben. Bei guter Musik ist es geschehen, der Weg muss warten! 

Es wird ein richtig entspannter Abend, ständig kommen neue Hiker an, um zu duschen oder zu essen. Eigentlich wollten wir in den Abend laufen, doch jetzt haben wir ein Zimmer gebucht, mit Rabatt. Es wird 22 Uhr, höchste Zeit für uns ins Bett zu gehen. Wir rechnen mit einem Bett und Dusche WC auf der Etage, sehen aber keine, wir gehen eine Etage tiefer und lachen, Andy meint, für die Hiker ist’s im Keller, das wäre jetzt unser tiefster Punkt im Hiker-Dasein. Als wir die Zimmertüre öffnen, sind wir sprachlos: Sprudel-Badewanne im Schlafzimmer mit Cheminée, Balkontür auf den Rasen, ein Badezimmer und ein grosses Bett vom Feinsten. Ich frage Andy: «Hattest du die Brille an beim Bezahlen?», er lacht, ja.

Tag 93, 28. Juli, Ashland

Wir gehen sehr gut gelaunt los in aller Früh. Ich kriege bald etwas Mühe, meine Schuhe sind durchgetreten und die Füsse schmerzen. Zum Glück ist das Gelände flacher, so kommen wir meiner Meinung nach doch vorwärts. Andy sieht es etwas anders und hat leider recht, wenn ich rechne, gibt es einen Schnitt von 3 km pro Stunde. Also gebe ich Gas, ist leider so, du kannst nicht wegen jedem Problemchen bremsen, sonst wird es nichts mit der kanadischen Grenze. 

Oregon ist wirklich schön, es wird immer grüner und flacher bis jetzt. Aber der Rauch bleibt leider, das Tal mit Ashland ist im ‘Smoke’, sehr schade.

Um 17 Uhr sind wir bei der Callahan’s Lodgeund essen da mit zwei anderen Hikern das Hiker-Special: Spaghetti ,soviel man mag, und ein Freibier, super lecker. Wir wollen zusammen einen Uber buchen, aber leider steigt der Strom in der Lodge aus demzufolge kein Internet, telefonieren war vorher schon nicht möglich. Die zwei andern bekommen eine Fahrt, leider nur für sich, also heißt es «See you on the trail». 

Andy macht noch was oder redet, ich gehe mal vor. Draussen treffe ich Dana Grant mit ihrem Mann, ich frage, ob sie nach Ashland fahren. Nein, sie seien aus Ashland raus wegen dem Rauch, aber wenn sie uns helfen können, würden sie uns fahren, wohin wir wollen. Ich suche wiedermal meinen Mann, so schnell hätte er nicht mit einer Fahrt gerechnet. Ein sehr herzliches Ehepaar, auf der Fahrt haben wir uns sehr nett unterhalten und sie haben uns ein Motel gesucht. Dana ist «The Soul Gardener», Seelen-Gärtnerin, sie lebt ihren Coaching-Job voll und ganz, eine so tolle Frau mit so viel natürlicher Liebe haben wir noch nie getroffen. Sie gibt uns noch die Visitenkarte und sagt: «Wenn ihr morgen noch was braucht, ruft an. Und macht das Gleiche wie ich, gebt oder helft.»
Der Gedanke ist wirklich gut, werden es nach unseren Möglichkeiten umsetzen. Ein anderes Zitat von ihr, das uns sehr gefallen hat, war: «You‘ve got to find people who love like you do.»Ist schon toll, was wir so an tollen Begegnung haben.
Das Motel hat eine super Dusche, der Dreck an uns ist ungeheuerlich, braucht zweimal, bis wir einigermassen sauber sind.
Schluss bei km 2760 (Meile 1715), gelaufen sind wir 41 km oder 26 Meilen.

Tag 92, 27. Juli, Meile 1689,5, Oregon erreicht

Wie meistens sind wir wieder um 5 Uhr losgegangen. Hier auf 1100 Meter Höhe ist es mit dem Rauch besser, aber man hat null Sicht ins Tal. Wir steigen weiter hinauf, ist eine sehr coole Landschaft mit diesem roten Felsen und den grünen Flächen. Hätten dann den perfekten Frühstücksplatz, doch es ist einfach noch zu früh. So gehen wir weiter, hinunter zu einer wunderschönen Quelle (auf 1442 m) und dann noch mal 500 Höhenmeter hinauf, wir sind ziemlich am Schwitzen. 

