13. Juni, Pacific Coast Trail, TAG 2,

Wir sind schon um 5 Uhr aufgestanden, wollten frühstmöglich raus aus der Private Property. 

Es ist fast nicht möglich hier zu wandern, der Weg ist teilweise in den Ozean gefallen. Also gehen wir mit einem Bus weiter Richtung Süden. Wir lieben Busfahrten. Die öffentlichen Busse sind genial, sie fahren durch alle Seitenstrassen in die hintersten Ecken der Wohngebiete. Dadurch bekommt man Einblicke in Gebiete, die man sonst nicht sehen würde. Mal ein riesiges Areal, dann alles kleine Verschläge oder Häuschen, ganz eng und verschachtelt, vielleicht eine Arbeitersiedlung von Mexikanern. Wenn du Glück hast, was wir meistens haben, ist dein Sitznachbar gesprächig, das ist wie ein Audio Guide. Für wenig Geld erhälst du eine Tour und erfährst viel über Land und Leute.    

Bei einem Einkaufszentrum kaufen wir uns grosse Sandwiches und verputzen sie draussen an einen Tisch sitzend. Ein Mann kommt zu uns und fragt, ob wir hiken. Wir erzählen ihm, dass wir nach Santa Cruz unterwegs sind. Für ihn ist es kein Problem, uns dort hinzubringen. Er geht schnell einkaufen und dann geht`s los. Nils wohnt in dieser Gegend und hält an jedem Spot an. So sehen wir die tollsten Küstenabschnitte, den Leuchtturm, den Redwood Wald und eine Frau, die hier immer wieder die Klippen und das Meer malt.  

Als wir wieder zurückkommen geht es ihm wieder besser, und wir wandern zum Auto zurück. Er fährt uns zu einem staatlichen Campingplatz. Gemeinsam suchen wir mit ihm mit dem Auto einen guten Zeltplatz und fahren danach wieder zum Eingang zurück, um zu zahlen. Danach fährt er uns wieder zum Zeltplatz zurück. Das macht man hier so auf dem grossen Areal. Dann müssen wir auf Wiedersehen sagen, wie üblich gibt’s wieder eine herzliche Umarmung und weg ist Nils. Nach dem Zelt aufstellen spazieren wir noch länger durch den Campingplatz und halten da und dort einen Schwatz. 

Nils fragt uns, ob wir mit ihm noch eine Wanderung machen würden, die er vor Jahren mal gemacht hat. Zum Glück sind wir mitgegangen. Zuerst geht es von der Küste immer hinauf. Leider hat er schon beim Bergauflaufen recht Probleme, er ist von einer Operation am Herzen gesundheitlich angeschlagen. Oben angekommen geht es in ein Tal mit einem Wald voll mit Redwood Bäumen. Wenn es trocken sei, werde dieser Wald mit Helikoptern bewässert, erzählt er. Nils macht dann ein Nickerchen und Andy und ich gehen im Wald spazieren. Für Andy als Zimmermann ist das ganz speziell, er arbeitet viel mit diesem Holz und steht jetzt vor diesen gigantischen Bäumen. 

12. Juni, Pacific Coast Trail, TAG 1, San Francisco Richtung Süden

Wir sagen Sara tschüss und steigen in einen Bus zur Golden Gate Bridge. Dort werden wir auf dem Küstentrail südlich Richtung Mexiko wandern. 

Im Touristencenter bei der Golden Gate Bridge haben wir uns die Karte vom Pacific Coast Trail besorgt und sind dann einfach der Küste nach Richtung Süden gewandert. Zuerst an der Insel mit dem Alcatraz-Gefängnis vorbei. Dann durch ein Villengebiet, vorbei an unglaublich riesigen Prunkhäusern. Völlig übertriebene Bauten, überall ist nur Reichtum zu sehen. Hier lebt wahrscheinlich die Elite des Landes. Der Gegensatz zu gestern ist extrem. 

