Tag 86, 21. Juli, Meile 1528

Bis zum Frühstück wollen wir oben sein, wir stapfen darum im Dunklen los. Es ist sehr anstrengend, liegt wohl am Gewicht in unseren Rucksäcken. Wir haben gut eingekauft: Äpfel, Avocados, Brot, Schweizer Käse und feine Schokolade, nicht zu vergessen Andys 1200 g M&M, die isst er zu allem. Verhungern werden wir nicht auf diesem Abschnitt.
Die imposanten Castle Crags Felswände haben wir bereits von der anderen Seite bewundert. Als wir auf der Höhe von 1850 m ankommen, nehmen wir den nächsten schönen Platz und frühstücken. Es kommt noch ein Hiker und setzt sich zu uns. Egal, ob du ihn kennst oder das erste Mal siehst, man ist einfach ein Teil von einer Gemeinschaft, in der man einander hilft ohne Wenn und Aber, ist schön.

Der weitere Weg geht oben über den Grat. Im Tal unten sieht man immer wieder mal einen See und einmal Geländefahrzeuge, die sich wie Raupen über die Wege kämpfen. Also dieFahrer müssen ihr Fahrzeug im Griff haben, manchmal sieht es aus, als kippen sie gleich, teilweise müssen sie im Schritttempo fahren. Heute ist der Himmel leicht bewölkt, wir laufen ohne zu schwitzen, gut und lange durch bis zu einem See, der ist oberhalb des Weges, schön eingebettet zwischen steilen Berghängen.

Uns gefällt der Platz zum Zelten, und baden können wir auch, einfach perfekt, wir machen Feierabend. Wir kochen uns Teigwaren mit einer Tomatensauce und Käse, es ist sowas von gut. Unser Sohn hat das zuhause oft gekocht, aber wir fanden es nicht so toll, obwohl er noch Gewürze und viel Rahm in die Sauce gibt. Hier ist es fast der Himmel auf Erden, und das ohne Rahm und Gewürze. Sonst ist das Essen auf dem Weg meistens nur Kaloriennachschub. Wir sind rundum happy, schön gebadet, zwei volle Mägen, ein Zeltplatz am See und keine Frösche, die dauernd quaken (besser geht nicht).
Schluss bei km 2460 oder Meile 1528, gelaufen sind wir 40 Kilometer oder 26 Meilen.

Tag 85, 20. Juli, Meile 1503

Wir schlafen bis um 10 Uhr aus. Das Zusammenpacken macht richtig Spass, saubere Matten, Rucksäcke und Kleider, und wir selbst frisch geduscht. Nach dem Frühstück im Motel gehen wir zum Outdoorshop (ist eine Viertelstunde), dort hat es alles, was wir brauchen. Andy braucht neue Schuhe, ich brauche nur neue Innensohlen.

Im Laden treffen wir Floh, ein deutscher Hiker, er erzählt, dass ihn mal beim Autostoppen jemand aus dem Auto heraus mit Essen beworfen hat. Damit habe er seinen Tiefpunkt erreicht auf seinem Hike bis jetzt. Schon extrem, wie manche Menschen das Benehmen vergessen, wenn sie jemand sehen, der ihrer Meinung nach tiefer ist als sie. Hiker werden auch als «Hiker Trash» (Wanderer Abfall/ Abschaum) bezeichnet, nicht im negativen Sinne in der Regel. Floh sehen wir auf dem Weg häufig, meistens liegt er irgendwo im Wald. Einmal wären wir fast an ihm vorbei gegangen, war lustig, du läufst vermeintlich allein im Wald und plötzlich winkt einer so mitten im Waldboden, mit seinem Schlafsack und der Kappe war er schwer auszumachen. 

Dieser Ort ist definitiv spirituell, hier findest du alles dazu: Wahrsager, Schamanen, UFO-Seher und Lebenshilfe in allen erdenklichen Richtungen. Derart gesundes Essen eingekauft wie hier haben wir auf dem ganzen Weg noch nie. Viele Touristen hat es, es ist auch Ausgangsort für die Besteigung des Vulkans.