Dann laufen wir bis zu einer Forststrasse hinunter, alles verbrannter Wald, wirklich sehr deprimierend, soviel Fläche hätten wir nicht erwartet. Uns reicht es, wir essen etwas, das hebt die Stimmung. 

Heute wollen wir California «bye-bye» sagen, und drum ist viel Laufen angesagt. Die Landschaft wird langsam immer grüner, dann grasen sogar Kühe mit Glocken. Man könnte meinen, in den Schweizer Alpen zu sein – krass, der Unterschied zu den letzten Tagen. 

Um halb acht erreichen wir die Grenze zu Oregon, d.h., wir haben den PCT-Part ‘California’ geschafft, war schön. Jetzt geht es an die letzten 1000 Meilen, bzw. 1600 Kilometer, das ist echt ein unbeschreibliches Gefühl, wir sind stolz auf uns. Wir sind richtig happy, ist ja nicht selbstverständlich, dass alles klappt und du (beide) die Motivation behältst.

Heute haben wir «Spice» (Trailname ‘Scharfes Essen’) getroffen, er hat Probleme mit seinem rechten Bein. Er läuft einfach weiter, obwohl er Schmerzen hat, will unbedingt den PCT fertig machen. Wir schenken ihm unsere Salbe zum einreiben, die hat bei uns immer geholfen, wenn’s irgendwo schmerzte. Hoffentlich hilft es ihm, dass er weiter machen kann.
Schluss bei km 2719 oder Meile 1689,5, gelaufen sind wir 51 Kilometer, das sind 31,5 Meilen.

Tag 91, 26. Juli, Meile 1658, 50 km

Um fünf laufen wir bereits wieder los. Zuerst meint man, das Waldbrandgebiet gehe zu Ende, es gibt Abschnitte mit sehr schönem Wald, leider nur 5-6 Kilometer lang. Dann kommt unten Gestrüpp mit verkohlten Bäumen, das für die nächsten 40 Kilometer, bis zum Seiad Valley, unglaublich.

Dort ist aber alles braun, was nicht bewässert wird. Die Luft ist auch leicht rauchig. Ich frage im Store, ob es in der Nähe einen Waldbrand hat. Es brennt in der Gegend von Medford, das liegt 15 Meilen von Ashlandentfernt und ist unsere nächste Ortschaft für den Zero Day. Seit heute riecht und sieht man’s, die Luft ist leicht grau. Seiad Valley ist für die PCT-Hiker das Tor zu Oregon. Im «Seiad Café» gibt’s beim Frühstück die Pancake-Challange: wer 5 Pfund davon isst, bekommt sie gratis. 

Wir wollen noch am Abend weiter, es steht ein Aufstieg von 1500 Höhenmeter an. Wir möchten heute möglichst hoch hinauf und morgen früh den Rest machen. Hier ist’s einfach zu heiss, heute hat es 96 Fahrenheit (ca. 36° C) angezeigt. Der Ort ist – glaube ich – vom vorletzten Jahrhundert, die Häuser sind mehr oder weniger Holzhütten oder Wohncontainer. 300 Einwohner (plus etwa gleich viele Hiker) eine Tankstelle, ein kleiner Laden, Poststelle, sowas wie ein Café oder Bar, ein Hostel, Campingplatz, viel mehr nicht. Aber der Laden ist super, es hat frische Bananen und Pfirsiche in einer Vitrine, und sonst alles. Die Klimaanlage verwandelt den Schuppen in ein Kühlhaus, möchte die Stromrechnung nicht bezahlen. Ich habe ein nettes Gespräch mit der sympathischen Besitzerin. Ohne Hiker könnte sie den Laden nicht betreiben, sagt sie. Danach suche ich wieder einmal Andy! Nach mehreren Gesprächen mit anderen Hikern, findet Andy mich. 

Dann sind wir noch bis um acht hochgestiegen, im Rauch und bei Hitze, mit Sicht durch die rauchige Luft ins Tal, ziemlich beängstigend. Der Waldbrand hat dem Tal mit dem Fluss Klamath Riversehr geschadet.