Am Nachmittag essen wir an einer Strandpromenade zu Mittag. Ich liebe das Meer. Egal wo, ich könnte stundenlang sitzen und einfach nur zuhören wie die Wellen rauschen.

Es ist ein herrlicher Tag, nur um ein Schlafplatz zu finden wird es etwas schwieriger. Am Abend laufen wir einfach in ein privates Areal hinein. Es scheint eine Art Baumschule oder vielleicht auch ein Baugeschäft zu sein und ist riesengross. Wir gehen den Hang hinauf bis wir eine Stelle entdecken, wo wahrscheinlich in der Nacht niemand mehr vorbeikommt. Da zelten wir und hoffen, dass es gut kommt. Mit Privateigentum ist in den USA nicht zu spassen. Vielleicht könnten wir immer noch auf unwissende Touristen machen. Als Schweizer können wir uns vielleicht etwas mehr erlauben.

11. Juni, San Francisco

Morgens um 8 a.m. kommen wir in Sacramento an, in eine riesige Wartehalle. Von hier fahren die Busse in alle Richtungen weiter. Wir stellen uns in die «Line». Einer, auch ein Hiker, geht einfach nach vorne. Wir sagen, sicher ein deutscher Hiker. Er dreht sich um, er ist ein Schweizer. Er heisst Martin, ist aber nicht Medical. Er wird seinen Hike abrechen, Sara leider auch, sie werden beide von San Francisco in die Schweiz zurückfliegen. 

Unser Hostel in SF ist nicht gerade ein Schmuckstück, scheint hier auch nicht in der beste Gegend zu sein. Als Martin das Zimmer sieht, sagt er: nein, hier bleibe er nicht, er werde sich etwas anderes suchen. Wir anderen drei bleiben. Dies ist bis jetzt schon unsere schlechteste Unterkunft, aber was soll’s. Im Zimmer hat es zwei Betten, die Duschen sind im Gang. Die Eingangstüre des Hostels ist gesichert, das ist mal gut. 

Martin treffen wir später, er hat in einer besseren Strasse ein Zimmer gebucht. Wir gehen zusammen zur Kabelstrassenbahn und wollen mit ihr zum Hafen, den Fisherman Wharves, hinunterfahren, um dort etwas zu essen. Mit der historischen Kabelstrassenbahn den steilen Hang hinunter zu fahren finden wir interessant, es wird alles manuell bedient. Abwärts muss der Lokführer die Bremse von Hand betätigen, indem er einen riesigen Hebel umlegt. 

Die zwei Heimkehrer wollen zum Abschluss etwas Spezielles essen. Im Hafen wollen wir in einem bekannten Burgerladen essen gehen. Die Leute stehen in der Line an, das geht uns zu lange. Wir haben dann in einem anderen Restaurant auf der Terrasse mit Sicht aufs Meer supergut gegessen. Die Portionen waren ziemlich klein, dafür der Preis hoch. 

Zurück ins Hostel gingen wir wieder mit der Strassenbahn. Dann mussten wir noch einen Fussmarsch machen. Die vielen Obdachlosen hier sind extrem. Sie durchsuchen Abfallkübel und steigen in die Container, um etwas Essbares zu finden. Unglaublich. Wenn du solche Bilder siehst, kommt dir der Wahlspruch „Make America great again“ wie ein schlechter Witz vor. Es ist aber besser, ihnen nichts zu geben, wir laufen einfach vorbei in unser Hostel. Wenn mich in der Schweiz eine Person nach Münz fragt, überlege ich nicht einmal, sondern gebe einfach etwas. Jetzt bin ich froh, dass wir nicht gestylt daher kommen, so beachtet uns keiner.  Wir gehen gleich rein ins Hostel, in dieser Gegend würde ich am Abend nicht in den Ausgang gehen.