Gegen den Nachmittag versuchen wir lange Zeit mit Autostopp zurück zum Weg zu kommen. Nach anderthalb Stunden geben wir auf und bestellen ein Taxi. Das teilen wir mit noch einem Hiker, Preis pro Person: 10 Dollar.
Dadurch sind wir erst um 18 Uhr beim PCT, laufen noch etwa acht Kilometer hoch und stellen dann das Zelt auf mitten im Wald.
Schluss bei km 2420 oder Meile 1503, gelaufen sind fünf Meilen.

Tag 84, 19. Juli, Mount Shasta, Meile 1498

Um 4:30 Uhr kriechen wir aus dem Zelt. Unser Zeltnachbar ist schon wach, aber hat auch heute eher bewölkte Stimmung. Wir gehen im Dunkeln los, ich rede und Andy pfeift etwas, falls es Bären hat, hören sie uns und gehen weg. Heute laufen wir mit kleinen Pausen durch bis zur Interstate 5. 16 Kilometer hangab, schön kühl im Wald, immer hin und her. Wir laufen zügig, damit es nicht allzu lange dauert, ist nicht so spannend, überall sieht man, dass geholzt wird.

Beim der Interstate 5 stellen wir uns bei der Einfahrt hin, um nach Mount Shasta zu kommen, ist 30 km entfernt. Andy braucht neue Schuhe, seine sind völlig durchgetreten und er hat an beiden Füssen zwei Blattern.

Nach einer halben Stunde nimmt uns ein Mann mit, der hier in einer Goldmine arbeitet und in Mount Shasta lebt. Auf dem Interstate ist Stau, darum fährt er auf Nebenstrassen, ist weiter, aber interessanter. Er fährt quer durch Dunsmuir – die Ortschaft vor Mt Shasta – ist nicht einladend, sieht ziemlich chaotisch aus, bei der Durchfahrtsstrasse ist der Strommasten gebrochen und die Kabel hängen sehr tief, diverse Installationen sehen abenteuerlich aus. 

Unser Fahrer erzählt, dass dieses Jahr ein kühler Sommer sei und die Leute sehr froh darüber sind. Wir finden es unglaublich warm und der Wind ist nicht mehr kühlend, sondern heiss. Feuermachen ist an vielen Orten verboten. Hier gehören Waldbrände zum Leben, obwohl viel dagegen unternommen wird. Er meint lachend, dass hier die Klimaerwärmung real sei, die Feuer-Saison dauerte früher bis Oktober und gehe jetzt bis November. Auch die Schneegrenze sie immer höher, er fährt am Mt Shasta Tourenski. Aber wettermässig gesehen ist das bis jetzt ein super Jahr und es gibt genügend Wasser auf dem Trail.

Er lädt uns bei einem Burger-Restaurant aus, ist ja klar, was wir jetzt ausgiebig machen. Danach gehen wir in ein Hostel, ich reinige unsere Rucksäcke und die Schlafmatten in der Dusche. Andy geht in der Zeit mit der Wäsche in die Laundry und kommt danach mit Milch, Erdbeeren, Melone und Bananen zurück. Super, endlich wieder Frisches, davon verdrücken wir so viel wie in unsere Bäuche geht. 
Schluss bei Km 2408 oder Meile 1498, gelaufen sind wir km 34,5 Kilometer (23 Meilen).

Tag 83, 18. Juli, Meile 1475

Schon um Viertel nach Fünf marschieren wir los, wir müssen ein wenig Vorwärtsmachen, heute wäre es gut, um die 50 Kilometer zu laufen. Seit Old Station haben wir zu viel gegessen, was wir noch an Esswaren haben, reicht knapp für heute und morgen. Wenn wir aber mehr Kilometer laufen, essen wir auch mehr und bei dieser Hitze erst recht. Bis zum Frühstück sind wir 20 km gelaufen. 

