Tag 76, 11. Juli, Belden, Meile 1292

Um 6 Uhr gehen wir, unser Zeltnachbar schläft, wir haben Lust, mit dem Stock mal kräftig draufzuklopfen. Gestern hat der bis spät in die Nacht telefoniert und wir konnten nicht schlafen. Er hat lauthals seiner Frau gesagt, weit und breit seien nur er und Berge und das seit Tagen. Wir denken «schön wäre es», es hätte ja genügend Weite hier, aber der Angsthase brauchte wohl Nähe. Wir beherrschen uns – er würde sich sowas von erschrecken – und lassen ihn. Mal sehen, ob er auch nach Belden kommt, aus dieser Wildnis heraus.

Bis zum Frühstück geht’s zehn Kilometer hinunter, wir sind schnell unterwegs. Heute gehen wir auf Belden, das ist eine ganz kleine Ortschaft mit nur 22 Einwohnern. Es gibt eine Post, Internet sei sehr schlecht, aber das ist in diesem Gebiet normal. Plötzlich wird’s laut im Hang unter uns, es knackt heftig und Büsche bewegen sich. Ein Bär brummt mehrmals, man sieht ihn nicht, so schnell verschwindet er. Wir staunen, dass der überhaupt in diesem sehr steilen Hang sich bewegen kann. Schwarzbären werden etwa 160 bis 170 kg schwer.

Beim Town Resort, der beim North Fork Feather River ist, gehen wir gleich ins Restaurant fürs Frühstück. Die Bedienung kommt gleich mit Kaffee und der Karte. So nebenbei erklärt sie, dass die Situation in der Küche etwas unglücklich ist, der Koch ist noch nicht da, aber wir können alles auf der Karte haben. Gut, wir bestellen, sie geht und bestimmt die andere Servicedame zum Koch. Nach längerem Warten bekommen wir etwas, das nicht das ist, was wir bestellt haben, und die Portion ist wirklich klein. Als die Hilfsköchin, also die Bedienung, wieder aus der Küche kommt, sieht man, dass der Koch ist jetzt hier ist: ein Teller mit allem, was ein hungriges Hiker-Herz begeistert.

Hier können wir duschen und sowas wie eine Laundry (Waschmaschine und Tumbler) gibt’s auch. Als ich unter der Dusche stehe und das Wasser aufdrehen will, sehe ich eine Nachricht (leider defekt), hätte ja vorher schau können. Also halbwegs wieder anziehen und zu den Männern, dort geht die Dusche. Ein kleiner Laden ist im Restaurant, dort kaufen wir ein für drei Tage. Der Angestellte zählt alle Preise der Produkte im Kopf zusammen: 68 $, wir lachen, das ist sicher ein Stück zu wenig. Bevor wir wieder auf den PCT gehen, essen wir noch einen Burger, die Summe auf der Rechnung ist ebenfalls zu tief. Andy meint, über den ganzen Tag hinweg gehe es für beide Seiten auf.

Der PCT geht gleich von hier über den Fluss und dann alles hoch, immer mit Sicht ins Tal. Wir sind froh, dass es schon 5 ist, die Sonne brennt wie der Wahnsinn runter und alles ist unglaublich aufgeheizt. Die Dusche hätten wir uns sparen können, nach kurzer Distanz ist alles wieder durchgeschwitzt.
Schluss bei Km 2079 oder Meile 1292. 19 Kilometer (12 Meilen) gelaufen

Tag 75, 10. Juli, 44 Kilometer gelaufen

Wir laufen um halb sieben los, die ersten zehn Kilometer gehen 800 Höhenmeter hoch zum Lookout Rock, dort auf dem Aussichtspunkt wollen wir frühstücken. Auch heute ist der Himmel blau und am Morgen ist’s schon sehr warm. Der Weg ist zum Glück meistens im Wald, wir schwitzen trotzdem wie blöde und kommen ins Schnaufen, darum reden wir kaum.