10. Juni, Ashland, Bus ab Medfort

Am Nachmittag haben wir alles eingepackt, wir wollen jetzt weiter. Made hat uns zum Busbahnhof nach Medfort gefahren. Zuerst sind wir noch bei Pia im Restaurant vorbei gegangen, um uns zu verabschieden. 

Am Bahnhof kommt Sara mit uns, um eine Fahrkarte zu lösen. Die Frau hinter dem Schalter war sicher über 80 Jahre alt, es hat unglaublich gedauert. Sie ist allein am Schalter und sooo langsam, egal wie lange die Schlange wird. Sie macht einfach eins ums andere und es nützt nichts, dass Sara ihr immer wieder die Angaben durchgibt, sie wird einfach nicht schneller. Die Tastatur bedient sie im Zeitlupentempo und mit Adlersystem. Zwischendurch muss sie auch noch das Telefon bedienen, dann beginnt sie wieder von vorne. Ich lehne mich an der Theke an, Sara ist am Verzweifeln, bald macht es Sara selber. Irgendwann ist die Dame beim letzten Schritt angelangt, da vertippt sie sich bei der Visanummer, also nochmals. Andy und ich amüsieren uns köstlich, Sara weniger, sie ist jetzt ganz die Schweizerin. Als die Dame hinter dem Schalter merkt, dass es klappt mit der Karte, zeigt sie Sara Daumen hoch. Sara sagt nichts mehr, wir lachen uns kaputt. 

Draussen hat Made gewartet bis wir die Tickets haben. Es fällt ihm nicht leicht, uns weiterziehen zu lassen. Wir müssen dann noch fast vier Stunden warten bis der Bus kommt. Dann geht`s weiter bis nach Sacramento, wo wir umsteigen nach San Francisco. An diesem Ort in der Nacht zu warten macht keinen Spass. Aber das Schlimmste ist dann nur eine Frau, die uns Drogen verkaufen will, sonst werden wir in Ruhe gelassen. Wir sind froh als der Bus kommt und dass er recht pünktlich ist.

9. Juni, Fort Jones, Unterbruch

Wegen dem vielen Schnee auf dem PCT haben wir am Morgen beschlossen mit dem Bus nach San Francisco zu fahren und dort mal auszuprobieren, wie es ist an der Küste zu wandern. Es soll dort einen Küsten-Trail geben, den werden wir ein Stück laufen. Sara wird mit uns kommen, wir werden sehen, ob es mit ihrem Fuss geht.

Diesen Tag gehen wir viel in das kleine ländliche Dörfchen, es gefällt uns, wir fühlen uns hier wohl. Die Familie ist auch sehr nett. Wir finden es interessant zu sehen wie sie so leben und arbeiten. Made erzählt uns, wenn niemand krank wird, kommen sie durch, es geht gerade, aber eine Versicherung hätten die wenigsten hier. Der Job sei immer sehr unsicher, man könne jede Woche seinen Job verlieren. Drum hätten in einer Familie immer beide verschiedene Arbeitgeber. Falls einer den Job verliert, hat man noch den anderen. 

Seit wir länger in den USA sind, ist uns klar geworden, dass es entweder Reiche oder Arme gibt. Die Mittelschicht rutscht schnell in die Armut ab. Ich denke wir gehen gerne wieder in die Schweiz zurück. Es scheint mir zuhause schon das einfachere Leben zu sein, so als Durchschnittsmensch. Uns überrascht immer wieder, wie freundlich und zufrieden diese Leute sind. Sie geben dir alles, was Materielles ist. Vertrauen scheint für sie selbstverständlich. Was mich am meisten erstaunt ist, es scheint hier keinen Neid, keine Missgunst zu geben. Keine Ahnung, woran es liegt. Wir bewegen uns natürlich mehrheitlich in den ländlichen Gegenden, weiss nicht, ob es in den Städten anders wäre. 