Beim Laufen siehst du dieses Riesengebiet, alles Holzbewirtschaftung, und hörst die Motorsägen aus der Entfernung. Die Schotterpisten für die Fahrzeuge ziehen sich wie ein Netz durch die Wälder und Hänge. Oft sind ganze Flächen abgeholzt und dann sieht man wieder markierte Bäume, dort lassen sie einzelne stehen. 

Vor dem Frühstück überrascht uns wiedermal eine Klapperschlange, ich laufe vorbei – sie hat nur kurz gerasselt – Andy bleibt stehen, ist aber gleich auf Abstand gegangen, sie ist ca. 60 cm lang und sehr schön gemustert. Von der machen wir kein Foto, sieht nach einer Green Mojave aus, einer jungen, bei denen musst du aufpassen, es heisst, dass die gefährlich sind und dich anspringen, diese Art der Klapperschlange hat die meisten Bissvorfälle in California und ist die giftigste. Klapperschlangen rasseln gewöhnlich durchgehend, nur die Mojave nicht, ein markantes Merkmal ist auch ihr weiss-schwarzes Ende. 

Am Nachmittag gehen wir in einem sensationellen Wald mit den Riesenbäumen, 70 Meter hoch ungefähr, alles hinunter bis zum Fluss Butcherknife Creek.
Nochmals eine Pause, wir fragen uns langsam, ob wir noch auf dem PCT sind, haben heute noch keine Hiker gesehen. Wir wollen noch auf 450 m hoch, um Morgen möglichst frühzeitig in Mt Shasta zu sein.

Der Zeltplatz ist eine alte Forststrasse, ein Hiker zeltet hier, er sagt gleich, dass er ziemlich fertig sei, er möchte heute keine Unterhaltung, wir lassen ihn und essen alleine. 
Schluss bei km 2377,5 oder Meile 1475, gelaufen sind wir 47,5 km oder 30 Meilen

Tag 82, 17. Juli, Meile 1445 (46 Km gelaufen)

Um halb sechs gehen wir los. Der Wald ist nicht wirklich schön, sehr trocken und absolut nichts Grünes. Nach kurzer Zeit sind wir beim Staudamm Lake Britton Dam, der ist sehr beliebt bei den Fischern. Davon wird auch für die Fische in den Fluss abgelassen, um die Temperatur des Wassers zu senken. 

Wir gehen über den Damm und den Hang hinauf, etwa nach zehn Kilometern, beim Fluss Rock Creek, machen wir die erste Pause. Ich lege die dreckigen Socken in die Strömung, beschwere sie mit einem Stein, so spült es selbständig den Dreck raus. Andy lacht, ich finde die Idee gut. 

Danach geht’s weiter hinauf, jetzt wird es grüner und kühler, das ist sehr angenehm, das Gegenteil von gestern. Wir laufen den ganzen Morgen durch bis zum nächsten Bächlein, da schläft Andy und ich schreibe. Bis jetzt haben wir drei Hiker gesehen, zwei die nicht gerade freundlich waren, sehr unmotivierte Typen. Der Dritte, sein Trailname «View», ist ein junger, sehr sympathischer Typ aus Siadel, er hat die ganze High Sierragemacht. Den Namen hat er erhalten, weil er immer die schönsten Plätze gefunden hat. View findet, dass es für ihn ein sehr abenteuerliches Erlebnis war und er einfach zufrieden und auch stolz ist, dies gemacht zu haben. Schön beschrieben finden wir, man spürt, dass er Freude an seiner Leistung hat. 

Der Nachmittag ist Laufen im Wald, sehr angenehm und bei einer Lichtung sieht man den schneebedeckten Vulkan Mt Shasta(4322 m.ü.M.), er ist der zweithöchste Vulkan der USA und war 1786 das letzte Mal aktiv. Der gleichnamige Ort Mount Shasta am Fusse des Berges hat 3000 Einwohner und in vier Kilometern den Siskiyou-See.