Nach drei Stunden sind wir oben, essen auf einem Felsen und geniessen eine tolle Weitsicht über die Täler bis zum Horizont, Wahnsinn diese Weite. Von hier sieht man den Bucks Lake und grosse Flächen, die abgeholzt wurden und die Strassen für den Abtransport der Bäume.

Oben geht es weiter, es ist alles grün, Farne und überall Blumen und Schmetterlinge, kleine und manchmal handgrosse. Wenn der Schnee wegschmilzt, scheint hier oben die Natur durchzustarten. Läuft man aber wieder hinunter, dahin wo es schon länger keinen Schnee mehr hat, ist es trocken und die Pflanzen sind teilweise vertrocknet.

Wir laufen richtig viele Kilometer, irgendwann sage ich zu Andy, dass ich unglaublich Hunger habe, er: «Machen wir Pause beim Pass, das ist etwa drei Kilometer.» Ich werde gleich richtig sauer, den ganzen Morgen habe ich wahnsinnig Hunger und jetzt sollte ich noch warten. Andy gibt nach und mir ist es peinlich, er gibt mir ziemlich viel Süsses und ich verschlinge Unmengen davon.

Beim Pass gibt’s seit Langem wieder einmal ein Trail-Register, wir studieren die Namen, aber kennen nicht mehr viele. Der Nachmittag ist heiss und es geht wieder hinauf, oben geht’s in einer Hochebene 16 Kilometer nach vorne. Wir laufen wieder bis 20 Uhr, Mücken hat es derart viel, dass wir in Regenhosen und mit dem Mückennetz laufen, trotzdem erwischen sie dich. Die Stimmung ist aber sehr schön, der ganze Wald glänzt und dann der Sonnenuntergang, super.
Schluss bei Kilometer 2060,5 (Meile 1273), heute sind wir 44 km (27,5 Meilen) gelaufen.

Anmerkung Andy: Es ist immer gut, wenn Mann einen Schokoladenriegel dabei hat, aber Mann muss immer noch auf seine Finger achten, denn sie könnte so hungrig sein, dass sie sich in eine Bestie verwandelt hat! 😡

Tag 74, 9. Juli, Meile 1250,5

In der Nacht war es sehr warm, nur am Morgen ist es bis die Sonne kommt, noch kühl. Aber wir sind hier in California im Sommer, die Temperaturen steigen von Tag zu Tag.
Als wir um 6 Uhr losgehen, wird’s schon heiss, zum Glück sind wir mehrheitlich im Wald. Am Morgen geht es ständig hinauf und hinunter, durch kleine Täler und über flache bewaldete Hügel. Teilweise mit wahnsinniger Weitsicht, soweit man sieht alles Wald. Wir müssen etwa 4,5 Kilometer laufen bis es ein kleines Rinnsal Wasser gibt, es ist so trocken und heiss, dass ich ganze zwei Liter trinke. Der nächste Fluss kommt in 12 Kilometern und 600 Höhenmeter tiefer, das kann sich ziehen, denk ich mir.

Der Weg geht in Schlaufen hinunter in die Schlucht 🤗 Andy gefällt der Wald, teilweise ist es Laubwald, aber meistens Tannen. Manchmal liegt Holz über dem Weg, dann müssen wir entweder drüber steigen oder unten durch.

Irgendwann bleibt Andy beim untendurch Kriechen mit den Mikro-Spikes hängen. Ich bin vorne am Vorwärtsmachen, Andy ruft, ich schaue zurück und sehe, wie er unter dem Stamm kniet. Er:«Komm hilf mir!» «Wieso, steh doch einfach auf», er genervt: «Geht nicht, ich häng‘ fest.» Ich nehme mein Handy hervor und er: «Wenn du jetzt das machst…» Ich mache ein Foto und frage: «Was ist jetzt, soll ich dir helfen oder nicht?» Er braucht dann nicht die nettesten Worte. Ich setze noch einen nach, jetzt ist aber der Appenzeller von der Kette. «Entweder bist du jetzt nett, oder ich setze mich hin.» Meist haben wir’s richtig gut miteinander und manchmal nicht so, meistens lachen wir dann wieder zusammen.