Als Dankeschön für die Gastfreundschaft haben wir Made einen guten Whisky besorgt, der gleich nach dem Essen probiert wird. Andy liebt Whisky und hat darum etwas Besonderes ausgesucht. Wir stossen auf unsere neue Freundschaft an. Sara, Andy und ich nehmen einen kleinen Schluck, die zwei kippen das ganze Glas ex, weg damit. Andy hatte einen kleinen Schock, sein Gesicht war unbezahlbar. Die zwei fragten Andy, ob etwas nicht gut sei. Daraufhin bekamen sie eine Belehrung wie man Whisky trinkt. Es war ein richtig lustiger Abend. 

TAG 58, 8. Juni, irgendwo in Oregon

Wir schlafen aus, weil es regnet. Im Zelt ist es recht gemütlich, es hält dicht und auch dem Wind stand. Ein Hilleberg-Zelt ist nicht billig und schwerer als die üblichen Tarps oder MSR, aber es hält und bewährt sich. So wandern wir erst um 7 Uhr los.

Circa gegen 8 Uhr gehen wir weiter Richtung Zivilisation. Mit dem Regenponcho sehen wir aus wie zwei wandelnde Büsche im Wald, aber dafür wird nichts nass. Wir laufen auf einer Waldstrasse alles hinunter, da steht plötzlich direkt vor uns ein Deer (sowas wie ein Reh), eine Mutter mit ihrem Neugeborenen. 

Gegen 11 Uhr treffen wir auf eine Strasse, schauen in welche Richtung es geht und gehen dann der Strasse nach. Es kommen vereinzelt Häuser. Eine Frau ist im Garten und fragt uns, was wir hier machen. Wir erzählen ihr vom Schnee auf dem Trail und sie bittet uns reinzukommen. Ihr Mann macht uns Frühstück: Eier, Burger, Pancakes, Kaffee, alles richtig fein. Wir essen und reden eine Weile. Sie erzählen über sich und dass ihre Leidenschaft sei Sachen auf dem Flohmarkt zu verkaufen. Er lacht und sagt, er hätte meinen fragenden Blick bemerkt – in der Küche hat es jede Menge Töpfe. Sie sind richtig stolz auf das viele Zeugs, das sie angesammelt haben, um es wieder zu verkaufen. Er zeigt uns sogar ein Cheminée, das sie beim Nachbarn abgebaut haben als es zu haben war. 

Während er erzählt, organisiert sie am Telefon wie wir nach Yreka kommen. Dann fährt er uns mit dem Auto zu einer Bushaltestelle. Auf der etwa halbstündigen Fahrt dahin erklärt er uns wer wo lebt und was sie so alle machen hier. Kurz, die meisten leben hier in einer Gemeinschaft mit einem festen Glauben. Das verbindet sie alle miteinander, sie scheinen recht glückliche Leute zu sein. An der Busstation danken wir ihm vielmals für alles und er wünscht uns alles Gute. 

Mit dem Bus fahren wir bis nach Ashland, in die Ortschaft, in der Saras Freundin lebt, denn wir können bei ihr übernachten. Nach dem Aussteigen aus dem Bus treffen wir auf zwei deutsche Hiker, die von oben hierher gelaufen sind. Als wir sie fragen wie es mit dem Schnee sei, berichten sie von einem Unfall, den sie mitangesehen hätten und sie würden jetzt nach Hause gehen. 

Im Ort hat es noch eine Forststation, die wissen sicher genauer Bescheid. Die Dame telefoniert und holt Infos ein über den Trail bis zur Grenze von Kanada. Leider schlechte Nachrichten für uns, überall viel Schnee. Nach einer Weile finden wir das Restaurant, in dem Pia arbeitet. Pia nimmt uns danach mit zu sich nach Hause, dort können wir in einem Wohnmobil wohnen. Sara freut sich uns zu sehen, wir reden viel bis wir irgendwann alle schlafen gehen. 