Der Zeltplatz, den wir am Abend haben, ist richtig cool. Zwei Ebenen tiefer stellen wir das Zelt, eine Ebene höher liegen zwei halbe Stämme und hat’s eine Feuerstelle. Feuer machen wir nicht mehr, ist uns zu riskant. Das Outdoor-Badezimmer ist eine kleine Quelle, an der man sich wäscht, was braucht es mehr. So Mietplätze im Wald sind sehr erholsam und schlafen in dieser frischen Luft ist super.
Schluss bei km 2326 oder Meile 1445, gelaufen sind wir heute 46 km (28 Meilen).

Tag 81, 16. Juli, Burney Falls, Meile 1417

Um 5 Uhr ziehen wir los, es wird heiss werden. Wir wandern weiter in dieser Vulkanlandschaft, teilweise hat es nur noch braunrote Gesteinsaufschiebungen und Gestrüpp und dann wieder grosse Flächen mit Gras, aber alles braun. Heute nützt alles nichts, es ist einfach sehr heiss, bald 37 Grad, wir machen am Morgen vorwärts bis zum Baum Lake. Am Wasser kühlen wir mal unsere Füsse und Beine, das tut richtig gut, die Fischer schmunzeln nur.

Danach geht’s weiter durch unspektakuläres Gelände, kleines Gestrüpp, verdorrtes Gras und die Bäume geben leider kaum Schatten. Etwa vier Kilometer vor dem Burney Wasserfall, bemerken wir, dass ich langsamer gehen muss, meine Unterschenkel (die Gefässe) sind leicht entzündet. Für mich ist jetzt Zeit, eine Pause zu machen, im Schatten und Wasser zu trinken. Andy geht weiter zum Visitor-Center beim Wasserfall, denn wir sind nicht sicher, um welche Zeit es schliesst. Dort will er noch etwas Esswaren kaufen und trinken. Ich bleibe etwa eine halbe Stunde zurück im Schatten und dann laufe ich die vier Kilometer sehr gemütlich.

Der Wasserfall ist sehr beeindruckend, gemäss Theodore Roosevelt, das achte Weltwunder. Beim Visitor-Center hat Andy bereits Milch und ein Sandwich für mich gekauft, super, danach noch ein Soft-Ice. Für heute machen wir Schluss, wir sitzen, reden oder beantworten Fragen zum Trail. Campen müssen wir jedoch beim PCT, hier ist alles voll. 

Schluss bei Kilometer 2280 oder Meile 1417, gelaufen sind wir 42 km, bzw. 26 Meilen.

Tag 80, 15. Juli, Meile 1391

Wir schlafen sozusagen aus, bis 8 Uhr. Auf dem Platz siehst du alles, was man zum Campieren braucht oder auch nicht: Riesige Wohnanhänger oder Lastwagen, die dazu umgebaut wurden, und davor Monster-Grills, grösser geht es wirklich nicht mehr. Wir machen mal wieder Ordnung in unserem Material.

Unsere Nachbarn sitzen schon wieder vor dem Feuer und machen dort weiter, wo sie in der Nacht aufgehört haben, beim essen, trinken und sich über den PCT lustig machen. Sie fragen sich, wieso man durch die USA läuft, wenn man fahren kann, und man dabei Wasser trinkt, immer Hunger hat und die Kleider dreckig sind, dabei schauen sie zu uns hinüber. Das was sie machen, das sei Erholung: essen, saufen und nichts machen ab und zu den Standort wechseln, quer durch Amerika – grosses Gelächter. Dann meint einer, dass die Zwei (damit meint er uns Stinker) aber fitter Aussehen, ein anderer sagt: «Aber Geniessen kennen die nicht», und so geht’s weiter. Ich schaue mal in die Runde von den Komikern, alle plus/minus in unserem Alter, dass die sich nicht gern bewegen, sieht man ihnen an. Eine Frau hockt dort mit einem Spiderman-Kostüm, eine Art Pijama, sieht zum Schreien aus.