Danach geht es weiter bis zur Brücke, der Feather River hat viel Wasser. Hier essen wir etwas, zum zelten ist uns noch zu früh. Darum steigen wir auf der anderen Seite den Hügel hoch und wieder hinunter zum nächsten Bach, dem Bear Creek, auch mit Brücke.

Dort machen wir um 7 Uhr Feierabend, wir stellen das Zelt gleich neben dem Bach auf, nochmals alles hinauf ist uns zu viel. Heute war der erste wirklich schneefreie Tag, so geht das Laufen viel schneller.
Schluss bei km 2016,5 oder Meile 1250.5, gelaufen sind wir 41,5 km (26 Meilen).

Tag 73, 8. Juli, 40 Kilometer

Andy steht auf und geht aus dem Zelt, ich kämpfe noch mit mir, draussen ist es frisch. Ein Deer grast direkt vor dem Zelt, das Tier geht erst als Andy zurückkommt. Als wir loslaufen ist 6 Uhr, heute hat es keine Wolken am Himmel, windig ist’s fast jeden Tag. Wir wandern durch dichten Wald auf gutem Weg hinunter. Bei einem Seelein frühstücken wir Avocado mit Käse und Tortilla, super fein.

Danach geht’s weiter bis um 11 Uhr an grossen und kleinen Sees vorbei, die sehen toll aus in dieser hügeligen, bewaldeten Landschaft. Um 10 möchte ich Pause machen, aber Andy läuft bis 11 weiter. Ich staune selber über meine Geduld, am Anfang des Trails wäre bei mir nach 20 Minuten schon der Geduldsfaden gerissen. Irgendwann sagt Andy: «Willst du eigentlich keine Pause?», ich setze mich einfach hin, er: «Was, Pause jetzt?» Ich sage nichts dazu, ich habe einen solchen Hunger, dass meine Laune erst nach dem Essen wieder erträglich ist. Wir sind bis zur Pause 17 Kilometer gelaufen, ohne gross zu hetzen, schon extrem.

Wir gehen weiter an einem Hang entlang, so weit man sehen kann, leuchtet er in allen Farben, das muss man einfach gesehen haben. Der Nachmittag ist leider teilweise im Schnee, durch den Wald und einmal geht es sehr steil runter dort steigen wir durchs Geröll und Dreck einfach gerade hinunter. Danach haben wir einen super Weg durch den Wald mit sehr grosse Tannen, in der Schweiz erreichen sie nie diese Höhe.

Wir laufen und reden und bemerken gar nicht wie die Zeit vergeht. Beim Fluss West Branch Beartrap Creek füllen wir das Wasser auf. Hier am Fluss zelten wollen wir nicht, Mücken gibt’s überall aber am Wasser ist es extrem. Am Abend ziehen wir wieder die Regenhose und Jacke an und stülpen ein Netz über den Kopf. Unser Zelt hat zum Glück ein Innenzelt, dort kommen sie nicht rein.
Der Tag war sehr schön, in den Abend zu laufen mit der Sonne, die schräg in den Wald scheint, ist einfach wunderschön und entspannend.
Schluss bei km 1975, heute sind wir 40 km oder 25 Meilen gelaufen.

Tag 72, 7. Juli, Meile 1202,5

Erst um 7 Uhr gehen wir los, ohne Schnee, wir sind super gelaunt. Der Weg ist in der Schlucht bis Sierra City, es geht durch sehr dichten Wald, unten am Fluss N Yuba River, zum queren hat es Brücken. Es ist frisch und bewölkt, wir geniessen es, genau unser Ding.