TAG 57, 7. Juni, Meile 1635

Wir haben erst einmal in Ruhe gefrühstückt. Gleich geht es los mit der ersten Querung. Danach müssen wir runter steigen, um ihm Tal weiterzugehen, dann wieder rauf auf die Kuppe. In diesem Gelände machen wir keine grossen Wegstrecken. 

Wir kommen aus der Puste, es ist nicht so easy. Vom Weg sind nur noch kleine Abschnitte sichtbar, eigentlich ist er die meiste Zeit unterm Schnee. Wir kommen an eine riesige Querung, die auch mega steil ist und zu allem Überfluss hat es unten einen See. Wir können ihr einfach nicht ausweichen, müssen es angehen.

In der Mitte machen wir auf einem Stein Pause. Es ist total anstrengend und auch für die Nerven wird`s langsam genug. Einmal ist Andy vor mir einfach im Schnee eingesunken, war plötzlich weg. Sah im Moment lustig aus, er lachte jedoch nicht, ich dann auch nicht mehr. Der Schnee trägt meist, aber wenn unter dem Schnee ein grosser Stein ist, verschwindest du im Hohlraum zwischen Stein und Schnee. Egal wie früh wir starten, die Energie ist bis am Nachmittag dann auch zu Ende. Erst um 4 a.m. kommen wir auf der anderen Seite an, brauchten fünf Stunden für die Strecke.

Wir setzten uns danach erst einmal hin und besprechen, ob wir weitergehen über den nächsten Grad, oder ob es vielleicht eine Alternative gäbe. Irgendwo in der Höhe haben wir unten im Tal Gebäude gesehen. Die sollten eigentlich in ein oder zwei Tagen erreichbar sein. Wir finden beide, es sei hier zu gefährlich weiterzumachen. Irgendwann verlässt dich dein Glück und es geschieht vielleicht etwas. Wir haben auch das Gefühl, unseren Schutzengel bereits genügend in Anspruch genommen zu haben. Also beschliessen wir abzusteigen, heute noch. Möglichst weit Richtung Tal, querfeldein ab. Dabei kommen uns die Kurse in der Schweiz zu Gute. 

Um 20 Uhr haben wir das Schlimmste hinter uns gebracht. Es fängt auch noch an zu regnen, wir stellen schnellstmöglich das Zelt auf und essen im Zelt zu Abend. 

TAG 56, 6. Juni, Meile 1612

Am Morgen wollen wir einiges erledigen, eines nach dem andern: Wäsche machen, Einkaufen und ein Rundgang durchs Dorf, das nicht wirklich gross ist. 

Unser Vermieter klärt uns über die Schneeverhältnisse auf und sagt, es sei von hier erst ein Hiker auf dem PCT weitergegangen. Das ist für uns jedoch nichts Neues. Wenn wir jedes Mal wegen einem schlechten Bericht umfahren hätten, wären wir nur die Hälfte gelaufen, und die andere gefahren. So machen wir es wie immer, erst vor Ort entscheiden. Denn umkehren können wir ja immer noch. Ein Hiker kommt ins Hostel. Er ist mit dem Bus bis hierher gefahren und wird auch die nächste Strecke umfahren. 

Wir gehen nochmals ins Dorf und hoffen, vielleicht Pete, unseren Fahrer von gestern, zu sehen und dann könnten wir mit ihm etwas trinken gehen. Pete sehen wir leider nicht, drum beschliessen wir gut zu essen und dann zurück auf den Weg zu gehen. Als wir vom Essen zurückkommen, wird gerade Sara abgeholt. Sie kann bei einer Familie wohnen bis sie weiss, was sie machen wird.

Wir stellen uns an die Strasse, die zum Pass geht, wo der PCT weiter geht. Sara kommt im Auto und wir können mit ihnen auf den Pass hinauf fahren und verabschieden uns oben von den zweien. 