Anmerkung Andy: Rosa fragt: «Was ist hier im Gestrüpp weggehuscht?» ich schlage vor, ein Bär, Rosa: «Nein, sicher nicht, das muss was Kleineres sein.» Ich: «Dann war’s ein Laundry Bär.» Rosa brauchte einige Zeit, um mein Wortspiel zu durchschauen: Laundry = Wäscherei – Waschbär.
Schluss bei km 2668 oder Meile 1658, gelaufen sind wir 50 km oder 31.5 Meile

Tag 90, 25. Juli, Meile 1626,5

Wir sind um halb sechs losgegangen, Floh, unser Zeltnachbar, hat sich wieder schlafen gelegt. Wir kommen wieder in ein sehr grosses Waldbrandgebiet, bestimmt die Hälfte des Waldes ist total zerstört. Andy meint, es wird Jahrzehnte dauern bis sich der Wald regeneriert hat. Wenn du das so hautnah siehst, frustriet es dich. Diese Zerstörung könnte einem schon Angst machen, die Brände werden immer wieder kommen, wenn nicht hier, dann woanders. 

Dann kommen wieder sehr steile Felswände, sehen sehr imposant aus mit dem Weg, der daran hochgeht. Wasser läuft in kleinen Bächlein über die Felsen, gibt schöne grüne Oasen. Oben geht dann der Weg in kleinen Schlaufen und mit Sicht auf den Man Eaten Lake hinunter, wunderschön. 

Wir treffen einen Hiker aus England, er ist völlig gelangweilt, immer Steine, Bäume, laufen, schlafen, essen. Er sagt, für ihn sei es nur noch eine mentale Sache nochmals 1000 Meilen durchzustehen. Wir können ihn nicht verstehen, für uns sind es nur noch 1000 Meilen. Wir lachen zusammen, ich sag zu ihm, dass es zu zweit als Paar einfacher ist, er erklärt uns für verrückt, kein Wunder, er hat uns gesehen, wie wir Schmetterlinge beobachten, sah sicher komisch aus. Thru-Hiker sind normalerweise am rennen, sie möchten möglichst Strecke machen.
So, jetzt müssen wir mal weiter, in dieser sehr abwechslungsreichen Landschaft, mal hat es nur kahle Stämme, die in den Himmel ragen, dann eine grüne Lichtung mit Gras und Blumen und dann einfach nur Felsen. Nicht zu vergessen dieser helle Felsen und ein Auf und Ab an Höhenmeter den ganzen Tag hindurch – also langweilig wird’s uns bestimmt nicht. Das Wetter ist mit dem leicht verschleierten Himmel und ohne Wind ideal für diese Strecke.

Am Abend geht’s dann noch durch mannshohes Gestrüpp. Um halb acht machen wir Feierabend, unsere Beine sind ausgepowert. Wir haben wieder einmal einen super Spot zum Campen, mit Wasser, das sogar warm ist, das nutzen wir und waschen uns, herrlich. Nach dem Essen gibt’s noch eine warme Ovi, perfekt, der Tag heute. Floh hat uns heute nicht überholt, oft zieht er gegen Abend an uns vorbei.
Schluss bei km 2618 oder Meile 1626,5, gelaufen sind wir 42 km (26,5 Meilen).

Tag 88, 23. Juli, Meile 1588, es läuft und läuft

Wieder vor fünf sind wir unterwegs, es geht weiter hinauf in die Trinity Alps. Ein Ehepaar aus Alaska kommt hinunter, sie fragen uns, ob wir den PCT durchgehend von Campo her gelaufen sind. Langsam wird es langweilig, immer die gleichen Fragen, wann seid ihr gestartet, wieso den Ganzen, natürlich wieso nicht in der Schweiz usw., am Schluss noch ein Bild. Wir beantworten geduldig all ihre Fragen, eigentlich wollen wir heute lieber viele Kilometer machen. Diese Trinity Wilderness ist wirklich toll, im Hintergrund Berge aus grauem Gestein, teilweise mit Schnee und wir wandern auf rotem Felsen, echt wilde Sache.

Mittagspause haben wir mit Sicht auf Callahanmit der alten Nord-Süd-Verbindung Hwy 3, California mit Oregon, die durch die Interstate 5 ersetzt wurde. Streifenhörnchen siehst du ständig, meistens rennen sie auf dem Weg, stoppen und geben wieder Gas, sind lustig anzuschauen. Eines will uns zeigen, wie herzig es ist.