Gegen 10 Uhr sind wir in Sierra City, ist eine Strasse mit links und rechts einfachen Holzhäusern, Restaurants, einem Hotel, Post, Tankstelle, ein Campingplatz und ein Laden, viel mehr gibt es hier nicht. Uns gefällt es, die Leute sind freundlich und unkompliziert, sehr hilfsbereit, immer zu einem Schwatz bereit. Wir gehen zuerst einkaufen, dann frühstücken und danach beim Visitor Center duschen, leider hat’s nur kaltes Wasser, aber sauber werden wir trotzdem.
Danach gehen wir zurück zum Laden und setzen uns auf die Veranda, trinken etwas und schauen einfach, was hier so läuft. Als es uns zu langweilig wird gehen wir nochmals essen und zwar in dem einfach sehr tollen Restaurant «Red Moose» (roter Elch). Die Bedienung ist sehr besorgt, dass wir genug gegessen haben. Hier hat es jede Menge Hiker, einige haben die Sierra übersprungen und steigen hier wieder ein, andere gehen nach Hause, wenige sind von Norden gekommen und gehen Richtung Süden oder kommen wie wir aus dem Süden und sind durch die High Sierra gelaufen.

Um 15 Uhr gehen wir retour auf den PCT, eine Familie fährt uns etwa drei Kilometer hinauf zur Stelle, wo der PCT den Highway 49 kreuzt. Von hier geht es in Schlaufen 750 Höhenmeter (von 1407 m bis 2179 m.ü.M.) hinauf, das mit einem total übervollem Magen und zudem ist jetzt das schönste Wetter, die Sonne scheint gnadenlos runter, wir schwitzen und jammern wie kleine Kinder. Dafür haben wir oben eine super Aussicht ins lange Tal mit dem Dorf und auf die Berge und Sonne bis wir ins Bett gehen. Vorher berechnen wir noch, wieviel wir in den nächsten drei Monaten so laufen sollten. Für die nächsten Tagen ist unser Ziel um die vierzig Kilometer jeden Tag. Mal schauen, ob das klappt.
Schluss bei 1935 km (Meile 1202,5), wir sind 25 Kilometer (15 Meilen) gelaufen.


Tag 72, 6. Juli, Meile 1187

Gestern haben wir zu lange in die Nacht geredet, der Wecker geht um fünf, aus dem Zelt raus gehen wir erst um sechs. Gleich mit Micro-Spikes losgegangen, manchmal sieht man den Weg und dann wieder nicht, wir machen einfach den Weg zwischen den Bäumen durch. So geht es bis am Mittag, vier Hügel hinauf und wieder hinunter, wir sind geschafft. Bei einer Abfahrt landet Andy auf dem Hosenboden, ich dann ebenfalls und nicht zu knapp, er lacht und sagt: «Du willst mit mir solidarisch sein.» Insgesamt haut es mich dreimal hin im Schnee, der ist weich und schwimmt sozusagen auf Wasser, der Spassfaktor ist definitiv nicht mehr vorhanden.

An einer Steigung kommt uns eine Hikerin entgegen und sagt in einer Meile gäbe es Hamburger, Getränke und Früchte. Wir denken «guter Witz», finden es gar nicht lustig, sie sagt: «Nein wirklich.» Andy und ich gehen weiter, tatsächlich nach einer Meile, mitten im Wald, machen Alan und seine Frau Trailmagic, unglaublich.
Er sieht uns und ruft: «Hey Mountain and Lion!», wir gehen hin und umarmen beide, er: «Good to see you». Wir freuen uns, die Zwei sind aussergewöhnlich, geniessen es einfach, mitten im Trailgeschehen zu sein. Sie haben schon vor paar Tagen auf dem Ebbettspass Trailmagic gemacht. Eine junge Hikerin will wissen, wieso wir den Trailnamen «Mountain and Lion» haben. Ich sage: «We killed a lion in the desert and ate it» (wir töteten einen Berglöwen in der Desert und haben ihn gegessen). Sie: «Yes, sure.» Der Trailangel schaut mich streng an, ich kleinlaut: «Nein, wir haben einen gesehen.» Alain macht uns einen leckeren Hamburger, wir essen dazu noch Chips und Früchte, danach müssen wir leider weiter.