Bald stossen wir auf dem Weg auf ein Trailbuch. Wir tragen uns ein und sehen, dass vor drei Tagen noch ein Mann auf dem Weg gewesen ist. Kein gutes Zeichen, wir hätten lieber gehabt, wenn mehr Hiker den Weg gegangen wären. Wenigstens ist er nicht zurückgewandert, er hätte sonst sicher einen Vermerk ins Trailbuch gemacht. Also muss es machbar sein.

Nach einer Stunde ist alles wieder weiss. Hoffentlich wird das bald weniger, denn sonst machen wir auch zu wenig Meilen, um ans geplante Ziel zu kommen. Es dämmert bereits als wir aufhören, weil wir erst am Abend auf dem Trail zurück sind. Wir stellen das Zelt etwas weg vom Weg auf, trinken noch einen Kaffee und gehen irgendwann ins Zelt.

TAG 55, 5. Juni, Meile 1604, Passtrasse auf Etna

Um 5 Uhr aufgestanden, denn wir wollen den Schnee möglichst schnell hinter uns bringen. Wir stapfen wieder hoch auf den Grat und dann wieder runter. Zwischendurch gibt`s kleinere Klettereien und Abrutschen. Uns gefällt es, denn wir sind richtig gefordert. Klettern auf dem PCT macht Spass! Uns beiden gefällt auch das Hinunterrutschen im Schnee, es ist wie Skifahren ohne Skis, einfach genial. Dadurch haben wir wieder etwas zu lachen, auch wenn nicht jede Abfahrt ein Erfolg ist.

Bis zum Mittag ist alles ziemlich nass. Gegen 14 Uhr sind wir aus dem Schnee raus. Jetzt geht es zur Passstrasse, hoffentlich hat es dort Autos. Aber leider erreichen wir erst am Abend die Strasse. Wir wollen in das Dörfchen Etna, vom Pass bis zum Dorf sind es 20 Meilen.

Da entdecken wir einen Pick-up, und gehen hin, um zu fragen, ob wir mitfahren könnten. Als die zwei im Auto die Scheibe runter drehen, qualmt es heraus wie aus einem Kamin. Die sehen fast aus wie Koalabären, nur sind sie nicht auf dem Baum sondern im Auto. Wir reden noch ein wenig mit ihnen und ziehen dann diskret ab. In dem Zustand, in dem sie sich befinden, möchten wir nicht mitfahren. Wir laufen los und hoffen, dass noch jemand ins Dorf fährt. Langsam wird es Zeit, um einen Platz zu suchen zum zelten.

Endlich kommt ein Fahrzeug die Strasse hoch. Er fährt an uns vorbei, wendet dann und hält bei uns. Er wird uns mitnehmen, doch er sieht auch nicht grad wie der anständige 0815-Typ aus, aber jetzt wählerisch zu sein geht nicht. Wir sind uns ja einiges gewöhnt. Zuerst müssen wir uns Platz freischaufeln im Fahrzeug. Andy geht auf die Rückbank, er hat grad mal Platz neben all den Sachen, die dort liegen. Zu erwähnen ist, dass der Typ sechs Hunde dabei hatte, die im Fahrzeug herumklettern. Ich steige vorne ein und brauche meinen Rucksack, um einen Hund auf die Fussmatte zu drücken. Der war nicht begeistert seinen Platz zu teilen. In der Schweiz wäre der beim Wesenstest durchgefallen, keine Aussicht ihn zu bestehen.