Nachher geht es zuerst hinunter und dann wieder hinauf zur Forststrasse, später ist der Weg oft im Fels ausgesetzt. Diese Arbeit, die hier am Weg gemacht wird, ist enorm: Steinmauern bauen, Büsche zurückschneiden, Holz und Steine wegräumen, super gemacht. Man sieht der Gegend an, dass es trockene Jahre gegeben hat. Von 2011 bis 2017 hatten sie oft extreme Dürre, viele Tannen sind teilweise braun. 

Am Abend laufen wir in ein Waldbrandgebiet, ist sehr trostlos, das Feuer hat wirklich alles zerstört über mehrere Hänge hinweg. Dort zu Zelten macht keinen Spass, die Erde ist mit Kohle und Asche durchsetzt. 

Schluss bei km 2556 oder Meile 1588, wir sind 49 Kilometer (31 Meilen) gelaufen.

Tag 87, 22. Juli, 47 Kilometer und Schlangen

Um fünf gehen wir los, wir laufen alles etwas über 2000 Metern Höhe in einer felsigen Landschaft, unten sehen wir weiterhin ab und zu kleine und grössere Seen. Auf dieser Höhe ist es immer noch grün. Bis 11 Uhr haben wir 17 Kilometer geschafft. Andy macht sich ein «smartes» Brot, er findet seine Erfindung einfach super lecker.

Am Nachmittag treffen wir auf vier Leute mit Pferden und einem Lastesel, es sind Rentner, die mit viel Begeisterung am Weg arbeiten, der PCT ist für sie wie ein Hobby. Sie machen gerade Pause, sie sind sehr stolz auf den Muli (Maulesel). Der scheint ein Kraftpaket zu sein, was der alles trägt: Schaufeln, Motorsäge, Laubbläser, Axt, Pickel, Gewehr, Kanister etc. Wir sagen ihnen, wie gut uns der Weg gefällt, die Strecke ist ja unglaublich lang, die immer wieder ausgebessert werden muss.

Der Nachmittag ist sehr heiss, der Weg bietet immer wieder Aussicht auf die Trinity Alps Wilderness und der Mt Shasta wird immer kleiner, den haben wir nun zu drei Vierteln umrundet. Das läuft heute einfach wie von selbst und ich träume etwas vor mich her, dann sehe ich Spuren vor mir, die den Hang hinaufgehen, ich frag mich wieso und bekomme gleich die Antwort, es rasselt kurz. Bei diesem Geräusch, geht alles wie von selbst: stehen bleiben und schön vorsichtig Distanz machen zur Schlange. Sie dreht den Kopf sehr aufmerksam immer mit in unsere Richtung, scheint sehr überlegt zu sein. Mit einem Bogen kommen wir an ihr vorbei, sie schaut weiterhin, geht aber keinen Zentimeter weg vom Weg. Andy macht mit genügend Abstand ein Bild, wir fassen es nicht, die zweite Green Mojave, nicht wirklich lustig.

Ich denke, dass wir für heute genug erlebt zu haben, und laufe an der Spitze weiter, bin ja kein Angsthase. Kaum haben wir uns vom Schrecken erholt, liegt die nächste Klapperschlange wieder im Weg. Die ist etwas kleiner und ängstlich, sie klappert wie wild und klemmt sich unter einen Busch. Wir gehen sehr vorsichtig vorbei, ängstlich ist nicht unbedingt weniger gefährlich, wenn sie sich bedroht fühlt, beisst sie zu. Schlangen verhalten sich sehr unterschiedlich: die meisten verschwinden, sobald sie dich wahrnehmen, dann gibt es Zicken, die sich unglaublich aufregen, oder die Gleichgültigen, die liegen einfach rum, oder die Überlegten, die sind uns am liebsten. Mir reicht es, ich sage zu Andy: «Noch eine Schlange und ich stelle das Zelt».

Wir gehen bis zum Campingplatz beim Highway 3, der mal Oregon und die Westküste verbunden hat.
Ende bei km 2507 oder Meile 1557, gelaufen sind wir 47 Kilometer oder 29 Meilen.