Der letzte Aufstieg und der Rest des Nachmittags ist schneefrei, genial, das Laufen braucht fast keine Kraft mehr. Wir laufen durch herrlich grüne Wälder und die Hänge sind voller Blumen, überall duftet es. Das Wetter stimmt auch, blauer Himmel und warmer Wind. Am Abend geht’s oberhalb des Stausees am Hang entlang, wir laufen bis 20 Uhr gelaufen. Beim Zeltplatz müssen wir die Regenhose und Daunenjacke anziehen, in der Dämmerung sind die Mücken dermassen auf Angriff, dass es mit dem Spray nicht reichen würde.
Schluss bei km 1910 oder Meile 1187, gelaufen sind wir 40 km oder 25 Meilen.

Tag 71, 5. Juli, Meile 1162

Wir schlafen bis 8 Uhr aus, dann möchte ich den Blog machen im Bett, aber das Internet funktioniert nicht. Wir nehmen gleich unser Zeugs mit, an der Reception ist niemand, auch Daisy, die Schlange, sehen wir nicht, möchte wissen, wo die sich verkrochen hat, schnell raus hier.

Wir gehen zum Frühstück in ein Café, dort essen wir sehr fein, Avocado mit Ei, Knoblauch und Pestosauce, Salat und Fleisch, nicht schlecht so zum Frühstück. Dann spazieren wir noch die sehr schöne Altstadt ab, hier hat’s sehr exklusive und nicht günstige Geschäfte und Restaurants. Die grossen Einkaufszentren sind etwa zwei Kilometer weiter zurück, es nimmt uns ein Mann mit bis zum Starbucks-Café. Ich bleibe da und erledige alles, was ‚Internet‘ ist, Andy geht währenddem die Wäsche machen. Als er zurückkommt telefoniert er und verschickt die Bilder.
Im 2017 waren wir hier in Truckee bei einem Trail Angel, wir gehen bei ihr vorbei, aber leider ist sie nicht zu Hause, wir hinterlassen eine Nachricht. Hier gibt’s auch den Panda-Express Schnell-Imbiss, unser absolutes Lieblingsrestaurant: billig, fein und Riesenportionen, genau was wir brauchen.

Der Tag geht schnell vorbei, wie jedesmal, wenn wir in einem Dorf sind. Gegen 16 Uhr machen wir Autostopp, es vergehen keine zehn Minuten, da hält Peter, ein Rentner, er fährt uns zum Donner Pass hoch. Von dort gehen wir zum Castle Pass hinauf, es hat noch überall Restschnee, dann hinunter bis zur Peter Grubb Ski Hut (1919-1937, he loved the Mountains). Dort sind einige Hiker, wir reden ein wenig und gehen dann weiter, die sind am kiffen und das stört uns, weil, wenn die ganze Hütte voller Rauch ist, werden wir morgen ’nichts wert‘ sein. Wir wünschen ihnen einen schönen Abend und laufen noch bis 20 Uhr weiter.
Schluss bei km 1870,5 (Meile 1162). Gelaufen sind wir 14,5 km oder 9 Meilen.

Tag 70, 4. Juli, Meile 1143, Truckee

Wir haben gut geschlafen, gehen gleich nach 5 Uhr los. Etwa nach vier Kilometern geht es in den Schnee, der ist zum Glück hart, so kommen wir schnell auf dem Anderson Peak an. Hinunter geht’s wieder im Schnee, teilweise sehr steil. Andy und ich sind jetzt extrem vorsichtig, uns schmerzen die Knie von der vielen Rutscherei im Schnee. Nach dieser langen Zeit, etwa fünf Wochen jeden Tag im Schnee, ist das kein Wunder. Auch heute beendet Andy seine Abfahrten auf seinem Allerwertesten, mich wundert’s, dass er keinen blauen Hintern hat. Ich leide jedesmal mit, aber wenn er aufsteht lachen wir meistens.