Er fährt los, die Passtrasse hinunter. Pete hat immer eine Hand am Steuer, mit der anderen trinkt er Bier oder vertreibt einen Hund vom Lenker. Darum benötigt er natürlich die ganze Strasse. Ich drehe mich nach hinten und sage zu Andy: «Der hat es im Griff.» Andy nickt nur, ist jedoch etwas blass im Gesicht. Ich nehme den Hund vom Fahrer weg, denn ich denke mir, dass er so besser fahren kann. Bringt aber gleich gar nichts. Jetzt zeigt er mir auf seinem Handy Bilder von seinem Haus, seinen Tieren und so weiter. Die Strasse nimmt er nur wahr, wenn grad eine ganz enge Kurve kommt, er kennt die Strecke zum Glück. Wahrscheinlich ein recht netter Kerl, aber wir sind froh, als wir unten ankommen.

Er fährt uns gleich zu einem Hostel. Dann fragt er noch, ob er uns zu einem Drink einladen dürfte, wenn er uns die nächsten Tage im Dorf sehe. Wir werden natürlich ihn einladen. So verabschieden wir uns, bis irgendwann. Das lieben wir an den Amerikanern. Immer unkompliziert, wenn man sich sieht ist gut, und sonst halt beim nächsten Mal.

Sara aus der Schweiz ist auch im Hostel. Sie ist schon länger hier, muss den Fuss schonen. Von Jekov hat sie sich getrennt. Wir hausen mit ihr in einem Gartenhaus, in dem es alles gibt, was man braucht: Dusche, WC, Kühlschrank, kleine Küche. Uns gefällt es sehr. Wir erzählen Sara, was wir erlebt haben und von der Schlange, die wir im Schnee gesehen haben. Sara googelt sofort, das verstehen wir nicht. Es ist ja nur eine Schlange von vielen. Aber Sara ahnt, welche es war.

Dann hält sie uns ihr Handy unter die Nase und fragt so, ob es diese war. Wir nickten. Es war eine Green Mojave Rattlesnake. Vielleicht sollten wir doch ein wenig vorsichtiger sein. Das ist nämlich eine der gefährlichsten Klapperschlangen. Anscheinend, weil sie aggressiv sind und ihr Gift ist hochpotent. Wir sagen Sara, dass die Schlange, die wir gesehen haben, eher verstört wirkte. Sie sagt einen Moment nichts, hält uns wahrscheinlich für bekloppt. Dann gehen wir zusammen in ein Restaurant etwas Leckeres essen. Es wurde ein netter Abend. 

TAG 54, 4. Juni, Meile 1575

Wir stehen um 6 Uhr auf und ziehen gleich los. Der Weg ist meistens unter dem Schnee, dadurch kommen wir nicht sehr schnell vorwärts. Als die Sonne etwas wärmt, kochen wir uns Haferflocken. Davon haben wir inzwischen Unmengen verbraucht, in allen Geschmacksrichtungen. Wäre interessant zu wissen, wieviel Kilos jeder von uns schon auf dem Weg gegessen hat. Ein Wunder, dass wir nicht wiehern wie Pferde.

Heute ist unsere Wegführung recht kreativ. Der Weg hat Tücken, zum Beispiel man biegt um die Ecke und steht plötzlich vor einer weissen Wand. Wenn der Weg durch den Hang geht, liegt natürlich genau da der Schnee im Hang. Von oben bis unten ohne Ausweichmöglichkeiten, nicht wirklich einfach, nicht gut. 

Da die Nordseite nur ein paar Stunden in der Sonne ist, schmilzt der Schnee kaum und der Weg bleibt unter dem Schnee. Queren ist aber auf diese Distanzen – meistens eher 1 Kilometer und nicht nur 100 Meter – sehr anstrengend und auch nicht ungefährlich. So stapfen wir meistens hinauf, gehen oben auf dem Grat, dann wieder runter auf den Weg. Es ist anstrengend, aber dafür sind die Aussichten herrlich.

Der Tag vergeht wie im Flug, am Abend sind wir fix und fertig. Es war der 4. Tag, an dem es im Schnee und ständig nur bergauf und bergab geht, und die Querungen ziehen sich. Uns genügt es mit dem Schnee. Wenn alles gut geht, sollten wir morgen an eine Passtrasse kommen.