Wir gehen dann mal zum Frühstück in die eine Tankstelle, hier gibt’s nur sehr knapp zu essen. Das Frühstück ist ein lauwarmer Burger und Kaffee. Ein anderer Hiker meint dazu, Montag sei in Amerika wie ein Regentag, erst muss mal alles aufgefüllt werden. Danach geht Andy auf die Post und ich gehe die Wäsche machen. «All-in», unser Mithiker in der High-Sierra, ist heute auch hier eingetroffen, hilft Andy, denn der Postangestellte hat keine Ahnung, wie man ein Päckchen in die Schweiz verschickt. Gut, dass All-in weiss, wie das geht. Für das Essen gehen wir in die zweite Tankstelle, die etwa sechs Kilometer entfernt ist, ein kleiner Abstecher vom PCT. Dort gibt es alles, was wir brauchen. Es ist Nachmittag, sicher um die 35 Grad, aber wir wollen noch ein Stück weit kommen. 

Gegen Abend geht’s hoch auf den Overlook Penny Pines, dort haben wir eine super Sicht über das Tal. Im 1991 waren hier drei verschiedene Waldbrände und im Mai 1915 war der letzte Vulkanausbruch in diesem Tal. 

In der Dämmerung hören wir plötzlich gleich neben dem Weg wie Äste brechen. Ich bleibe stehen, Andy schleicht sich nach vorne. Es ist zum Glück nur eine Kuh, die sich am Gebüsch kratzt, ein Bär wäre nicht erfreut gewesen über einen solch neugierigen Hiker. Bis um 22 Uhr ziehen wir weiter bis zum Wassercache 22, auf der Hochebene bei Vollmond.
Schluss bei km 2238 oder Meile 1391, gelaufen sind wir 32 Kilometer (20 Meilen).

Tag 79, 14. Juli, Meile 1371

Tagwach ist um fünf Uhr, alles rein in den Rucksack und los. Wir müssen heute die Strecke mit den 29 Kilometern zurücklegen, denn im Lassen Nationalpark ist wieder Bärenkanister Pflicht, doch wir haben ja keinen mehr. Wir wollen zu den Geysiren, die sind zwar nicht auf dem PCT, aber das lassen wir uns nicht entgehen.
Auf dem Weg dorthin bin ich ganz in meinem Element und singe, Andy läuft vorne weg, denn ich singe irgendeinen blödsinnigen Text, um ihn zu ärgern. Beim Geysir machen wir erst mal eine Pause, in der Morgensonne sieht es sehr schön aus, überall dampft und sprudelt es. Danach gehen wir zum Schwefelsee, den finden wir weniger schön, denn er stinkt nach demselbigen. 

Bei extrem blauem Himmel gehen wir nachher weiter zu einem Tal, wo’s ein Feriencamp hat, das bis halb neun extra Frühstück für Hiker macht. Die 10 Kilometer vom Zeltplatz bis zum Feriencamp sind für uns ein Sonntagmorgen-Spaziergang, aber bei unserem Rumgetrödele kommen wir natürlich zu spät.

Andy geht hinein und fragt, ob es doch noch möglich wäre, dass wir frühstücken könnten. Klar, kommt rein! Super, wir haben ein richtiges Hiker-Frühstück mit Speck, Eiern, Wurst, Fruchtsalat mit Sauercreme und Süssgebäck. Die Angestellten essen auch noch, da lassen wir uns Zeit beim Essen, ein genialer Sonntagsbrunch. Als wir bezahlen möchten, sagen sie, es sei okay, war ja schon geschlossen, also umsonst. Wir bedanken uns so nett, das wollen wir mal in der Schweiz probieren (‚war ja schon geschlossen, kostet drum nichts‘) ich glaube, das würde nicht goutiert. 