Als wir frühstücken sehen wir auf der gegenüberliegenden Seite einen Sessellift, der Skibetrieb läuft immer noch. Der Trail geht teilweise grosse Stücke über eine schneefreie Ebene, aber gegen den Donner Pass ist der Schnee im Hang nach vorne sehr weich. Andy hat dann schon mal geflucht, wenn’s ihn hingelegt hat. Gegen zwei Uhr kommen wir beim Hwy 40 Donner Pass an. Bei der Passtrasse hat es einen Imbiss, wir nehmen ein Bier, eine Cola und Hotdogs mit Kartoffelsalat – und die Stimmung ist wieder gut.

Gleich daneben machen wir Autostopp. Jessika und Thomas fragen uns, ob wir nach Truckee hinunter wollen und nehmen uns mit. Ich weiss, dass ich mich wiederhole, aber es ist einfach so, wir treffen immer auf extrem nette Leute. Jessika ist Biologin, sie kommt aus Deutschland und lebt mit Thomas in San Francisco. Die Zwei sind super drauf, fahren uns gleich zu einem Hostel. Beim Abschied sagt Andy, dass wir stinken, es gibt trotzdem eine herzliche Umarmung zum Abschied.

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Im Hostel bekommen wir eine Matratze in einem – sagen wir – besonders kleinen Raum. (Es ist ja Independent Day, alles ausgebucht). Wir setzen uns an die Theke, die ist Reception und Bar in Einem. Die leicht durchgeknallte Dame erklärt uns die Hausregeln, das dauert, wir schlafen fast ein. Irgendwas schwingt hinter Andys Rücken hin und her, als ich schaue, schaut das Etwas mich an. Ich erschrecke derart, dass nur noch die Flucht möglich war, überrenne gleich den nächsten Barhocker. Daisy, die Python-Schlange, macht sich einen Spass daraus von den Leitungen an der Decke zu hängen und die Leute zu erschrecken. Das ist ihr gelungen. Die Dame des Hauses verscheucht Daisy mit lautem Geschimpfe und Schupsen wieder hoch unter die Decke.

Gleich neben dem Hostel bekommen wir neue Schuhe und gehen danach noch fein essen, super. Zurück im Hostel gibt es Livemusik, eigentlich haben wir uns darauf gefreut, aber leider singt der Typ so wie seine völlig übertriebene Perücke ist. Also verziehen wir uns in unsere Abstellkammer, der Raum ist günstig, das Gemeinschafts-Badezimmer genial, es schläft sich gut.
Schluss bei Km 1856 (Meile 1143), gelaufen sind wir 26 km, bzw. 16 Meilen.

Tag 69, 3. Juli, Meile 1137

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Am Morgen wird’s laut, wenn die Vögel anfangen zu pfeifen, ist sehr schön. Um fünf gehen wir los Richtung Barker Pass. Der Schnee beginnt immer später (höher), ist noch in den Nordhängen, die Südhänge sind schneefrei. Für uns erfüllt sich das, was wir uns gewünscht haben, länger wie mehr einfach entspanntes Wandern. Die Bäche fliessen ruhiger durch die Landschaft, die Temperatur steigt von Tag zu Tag, so haben wir uns das vorgestellt.

Heute wandern wir durch eine blühende Landschaft mit wahnsinnig vielen Insekten, der Sommer scheint hier angekommen zu sein. Links und rechts vom Weg, der oben auf dem Kamm ist, sind zwei wunderschöne Täler. Zuerst Olympic Valley und Meadows Valley, immer wieder sieht man Skilifte, teilweise noch in Betrieb.

Am späten Nachmittag müssen wir wieder einen sehr steilen Nordhang hinunter, ist alles im Wald. Hier gehen wir nicht auf dem PCT, sondern einfach nach Bauchgefühl hinunter. Immer wieder bleiben wir stehen und diskutieren, wo es besser geht. Wir wollen nicht etwas riskieren, auch Andy ist vorsichtiger für seine Verhältnisse.