Danach geht der Trail hinauf im Wald, oben fängt das Waldbrandgebiet an. Hier machen Männer mit Axt und Zweimannsäge eine Schneise für den kontrollierten Waldbrand. Sie haben vielleicht fünf Minuten um einen Baum von 40 cm zu fällen. Wir fragen sie, wieso nicht mit einer Motorsäge? Weil sie den Wald respektieren und es Nationalpark ist, sie sind eine Non-Profit-Organisation. Andy ist begeistert, alles was mit Holz zu tun hat, interessiert ihn. 

Den ganzen Nachmittag gehen wir durch Waldbrandgebiet, genehmigen uns zwischendurch ein kurzes Bad im Horseshoe Lake, das Wasser ist sehr warm. Als wir aus dem Lassen-Park laufen, ist es nach fünf. Wir gehen weiter den Hang hinunter bis zum Ort Old Station, das sind zwei Tankstellen mit 51 Einwohnern, mitten im Wald am Hwy 89. Zu unserem Pech war’s heiss und windig, wir sind fast schwarz vom Aschenstaub, auf unserer Haut klebt eine Mischung aus Schweiss und Kohle. 

Wir gehen auf den örtlichen Campingplatz Hot Creek Resort, da ist niemand mehr, um für die Nacht einzuchecken, aber das ist uns jetzt egal. Bei den Duschen ist das Schloss defekt, wir duschen drum und stellen unser Zelt auf, richtig frech, aber es gab nichts um einzuchecken. Obwohl der Ort unglaublich beliebt ist, könnten sie ja Formulare und einen Einwurfkasten stellen. Hier hat es viele Amerikaner mit den grossen Wohnmobilen, sehen eher aus wie Häuser auf Rädern.
Schluss bei km 2206 (Meile 1371), gelaufen sind wir 47 km oder 29.5 Meilen.

Tag 78, 13. Juli, die Hälfte des Weges

Wir stehen um fünf auf und gehen schnell los, denn wir hoffen, um acht beim Middle Marker zu sein. Wir sind ein wenig aufgedreht; nach drei Monaten, die Hälfte des Weges! Wir reden und laufen zügig im Hang hinunter. Andy fragt mich: «Möchtest du ein Zeltli (Bonbon)?» «Wieso, hast du eins zum Geben?»,  er: «Ja» Ist ja ganz was Neues, ich: «Ja, dann gib mir eins.» Er lacht: «Sind ja sowieso deine, du hast sie im Zelt liegenlassen». Was für ein nerviger Hikepartner.

Beim Middle Marker setzen wir uns hin und essen zur Feier einen Apfel. Es ist für uns ein spezieller Moment: 1325 Meilen, 2130 Kilometer, wir haben die Hälfte des PCT geschafft, toll. Wir sind sehr zufrieden mit uns. Die wirkliche Herausforderung war die High Sierra, aber diese Strecke war auch besonders schön. Wir sind nun neugierig auf die zweite Hälfte des Weges. Nach einer Weile gehen wir weiter, alles hinunter, durch eine Sumpflandschaft zum Highway 36.

Dort stehen mehrere Autos, ein Mann bietet uns eine Fahrt an. Hinten auf seinem Pick-up hat er eine Kühlbox, sofort haben wir Cola zum Trinken. Zwei weitere Frauen kommen dazu, sie haben riesige Donuts mit Apfelfüllung.
Wir können es kaum glauben, was finden die interessant an uns stinkenden Hikern? Man bemerkt ihre Freude, den Hikern zu helfen, sie investieren Zeit, Geld und das für eine Umarmung oder ein Bild mit uns – der absolute Hammer. Die Bewunderung für das, was wir machen, ist uns peinlich, aber wir nehmen ihre Hilfe einfach an und bedanken uns für alles.
Also fahren wir mit Hektor zum Frühstück nach Chester, dort hält er bei einem Restaurant, das bekannte ist für grosse Portionen.

Chester mit 3’000 Einwohnern liegt am Lake Almanorund ist im Sommer sehr beliebt. Im Restaurant werden wir ständig auf den PCT angesprochen und darauf, dass wir Schweizer sind. Nach dem Essen kaufen wir noch Insektenspray und gehen danach mit Autostopp zurück zum Weg. Eine Frau hält, sie fährt Richtung Lassen Volcanic Nationalpark. Wir steigen in einen sehr gepflegten Audi mit hellem Leder ein, also aufpassen, wir sind nicht grad sauber. 

Der Nachmittag wandern wir im Wald und vergeht schnell. Der Lassen Volcanic Nationalparkliegt rund um den Lassen Peak, dem südlichsten Vulkan des Kaskadengebirges. Der Wald hat drei sehr unterschiedliche Abschnitte: Zuerst grosse Bäume ohne Unterholz, dann gemischt mit kleinen Bäumen, und am Schluss einfach Wald sich selber überlassen (ein Nationalpark-Projekt, das zeigen soll, wie sich der Wald alleine entwickelt), man sieht deutlich, in welchem Abschnitt man sich befindet. 
Schluss bei km 2159 (Meile 1341.5), gelaufen sind wir 39 km oder 24.5 Meilen

Tag 77, 12. Juli, Lassen, Meile 1317

Um 5 Uhr stapfen wir mit Stirnlampe los. Wir gehen hinauf und hinaus aus der Schlucht. Der Wald ist stark vom Waldbrand gezeichnet. Viele Bäume sind oben abgebrochen, es liegt überall Holz auf dem Weg, überhaupt sieht es hier wild aus. Die Bäche haben meist ziemlich Wasser, in der Früh müssen wir einen queren, so haben wir wieder mal nasse Füsse abgekriegt.

Als es warm wird, essen wir Frühstück: Gestern haben wir Brot, Salami und Käse gekauft und für jeden Tag einen Apfel, dazu trinken wir heisse Schokolade, sehr fein. Danach geht’s weiter den Hang hinauf, blauer Himmel und kein Wind, es heizt mächtig. Oben treffen wir auf ein Paar, das wir in der Wüste mal getroffen haben. Sie ruft unseren Trailnamen und sie haben Grüsse von Markus an uns, der uns durch die High Sierra begleitet hat. (Danke Markus, lieben Gruss zurück!) Wir reden nicht lange, denn hier hat es wahnsinnig viele Mücken, wenn du stehen bleibst, wirst du grässlich verstochen. Schnell noch ein Bild vom Lassen Peak, ein sehr imposanter Berg.

Den ganzen Tag laufen wir immer wieder durch Waldbrandgebiet und dazwischen mal über sehr grüne Flächen mit Blumen und kleinen Bächlein. Der Wald ist extrem trocken und in den Südhängen ist es so heiss, dass uns der Schweiss runter läuft. Bis um 12 Uhr laufen wir, dann wird es uns zu heiss. Wir machen ein Nickerchen im Schatten, essen was und gehen weiter.

Hiker treffen wir nicht viele und die meisten sind so am Vorwärtsgehen, dass es keine langen Gespräche gibt. Der Zeitraum für den ganzen PCT ist ja beschränkt, im Herbst (Anfangs bis Mitte Oktober) kommt in Washington der Schnee.

Am Abend laufen wir noch eine Weile hinauf bis zu einem Zeltplatz, wir essen etwas und gehen gleich ins Zelt. Wir sind ziemlich kaputt, diese Hitze ist brutal, man braucht Unmengen Wasser. Dieses müssen wir teilweise von einer Quelle holen, die weg vom Trail ist. Damit wir den Durst nicht so merken, haben wir meistens ein Bonbon im Mund. Andy praktisch immer, wenn ich frage, ob ich eins darf, sagt er, er habe keine mehr. Als ich später schaue, hat er wieder eins im Mund, ich: «Du hast ja noch!» Er: «Aber keine zum geben.» Unglaublich nervig, mein Mann.
Wir sind bei Km 2120 (Meile 1317), gelaufen sind wir 41 km (25 Meilen).