Am Abend müssen wir noch einen kleinen Fluss queren, ist aber harmlos. Danach gehen wir wieder hoch und finden einen genialen Zeltplatz mit Sicht ins Tal. Wir setzen uns hin und essen und trinken Kaffee bis um halb zehn, was für uns sehr spät ist, normal gehen wir um acht ins Bett. Auch weil es ausserhalb des Zeltes zu kalt war. Wir finden es  erstaunlich, wir laufen und laufen, reden und reden… und es gefällt uns dieses Hiken. Wir fragen uns, was es denn ausmacht, sicher ist die Freiheit und das einfache Leben in der Natur ein grosses Plus. Jetzt sind wir ehrgeizig, wir ziehen es durch. Viele Hiker gehen raus wegen des Schnees, für uns ist das keine Option mehr.
Schluss bei km 1830 (Meile 1137), gelaufen sind wir 40 km (25 Meilen).

Tag 68, 2. Juli, Meile 1112

Um sechs stehen wir auf, Anne hat Kaffee gemacht, draussen auf der Grillstation. Gestern haben wir schon all die Pfannen neben dem Grill auf dem Boden gesehen. Jetzt schauen Andy und ich nicht schlecht. Anne nimmt die oberste Pfanne und macht die Eier-Omelett darin. Als wir essen kommen die Hunde, jetzt wissen wir, wer die Pfannen reinigt. Das Frühstück schmeckt grad weniger, den Toast würden wir lieber nicht mehr nehmen, aber wir essen ihn brav auf, danach verabschieden und bedanken wir uns. Tja, sind so Sachen, die du nicht brauchst, bleiben meistens auch nicht ohne Folgen.

Den Morgen laufen wir meistens schneefrei hoch zum Lake Aloha. Es hat vereinzelt Tageswanderer unterwegs. Am See essen wir ziemlich viel, weil uns das Gewicht auf dem Rücken nervt. Auch ist uns das Frühstück nicht bekommen, wir haben davon kaum etwas behalten, schon kurze Zeit danach.

Der Nachmittag ist dann sehr schön mit all diesen kleinen Seen, das Wasser glänzt und glitzert in der Sonne. Wir müssen immer wieder im Schnee absteigen, Andy fällt ständig auf sein Hinterteil, sobald er wieder steht, erklärt er mir dann, wie ich runterrutschen soll. Irgendwann sage ich: «Du bist unglaublich. Ich bin diejenige, die meistens stehenbleibt oder nicht rutscht und du landest zu 90 Prozent auf dem Hosenboden.» Er lacht: «Aber so gebe ich wenigstens gute Ratschläge.» So ein Spinner mein Mann. Wenn er auf den Schuhen hinunter rutscht, legt er sich nach vorne, um auch richtig zu beschleunigen und dann kommt die Bremsung: Das rechte Bein streckt er vor, er verliert das Gleichgewicht, das linke Bein schwingt nach vorne hoch und es haut ihn aufs Gesäss. Danach bleibt er immer einen Moment sitzen, ganz erstaunt wie das passieren konnte. In diesem Moment ist er einfach nur süss, ich könnte ihn jedesmal knuddeln, ein Küsschen und ’sei doch vorsichtig‘ muss genügen.

Es genügt uns auch mit dem Schnee. Als wir Handy-Empfang haben, hören wir uns die Sprachnachricht von Moni an, die etwas weiter oben Richtung Norden läuft, dort sei weniger Schnee. Das ist mal eine gute Neuigkeit, danke dir Moni, hat uns gut gelaunt. Bis um 8 Uhr gelaufen, wir zelten auf einem grossen Stein neben dem Weg.

Schluss bei km 1790 (Meile 1112), gelaufen sind wir 33 km oder 20 Meilen.

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